(Feminismen) Weibliche Sexualität gefangen zwischen zwei Extremen…

Wer sich mit dem Feminismus des neuen Milleniums beschäftigt, der kommt an Jessica Valenti nicht vorbei. Als Gründerin der feministischen Webplattform „Feministing.com“ ist sie mir schon länger ein Begriff. Nun mache ich endlich Nägel mit Köpfen und widme mich ihrer Bibliographie, es wurde nämlich langsam Zeit, dass die Bücherphilosophin feministisch in die Tiefe geht…

31hwpjo-tfl-_sx331_bo1204203200_In The Purity Myth Jessica Valenti argues that the country’s intense focus on chastity is damaging to young women. Valenti reveals that powerful messaging on both extremes place a young woman’s worth entirely on her sexuality. Morals are therefore linked purely to sexual behavior, rather than values like honesty, kindness, and altruism. Valenti sheds light on the value — and hypocrisy — around the notion that girls remain virgin until they’re married by putting into context the historical question of purity, modern abstinence-only education, pornography, and public punishments for those who dare to have sex. The Purity Myth presents a revolutionary argument that girls and women are overly valued for their sexuality, as well as solutions for a future without a damaging emphasis on virginity.

Jessica Valentis viertes Buch habe ich mit gespannter Erwartung und großem Interesse gelesen; denn es gewährt einen raren Einblick hinter die Kulissen des amerikanischen Wertesystems, das auch im modernen Europa Auswirkungen hat, wird es doch jährlich hundert-, wenn nicht sogar tausendfach in Hollywood Produktionen für Film und Fernsehen reproduziert und anschließend in die ganze Welt exportiert. Jessica Valenti konzentriert sich in ihrer Funktion als feministische Autorin auf einen besonderen Aspekt der amerikanischen Wertekultur – der vor allem in West- und Nordeuropa heutzutage (zum Glück) dem Raum der Privatsphäre des Einzelnen angerechnet wird – der in dem durch christlich-konservative Bewegungen stark beeinflussten Land nach wie vor über das soziale und gesellschaftliche Leben beider Geschlechter bestimmt, dem Sexualverhalten von Frauen als Maßstab für deren moralische Integrität.

Die Autorin beschreibt ausführlich die Falle in der unverheiratete Frauen sitzen, wenn sie zur besten Sendezeit zum Beispiel von Medienformaten wie „Girl Gone Wild“ zur Promiskuität angeregt werden, ihnen aber gleichzeitig seit dem frühen Kindesalter eingebläut wurde, dass Sexualität, vor allem die Weibliche, nur in der Ehe gelebt werden sollte, und das übrigens bei einer Scheidungsrate von 50%. Es stehen sich also zwei gesellschaftliche Anforderungen gegenüber, in den Köpfen junger amerikanischer Frauen; tue alles, um begehrenswert und sexy zu erscheinen, sei dabei aber niemals sexuell oder zeige eigenes Begehren. Jessica Valenti entlarvt insofern das von unzähligen jungen Frauen auch hierzulande angestrebte „sexy“ als Objekteigenschaft ohne eigene Initiative. Der Trend geht also wie schon seit Hunderten von Jahren hin zur Frau als vom männlichen Betrachter definierter Entität, und definiert die weibliche Sexualität somit als das ewig Passive.

Dies wird im sozialen Umgang jedoch nicht nur für junge Frauen zum Stolperstein. Auch Männer sind von der in Ketten gelegten Sexualität der Frauen betroffen, insofern es für sie unmöglich wird zu tangieren, welche Aspekte gelebter Sexualität nun auf Gegenseitigkeit und Einverständnis beruhen, und wann sie im Umgang mit ihren weiblichen Mitmenschen zu weit gehen. Wenn Frauen nämlich kein eigenes Begehren zugestanden wird, wird die körperliche Beziehung der Geschlechter zum Tauziehen. Eigentlich will sie Sex haben, muss sich laut gesellschaftlichen Vorgaben aber entziehen und scheint daraufhin fast erleichtert, wenn sie „überredet“ wird, also keine Wahl hat als sich hinzugeben und die moralischen Auswirkungen – Stichwort: „Walk of Shame“, ein amerikanisches Phänomen dem Hollywood sogar einen eigenen Film gewidmet hat – einer sexuellen Begegnung so umgehen kann. Dies ist, so Valenti, der fruchtbare Boden, auf dem das Unkraut der Vergewaltigungskultur gedeiht wie nirgendwo sonst.

Auch Alkohol ist übrigens ein gerne genommener Ausweg aus dem so epidemischen Abwerten von sexuell aktiven Frauen, auch genannt „slut shaming“. Dies wiederum verknüpft psychische Zwickmühlen mit reellen gesundheitlichen Folgen für junge Frauen die meinen sich betrinken zu müssen, um sich frei genug zu fühlen ihren elementaren Instinkten, zur Intimität mit einem anderen Menschen, ohne schlechtes Gewissen nachgeben zu können. Diese kulturellen Praktiken, deren verheerende Folgen für vor allem junge Frauen und die repressiven, religiös-konservativen Kräfte, welche seit Jahrzehnten alles daran setzen in einer ansonsten so progressiven Gesellschaft ein Klima zu schaffen, das eine gleichberechtigte Sexualität unmöglich macht, prangert Jessica Valenti in „The purity myth“ aufs Schärfste an. Sie definiert Frauen als sexuelle Wesen mit eigenem Begehren und plädiert im gleichen Atemzug für eine freie, respektvolle Sexualität; es bleibt an dieser Leserin zu hoffen, dass sich diese, ihre Visionen irgendwann, hoffentlich bald, in Realität verwandeln.

Insgesamt haben Amerika und Europa zwar vieles gemeinsam – hochrangige Politiker berufen sich nicht zuletzt in dieser Zeit des Umbruchs auf ein gemeinsames Wertesystem – die repressive Art auf die in Amerika mit weiblicher Sexualität umgegangen wird, hat sich, zumindest soweit ich das in meiner skandinavisch geprägten Enklave persönlich erlebt habe, hierzulande zum Glück nie etablieren können. Trotzdem scheint mir „The purity myth“ nicht nur ein interessantes und aufrüttelndes Buch zu sein, sondern auch ein wichtiges Mittel der Inokulation gegen stereotype Darstellungen weiblicher Sexualität in aus Amerika importierten Medien. Jessica Valenti liefert zudem unzählige Argumente dafür, wie wichtig und erstrebenswert es für beide Geschlechter ist, männliche und weibliche Sexualität als gleichberechtigt zu begreifen und moralische Ansprüche an das Verhalten von Frauen von deren Sexualität abzukoppeln und sie als gesellschaftlich und körperlich vollständige und vollwertige Menschen zu begreifen.

The Purity Myth – Jessica Valenti – ISBN 978.1.580.05253.5

Für Leserinnen, die…

  • …ihre Sexualität frei leben und genießen.
  • …die sich nicht darüber definieren (wollen) was sie zwischen den Laken tun (oder nicht).
  • …einen Insider-Blick auf die amerikanische „Virgin vs. Whore“ Dynamik werfen wollen.

Am besten kombiniert mit…

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4 Kommentare zu „(Feminismen) Weibliche Sexualität gefangen zwischen zwei Extremen…“

  1. Ich finde es super wichtig, dass es solche Bücher gibt! Es ist schon schlimm genug für Frauen, sich in der von dir beschriebenen Zwickmühle zu befinden, für junge, heranwachsende Mädchen ist es ungleich schlimmer…
    Von daher finde ich die aufkommenden Debatten sinnvoll und wichtig. Schade nur, dass solche Bücher nicht so schnell übersetzt werden wie andere, von denen man sich dann vll höhere Verkaufszahlen verspricht. Ich glaube, dass durch die englische Sprache sicher einige abgeschreckt werden, ein solches Buch zu lesen (bin mir selbst gerade nicht sicher, ob mein eingerostetes englisch gut genug wäre).
    Wie würdest du denn den Grad des Englischen einschätzen – gut verständlich oder eher kompliziert durch das komplexe Thema?
    Vielen Dank dir für die Vorstellung 🙂
    Jennifer

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    1. Hallo, Jennifer 🙂
      Ich würde sagen, Jessica Valenti schreibt gut verständlich. Sie schreibt ja auch für Zeitungen und Magazine, hat also einen klaren Stil. Sie kann das Thema auch unglaublich gut kommunizieren. Ich würde fast so weit gehen das Buch als spannend zu bezeichnen.
      Insofern würde ich es an deiner Stelle ruhig wagen. (Leider hab ich das Hörbuch gehört, sonst hätte ich dir einfach mal meine Ausgabe zum Testlesen geschickt.)

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