Alle Beiträge von Bücherphilosophin

(Neuerscheinung) Eine Reise in die Welt der Märchen und Mythen…

„Folk“ ist eines meiner netgalley Bücher und als solches hat seine Lektüre zwar Priorität gehabt, auf eine Rezension hat es jedoch ungewöhnlich lange warten müssen. Auf dieses Buch war ich vorab übrigens schon sehr gespannt. Denn laut Klappentext enthält es die Tür zu einer anderen Welt. Und in diesen regnerischen Wintertagen ist das genau das richtige für mich als wetterfühlige Leserin…

cover120828-mediumOn a remote and unforgiving island lies a village unlike any other: Neverness. A girl is snatched by a water bull and dragged to his lair, a babe is born with a wing for an arm and children ask their fortunes of an oracle ox. While the villagers live out their own tales, enchantment always lurks, blighting and blessing in equal measure. Folk is a dark and sinuous debut circling the lives of one generation. In this world far from our time and place, the stories of the islanders interweave and overlap, their own folklore twisting fates and changing lives. A captivating, magical and haunting debut novel of breathtaking imagination, from the winner of the 2014 Costa Short Story Award.

Was im Klappentext so optimistisch als Roman bezeichnet wird, ist bei genauerer Betrachtung eine Ansammlung von minimal miteinander verwobenen Geschichten. Allesamt spielen sie im gleichen Ort mit dem Namen Neverness und während ich so von Geschichte zu Geschichte blättere fällt mir hier und da ein Name ins Auge, den ich so schon mal gelesen habe. Darüber hinaus haben die einzelnen Geschichten aber nur den etwas verschwurbelten Märchen-Stil gemeinsam, indem sie erzählt sind. Lange Rede, kurzer Sinn, schon bald nach den Beginn der Lektüre muss ich mir eingestehen, dass der Klappentext etwas verspricht, was das Buch letztlich nicht halten kann – ich freute mich vor der Lektüre also schon auf das Blaue vom Himmel und bin im nachhinein ehrlich gesagt etwas enttäuscht.

Die einleitende Geschichte erinnert mich an einschlägige Jugendbücher, wie zum Beispiel „Die Tribute von Panem“, „Maze Runner“ oder auch den vierten Band der Harry Potter Reihe, bringt aber leider keine neuen Aspekte. Insofern fühle ich mich lediglich so als wäre ich in einem literarischen Deja-Vu gefangen. Schon am Anfang der Lektüre frage ich mich, ob die Autorin vielleicht zu viele Jugendbücher gelesen hat, und leider komme ich von Geschichte zu Geschichte immer wieder darauf zurück. Denn Zoe Gilbert erfindet mit ihrem Debüt das Rad nicht neu, sondern holt es sich lediglich bei erfahreren Kolleginnen ab und rollt es ein paar Straßenzüge weiter. Das an sich ist kein Kritikpunkt, wenn mich der Klappentext nicht so hochgehypt hätte, dass ich mit der Erwartung an dieses Buch heran ging, es hätte das Potenzial mein Leben verändern.

Ab der zweiten Geschichte wird deutlich, dass es sich bei „Folk“ nicht um einen Roman handelt. Denn diese hat nicht das geringste mit ihrer Vorgängerin gemein. Ich halte kurz inne, seufze und mache mich anschließend daran mich in eine neue Figurenbesetzung einzulesen. Eigentlich lese ich gerne mal Kurzgeschichten, aber wer mir einen Roman anpreist, der muss sich auf Widerwillen einstellen, wenn er mir dann doch eine Kurzgeschichtensammlung auftischt. Nach diesem anfänglichen Stolperstein weiß ich jedoch, was mich im weiteren Verlauf der Lektüre erwartet und dieses Wissen hilft mir dabei mich darauf einzulassen. Trotzdem wird jede neue Geschichten von dem unguten Gefühl begleitet etwas vergessen zu haben, einen Namen vielleicht, den ich in einer früheren Geschichte schon einmal gelesen habe.

Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, werden zwei oder drei Geschichten später vielleicht noch einmal namentlich erwähnt; doch habe ich deshalb nicht das Gefühl es würde sich eins ins andere fügen. Im Gegenteil, ich bin enttäuscht, denn die Autorin hätte viel mehr aus diesem gemeinsamen Schauplatz machen können, ihren Leserinnen zu liebe. Stattdessen fühle ich mich als Leserin in der Welt von Neverness etwas verloren, muss jede Geschichte dazu nutzen mich erneut in die Dorfgemeinschaft einzufühlen und bin oft ganz schön frustriert wenn dass nicht gleich klappt. Denn für mich persönlich wird ein Buch erst dann so richtig gut, wenn ich mich eingelesen habe und das schaffe ich im Falle von „Folk“ einfach nicht.

Zoe Gilbert erzählt von einer Welt, die fern der unseren scheint und in der sich doch die gleichen Geschichten abspielen. Junge Liebe erblüht, Kinder werden geboren, reife Eheleute streben auseinander, das Leben eben. Ihre Protagonisten sind Kinder, Jugendliche, junge Eltern und Greise, allesamt Einwohner von Neverness, einem Ort voller Magie und Aberglaube. Vor der Lektüre hatte ich den Eindruck, „Folk“ gehöre ins Fantasy-Genre. Danach würde ich es jedoch eher dem magischen Realismus zuordnen. Das Rad erfindet Zoe Gilbert wie schon erwähnt nicht neu. Als Leserin, die sich nicht nur mit YA Kassenschlagern, sondern auch mit keltischer Folklore beschäftigt, habe ich das Gefühl ihre Geschichten schon einmal gehört zu haben. Vergebens wartete ich auf das gewisse etwas, das die Folklore von „Folk“ zu etwas einzigartigem macht. Darüber hinaus möchte ich jedoch nicht unterstellen, dass eine thematisch völlig unbeleckte Leserin sich genauso fühlen wird.

Die Welt von „Folk“ ist eine märchenhafte, dabei aber doch raue und zeitweilens unwirtliche. Zoe Gilbert meistert den Spagat zwischen Realismus und Magie. Manchmal wünsche ich mir etwas mehr Fantasy, viele der märchenhaften Ereignisse, die mir im Klappentext versprochen wurden, lassen sich im Buch selbst durch natürliche Begebenheiten erklären. Über viele übernatürliche Phänomene, die sich in Neverness häufen, wie zum Beispiel den Flügelarm des Korbflechters oder den sogenannten Wasserbullen, der an stürmischen Abenden Jungfrauen raubt, wird etwas oberflächlich hinweg gegangen. Als Leserin wäre es mir lieber gewesen Zoe Gilbert hätte sich für eine Familie und deren Geschichte entschieden, anstatt ein ganzes Dorf mit Dutzenden von Einwohnern in ein derart schmales Buch zu stopfen; ohne dabei jemals den Hunger dieser Leserin nach einer vertiefenden Betrachtung zu stillen, wohlgemerkt.

Letztlich klappe ich dieses Buch etwas enttäuscht zu, die Versprechen die mir der Klappentext vor der Lektüre gemacht hat, kann das Buch leider nicht halten. Mir persönlich fehlt dabei das gewisse etwas, der Funke der auf mich überspringt, das Gefühl zwischen den Seiten von „Folk“ zwar etwas bekanntes zu finden, aber gleichzeitig auch etwas vollkommen neues zu erleben. Das wiederholte Einlesen ging mir, die sich am liebsten in eine andere Welt versetzt fühlen wollte, gehörig auf die Nerven. Immer wieder wurde ich aus der Gemeinschaft Neverness ausgebürgert und musste mühselig meinen Weg zurück finden. Die Geschichten selbst sind moderne Märchen, die aber nichts wirklich besonderes zum Genre beitragen. Zoe Gilbert hat originelle Ideen, verschenkt deren Potenzial jedoch zu oft, um mich als (im Grunde wohlwollende) Leserin vollends für sich und ihre Geschichten zu gewinnen.

Folk – Zoe Gilbert – ISBN 978.1.408.88439.3

Für Leserinnen, die…

  • …sich nach den Märchen ihrer Kindheit sehnen.
  • …ein überdurchschnittlich gutes Namensgedächtnis haben.
  • …sich nicht von Vorschusslorbeeren blenden lassen.

Literarische Nachbarinnen…

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(Feminismen) Eine Transfrau schreibt über den Kreuzzug des Patriarchats gegen die Weiblichkeit…

In den zwei Jahren seitdem ich meine Erkundungsreise durch das feministische Sachbuchgenre begann, habe ich viele Stimmen zu den verschiedenen Aspekten des Themas gehört. Während die zu Papier gebrachten Meinungen teils weit auseinander gingen, waren ihre Autorinnen doch bisher überwältigend cis-gender Kaukasierinnen (eine Ausnahme ist Roxane Gay). Insofern stürzte ich mich auf diese Lektüre in der sich eine transsexuelle Frau zu Wort meldet und Dinge anspricht und ausspricht, die ich von ihren Kolleginnen in meinem Bücherregal so noch nicht gehört habe…

51-byitjfql-_sx331_bo1204203200_In Whipping Girl Julia Serano shares her powerful experiences and observations to reveal the ways in which fear, suspicion, and dismissiveness toward femininity shape our societal attitudes toward trans women, as well as gender and sexuality as a whole. In this provocative manifesto, she exposes how deep-rooted the cultural belief is that femininity is frivolous, weak, and passive, and how this “feminine” weakness exists only to attract and appease male desire. In addition to debunking popular misconceptions about transsexuality, Serano makes the case that today’s feminists and transgender activists must work to embrace and empower femininity—in all of its wondrous forms.

Wie ich in der Einleitung schon angedeutet habe liefert „Whipping Girl“ eine mir bisher unbekannte Perspektive auf die Unterdrückungssysteme des Patriarchats und eine Hypothese dazu, warum der gesellschaftliche Aufstieg von Frauen durch Talent und harte Arbeit alleine, auch nach den Anstrengungen und (Teil)Erfolgen des Feminismus diverser Generationen, um einiges steiniger ist, als der ihrer männlichen Pendants. Dabei führt Julia Serano nicht nur die am Arbeitsplatz lange etablierten Netzwerke der Männer, für die berufstätige Frauen noch kein adäquates Gegenstück haben, als Argument ins Feld, dafür dass Frauen hinter ihren männlichen Kollegen zurück bleiben, sondern holt in ihren Thesen und Erklärungsversuchen auch um einiges weiter aus. Für Julia Serano liegt die Ungleichheit des Systems nämlich in seiner binären Struktur an sich, in der wir Menschen in weiblich und männlich aufteilen und dementsprechend be-, bzw. abwerten.

Was das angeht weiß die Autorin wovon sie schreibt, wuchs sie doch als Mädchen in einem Jungenkörper auf, den sie erst im Erwachsenenalter mit Hormonbehandlungen zu dem machen konnte, was er für sie selbst immer war – einem weiblichen Wesen. Diese Angleichung von gefühltem und körperlichen Geschlecht beschreibt die Autorin ebenso wie die Art und Weise, wie sich die Sichtweise anderer Menschen auf sie veränderte, sobald die Hormontherapie ihre volle Wirkung entfaltete. Sie erzählt mir davon wie selbst politisch korrekte Menschen oft eine morbide Faszination für transsexuelle Körper haben und sich ohne Vorwarnung zum Beispiel danach erkundigen, ob sie sich schon die Genitalien hat angleichen lassen. Julia Serano prangert aber nicht nur die Art an, auf die (viele aber natürlich nicht alle) Cis-gender mit Transsexuellen umgehen, sondern auch wie transsexuelle Körper zum Beispiel in den Medien fetischisiert werden. Als, wie Julia Serano sich ausdrückt, „factory-issue woman“ und Medienkonsumentin gibt mir das reichlich zu denken.

Doch wer meint der einzige Sinn und Zweck von „Whipping Girl“ sei es mit Vorurteilen gegenüber Transsexualität aufzuräumen, der unterschätzt dieses Buch gewaltig. Denn indem Julia Serano sich darüber aufregt, dass oft völlig Fremde sich nach ihrem genitalen Status erkundigen und nichts dabei zu finden scheinen, entlarvt sie die Künstlichkeit des binären Geschlechtersystems. Denn die Frage nach Operationen und Hormontherapien wird nicht nur aus Neugierde gestellt, der Fragende versucht über die Antwort zu tangieren mit wem er es denn nun zu tun hat – Männlein oder Weiblein – und wie er sich darauf bezogen zu seinem Gegenüber verhalten soll. Das Individuum verschwindet im Klischee seiner Geschlechtsidentität, was weniger beunruhigend wäre, wenn unsere Gesellschaft nicht eine klare Hierarchie der Geschlechter etabliert hätte. An deren Spitze stehen seit dem Beginn der Agrikultur die Männer, danach kommen die Frauen und das Schlusslicht bilden non-binäre Menschen, zu denen Julia Serano sich selbst lange gezählt hat, mit deutlicher Tendenz zur Frau.

Doch es ist nicht nur das Patriarchat, und die damit verbundene Überhöhung von Männlichkeit, welches Julia Serano in „Whipping Girl“ aufs Korn nimmt, sondern die Verteufelung der Weiblichkeit, die damit einher geht. Diese Ablehnung alles fraulichen als künstlich und affektiert wird so, laut der Autorin, übrigens auch von führenden Feministinnen praktiziert und propagiert. Was das angeht bietet „Whipping Girl“ eine kritische Perspektive auf eine durchaus nicht perfekte Bewegung, mit einer langen Geschichte der Ausgrenzung von Transfrauen (aber nicht von Transmännern), die trotzdem nicht weniger feministisch ist als die ihrer cis-gender Kolleginnen. In dieser Streitschrift für die Weiblichkeit kämpft Julia Serano aber nicht etwa für das Recht auf klassische Rollenbilder, Make Up und Spitzenhöschen, sondern für die Freiheit der Gefühle unabhängig vom Geschlecht, für Männer die ungeniert weinen und ungebeten umsorgen und für Frauen die Stärke zeigen, nicht nur weil sie Angst vor ihrer eigenen Sanftheit haben.

Insgesamt öffnet „Whipping Girl“ seiner Leserin die Augen für die gravierenden Folgen der Hetzjagd auf alles weibliche, die bei Jungen schon im Grundschulalter kultiviert wird und bei Frauen dann beginnt, wenn sie sich zum Feminismus bekennen. Die traditionellen Feministinnen der zweiten Generation kommen dabei nicht immer so gut weg, aber diese Kritik muss eine Menschenrechtsbewegung von dieser Größe auch mal aushalten können. Darüber hinaus bietet dieses Buch eine ungewöhnlich erleuchtete Perspektive auf das binäre Geschlechtersystem von einer Autorin die sowohl Mann als auch Frau war und sich nicht nur mit der gesellschaftlichen Reaktion auf und den Erwartungen an ihr jeweiliges Geschlecht auskennt, sondern auch am eigenen Leib erfahren hat, was die dazugehörigen Geschlechtshormone mit dem Menschen der ihnen ausgesetzt ist machen. Somit ist „Whipping Girl“ nicht nur ein Plädoyer für die Weiblichkeit, sondern auch für die Freiheit des Einzelnen seine oder ihre persönliche Wahrheit zu leben, ohne Schikane von anderen.

Whipping Girl: A transsexual woman on sexism and the scapegoating of femininity – Julia Serano – ISBN 978.1.580.05622.9

Für Leserinnen, die…

  • …ihre Weiblichkeit nicht abwerten wollen.
  • …für neue Rollenbilder offen sind.
  • …sich einen inklusiveren Feminismus wünschen.

Literarische Nachbarn…

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(Die Sonntagsleserin) darf endlich die zweite Kerze anzünden…

Letzte Woche war meine Einleitung etwas kryptisch und das hat mir im Nachhinein gar nicht gefallen. Also erzähl ich dir heute einfach mal, was bei mir in der letzten Woche so los war. Am Montag habe ich (endlich) für Weihnachten dekoriert und fühle mich zu Hause nun um einiges gemütlicher. Am Dienstag war ich im Kino und habe „Die göttliche Ordnung“ geschaut; ein Film über die Einführung des Frauenwahlrechts in der Schweiz. Sehr empfehlenswert übrigens, und mit einem unglaublich niedlichen Ende. Am Mittwoch hatte meine Tante Geburtstag, die seit neustem im Altersheim lebt und sich damit sehr schwer tut. Am Donnerstag habe ich krampfhaft versucht endlich mal wieder eine neue Rezension zu schreiben – ohne Erfolg. Am Freitag war ich dann beim Osteopathen meines Vertrauens, der mir bei meinen Karpal-Tunnel Problemen hilft, damit ich wieder öfter Bloggen kann. Am Samstag schreibe ich diesen Beitrag und für den Sonntag wünsche ich dir schon mal einen besinnlichen zweiten Advent 🙂

Vor den Augen…

Diese Woche war irgendwie der Wurm drin und ich habe eher wenig gelesen. Anfang der Woche war ich noch dabei ein paar Bücher aus der letzten Woche zu beenden; und nach meinem Kinobesuch schlief ich ein paar Tage so schlecht, dass mein Schnupfen wieder aufgelebt ist – so was frustrierendes aber auch, da denkt frau sie hat die blöde Erkältung endlich überstanden… Nächste Woche werde ich hoffentlich wieder mehr lesen, gute Bücher habe ich schließlich genug.

41jZWcOmoXL._SX312_BO1,204,203,200_Fire Sermon von Jamie Quatro… Maggie is entirely devoted to her husband Thomas, their two beautiful children, and to God. But then what begins as innocent letter writing with poet James starts to become something far more erotically charged, there meeting of minds threatening to become a meeting of bodies. As everything Maggie believes in is thrown into doubt the reader is drawn ever deeper into the battleground of her soul. Fire Sermon is a daring debut novel of obsession, desire and salvation that shows the radical light and dark of love itself. This is a visceral, rich and devastating portrait of life and loves lived and lost that cannot fail to echo in your own experience.

Auf den Ohren…

Diese Woche hatte ich zwei Comediennes auf den Ohren, und auch wenn ich beide sehr sympathisch finde, würde ich nur Bridget Christies Buch noch einmal hören – weil’s eben nicht nur um sie selbst geht, sondern um Frauen, Feminismus und Sexismus im Comedy-Betrieb. Der Humor ist manchmal ganz schön britisch (Stichwort: Sarkasmus) aber daran habe ich mich schnell gewöhnt und plane jetzt schon eine Sammel-Rezension beider Bücher, und einiger anderer Comedy-Autobiografien.

51LOdA-hS3L._AA300_The Actual One von Isy Suttie… Isy woke up one day in her late twenties to discover that the invisible deal she’d done with her best mates – that they’d prolong growing up for as long as possible – had all been in her head. Everyone around her is suddenly into mortgages, farmers‘ markets and nappies, rather than the idea of running naked into the sea or getting hammered in Plymouth with eighty-year-old men. When her dearest friend advises her that the next guy Isy meets will be The Actual One, Isy decides to keep delaying the onset of adulthood – until a bet with her mother results in a mad scramble to find a boyfriend within a month.

51XIcqUL3zL._AA300_A Book for Her von Bridget Christie… Bridget Christie is a stand-up comedian, idiot and feminist. On the 30th of April 2012, a man farted in the Women’s Studies Section of a bookshop and it changed her life forever. A Book For Her details Christie’s twelve years of anonymous toil in the bowels of stand-up comedy and the sudden epiphany that made her, unbelievably, one of the most critically acclaimed British stand-up comedians this decade, drawing together the threads that link a smelly smell in the women’s studies section to the global feminist struggle. Find out how nice Peter Stringfellow’s fish tastes, how yoghurt advertising perpetuates rape myths, and how Emily Bronte used a special ladies’ pen to write Wuthering Heights.

Neu im Regal…

Diese Woche hat die Schnäppchenjägerin in mir die innere Stimme, die mir sagt „haben wir nicht schon genug Bücher?!“ wiedermal k.o. geschlagen. Das gelingt ihr ungefähr alle zwei Wochen, wenn du die bisherigen Sonntagsleserinnen mal aneinander reihst. Im neuen Jahr muss ich dann endlich mal Nägel mit Köpfen machen und meine neuen Bücher auch lesen.

51qjb-a2DuL._SX312_BO1,204,203,200_History of Wolves von Emily Fridlund… Fourteen-year-old Linda lives with her parents in an ex-commune beside a lake in the beautiful, austere backwoods of northern Minnesota. The other girls at school call Linda ‚Freak‘, or ‚Commie‘. Her parents mostly leave her to her own devices, whilst the other inhabitants have grown up and moved on. So when the perfect family – mother, father and their little boy, Paul – move into the cabin across the lake, Linda insinuates her way into their orbit. She begins to babysit Paul and feels welcome, that she finally has a place to belong. Yet something isn’t right. Drawn into secrets she doesn’t understand, Linda must make a choice. But how can a girl with no real knowledge of the world understand what the consequences will be?

51OqgIHcBLL._SX312_BO1,204,203,200_Stay With Me von Adebayo Ayobami… Yejide is hoping for a miracle, for a child. It is all her husband wants, all her mother-in-law wants, and she has tried everything – arduous pilgrimages, medical consultations, appeals to God. But when her relatives insist upon a new wife, it is too much for Yejide to bear. It will lead to jealousy, betrayal and despair. Unravelling against the social and political turbulence of 1980s Nigeria, Stay With Me sings with the voices, colours, joys and fears of its surroundings.

Nur zu Besuch…

Wie so oft in den letzten Wochen sind meine Links alle auf Englisch. Dass das eine Barriere darstellen könnte, ist mir heute zum ersten Mal bewusst geworden. Ich hoffe du lässt dich davon nicht abschrecken, und für die nächste Woche versuche ich mal mehr lesenswertes aus dem deutschen Sprachraum zusammen zu tragen- versprochen!

Fangen wir, an diesem zweiten Advent, mal mit einem Blick hinter die Kulissen der (amerikanischen) Weihnachtsmann-Industrie an.

Eine Mutter schreibt darüber, wie schwer es ist, in dieser Zeit der wütenden weißen Männer, einen einfühlsamen Sohn zu erziehen. (Potenzielle) Eltern, die sich trotzdem der Herausforderung stellen wollen, sollten beizeiten ihr Gefühlsvokabular erweitern. Und ihren Kindern schließlich folgende Ratschläge geben.

Die Pille kann Depressionen auslösen. Wie sich diese anfühlen, willst du lieber nicht wissen… Auch Männer sind von der Epidemie betroffen, schweigen aber viel zu oft über ihre Symptome. Ein möglicher Weg aus der Depression ist Frieden zu schließen, mit dem Leben, dass wir nie gelebt haben.

Ein trans Mann spricht über seine neugewonnenen Privilegien, und wie diese ihm gezeigt haben, wie wichtig Feminismus ist. Während Blogger Mark Manson seinerseits über „toxische Männlichkeit“ reflektiert.

Zu guter letzt eine kleine Weltreise… Eine schwedische Kommune macht Politik. Argentinier lassen nichts auf ihr Nationalgetränk kommen. Junge Südkoreaner verzweifeln am Arbeitsmarkt. Finnische Schüler lassen sich Zeit beim Lernen.

Genug geplaudert, meine liebe Leserin. Ich verabschiede mich nun fürs Erste in den Sonntag und wünsche Dir noch viel Spaß beim Lesen und Entdecken!

(Die Sonntagsleserin) Die Software ist willens, die Hardware ist schwach…

Und manchmal ist es auch umgekehrt, die Kombination ist dabei eigentlich egal. Denn beides hält mich vom Lesen und Bloggen ab, und das frustet manchmal ganz schön – besonders dann wenn Beiträge anfangen seltener zu  werden, wie das in den letzten beiden Wochen leider der Fall war. Dann wiederum habe ich Tage an denen ich mich selbst überrasche. Letztlich geht es beim Bloggen doch darum die richtige Balance zu finden, und sich dabei keine Sehnenentzündung zuzuziehen. Vielleicht bringt das neue Jahr ja den Durchbruch, und bis  dahin habe ich schließlich noch ein bisschen Zeit zum üben. Sag mal, meine liebe Leserin, wie kriegst du eigentlich die richtige Balance zwischen Lesen, Leben und Bloggen hin? 

Vor den Augen…

Nach wie vor bin ich knietief in meinen netgalley Verpflichtungen, und daran wird sich bis Ende des Jahres wohl nichts ändern. Auf der einen Seite stresst mich das schon ein bisschen. Auf der anderen Seite sind die Bücher aber alle super interessant und ich will sie auch alle unbedingt lesen – ein Luxusproblem also 😉

51MT6rYYvmL._SX328_BO1,204,203,200_The End We Start From von Megan Hunter… In the midst of a mysterious environmental crisis, as London is submerged below flood waters, a woman gives birth to her first child, Z. Days later, the family are forced to leave their home in search of safety. As they move from place to place, shelter to shelter, their journey traces both fear and wonder as Z’s small fists grasp at the things he sees, as he grows and stretches, thriving and content against all the odds. This is a story of new motherhood in a terrifying setting: a familiar world made dangerous and unstable, its people forced to become refugees. And yet, though the country is falling apart around them, this family’s world – of new life and new hope – sings with love.

51zDSGI3SbL._SX331_BO1,204,203,200_Inside Private Prisons von Lauren-Brooke Eisen… From divestment campaigns to boardrooms to private immigration-detention centers across the Southwest, Eisen examines private prisons through the eyes of inmates, their families, correctional staff, policymakers, activists, Immigration and Customs Enforcement employees, undocumented immigrants, and the executives of America’s largest private prison corporations. Private prisons have become ground zero in the anti-mass-incarceration movement. Universities have divested from these companies, political candidates hesitate to accept their campaign donations, and the Department of Justice tried to phase out its contracts with them. On the other side, impoverished rural towns often try to lure the for-profit prison industry to build facilities and create new jobs. Neither an endorsement or a demonization, Inside Private Prisons details the complicated and perverse incentives rooted in the industry, from mandatory bed occupancy to vested interests in mass incarceration.

41u9EGccnDL._SX323_BO1,204,203,200_Her body and other parties von Carmen Maria Machando… In her provocative debut, Carmen Maria Machado demolishes the borders between magical realism and science fiction, comedy and horror, fantasy and fabulism. Startling narratives map the realities of women’s lives and the violence visited on their bodies, both in myth and in practice. A wife refuses her husband’s entreaties to remove the mysterious green ribbon from around her neck. A woman recounts her sexual encounters as a plague spreads across the earth. A salesclerk in a mall makes a horrifying discovery about a store’s dresses. One woman’s surgery-induced weight loss results in an unwanted house guest. Bodies become inconsequential, humans become monstrous, and anger becomes erotic. A dark, shimmering slice into womanhood, Her Body and Other Parties is wicked and exquisite.

Auf den Ohren…

Diese Woche hatte ich keinen konkreten Plan dafür, welche Art von Buch ich hören wollte. Daher ist es wie so oft eine wilde Kombination geworden, wobei mich „The Velvet Rage“ einfach generell interessiert hat und „Erfinde dich neu“ mich im Endspurt des Jahres auf meine Neujahrsvosätze vorbereiten soll, bzw. darauf sie auch einzuhalten 😉

61c+BYiDbAL._AA300_The Velvet Rage von Alan Downs… The most important issue in a gay man’s life is not „coming out“, but coming to terms with the invalidating past. Despite the progress made in recent years, many gay men still wonder, „Are we better off?“ The byproduct of growing up gay in a straight world continues to be the internalization of shame, rejection, and anger – a toxic cocktail that can lead to drug abuse, promiscuity, alcoholism, depression, and suicide. Drawing on contemporary psychological research, the author’s own journey, and the stories of many of his friends and clients, Velvet Rage addresses the myth of gay pride and outlines three stages to emotional well-being for gay men.

51iEvr+YymL._AA300_Erfinde dich neu von Gretchen Rubin… Es bedarf einiges an Einsatz, um eine neue Gewohnheit zu entwickeln, aber hat man sie einmal etabliert, kann man die dadurch gewonnene Energie nutzen, um sich ein glücklicheres, gestärktes und produktiveres Leben aufzubauen. „Erfinde Dich Neu“ bietet der Leserin eine konkrete Anleitung, die eigenen Gewohnheiten zu durchschauen, um sie dadurch dauerhaft verändern zu können. Durch Rubins mitreißende Art zu Schreiben, ihren Humor, und ihre intensiven Nachforschungen, gepaart mit anschaulichen Fallbeispielen von tiefgreifenden Lebensveränderungen, schafft sie es, der Leserin die nicht immer auf Anhieb ersichtlichen Grundprinzipien der Entstehung von Gewohnheiten nahezubringen. Wer aufhören möchte, ständig auf sein Handy zu schauen, wer sein Gewicht halten oder das Durchhaltevermögen aufbringen will, ein wichtiges Projekt zu Ende zu führen, der findet in diesem Buch die richtige Antwort.

Neu im Regal…

Anfang der Woche schaute ich den neuen Film von Cate Shortland, die mein jugendliches Ich schon mit ihrem Regie-Debüt „Somersault“ begeistert hatte. „Berlin Syndrom“ ist von der Handlung und vom Ton her zwar ganz anders, aber ebenso mitreißend. Daher habe ich mir nach dem Kinobesuch auch sofort das Buch gekauft, auf dem der Film basiert. Mit der Lektüre warte ich aber wohl noch ein bisschen, dem Kopfkino zu liebe – auch wenn es schlimmeres gibt als Max Riemelt in der Rolle des schüchternen Entführers zu sehen 😉

51aTd4KY6HL._SX325_BO1,204,203,200_Berlin Syndrom von Melanie Joosten… In 2006, the once-divided city of Berlin still holds its share of secrets. One afternoon, near the tourist trap of Checkpoint Charlie, Clare meets Andi and feels an instant attraction to him. When Andi invites her to stay, Clare thinks she may finally have found somewhere to call home. But as the days pass and the walls of Andi’s apartment close in, Clare begins to wonder if it’s really love that Andi is searching for if it’s something else altogether. This novel is a closely observed and gripping psychological thriller that shifts between Andi’s and Clare’s perspectives, revealing the power of obsession, the fluidity of truth, and the kaleidoscopic nature of human relationships.

Nur zu Besuch…

Ähnlich wie meine Lektüre diese Woche, hat auch meine Linkliste keinen Plan. Ein bisschen Popkultur, ein bisschen Kunstszene, ein bisschen Reisen, dazu noch eine Prise Vorweihnachtszeit und Jahresbilanz – eine Liste für Leserinnen, die sich nicht festlegen wollen; von einer Bloggerin, die das nur zu gut nachvollziehen kann.

Die Zeiten der weiblichen Beinbretzel sind vorbei; endlich trauen auch Frauen sich Platz weg zu nehmen. Auf Twitter heißt das #womanspreading und ist ein Trend, der zum mitmachen reizt. Wer hat nicht gerne mal beide Armlehnen für sich, ich schon 😉

In der Mitte zwischen Hashtags und Feminismus findet sich die Kunstszene wieder, zumindest dann wenn es um Cyberfeminismus und 20 Jahre später um post-Cyberfeminismus geht. Eine kulturkritische Kunstrichtung mit sozialem Gewissen.

Im neuen Jahr sieht es finanziell düster aus für gleich zwei feministische Blogs, namentlich Feministing und Feminist Frequency. Im schlimmsten Fall drohen diese sogar offline zu gehen. Insofern bitte ich dich dir beide Seiten einmal anzuschauen und, wenn du etwas übrig hast, ein bisschen zu spenden.

Das alte Jahr ist bald vorbei und schon sind sie wieder in aller Munde, die besten Bücher 2017. Doch sollte man als Leserin da vielleicht lieber weg hören? Ich meinerseits freue mich immer über Anregungen, vor allem wenn die Frauen mal ausnahmsweise die Nase vorn haben, wie zum Beispiel bei der New York Times.

Gerne lese ich über die Kulturen fremder Länder und das Reisen an sich, und das obwohl ich ein Mensch bin der persönliche Zufriedenheit aus der Routine des Alltags schöpft. Gerade deshalb glaube ich jedoch, tut mir eine virtuelle Reise so gut. Diese Woche begleitete ich zum Beispiel die rucksackjungs nach Indien, reiste in die amerikanische Wildniss und nach Neuseeland. Über das Für und Wider des Weltenbummlerdaseins schreibt schließlich eine, die sich entschlossen hat ihr Nomadenleben aufzugeben.

Warum du jetzt schon die Weihnachtsdeko herrichten solltest, besonders wenn du wie ich um diese Jahreszeit schon mal den Winterblues singst, erfährst du HIER.

Genug geplaudert, meine liebe Leserin. Ich verabschiede mich nun fürs Erste in den Sonntag und wünsche Dir noch viel Spaß beim Lesen und Entdecken!

(Neuerscheinung) Das Alter ist nichts für Feiglinge…

Vor ein paar Jahren las ich „Die linke Hand der Dunkelheit“, fand jedoch leider keinen Zugang dazu und brach es schließlich ab. Diese verhaltene Enttäuschung, erfahren durch ein Buch von dem ich mir viel versprach, spukte lange danach in meinem Kopf herum. Als ich erfuhr, dass nun bald eine Essaysammlung der Autorin veröffentlicht wird, musste ich diese unbedingt vorab lesen. Meine Hoffnung ist dabei, dass ein nuanciertes Bild der Autorin als Person mir einen zweiten Anlauf auf ihren bekanntesten Roman ebnet – mal sehen…

cover120129-mediumUrsula K. Le Guin has taken readers to imaginary worlds for decades. Now she’s in the last great frontier of life, old age, and exploring new literary territory: the blog, a forum where her voice—sharp, witty, as compassionate as it is critical—shines. No Time to Spare collects the best of Ursula’s blog, presenting perfectly crystallized dispatches on what matters to her now, her concerns with this world, and her wonder at it. On the absurdity of denying your age, she says, “If I’m ninety and believe I’m forty-five, I’m headed for a very bad time trying to get out of the bathtub.” On cultural perceptions of fantasy: “The direction of escape is toward freedom. So what is ‘escapism’ an accusation of?” On her new cat: “He still won’t sit on a lap…I don’t know if he ever will. He just doesn’t accept the lap hypothesis.” On breakfast: “Eating an egg from the shell takes not only practice, but resolution, even courage, possibly willingness to commit crime.” And on all that is unknown, all that we discover as we muddle through life: “How rich we are in knowledge, and in all that lies around us yet to learn. Billionaires, all of us.”

Schon bevor ich überhaupt eine einzige Zeile gelesen habe, ist mein Kopf schon voller Fragen. Besonders eine tut sich dabei hervor; ob mir Ursula K. LeGuin wohl als Person sympathisch sein wird? Ich hoffe es jedenfalls sehr, und das löst vorab schon eine unterschwellige Anspannung in mir aus. Ich möchte sie so gerne mögen, möchte einen Zugang zu ihrem Werk finden. Darüber hinaus koche ich meine Erwartungen allerdings auf kleiner Flamme. Denn Essaysammlungen, wie diese hier, sind meiner bisherigen Erfahrung nach immer ein bisschen durchwachsen. Da ist „No Time to Spare“ übrigens keine Ausnahme, manche Essays hauen bei mir voll auf die Zwölf, andere interessieren mich weniger und ich überfliege sie nur.

Im ersten Teil des Buchs geht es um das Altern und das Alter, welches laut Ursula K. LeGuin, selbst schon über achtzig, nichts für Weicheier ist. Dann aber eigentlich doch, muss sie sich eingestehen, schließlich werden auch Weicheier irgendwann mal alt. Doch einfach ist es nicht, darauf kann sie sich mit sich selbst einigen. Die Leserin lernt Ursula K. LeGuin gleich zu Anfang als Person kennen, die sich all ihrer kleinen Macken und Eigenarten bewusst ist und sich nicht länger scheut, diese auch mit ihren Leserinnen zu teilen. Diese Leserin merkt der Schriftstellerin ihr fortgeschrittenes Alter dabei gar nicht unbedingt an. Denn Ursula K. LeGuin nimmt es mit Humor und scherzt auch schon mal, dass zum Beispiel alternde Bloggerinnen besser einmal die Woche laut geben, auch wenn’s nichts zu erzählen gibt. Denn jüngere Leserinnen könnten ja meinen, frau wäre zwischenzeitlich verstorben.

Im zweiten Teil erzählt die gestandene Schriftstellerin neugierigen Leserinnen vom Literaturbetrieb, schreibt über das Konzept des „großen amerikanischen Romans“ und die moralische Verpflichtung des Schriftstellers. Welche in diesen Essays also nach Klatsch und Tratsch sucht, die wird wohl leider enttäuscht werden. Ursula K. LeGuin geht nämlich vor allem auf die Feinheiten des Schriftstellerlebens ein. Dazu gehört zum Beispiel das Beantworten von Fanpost, und diese kommt bei einer Fantasy-Autorin auch schon mal von ganz jungen Leserinnen, die sich mal mehr und mal weniger Mühe machen, allesamt jedoch die Regeln der modernen Rechtschreibung neu definieren. Darüber hinaus schreibt Ursula K. LeGuin unter anderem davon, dass sie viel lieber den Sartre-Preis – jährlich verliehen an jemanden, der einen Preis abgelehnt hat – als den Nobelpreis haben würde, auch wenn beide für eine Genre-Schriftstellerin wohl außer Reichweite sein dürften.

Diesen Teil finde ich besonders interessant, habe ich doch selbst schriftstellerische Ambitionen. Viel gibt mir die Autorin jedoch nicht an die Hand, und als die erhofften Tipps für angehende Schriftstellerinnen ausblieben, war ich zunächst etwas enttäuscht. Im Nachhinein genieße ich diesen kleinen Ausflug in die Welt einer, die es geschafft hat ihre Berufung zum Beruf zu machen aber trotzdem. Denn Ursula K. LeGuin schreibt über Dinge, von denen sie etwas versteht, zumindest meistens, nämlich zum Beispiel den Unterschied zwischen Dystopie und Utopie, und warum es bisher keinem Schriftsteller gelungen ist, dabei die Natur des Menschen zu berücksichtigen, anstatt sie auszuklammern. Wenn es um Science Fiction geht ist die Autorin in ihrem Element, das merke ich sofort, und genieße diesen fast schon philosophischen Ausflug durch die Literaturgeschichte sehr, inklusive Lesetipps für Genreneulinge übrigens.

Danach wird Ursula K. LeGuin unerwartet politisch und ist für ihr Alter ungewöhnlich sozialdemokratisch eingestellt. Vor der Lektüre dieses Teils hatte ich befürchtet es auf einmal mit einer unangenehm konservativen, reaktionären Frau zu tun zu bekommen, die wenig übrig hat für solch triviale Dinge wie zum Beispiel die derzeitige Sexismusdebatte. Doch bestätigten sich meine Vorurteile dem fortgeschrittenen Alter gegenüber nicht. Ursula K. LeGuin wird fast schon feministisch, wenn es um Themen wie zum Beispiel Frauensolidarität geht und verortet sich und ihre Essaysammlung damit am Puls der Zeit. Darüber hinaus sind ihre Essays thematisch wieder breit gefächert und sie schreibt u.a. über die innere Welt von Pflanzen, wenn auch nicht ganz ernst gemeint, und den Sinn und Unsinn des Glaubens an Gott als Antithese zur modernen Wissenschaft.

Sie schließt mit einer Reihe von Anekdoten, die dem Buch im Nachhinein etwas verspieltes geben. Zum Beispiel schreibt sie über eine Reise nach Wien und darüber wie man ein europäisches Ei isst. Für mich als Europäerin war diese Passage etwas überflüssig, aber auch irgendwie meditativ; wie der Akt des Ei-essens selbst – Löffel für Löffel aus der Schale – der für eine Deutsche wohl das selbstverständlichste überhaupt ist. Sie erzählt von einer Begegnung mit einem zahmen Luchs und davon wie sie trotz ambivalenter Gefühle, von ihrer wachsenden Berühmtheit quasi genötigt, eine persönliche Sekretärin einstellte; und wie diese nach vielen gemeinsamen Jahren zu einer engen Freundin und Vertrauten wurde. Sie erzählt von der grenzenlosen Fantasie kleiner Kinder und einer Begegnung der anderen Art mit einer Klapperschlange.

Die unterschiedlichen Teile der Essaysammlung werden durch kürzere Passagen getrennt, in denen die Autorin von ihrem Leben mit Katze berichtet. Ursula K. LeGuin gesellt sich damit zu einem illustren Grüppchen bekannter Schriftstellerinnen, die, mal mehr und mal weniger amüsant, über ihre Katzen geschrieben haben. Dabei erzählt sie eigentlich nichts völlig neues. Ihr Kater Pard hat natürlich sie ausgewählt und nicht etwa umgekehrt – wo kämen wir denn da hin. Auch des nachts ein Wirbelwind muss er schon mal aus dem Schlafzimmer verbannt werden, sieht diesen letzten Ausweg seiner schlaftrunkenen Besitzerin jedoch absolut nicht ein. Die Treppen seines Zuhauses nimmt er generell im Flug und bringt so auch mal den einen oder anderen menschlichen Mitbewohner zu Fall. Und das Herumturnen auf kostbaren Möbelstücken ist natürlich nur dann verboten, wenn jemand zuschaut. Wer selbst Katzen hat, dürfte all das schon zu Genüge kennen, amüsant ist es aber trotzdem.

Ursula K. LeGuin ist die Mischung gelungen, in „No Time to Spare“ ist für jede Leserin, ob uralt, blutjung oder irgendwo dazwischen, etwas dabei. Nur neue Geschichten der Autorin sucht frau zwischen den Seiten dieses Buchs vergeblich; insofern bist du gewarnt, meine geneigte Leserin. Das alleine sollte dich jedoch nicht von der Lektüre abschrecken. Denn besonders für Fans der Autorin stellt dieses Buch einen literarischen Leckerbissen der besonderen Art dar. Endlich darf frau mal hinter die Kulissen schauen, der Schriftstellerin über die Schulter. Nicht alle Essays sind dabei gleich interessant, und manchmal war ich zugegebenermaßen etwas gelangweilt. Doch decken sie so viele verschiedene Themenbereiche ab, dass ich spätestens mit dem nächsten Essay wieder das Gefühl hatte zu wissen, warum ich dieses Buch so unbedingt lesen wollte. Meine anfängliche Angst, die Autorin könnte mir unsympathisch sein, war übrigens unbegründet; Ursula K. LeGuin und ihre Bücher werden mich also wohl noch lange begleiten.

No Time to Spare: Thinking About What Matters – Ursula K. LeGuin – ISBN 978.1.328.66159.3

Für Leserinnen, die…

  • …vielseitige Interessen haben.
  • …Katzen-affin sind.
  • …lieber Bücher als Blogs lesen.

Literarische Nachbarinnen…

Katzen von Marina Mander51BmAfV1l5L._SY346_51r1ey4qRaL._SX314_BO1,204,203,200_

(Die Sonntagsleserin) ist zurück im – Hatschi! – Sattel; hust, hust…

Nach einer Woche Zwangspause startet die Sonntagsleserin wieder durch, auch wenn meine Erkältung mich Anfang dieser Woche immer noch ein bisschen piesackte. Viel gelesen habe ich demnach nicht, und ich bin mir an diesem Punkt auch noch nicht ganz sicher, ob meine Lesewoche überhaupt einen Beitrag verdient – länger als eine Woche aussetzen möchte ich aber nicht… Insofern versuche ich es einfach mal, vielleicht schaffe ich es ja mich (und dich) zu überraschen. Einen Grund zur Freude gab es letzte Woche übrigens doch, trotz Erkältung, Bloggerkollegin Alena Vogel hat mich für den Liebster Award nominiert; vielen Dank dafür 🙂

Vor den Augen…

Letzte Woche war ich so verschnupft, dass ich kaum aus den Augen gucken konnte – insofern hatte ich endlich mal Gelegenheit den Serienstau auf meinem Netflix-Konto etwas abzulassen. Diese Woche fing ich langsam wieder an zu lesen; Sachbücher schienen mir an dieser Stelle der sanftere Einstieg. Schließlich muss frau sich bei deren Lektüre nicht auch noch auf einen roten Faden konzentrieren.

cover124172-mediumAlgorithms of Oppression von Safiya Umoja Noble… In Algorithms of Oppression, Safiya Umoja Noble challenges the idea that search engines like Google offer an equal playing field for all forms of ideas, identities, and activities. Data discrimination is a real social problem; Noble argues that the combination of private interests in promoting certain sites, along with the monopoly status of a relatively small number of Internet search engines, leads to a biased set of search algorithms that privilege whiteness and discriminate against people of color, specifically women of color.  Through an analysis of textual and media searches as well as extensive research on paid online advertising, Noble exposes a culture of racism and sexism in the way discoverability is created online.

51-AK0iFGsL._SX330_BO1,204,203,200_Coming of Age on Zoloft von Katherine Sharpe… A compelling and troubling exploration of a generation raised on antidepressants, and a book that combines expansive interviews with substantive research-based reporting, Coming of Age on Zoloft is a vitally important and immediately engrossing study of one of America’s most pressing and omnipresent issues: our growing reliance on prescription drugs. Katherine Sharpe addresses the questions that millions of young men and women are struggling with. Combining stout scientific acumen with first-person experience gained through her own struggle with antidepressants, Sharpe leads the reader through a complex subject, a guide towards a clearer future for all.

Auf den Ohren…

Hörbücher haben mich auch während meiner kleinen Auszeit begleitet – da kann frau so schön die Augen schließen und entspannen 😉 „Als der Tag begann“ habe ich schon seit Beginn meiner Zeit als Bloggerin lesen wollen, habe aber bis jetzt nie Nägel mit Köpfen gemacht – warum eigentlich nicht?! „The Bling Ring“ von Sofia Coppola ist einer meiner Lieblingsfilme, und da ich Geschichten gerne mal von hinten aufrolle, inspirierte der Film mich diese Woche auch noch das dazugehörige Buch zu lesen.

51OGp6RrWjL._AA300_Als der Tag begann von Liz Murray… Schon als kleines Kind weiß Liz Murray, was es heißt, am Existenzminimum zu leben. Armut und Hunger bestimmen den Alltag ihrer Familie. Doch obwohl die Hippie-Eltern drogenabhängig sind, erleben Liz und ihre Schwester Lisa nicht nur Elend und Leid. Im Gegenteil, ihr Vater ist ein schräger, aber liebevoller Mensch, und er bringt seinen Töchtern bei, nicht auf das Geschwätz der Leute zu hören, sondern der Welt kritisch zu begegnen. Die Momente des Glücks sind dennoch kurz. Mit 15 ist Liz obdachlos, schwänzt die Schule und zieht mit anderen Kindern, die auch nirgends hingehören, durch die Straßen. Erst als ihre Mutter an Aids stirbt, wird Liz klar, dass sie so nicht enden will. Mit großer Willenskraft und einem Durchhaltevermögen, das sie selbst erstaunt, schafft sie mit 19 ihren Highschool-Abschluss und macht ihren Weg bis an die Eliteuniversität Harvard.

61rixBAtE9L._AA300_The Bling Ring von Nancy Jo Sales… The Bling Ring by Vanity Fair writer Nancy Jo Sales is an in-depth expose of a band of beautiful, privileged teenagers who were caught breaking into celebrity homes and stealing millions of dollars worth of valuables. With a list of victims that reads like a „Who’s Who“ of young Hollywood, including Lindsay Lohan, Orlando Bloom, Paris Hilton, and Rachel Bilson, The Bling Ring is the stuff of writers‘ imaginations—with one exception—it’s a true story. The media asked: Why would a group of kids who already had designer clothes, money, cars, and status take such risks? Award-winning journalist Nancy Jo Sales found the answer: They did it because they could. And because it was easy. The Bling Ring: How a Gang of Fame-Obsessed Teens Ripped Off Hollywood and Shocked the World is a shocking look at the seedy world of the real young Hollywood.

Neu im Regal…

Diese Woche gibt es zur Abwechslung mal wieder was zu berichten. Denn nach den Strapazen der letzten Woche hatte ich das Gefühl mir etwas gönnen zu dürfen – auch wenn ich streng genommen schon auf Weihnachtsgeschenke spare. Da ich im Zuge meiner netgalley Präsenz gerade eine ganze Horde neuer Autorinnen kennen lerne, wollte ich als Gegengewicht mal wieder alte Bekannten in mein eigenes Zimmer einladen. Die folgenden drei Autorinnen, haben mich in den letzten Jahren mit ihren Büchern unterhalten, berührt und begeistert.

51d0ClBxQZL._SX319_BO1,204,203,200_Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt von Jesmyn Ward… Jojo und seine kleine Schwester Kayla leben bei ihren Großeltern Mam and Pop an der Golfküste von Mississippi. Leonie, ihre Mutter, kümmert sich kaum um sie. Sie nimmt Drogen und arbeitet in einer Bar. Wenn sie high ist, wird Leonie von Visionen ihres toten Bruders heimgesucht, die sie quälen, aber auch trösten. Mam ist unheilbar an Krebs erkrankt, und der stille und verlässliche Pop versucht, den Haushalt aufrecht zu erhalten und Jojo beizubringen, wie man erwachsen wird. Als der weiße Vater von Leonies Kindern aus dem Gefängnis entlassen wird, packt sie ihre Kinder und eine Freundin ins Auto und fährt zur »Parchment Farm«, dem staatlichen Zuchthaus, um ihn abzuholen. Eine Reise voller Gefahr und Hoffnung. (Der erste Besuch war 2014 mit „Vor dem Sturm“.)

41UBw6bp1aL._SX311_BO1,204,203,200_Das Wunder von Emma Donoghue… Irland Mitte des 19. Jahrhunderts: In einem kleinen Dorf, dessen Bewohner tief im katholischen Glauben verwurzelt sind, staunt man über ein leibhaftiges Wunder. Seit vier Monaten hat die kleine Anna O’Donnell keine Nahrung zu sich genommen und ist doch durch Gottes Gnade gesund und munter. Die unglaubliche Geschichte lockt viele Gläubige an, aber es gibt auch Zweifler. Schließlich beauftragt man die resolute englische Krankenschwester Lib Wright, das elfjährige Mädchen zu überwachen. Auch ein Journalist reist an, um über den Fall zu berichten. Werden sie Zeugen eines ausgeklügelten Schwindels oder einer Offenbarung göttlicher Macht? (Der erste Besuch war 2011 mit „Raum“.)

51mdAGMBTBL._SX324_BO1,204,203,200_Today will be different von Maria Semple… Eleanor Flood knows she’s a mess. But today will be different. Today she will shower and put on real clothes. She will attend her yoga class after dropping her son, Timby, off at school. She’ll see an old friend for lunch. She won’t swear. She will initiate sex with her husband, Joe. But before she can put her modest plan into action – life happens. For today is the day Timby has decided to pretend to be ill to weasel his way into his mother’s company. It’s also the day surgeon Joe has chosen to tell his receptionist – but not Eleanor – that he’s on vacation. And just when it seems that things can’t go more awry, a former colleague produces a relic from the past – a graphic memoir with pages telling of family secrets long buried and a sister to whom Eleanor never speaks. (Der erste Besuch war 2014, während meiner Blogpause, mit „Wo steckst du, Bernadette“.)

Nur zu Besuch…

Als ich die dieswöchige Sonntagsleserin zu komponieren begann, hatte ich ein bisschen Angst nicht genügend Links zusammen zu kriegen – ich hab’s am Anfang des Beitrags ja schon angedeutet. Denn so viel Zeit habe ich nicht im Internet verbracht seitdem wir uns das letzte Mal lasen. Dann jedoch erinnerte ich mich daran, dass es nicht darum geht dich hier mit Links zu erschlagen, sondern einfach ein paar Perlen mit dir zu teilen, die du bei der Fülle an lesenswerten (ebenso wie völlig überflüssigen) Artikel im Internet sonst vielleicht übersehen hättest.

An dieser Stelle wird es für mich persönlich; seit dem Abi schlafe ich schlecht. Wenn mein Hausarzt mich fragt, dann komme ich auf sieben bis neun Stunden pro Nacht. Aber irgendwas stimmt trotzdem nicht – oder bilde ich mir das etwa nur ein?!

Diese Woche bin ich auf meinen Bummeltouren durch das WWW fast zufällig auf den Stoff-Künstler Benjamin Shine gestoßen und möchte dich an dieser Stelle zu einer Google  Bildersuche (oder auch DuckDuckGo, wenn dir deine Privatsphäre wichtig ist) auffordern – es lohnt sich!

Krank sein ist Mist, darauf können wir uns sicher einigen, Vitamin C nehmen soll da auch nicht viel helfen und mein Lieblings-Joghurt macht den Hals wund. Was ich mich in den letzten zwei Wochen immer wieder fragte war, was soll ich denn nun essen damit es mir endlich wieder besser geht?!

Diesen Artikel möchte ich dir diese Woche besonders ans Herz legen; ein feinfühliges Portrait einer jungen Berlinerin mit Down-Syndrom, ihr Leben und ihre große Liebe. Genau das richtige, um etwas herzliche Farbe in das spätherbstliche Grau zu bringen.

Wenn es, wie diese Woche leider wieder, draußen chronisch eklig ist, träume ich mich gerne an idyllische Orte. Hiermit lade ich dich ein, mich doch mal ein Stück auf meiner virtuellen Reise durch Deutschland und die Welt zu begleiten.

Diese Woche bin ich auf meinem Weg durch den Alltag mehrmals über den „Black Friday“ gestolpert – eine amerikanischen Rabattaktion, die ich bisher nur aus einer „New Girl“ Episode kannte. Ob wir Deutschen diese Shopping-Tradition so unbedarft übernehmen sollten, frage ich mich spätestens seit ich dieses Video geschaut habe – die spinnen, die Amerikaner. (Mein Tipp: ohne Ton laufen lassen und ganz in Ruhe online shoppen 😉 )

Genug geplaudert, meine liebe Leserin. Ich verabschiede mich nun fürs Erste in den Sonntag und wünsche Dir noch viel Spaß beim Lesen und Entdecken!

(Feminismen) Gegen die Objektifizierung von Mädchen durch die Medien…

Dieses Buch erreichte mich als persönliche Empfehlung im Fahrwasser von Natasha Walters „Living Dolls“. Eine Fortführung des Themas, dachte ich und irrte mich im Nachhinein zwar ein bisschen, griff damals aber beherzt zu, als Teil eines eBook Kaufrausches, der noch viele weitere Sachbücher in meinen Kindle speiste, die es allerdings noch zu lesen gilt…

41ydnyk7itl-_sx321_bo1204203200_In The Lolita Effect, university professor and journalist M G Durham offers new insight into media myths and spectacles of sexuality. Using examples from popular TV shows, fashion and beauty magazines, movies and websites, Durham shows for the first time all the ways in which sexuality is rigidly and restrictively defied in media – often in ways detrimental to girls‘ healthy development. Durham provides us with the tools to navigate this media world effectively without censorship or moralising, and then to help our girls to do so in strong and empowering ways.

Was ich erwartet hatte, als ich „The Lolita Effect“ zur Hand nahm, war eine feministische Abhandlung der Sexualisierung junger Mädchen, oft noch Kinder, durch das kapitalistische System. Was ich letztlich in Händen hielt war eher ein Ratgeber für Eltern von Mädchen jeden Alters, die es zu beschützen gilt, davor zu früh erwachsen zu werden. Jedes Kapitel besteht insofern aus einem Essay über die teuflischen Praktiken der Maketingmaschine, besonders in englischsprachigen Ländern, die unsere Töchter wahlweise zu kleinen Prinzessinnen oder möchte-gern Stripperinnen macht, unterfüttert mit reichlich Beispielen aus dem Spielwarenladen und einschlägigen Konsumtempeln. Was danach kommt sind praktische Tipps für Eltern und Erzieher, wie man junge Mädchen am effektivsten gegen die destruktiven Einflüssen von Bratz Dolls und Co. immunisieren kann.

Als kinderlose Frau habe ich an dieser Stelle, um ehrlich zu sein, eher über die erziehungswissenschaftlichen Passagen des Buchs hinweg gelesen. Die einleitenden Essays, welche das Problem an sich beschreiben sind jedoch höchst interessant, und das nicht nur für konsumkritische Mütter. „The Lolita Effect“ gibt dort praktische Tipps, wo Bücher wie zum Beispiel „Living Dolls“ das Problem lediglich beschreiben, es ihren Leserinnen dann aber selbst überlassen gegenzusteuern. Viele bestürzte Mütter und Väter (sofern diese emanzipiert genug sind Natasha Walters Buch zu lesen 😉 ) dürften jedoch nicht wissen, wie sie als scheinbar machtlose Endverbraucher gegen Konzerne ankommen, die String-Tangas an Mädchen im Kindergartenalter zu vermarkten versuchen. M.G. Durham greift diesen Leserinnen mit ihrem Buch etwas unter die Arme, indem sie ihnen zeigt wie man sich gegen diese besorgniserregende Entwicklung wehren kann.

Doch „The Lolita Effect“ will nicht nur Eltern befähigen sich gegen destruktive Trends in den Medien zur Wehr zu setzen, sondern hofft über diese auch deren Kinder zu erreichen – vor allem natürlich die Mädchen, schließlich wird diese Schlammschlacht der Medien auf deren Rücken und mit ihren Körpern ausgetragen. Meiner Meinung nach könnten allerdings auch Jungen gut daran tun sich mit Hilfe erzieherischer Anleitung zu vergegenwärtigen, dass die Mädchen und Frauen in den Medien nicht der Wirklichkeit entsprechen. Denn meiner Meinung nach wird die Wirkung der Prinzessin vs. Lolita Dichotomie auf das spätere Frauenbild von Jungen, die unweigerlich zu Männern heranwachsen, die sich in der Regel mit Klauen und Zähnen gegen die Reformation vorgefertigter Geschlechter-Stereotypen wehren, oft nach wie vor drastisch unterschätzt, bzw. weitläufig herunter gespielt. Diesen überaus wichtigen Ansatz der Medienaufklärung versäumt „The Lolita Effect“ jedoch leider.

Insgesamt erfüllt „The Lolita Effect“ seine eigenen Ansprüche, nämlich das Problem der Sexualisierung von Mädchen in seinen vielen Facetten anzusprechen und Eltern Strategien anzubieten, um den destruktiven Effekt dieser frühen Sexualisierung abzumildern. Was das Buch nicht tut ist das Problem an sich zu bekämpfen, indem es Eltern zum Beispiel dazu anhält Kindern beider Geschlechter einen gesunden Umgang mit Medien zu vermitteln. Insofern dient es als gut gemeinter Ansatz, geht meines Erachtens aber nicht weit genug in Richtung einer Lösung, die zukünftige Generationen von Mädchen (und Jungen) vor sexistischer Indoktrinierung durch die Medien schützen könnte. Ich würde trotzdem nicht so weit gehen, Eltern von diesem Buch abzuraten, da ein Tropfen auf den heißen Stein zwar schnell verdampft – wenn wir alle jedoch unsere individuellen Tropfen auf eben diesen heißen Stein fallen lassen, werden wir es am Ende vielleicht doch schaffen ihn etwas abzukühlen.

The Lolita Effect – M.G. Durham – ISBN 978.1.590.20063.6

Für Leserinnen, die…

  • …ihren Töchtern Zeit geben wollen im eigenen Tempo erwachsen zu werden.
  • …nicht tatenlos zusehen wollen, während String Tangas für Kindergartenkinder verkauft werden.
  • …sich von der Indoktrinierung (junger Mädchen) durch die Medien emanzipieren wollen.

Am besten kombiniert mit…

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(Die Sonntagsleserin) Gemütlichkeit komm raus, du bist umzingelt..!

Die ersten drei Tage der vergangenen Woche verbrachte ich damit mir (inspiriert von meiner HörLektüre) in den Hintern zu treten. Ich habe aus vollem Hals gesungen, getanzt als schaue keiner zu – wer Katzen hat weiß, die schauen immer zu, besonders dann wenn getanzt wird – mir die Zeit genommen interessante Beiträge zu liken und zu kommentieren, Comedy auf YouTube gestreamt und mir so nach und nach ein bisschen von der Lebensfreude der Sommermonate (im übertragenen Sinn) zurück erobert. Dann verknackste sich meine Wirbelsäule – kein Grund zur Beunruhigung, passiert mir öfter, war wohl ein bisschen zu viel Tanzen – und die nächsten drei Tage gab es für mich dann vor allem Kerzenschein, Kuscheldecke und Puddingcreme – es gibt schlimmeres 😉

Vor den Augen…

Ich bin weiterhin damit beschäftigt mein netgalley Konto in die schwarzen Zahlen zu wuchten. Bei diesen Büchern würde ich das jedoch nicht direkt als Arbeit bezeichnen. Trotzdem möchte ich im nächsten Monat mal wieder Backlist lesen, auch wenn ich mir noch nicht so ganz sicher bin, ob ich den dezemberschen Neuerscheinungen werde widerstehen können.

cover122515-mediumThe Word for Woman is Wilderness von Abi Andrews… Erin is 19. She’s never really left England, but she has watched Bear Grylls and wonders why it’s always men who get to go on all the cool wilderness adventures. So Erin sets off on a voyage into the Alaskan wilderness, a one-woman challenge to the archetype of the rugged male explorer. As Erin’s journey takes her through the Arctic Circle, across the entire breadth of the American continent and finally to a lonely cabin in the wilds of Denali, she explores subjects as diverse as the moon landings, the Gaia hypothesis, loneliness, nuclear war, shamanism and the pill.

cover120129-mediumNo Time to Spare von Ursula K. LeGuin… Ursula K. Le Guin has taken readers to imaginary worlds for decades. Now she’s in the last great frontier of life, old age, and exploring new literary territory: the blog, a forum where her voice—sharp, witty, as compassionate as it is critical—shines. No Time to Spare collects the best of Ursula’s blog, presenting perfectly crystallized dispatches on what matters to her now, her concerns with this world, and her wonder at it; On the absurdity of denying your age, on cultural perceptions of fantasy, on her new cat, on breakfast and on all that is unknown, all that we discover as we muddle through life.

cover120828-mediumFolk von Zoe Gilbert… On a remote and unforgiving island lies a village unlike any other: Neverness. A girl is snatched by a water bull and dragged to his lair, a babe is born with a wing for an arm and children ask their fortunes of an oracle ox. While the villagers live out their own tales, enchantment always lurks, blighting and blessing in equal measure. Folk is a dark and sinuous debut circling the lives of one generation. In this world far from our time and place, the stories of the islanders interweave and overlap, their own folklore twisting fates and changing lives.

Auf den Ohren…

Diese Woche habe ich mich in die Lebensphilosophien naher und ferner Länder vertieft. Und auch wenn sich die Konzepte für Lebensfreude und Achtsamkeit teilweise ein bisschen widersprechen, habe ich doch das Gefühl einiges darüber gelernt zu haben wie man das Leben genießt (hygge), sich verantwortungsvoll verhält (lagom) und seinen persönlichen Daseinszweck im Leben verfolgt (ikigai).

51DtsfFBb0L._AA300_Hygge: Ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht von Meik Wiking… Hygge ist ein dänisches Wort mit vielen Bedeutungen, von „Kunst der Innigkeit“ über „Gemütlichkeit der Seele“ und „Abwesenheit jeglicher Störfaktoren“ bis hin zu „Freude an der Gegenwart beruhigender Dinge“, „gemütliches Beisammensein“ oder gar „Kakao bei Kerzenschein“. Hygge ist warmes Licht und ein kuscheliges Sofa, Picknicken im Sommer und Glögg trinken im Winter. Und Hygge ist eine Haltung, die man lernen kann! Meik Wiking leitet das Kopenhagener Institut für Glücksforschung und ist damit der kompetenteste Absender zum Thema „Glücklich Leben“.

51QZQJbexjL._AA300_Lagom: Not too little, not too much von Niki Brantmark… Derived from the Swedish phrase Lagom är bäst, meaning „the right amount is best; in moderation, in balance“, langom is a deeply held philosophy closely tied to the Swedish cultural and social ideology of fairness and equality. Deeply ingrained in the Swedish psyche, lagom is about enjoying balance in every aspect of life – from work and leisure to family and food and everything in between. In this inviting, inspirational guide, Niki Brantmark explains lagom and explains how to incorporate it into your own lifestyle. In an interconnected world filled with goal-oriented perfectionists, Lagom reminds us to slow down, to decompress and destress, to be mindful of sustainability yet not deny ourselves pleasure. But lagom is not a rigid set of rules – sometimes you need more, sometimes you need less, and that’s fine, too!

51MoTWxSQ8L._AA300_Ikigai: Gesund und glücklich hundert werden von Héctor Gracía und Fransesc Miralles… Worin liegt es, das Geheimnis für ein langes Leben? Den Japanern zufolge hat jeder Mensch ein Ikigai. Ikigai ist das, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen, oder auch ganz einfach: »der Sinn des Lebens«. Das Ikigai ist in uns verborgen, und wir müssen geduldig forschen, um es zu finden. Gelingt es uns, haben wir die Chance, gesund und glücklich alt zu werden. Vorbild hierfür sind die Einwohner der japanischen Insel Okinawa, auf der die meisten Hundertjährigen leben. Eine kleine Offenbarung sind die zahlreich eingeflochtenen Erzählungen der Hundertjährigen, die ihr Ikigai-Geheimnis preisgeben. Eine Offenbarung für jeden, der auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist und für den Gesundheit ein hohes Gut ist.

Neu im Regal…

Letzte Woche habe ich in Folge meiner Anmeldung bei netgalley.com, bzw. netgalley.co.uk ein bisschen die Kontrolle verloren und einen ganzen Haufen Bücher angefordert, die nun erst einmal gelesen werden wollen. Daher habe ich mich diese Woche mal ausnahmsweise zusammen gerissen und keine neuen Bücher gekauft oder angefragt – auch wenn es schwer fiel.

Nur zu Besuch…

Wenn es um Feminismus geht, dann geht es leider zwangsläufig auch um strukturelle Ungerechtigkeit, systematische Diskriminierung, Gewalt und viele andere Dinge, die wir nur ändern können, wenn wir uns mit ihnen auseinandersetzen, die frau aber auch gehörig den Tag versauen können. Deshalb habe ich mich diese Woche mal dafür entschieden mich ganz und gar auf Links zu konzentrieren, die mich fröhlich stimmen, mich inspirieren und mir den Glauben daran zurück geben, dass die Welt eigentlich ganz in Ordnung ist und die meisten Menschen – sogar Männer 😉 – sich bemühen in Harmonie mit ihrem Umfeld zu leben.

Du verzweifelst mal wieder an dir selbst und der Welt – alles halb so schlimm, meint Edition F. Denn die Generation Y ist gar nicht so schlecht wie ihr Ruf. Noch nicht überzeugt, dann schau dir mal diese Tipps für mehr Wertschätzung an. Ebenfalls interessant ist diese Liste der weltweit entspanntesten Städte – vielleicht ist deine Stadt ja auch dabei.

Wer Gutes tut, der sollte belohnt werden. Das dachte sich auch ein amerikanischer Unternehmer und machte einem völlig Fremden kurzerhand ein überaus großzügiges Geschenk. Mein Glaube an die Menschheit ist für’s erste gerettet 😉

Eine gute Nachricht für intersex Kinder und ihre Eltern, ab 2018 muss in Deutschland nach der Geburt nicht mehr zwischen männlich und weiblich entschieden werden. Wir sind damit an der Spitze einer Entwicklung, die sich hoffentlich in anderen europäischen Ländern fortsetzen wird.

Zum Thema Geschlechtervielfalt und Rollenvorbilder für eine heranwachsende Mädchengeneration, hat sich diese Woche die amerikanische Sängerin P!nk zu Wort gemeldet. Immer für ein politisches Statement gut, trifft sie den Nagel auf den Kopf.

Verliebte Löwen in Südafrika, bzw. liebestolle Löwen in Kenia und anderswo beweisen Geschmack und entscheiden sich für den Partner mit der schönsten Frisur, absolut nachvollziehbar wenn du mich fragst. Da sieht frau mal wieder, dass auch wilde Katzen ganz zart sein können. Lange Rede, kurzer Sinn: Some lions are gay – deal with it!

Mauritius hat seine erste Präsidentin gewählt! Und auch wenn du jetzt vielleicht denkst, das ist aber weit weg, finde ich es doch immer erwähnenswert, wenn die höchste gläserne Decke zerbirst – egal wo.

Diese Woche räumen gleich zwei Sportskanonen mit dem Vorurteil des schwachen Mädchens auf. Der New York Marathon, seit Jahren in Frauenhand, setzt diese Tradition fort. Zu Hause in Europa meisterte eine Österreicherin als erste Frau eine der schwersten Kletterrouten der Welt. Ich sage nur, Mädels in die Laufschuhe und an die Kletterwand!

Diese Woche feiern wir eine der beeindruckendsten Frauen der Wissenschaftsgeschichte. In einer Zeit ohne Tod wäre Mary Curie am Dienstag nämlich 150 Jahre alt geworden! Der Scientific American gratuliert auf eine Weise, die der Chemikerin und Physikerin sicher gefallen hätte.

Greta Gerwig, bekannt für ihre Rollen in Indie-Filmen, wie z.B. „Frances Ha“ und „Mistress America“ hat ihren ersten Film gedreht und der bricht jetzt schon Rekorde. Eine weitere kreative Überfliegerin ist übrigens die 19-Jährige Amanda Gorman, von der geneigte Leserinnen in Zukunft sicher mehr hören werden.

Wenn du jetzt auf den lebensbejahenden Geschmack gekommen bist, empfehle ich dir ein Abo des (britischen) Positive News Magazine.

Genug geplaudert, meine liebe Leserin. Ich verabschiede mich nun fürs Erste in den Sonntag und wünsche Dir noch viel Spaß beim Lesen und Entdecken!

(Neuerscheinung) Eine Reise in die Abgründe der menschlichen Natur…

Auch wenn es bei der Flut an Katastrophen und Ungerechtigkeit in dieser Welt der psychischen Gesundheit sicher zuträglich wäre, schaffe ich es einfach nicht wegzuschauen, wenn irgendwo jemandem ein Leid zugefügt wird, und besonders dann wenn dieses Leid struktureller Ungerechtigkeit und strafrechtlichen Schlupflöchern entwächst. Dass ich dieses Buch lesen würde, so unangenehm und aufrüttelnd es auch werden würde, stand für mich also niemals in Frage…

cover123202-mediumPimp-controlled sex workers, exploited migrants, domestic servants, and sex trafficking of runaway and homeless youth are just a few of the many forms of sex trafficking and labor trafficking going on all around the world―including in the United States. This book exposes both well-known and more obscure forms of human trafficking, documenting how these heinous crimes are encountered in our daily lives.

Kimberly Mehlman-Orozco beginnt ihren Aufklärungsauftrag zum Thema Menschenhandel und moderne Sklaverei mit einer Bombe; Menschenhandel nämlich ist im 21. Jahrhundert das – nicht eines, DAS! – wohl lukrativste Verbrechen der Welt. Die Risiken, bzw. Strafen sind gering, der Profit ist groß, wenn nicht sogar astronomisch. Egal welchem Zweck der Handel mit, bzw. die Ausbeutung von Menschen dient, es gilt die Devise: verkaufe ich ein Produkt, bringt dieses nur einmal Gewinn, verkaufe ich hingegen einen Menschen, setzt sich der Gewinn theoretisch bis zu dessen Ableben fort – so formuliert es zumindest die Autorin. Die Berichterstattung zum Thema gibt ihr leider recht – Menschenhandel liegt im Trend und das obwohl man als aufgeklärte Europäerin eigentlich meinen könnte, die Zeiten der Sklaverei seien vorbei.

Ich hatte nicht damit gerechnet in diesem Buch etwas mir vollkommen neues zu lesen und las es vor allem um bestehendes Halbwissen zu vertiefen; und doch bin ich bis ins Mark erschüttert, jedes Mal, wenn ich gegen Ende des Tages das Buch aus der Hand lege. Kimberly Mehlman-Orozco schildert die gravierenden Menschenrechtsverletzungen im Detail mit genug Fallbeispielen um mir den Magen mit Blei zu füllen. Wie kann das in den Tagen von amnesty international und UN Menschenrechtskonvention bloß noch geschehen, und wie kann es sein, dass westliche Industrienationen diese Form der Ausbeutung, zum Beispiel durch die Kooperation mit resourcenansässigen Partnern multinationaler Konzerne auch noch befeuern – ganz zu Schweigen von den unzähligen Männern, die im In- und Ausland Prostitution in Anspruch nehmen und so einen Markt kreieren, der sich jedem Regulierungsversuch widersetzt und von der organisierten Kriminalität nicht trennbar zu sein scheint.

Den ersten Teil ihrer kriminologischen Odyssee widmet die Autorin der wohl schlimmsten und menschenverachtendsten Form der Sklaverei – sofern es innerhalb dieser Menschenrechtsverletzung überhaupt möglich ist eine Hierarchie der Misshandlung zu etablieren – der Sklaverei zwecks sexueller Dienstleistungen. Wer schon einmal die EMMA gelesen hat, dürfte darüber im Bilde sein, dass diese Form der Versklavung von Frauen und Mädchen, manchmal auch Jungen, im Deutschland nach der Legalisierung von Prostitution, Zuhälterei und Bordellbetrieb Hochkonjunktur hat. Insofern ist auch einer der Lösungsvorschläge der Autorin für die trafficking-Krise in den USA, nämlich die Legalisierung von Prostitution und Sexkauf, der deutschen, bzw. europäischen Erfahrung nach etwas zu kurz gedacht und leider ein bisschen oberflächlich recherchiert.

Im zweiten Teil geht es um die Versklavung von Arbeitskräften, oft auch Kinder und Jugendliche, vor allem in der hiesigen Landwirtschaft als Saisonarbeiter, in der indischen Textil- und der afrikanischen Kakaoindustrie. Doch diese Fußtritte gegen die Menschenrechte finden eben nicht nur weit weg, in Amerika oder gar Entwicklungs-, bzw. Schwellenländern statt, denen sich Europa seit jeher moralisch überlegen fühlt, sondern auch vor der Haustür. Eines der Beispiele, welche die Autorin in ihrem Buch bringt, kenne ich so auch aus dem deutschen Raum, nämlich die Drückerkolonne. Hier wird auch mir als Laie bewusst, wie schnell ein Mensch in ein Arbeitsverhältnis rutschen kann, in dem er letztlich versklavt wird. Wie auch in der Zwangsprostitution werden „Drücker“ aus ihrem gewohnten Umfeld entfernt und mittels vorgeblicher Schulden, bzw. unerfüllter Verkaufsquoten von ihren Vorgesetzten abhängig gemacht.

Das Entkommen aus einem solchen Arbeitsverhältnis schildert Kimberly Mehlman-Orozco als ähnlich schwer, wie die Flucht aus einer Sekte, und je nach Arbeitgeber als ebenso gefährlich. Scheidende Mitarbeiter werden ohne einen Pfennig in fremden Städten ausgesetzt, am liebsten meilenweit vom eigentlichen Zuhause – alles ganz legal übrigens, was es dem Staat fast unmöglich macht diese Art von Ausbeutung strafrechtlich zu verfolgen. Selbst klassische Menschenhändler, beispielsweise in der Prostitution, müssen selten Gefängnisstrafen fürchten, da sie ihre Opfer in der überwiegenden Mehrheit emotional von sich abhängig und so zu Mittäterinnen machen, zumindest vor dem Gesetz. Auch sind die schwer traumatisierten Opfer der Menschenhändler in der Regel schlechte Zeugen, durch störungsbedingte Gedächtnis- und Affekteinbrüche – all dies und mehr schildert Kimberly Mehlman-Orozco in ihrem Buch „Hidden In Plain Sight“.

Doch nicht nur die Opfer des internationalen Menschenhandels kommen zu Wort, auch die Täter steuern in „Hidden in Plain Sight“ ihre Sicht auf das Verbrechen und seine Auswirkungen auf die Betroffenen bei, ebenso wie diejenigen Männer, die zum Beispiel Endverbrauer der Zwangsprostitution von Frauen und Kindern darstellen. Diese Männer stellen zwei ganz unterschiedliche Tätergruppen dar, diejenigen welche das Verbrechen begehen und solche, die ihnen dabei zuschauen ohne jedoch einzugreifen, man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass sie durch ihre Nachfrage die Basis für den Markt erst schaffen. Von Kimberly Mehlman-Orozco werden sie innerhalb des Buchs mit einem Respekt, bzw. einer Wertfreiheit behandelt, die ich als nicht-Wissenschaftlerin beim besten Willen nicht nachvollziehen kann. Die interviewten Männer, die sich selbst als „Hobbyisten“ bezeichnen, als wäre das Konsumieren von Menschen mit dem Sammeln von Briefmarken gleichzusetzen, lassen mich an einer angeborenen Empathiefähigkeit beider Geschlechter füreinander zweifeln.

Wem schnell mal die Galle überkocht, die sollte vor der Lektüre von „In Plain Sight“ den Spucknapf bereit halten. Denn eine himmelschreiende Ungerechtigkeit folgt auf die nächste. Der Polizei scheinen gleichzeitig die Hände gebunden zu sein, während hochrangige Strafverfolger mehr daran interessiert sind, wie eventuelle Razzien und Gerichtsverfahren in der Presse gefeiert werden, auch wenn sie den Opfern keine Gerechtigkeit bringen und den Verbrechenssumpf Menschenhandel nicht trocken legen. So beende ich meine Lektüre, ohne ein Gefühl der Genugtuung, aber mit dem Wissen dass sich etwas ändern muss. Die Lösungsansätze, die Kimberly Mehlman-Orozco hier und da einstreut scheinen mir zu oberflächlich. Doch was soll man machen, wenn der Fehler scheinbar im System liegt.

Hidden in Plain Sight: Americas Slaves of the New Millennium – Kimberly Mehlman-Orozco – ISBN 978.1.440.85403.3 (https://mehlmanorozco.com/)

Für Leserinnen, mit sozialem Gewissen…

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Vom Untertauchen und Verschwinden, und dem, was übrig bleibt…

Auf diesen Roman bekam ich spontan Lust, als ich ihn im Twitterfeed einer Bloggerkollegin sah. Zunächst beneidete ich sie um ihre Lektüre, dann ging mir auf – das Buch hast du doch selbst im Regal; und schon hatte ich es mir geschnappt und bin für zwei Tage ganz und gar darin abgetaucht. Jetzt allerdings hole ich endlich Atem…

9783961010073_coverMilla und Jan kennen sich seit Kindertagen. In einem heißen Sommer fahren sie gemeinsam mit Jans Freundin Kristina ans Meer. Drei Tage lang schweben sie zwischen Angst, Liebe und Sehnsucht. Bis sich alles bei einem heftigen Gewitter katastrophal entlädt. Jan überlebt nicht. Vier Jahre später sind Milla und die kleine Emma an einem kalten Morgen durch die große Stadt unterwegs. Da findet Milla etwas, das sie an Jan erinnert und stellt sich endlich der Vergangenheit.

Während ich lese, läuft im Hintergrund die Spotify Playlist „Maximale Konzentration“ und die Melancholie der Klavierakkorde, verbunden mit der zeitweisen Schwermütigkeit des Textes führt fast dazu, dass mir während der Lektüre Tränen die Wangen hinunter laufen. Letztlich kann ich mich dann doch zusammen reißen und meine Anteilnahme an den Problemen der Hauptfigur auf ein für mich als Leserin angenehmeres Niveau herunter schrauben. Meine für mich persönlich ganz untypische emotionale Verbundenheit mit dem Text bleibt jedoch über die Dauer der Lektüre bestehen. Sie fügt meinem Leseerlebnis eine Dimension hinzu, die ich im Nachhinein nicht missen möchte und in meiner Folgelektüre „Das Rauschen in unseren Köpfen“ zu wiederholen versuche, was mir aber leider nicht in dieser Weise gelingt.

Die Geschichte von Milla, ihrem besten Freund Jan und dessen Freundin Kristina nimmt nur langsam Fahrt auf. Ich werde zunächst einmal Zeugin von Alltagsverrichtungen, die für den weiteren Verlauf der Handlung konsequenzlos scheinen, gleichzeitig aber auch schon am Anfang der Geschichte einige Fragen aufwerfen, mit deren Beantwortung sich die Autorin Zeit lässt. Kein Problem, Frau Pousset, ich habe Zeit mitgebracht und bin nicht ungeduldig – der Weg ist das Ziel, oder so ähnlich. Also übe ich mich in Achtsamkeit und schaue der Handlung dabei zu, wie sie sich Stück für Stück entfaltet, wie ein sich herbstlich entlaubender Baum; und denke mir dabei, dass „Schwimmen“ vom Ton her und trotz der im französischen Sommer verorteten Rückblenden, im Grunde das perfekte Buch für diese nass-kalte Übergangszeit ist. Denn während ich es lese fühle auch ich mich irgendwie nass-kalt und klamm, natürlich vor allem innerlich, sitze ich doch in der warmen Stube, mit meinem Buch auf dem Schoß und dem Dampf heißen Tees im Gesicht.

Die verkappte Dreiecksgeschichte zwischen Milla, Jan und Kristina wird in Rückblenden erzählt, die wie Blitzeinschläge in schwärzester Nacht die Handlung teilen, oft ganz abrupt. Shakespearsche Dramen spielen sich ab in Millas Kopf, während sie Jan und Kristina dabei zuhört, wie sie im Ferienhaus ankommen, das sich die drei über den Sommer teilen werden. Auch nach Monaten in denen die beiden eher sporadisch Kontakt hatten, lässt Milla alles stehen und liegen, lässt ihre Pariser Freunde und Kommilitonen zurück, sobald Jan anruft. Nur sind sie diesen Sommer eben nicht alleine und Milla stört dies letztlich doch um einiges mehr als sie anfangs von sich dachte. Als Leserin denke ich, da haben sich zwei verpasst, wie schade. Dann wiederum denke ich, warum müssen aus Jugendfreunden eigentlich immer Liebesbeziehungen werden, besonders in Debütromanen?!

Als die Drei nach einem Tag am Strand, anschließender rasanter Wetterflucht und Millas dramatischem Sturz vom Fahrrad, auf dem Weg zurück zum Ferienhaus, dann vollkommen unerwartet und uneingeleitet zusammen unter der Dusche landen, bekomme ich als Leserin den Eindruck meine Generation, zu der auch die Autorin Sina Pousset gehört, hat zu viele Pornos geschaut. Alles an dieser Szene schreit Männerfantasie, auch wenn sie zunächst lediglich die zwei jungen Frauen einschließt – doch der Männerblick kommt für die meisten von uns Frauen jenseits der Pubertät schließlich auch von innen. Gleichzeitig fühle ich mich an das französische arthouse Kino der frühen 00er Jahre erinnert; nur dass die Franzosen es irgendwie besser hinkriegen, wie beiläufig die Taboos brechen, die für meine Lesergeneration schon lange keine mehr sind.

Eine ganz andere Art Dreiecksgeschichte, weniger Drei-X Geschichte und mehr Patchwork-Familie wider Willen oder zumindest wider Erwarten, ist die Beziehung zwischen Milla, ihrem Ziehkind Emma und der am Leben und an sich selbst leidenden Kristina. Diese scheint nach allem, was in diesem alles verändernden und alles in Frage stellenden französischen Sommer passiert ist, ihre anfängliche Freigeistigkeit eingebüßt zu haben. Sichtlich verzweifelt klammern sich die beiden Frauen aneinander und versuchen der Willkür des Schicksals einen Sinn zu geben. Dass Sina Poussett all diese Trauerarbeit erst vier Jahre nach dem eigentlichen Trauerfall geschehen lässt, finde ich im Nachhinein etwas unglücklich komponiert. Während der Lektüre allerdings war ich zu beschäftigt mit dem hin und her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, um inne zu halten, meinen Rezensentinnen-Hut aufzusetzen und kritisch zu reflektieren.

Während die Binnenerzählung um Jan eine Unmenge an erzählerischem und gedanklichem Raum einnimmt, kommt die, aus der Tragödie erwachsene, Frauenfreundschaft zwischen den ehemaligen Rivalinnen Milla und Kristina meiner Meinung nach etwas zu kurz; scheint wenig mehr als ein nachträglicher Gedanke. Auch Jahre nach seinem abrupten wie unerklärten Verschwinden aus dem Leben der beiden Frauen, ist Jan der Dreh- und Angelpunkt ihres Erlebens und Fühlens. Seine Erinnerung nimmt den Raum von zwei Figuren ein, nimmt Milla und Kristina den Raum zum Atmen. Sein Echo bestimmt ihren Alltag, der im Grunde nur aus Warten zu bestehen scheint. Milla wartet darauf, dass Kristina sich endlich berappelt und Verantwortung übernimmt. Kristina wartet darauf, dass die Erinnerung, dass das Wachsein, das sich bewusst werden, weniger schmerzt. Ich warte darauf, dass Sina Pousset mir endlich die ganze Geschichte erzählt, und dass die heimliche Hauptfigur Jan die beiden Frauen schließlich gehen lässt in eine Zukunft, in der er nicht mehr wie eine Wolke alle lichten Momente verdunkelt.

Sina Pousset spielt mit emotionalen Zuständen, sowohl denen der Figuren als auch denen dieser Leserin, wie der Mond mit den Gezeiten oder eine satte Katze mit einer Maus. Sie zieht mich in die Geschichte, lässt mich den Figuren ganz nahe kommen, nur um mich in dem Moment in dem ich glaube sie zu kennen, vor den Kopf zu stoßen. Sie stürzt ebendiese Figuren in einen Abgrund der Trauer, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Wie bloß soll es weitergehen mit den beiden jungen Frauen, frage ich mich voller Mitleid. Sina Poussett beschreibt in ihrem Debütroman „Schwimmen“ die Stille nach dem Schuss. Mir pfeifen die Ohren, während die Figuren noch damit beschäftigt sind sich gegenseitig nach Wunden abzusuchen. Diese Wundensuche fördert unangenehmes zu Tage; „Schwimmen“ ist kein Wohlfühlroman, aber am Ende (der Lektüre) geht das Leben trotzdem weiter, irgendwie.

Schwimmen – Sina Pousset – ISBN 978.3.961.01007.3

Für Leserinnen, die…

  • …an alten Lasten schwer zu tragen haben.
  • …Verantwortung übernehmen, für diejenigen, die sie lieben.
  • …neugierig sind auf die junge deutsche Gegenwartsliteratur.

Literarische Nachbarinnen…

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