(Neuerscheinung) Ein Schwarm Stare von einem fernen Stern…

Die britisch-kanadische SciFi/Fantasy Schriftstellerin Jo Walton war mir vor der Lektüre dieses Buchs ehrlich gesagt kein Begriff. Doch seit jeher lasse ich mich von einem interessanten Cover (siehe unten) verführen und so passierte es auch dieses Mal. Darüber hinaus bestätigte der Klappentext dann auch noch, dass es sich bei „Starlings“ um ein ganz besonderes Leseerlebnis handelt, und so fiel mir die Entscheidung für dieses Buch alles andere als schwer…

cover119553-mediumAn intimate first flight of short fiction from award-winning novelist Jo Walton (Among OthersThe King’s Peace). A strange Eritrean coin travels from lovers to thieves, gathering stories before meeting its match. Google becomes sentient and proceeds toward an existential crisis. An idealistic dancer on a generation ship makes an impassioned plea for creativity and survival. Three Irish siblings embark on an unlikely quest, stealing enchanted items via bad poetry, trickery, and an assist from the Queen of Cats. With these captivating initial glimpses into her storytelling psyche, Jo Walton shines through subtle myths and wholly reinvented realities. Through eclectic stories, subtle vignettes, inspired poetry, and more, Walton soars with humans, machines, and magic—rising from the everyday into the universe itself.

Jo Waltons „Starlings“ ist eine wilde Mischung aus Kurzgeschichten, Lyrik und Drama, in deren Einleitung die Schriftstellerin von sich selbst sagt, dass sie lange keine Ahnung davon hatte, wie frau eine gute Kurzgeschichte schreibt – warum dann, frage ich mich noch bevor ich mit der Lektüre ihrer Geschichten beginne, veröffentlicht sie denn nun diese gescheiterten Versuche und erdreistet sich auch noch ihren Leserinnen dafür Geld aus den Rippen zu leiern. Ich selbst habe meine Ausgabe als Gegenleistung für diese Rezension erhalten, und so habe ich bis auf Lebenszeit nichts zu verlieren, als ich die Lektüre beginne. Letztlich hat Jo Walton doch recht behalten, davon Kurzgeschichten zu komponieren versteht sie nicht viel, und doch kann ich einfach nicht aufhören zu lesen…

Das Buch beginnt mit einer Reihe Kurzgeschichte, allesamt im SciFi/Fantasy Genre. Ich beginne ganz gespannt die ersten Geschichten zu lesen und bin hin und her gerissen. Auf der einen Seite ist Jo Waltons Schreibstil nichts besonderes, wer sich gerne in formschönen Sätzen verliert, der ist hier an der falschen Adresse – in gewisser Weise schließt mich das mit ein. Auf der anderen Seite kann ich manche Geschichten nur schwer aus der Hand legen. Jo Walten erschafft ungewöhnliche, oft außerirdische Welten, die einen unwiderstehbaren Sog auf diese Leserin ausüben. Zunächst finde ich mich kaum zurecht und dann will ich sie nicht mehr verlassen, diese fremden Welten. Irgendetwas muss diese selbsternannte Kurzgeschichtenamateurin wohl doch richtig machen, wenn sie es schafft die Dichte eines Romans in diese kurze Form zu pressen.

Ihre Themen sind dabei so unterschiedlich, dass es mir schwer fällt dir an dieser Stelle ein vollständiges Bild zu vermitteln. Eine Geschichte mit dem Titel „On the Wall“ zum Beispiel ist eine Improvisation auf der Grundlage des Märchens Schneewittchen, quasi dessen Vorgeschichte, erzählt aus der Perspektive des Spiegels – darauf muss frau erst einmal kommen. Eine andere mit dem bezeichnenden Titel „Jane Austen to Cassandra“  lässt Jane Austen mit Cassandra, einer Königstochter aus der griechischen Mythologie, eine Brieffreundschaft eingehen – zugegebenermaßen sind beide Beispiele scheinbar zu einer Zeit entstanden in der Jo Walton zwar interessante Ideen hatte, jedoch noch nicht so genau wusste, wie sie diese am besten umsetzen sollte.

Diesen Anfängerfehlern stehen eine ganze Reihe Geschichten gegenüber, größtenteils aus dem SciFi Genre, die mich mit ihrer Hintersinnigkeit beeindrucken und während der Lektüre allerhand philosophische Fragen aufwerfen. Ein gutes Beispiel ist hier die Geschichte „Turnover“. Diese spielt auf einem Raumschiff unterwegs zu einem fernen Stern. Erzählt wird sie aus der Sicht einer Generation, die auf dem Schiff geboren wurde und so weder die alte, noch die neue Welt kennt. Sie regt ihre Leserin dazu an sich damit auseinander zu setzen, inwiefern die Entscheidungen unserer Ahnen unsere gegenwärtige Lebensrealität bestimmen – ein interessantes Thema besonders für die Nachfahren (nordamerikanischer) Immigranten. Die Geschichte „Panda Coin“ stellt währenddessen die hierarchischen Strukturen einer globalisierten Welt in Frage, indem es einen bunten Querschnitt der Bevölkerung eines außerirdischen Planeten liefert.

Der Übergang zwischen Prosa und Poesie ist ein meiner Meinung nach vollkommen überflüssiges Theaterstück. Warum lese ich das hier eigentlich?! Fragte ich mich viel zu oft, und fühlte mich ehrlich gesagt dazu hingerissen das Buch an dieser Stelle abzubrechen. Die klassisch anmutende Fantasysaga über ein Geschwistertrio, das verschiedene magische Gegenstände beschaffen muss, um einen Königsmord zu sühnen, ist nur durch die ungewöhnliche Form interessant; wobei ich diese Geschichte viel lieber auf der Bühne gesehen hätte, als aufgeschrieben. Sie ist ganz klar ein Lückenfüller in dieser Mottenkiste, die Jo Waltons Verleger mir als revolutionäres Sammelsurium genresprengender Belletristik verkaufen will. Die Autorin hätte gut daran getan ein paar weitere Kurzgeschichten zu schreiben, und das alberne Theaterstück weg zu lassen.

Ihren Gedichten, die auf das überflüssige Theaterstück folgen, stehe ich ähnlich kritisch gegenüber. Einerseits ist es zwar interessant mal ein paar Gedichte zu lesen, die nicht hoffnungslos verschwurbelt und unmöglich zu deuten sind. Jo Walton erzählt in ihren Gedichten im Grunde die gleichen Geschichten, wie in ihrer Kurzprosa. Auf der anderen Seite bin ich keine große Freundin der Form, und insofern braucht es einiges an Talent um mich dafür zu begeistern. Jo Walton ist keine schlechte Poetin, aber Dylan Thomas ist sie nun auch nicht gerade. Ich überfliege ihre Gedichte daher nur, auch wenn es mir im Nachhinein irgendwie leid tut, einen durchaus interessanten Teil des Buchs etwas lieblos übergangen zu haben. Dann wiederum ist das Leben einfach zu kurz…

Mein persönlicher Tipp für unbelehrbare Fans der Autorin und/oder ihrer bevorzugten Genres, ist dieses Buch für die Kurzgeschichten zu lesen und das ein oder andere Gedicht. Das Theaterstück in der Mitte kannst du gut überspringen, ohne das Gefühl haben zu müssen, etwas wichtiges verpasst zu haben. In meiner Funktion als Rezensentin habe ich mich natürlich durch all diese zähen bis überflüssigen Teile des Buchs gekämpft und werde diese Stunde meines Lebens niemals wieder kriegen. Jetzt aber mal ganz ohne Ironie, was „Starlings“ trotz all seiner Unzulänglichkeiten ganz wunderbar hinkriegt, ist mich als Leserin neugierig zu machen, auf die Romane der Autorin. Denn wenn sie schon in einer Kurzgeschichte eine Welt entstehen lässt, die ich gar nicht mehr verlassen will – stell dir vor, was sie erst mit 400 Seiten alles anstellen könnte. Ich werde Jo Walton auf dem Schirm behalten, so viel steht fest.

Starlings – Jo Walton – ISBN 978.1.616.96056.8

Literarische Nachbarinnen…

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Für Leserinnen, die…

  • …in ferne Welten entfliehen möchten.
  • …kein Problem damit haben langweilige Passagen zu überlesen.
  • …sich keiner literarischen Form besonders verschrieben haben.

 

If you (2)

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