(Neuerscheinung) Ich bin der Ursprung der Quelle. Alles Wasser entspringt meinem Mund…

Auf Akwaeke Emezis Debütroman „Freshwater“ wurde ich durch einen Artikel auf der Webseite Brittle Paper aufmerksam. Dieser listete die beachtenswertesten Veröffentlichungen afrikanischer Autoren im neuen Jahr auf. Diese Liste nahm ich mir zu Herzen und durchforstete sofort die netgalley Datenbank. Denn von afrikanischen Autoren bin ich bisher nur lesenswertes gewohnt, wobei „Freshwater“ mir gezeigt hat, dass man einen ganzen Kontinent nicht einfach so über einen literarischen Kamm scheren kann…

51x+4arCzwL._SX319_BO1,204,203,200_Ada has always been unusual. As an infant in southern Nigeria, she is a source of deep concern to her family. Her parents successfully prayed her into existence, but something must have gone awry, as the young Ada becomes a troubled child, prone to violent fits of anger and grief. But Ada turns out to be more than just volatile. Born “with one foot on the other side,” she begins to develop separate selves. When Ada travels to America for college, a traumatic event crystallizes the selves into something more powerful. As Ada fades into the background of her own mind and these alters—now protective, now hedonistic—move into control, Ada’s life spirals in a dangerous direction.

„Freshwater“ ist kein Buch, dass es seiner Leserin einfach macht. Ich habe lange gebraucht, um mich in der teils äußerst verworrenen Erzählstruktur zurecht zu finden. Meine goodreads Updates spiegeln diese anfängliche Frustration wunderbar wieder. Akwaeke Emezi beginnt ihren Debütroman mit der Geburt ihrer Hauptfigur Ada. Diese wird von einem göttlichen Wir erzählt, das sich auf mystische Weise in diesen kleinen Körper eingeschlichen hat. Ich hatte während der Lektüre so meine Schwierigkeiten diesen Prozess nachzuvollziehen. Emezi bleibt vage und setzt ein Wissen über den nigerianischen Götterglauben und dessen Mythen voraus, das ich als europäische Leserin nicht mitbringe. Im Nachhinein denke ich, dass es für mein Leseerlebnis durchaus zuträglich gewesen wäre mich vorher etwas zu informieren, um die Geschichte von Anfang an besser verstehen zu können.

Mit der Zeit lese ich mich ein, aber dieses Wir als Erzähler ist mir weiterhin ein Graus. Von einer nigerianischen Erzählerin hatte ich mir etwas mehr Adichie erwartet, lineare Prosa, die mich in eine andere Welt entführt. Akwaeke Emezi hat jedoch ein Kunstwerk geschrieben, von dem manche behaupten mögen es zu verstehen um sich von der Masse abzuheben, die sich ratlos am Kopf kratzt und denkt, diese Geschichte hätte man doch auch etwas leserfreundlicher erzählen können. Mit der Zeit kommen andere Erzähler mit dazu, aber meiner Erinnerung nach wird die Geschichte nur ganz am Ende von ihrer eigentlichen Hauptfigur erzählt. Zu dem etwas ungeformten Wir kommt eine Art Amazone hinzu, die Ada vor sich selbst und den Männern in ihrem Leben beschützen will und ein Engel, dessen männliches Geschlecht und Begehren für reichlich Verwirrung bei der jungen Frau sorgen.

Bei mir sorgen all diese Persönlichkeiten ebenfalls für Verwirrung und einen unterschwelligen Unwillen gegenüber dem Roman. Besonders die ersten Kapitel sind so verworren, dass ich nach wie vor nicht genau weiß, was nun eigentlich passiert ist. Vielleicht erinnert sich die Autorin selbst nicht einmal genau daran, sofern das Buch denn autobiografisch inspiriert ist. Der zweite Teil des Romans ist um einiges leserfreundlicher. Hauptfigur Ada zieht für ein Studium nach Amerika und driftet dort von Liebesbeziehung zu Liebesbeziehung, ohne sich jedoch jemals wirklich aufgehoben zu fühlen. Diese Lebensphase markiert die Geburt zweier weiterer Erzähler, die zunächst den Kopf und dann den Körper der Hauptfigur einnehmen. Die narrative Struktur ist weniger verworren und doch fällt es mir schwer diese Inkongruenz innerhalb der Persönlichkeit der Hauptfigur nachzuvollziehen, da sie mit nichts vergleichbar ist, was ich jemals erlebt habe.

Für diese Herausforderung bin ich der Autorin aber auch dankbar. Noch nie habe ich einen Roman gelesen, der derart interpretativ mit dem Thema Trauma und Persönlichkeitsspaltung umgeht. Adas Kopf ist voller Götter, ihre psychische Krankheit umgedeutet in eine mystische Besessenheit, die sie sowohl belastet als auch über die Allgemeinbevölkerung erhebt. Bei Akwaeke Emezi ist der psychische Zustand ihrer Hauptfigur sowohl ein Fluch als auch eine Superkraft. Der Olymp in Adas Kopf wird zum zentralen Punkt der Handlung, auch wenn nur einzelne Mitglieder auf die Außenwelt einwirken können. In späteren Kapiteln zieht sich Ada sogar vollkommen in ihren Kopf zurück, um dort mit ihren diversen Persönlichkeiten zu sprechen; ein Konzept, das für mich als Leserin nur schwer nachvollziehbar war, von der Autorin aber wunderbar bildhaft gemacht wurde.

Doch in „Freshwater“ geht es nicht nur um psychische Störungen, bzw. um die Auswirkungen von frühkindlichem Trauma auf die Psyche und das Persönlichkeitsverständnis, sondern ebenfalls um Themen und Erfahrungen, mit denen sich auch weniger belastete Leserinnen identifizieren können. Es geht um Familie. Es geht um Identität. Es geht um das Verhältnis von Mann und Frau, im speziellen die Grauzonen in denen wir besonders als junge Menschen unsere Sexualität leben. Gerade dieser Aspekt ist im Licht der #MeToo Debatte (besonders bezogen auf die Vorwürfe gegen den amerikanischen Komiker Aziz Ansari) unerwartet aktuell. Adas frühe sexuelle Erfahrungen sind von Angst und Grenzüberschreitung geprägt, Erlebnisse die zu einer Persönlichkeitsspaltung führen. Ada fühlt sich zwar als sexuelles Wesen, kann sich jedoch nicht von ihrer christlichen Erziehung und den damit verbundenen Erwartungen an ihr sexuelles Verhalten loslösen. Dieses Tauziehen lässt sie innerlich schier zerreißen.

Oft frage ich mich, wie viel Akwaeke Emezi in ihrer Hauptfigur Ada steckt. Wenn ich mir Autorenfotos anschaue, dann kann ich Ada zumindest ansatzweise wieder erkennen. Ich sehe sie in den Tätowierungen die Emezis Unterarme bedecken und unter denen Narben verborgen sind, die sie sich selbst zugefügt hat, wie sie mir in „Freshwater“ erzählt. Die Grenzen zwischen Roman und Autobiografie verschwimmen, wenn die Autorin mir in ihrem Roman von der männlichen Persönlichkeit innerhalb ihrer Hauptfigur Ada erzählt und anschließend twittert, dass sie sich ab sofort als non-binäre Person definiert. Manchmal frage ich mich, warum Emezi nicht einfach ihre Memoiren geschrieben hat. Doch dann kommt mir in den Sinn, dass manche Schicksale so schmerzhaft sind, dass sie einiger Lagen an narrativer Distanz benötigen, um erzählt werden zu können. Diese Pufferzone gestehe ich Akwaeke Emezi gerne zu, auch wenn sie strenggenommen auf Kosten meines Leseerlebnisses geht.

Abschließend kann ich nur wiederholen, dass „Frehswater“ es seiner Leserin nicht einfach macht. Das Einlesen war ein Ringkampf mit der verworrenen Erzählstruktur und der ungewohnten 1. Person Plural Erzählperspektive. Wer diesen gewonnen hat, weiß ich ehrlich gesagt auch nach Ende des Romans nicht so wirklich – vielleicht war es ein Unentschieden. Eines weiß ich jedoch, und zwar dass es sich letztlich doch auszahlt sich diesem Ringkampf zu stellen. Denn Akwaeke Emezi erzählt von einer Art die Welt und sich selbst zu erleben, die so eigentlich nur in psychiatrischer Fachliteratur oder sehr klischeehaften Darstellungen in Vorabendserien vorkommt. „Freshwater“ ist ein Debüt und wie so viele andere Debüts will es hoch hinaus, obwohl seine Autorin eigentlich noch ein bisschen Erfahrung sammeln müsste. Im Licht des Themas kann ich dem Roman seine teilweise Unausgegohrenheit jedoch nachsehen.

Freshwater – Akwaeke Emezi – ISBN 978-0.802.12735.8

Literarische Nachbarinnen…

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Für Leserinnen, die…

  • …eine narrative Herausforderung suchen.
  • …sich für Traumastörungen interessieren.
  • …die Anfängerfehler verzeihen können.

If you

3 Kommentare zu „(Neuerscheinung) Ich bin der Ursprung der Quelle. Alles Wasser entspringt meinem Mund…“

    1. „Freshwater“ ist in der Tat eines dieser Bücher über die es nur polarisierte Meinungen zu geben scheint. Ich hab mal bei goodreads nachgeschaut, die einen lieben es, andere hassen es wiederum. Dazwischen scheint es nicht viel zu geben.
      Im Zweifelsfall würde ich dir also raten dieses Buch nicht zu lesen. Das Thema ist sehr interessant, aber der Schreibstil ist ein ewiger Kampf.

      Adichie ist übrigens immer eine gute Wahl! Ihren Roman „Americanah“ kann ich nur empfehlen, darin kann man es sich richtig gemütlich machen 😉

      Gefällt 1 Person

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