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(Die Sonntagsleserin) Gemütlichkeit komm raus, du bist umzingelt..!

Die ersten drei Tage der vergangenen Woche verbrachte ich damit mir (inspiriert von meiner HörLektüre) in den Hintern zu treten. Ich habe aus vollem Hals gesungen, getanzt als schaue keiner zu – wer Katzen hat weiß, die schauen immer zu, besonders dann wenn getanzt wird – mir die Zeit genommen interessante Beiträge zu liken und zu kommentieren, Comedy auf YouTube gestreamt und mir so nach und nach ein bisschen von der Lebensfreude der Sommermonate (im übertragenen Sinn) zurück erobert. Dann verknackste sich meine Wirbelsäule – kein Grund zur Beunruhigung, passiert mir öfter, war wohl ein bisschen zu viel Tanzen – und die nächsten drei Tage gab es für mich dann vor allem Kerzenschein, Kuscheldecke und Puddingcreme – es gibt schlimmeres 😉

Vor den Augen…

Ich bin weiterhin damit beschäftigt mein netgalley Konto in die schwarzen Zahlen zu wuchten. Bei diesen Büchern würde ich das jedoch nicht direkt als Arbeit bezeichnen. Trotzdem möchte ich im nächsten Monat mal wieder Backlist lesen, auch wenn ich mir noch nicht so ganz sicher bin, ob ich den dezemberschen Neuerscheinungen werde widerstehen können.

cover122515-mediumThe Word for Woman is Wilderness von Abi Andrews… Erin is 19. She’s never really left England, but she has watched Bear Grylls and wonders why it’s always men who get to go on all the cool wilderness adventures. So Erin sets off on a voyage into the Alaskan wilderness, a one-woman challenge to the archetype of the rugged male explorer. As Erin’s journey takes her through the Arctic Circle, across the entire breadth of the American continent and finally to a lonely cabin in the wilds of Denali, she explores subjects as diverse as the moon landings, the Gaia hypothesis, loneliness, nuclear war, shamanism and the pill.

cover120129-mediumNo Time to Spare von Ursula K. LeGuin… Ursula K. Le Guin has taken readers to imaginary worlds for decades. Now she’s in the last great frontier of life, old age, and exploring new literary territory: the blog, a forum where her voice—sharp, witty, as compassionate as it is critical—shines. No Time to Spare collects the best of Ursula’s blog, presenting perfectly crystallized dispatches on what matters to her now, her concerns with this world, and her wonder at it; On the absurdity of denying your age, on cultural perceptions of fantasy, on her new cat, on breakfast and on all that is unknown, all that we discover as we muddle through life.

cover120828-mediumFolk von Zoe Gilbert… On a remote and unforgiving island lies a village unlike any other: Neverness. A girl is snatched by a water bull and dragged to his lair, a babe is born with a wing for an arm and children ask their fortunes of an oracle ox. While the villagers live out their own tales, enchantment always lurks, blighting and blessing in equal measure. Folk is a dark and sinuous debut circling the lives of one generation. In this world far from our time and place, the stories of the islanders interweave and overlap, their own folklore twisting fates and changing lives.

Auf den Ohren…

Diese Woche habe ich mich in die Lebensphilosophien naher und ferner Länder vertieft. Und auch wenn sich die Konzepte für Lebensfreude und Achtsamkeit teilweise ein bisschen widersprechen, habe ich doch das Gefühl einiges darüber gelernt zu haben wie man das Leben genießt (hygge), sich verantwortungsvoll verhält (lagom) und seinen persönlichen Daseinszweck im Leben verfolgt (ikigai).

51DtsfFBb0L._AA300_Hygge: Ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht von Meik Wiking… Hygge ist ein dänisches Wort mit vielen Bedeutungen, von „Kunst der Innigkeit“ über „Gemütlichkeit der Seele“ und „Abwesenheit jeglicher Störfaktoren“ bis hin zu „Freude an der Gegenwart beruhigender Dinge“, „gemütliches Beisammensein“ oder gar „Kakao bei Kerzenschein“. Hygge ist warmes Licht und ein kuscheliges Sofa, Picknicken im Sommer und Glögg trinken im Winter. Und Hygge ist eine Haltung, die man lernen kann! Meik Wiking leitet das Kopenhagener Institut für Glücksforschung und ist damit der kompetenteste Absender zum Thema „Glücklich Leben“.

51QZQJbexjL._AA300_Lagom: Not too little, not too much von Niki Brantmark… Derived from the Swedish phrase Lagom är bäst, meaning „the right amount is best; in moderation, in balance“, langom is a deeply held philosophy closely tied to the Swedish cultural and social ideology of fairness and equality. Deeply ingrained in the Swedish psyche, lagom is about enjoying balance in every aspect of life – from work and leisure to family and food and everything in between. In this inviting, inspirational guide, Niki Brantmark explains lagom and explains how to incorporate it into your own lifestyle. In an interconnected world filled with goal-oriented perfectionists, Lagom reminds us to slow down, to decompress and destress, to be mindful of sustainability yet not deny ourselves pleasure. But lagom is not a rigid set of rules – sometimes you need more, sometimes you need less, and that’s fine, too!

51MoTWxSQ8L._AA300_Ikigai: Gesund und glücklich hundert werden von Héctor Gracía und Fransesc Miralles… Worin liegt es, das Geheimnis für ein langes Leben? Den Japanern zufolge hat jeder Mensch ein Ikigai. Ikigai ist das, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen, oder auch ganz einfach: »der Sinn des Lebens«. Das Ikigai ist in uns verborgen, und wir müssen geduldig forschen, um es zu finden. Gelingt es uns, haben wir die Chance, gesund und glücklich alt zu werden. Vorbild hierfür sind die Einwohner der japanischen Insel Okinawa, auf der die meisten Hundertjährigen leben. Eine kleine Offenbarung sind die zahlreich eingeflochtenen Erzählungen der Hundertjährigen, die ihr Ikigai-Geheimnis preisgeben. Eine Offenbarung für jeden, der auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist und für den Gesundheit ein hohes Gut ist.

Neu im Regal…

Letzte Woche habe ich in Folge meiner Anmeldung bei netgalley.com, bzw. netgalley.co.uk ein bisschen die Kontrolle verloren und einen ganzen Haufen Bücher angefordert, die nun erst einmal gelesen werden wollen. Daher habe ich mich diese Woche mal ausnahmsweise zusammen gerissen und keine neuen Bücher gekauft oder angefragt – auch wenn es schwer fiel.

Nur zu Besuch…

Wenn es um Feminismus geht, dann geht es leider zwangsläufig auch um strukturelle Ungerechtigkeit, systematische Diskriminierung, Gewalt und viele andere Dinge, die wir nur ändern können, wenn wir uns mit ihnen auseinandersetzen, die frau aber auch gehörig den Tag versauen können. Deshalb habe ich mich diese Woche mal dafür entschieden mich ganz und gar auf Links zu konzentrieren, die mich fröhlich stimmen, mich inspirieren und mir den Glauben daran zurück geben, dass die Welt eigentlich ganz in Ordnung ist und die meisten Menschen – sogar Männer 😉 – sich bemühen in Harmonie mit ihrem Umfeld zu leben.

Du verzweifelst mal wieder an dir selbst und der Welt – alles halb so schlimm, meint Edition F. Denn die Generation Y ist gar nicht so schlecht wie ihr Ruf. Noch nicht überzeugt, dann schau dir mal diese Tipps für mehr Wertschätzung an. Ebenfalls interessant ist diese Liste der weltweit entspanntesten Städte – vielleicht ist deine Stadt ja auch dabei.

Wer Gutes tut, der sollte belohnt werden. Das dachte sich auch ein amerikanischer Unternehmer und machte einem völlig Fremden kurzerhand ein überaus großzügiges Geschenk. Mein Glaube an die Menschheit ist für’s erste gerettet 😉

Eine gute Nachricht für intersex Kinder und ihre Eltern, ab 2018 muss in Deutschland nach der Geburt nicht mehr zwischen männlich und weiblich entschieden werden. Wir sind damit an der Spitze einer Entwicklung, die sich hoffentlich in anderen europäischen Ländern fortsetzen wird.

Zum Thema Geschlechtervielfalt und Rollenvorbilder für eine heranwachsende Mädchengeneration, hat sich diese Woche die amerikanische Sängerin P!nk zu Wort gemeldet. Immer für ein politisches Statement gut, trifft sie den Nagel auf den Kopf.

Verliebte Löwen in Südafrika, bzw. liebestolle Löwen in Kenia und anderswo beweisen Geschmack und entscheiden sich für den Partner mit der schönsten Frisur, absolut nachvollziehbar wenn du mich fragst. Da sieht frau mal wieder, dass auch wilde Katzen ganz zart sein können. Lange Rede, kurzer Sinn: Some lions are gay – deal with it!

Mauritius hat seine erste Präsidentin gewählt! Und auch wenn du jetzt vielleicht denkst, das ist aber weit weg, finde ich es doch immer erwähnenswert, wenn die höchste gläserne Decke zerbirst – egal wo.

Diese Woche räumen gleich zwei Sportskanonen mit dem Vorurteil des schwachen Mädchens auf. Der New York Marathon, seit Jahren in Frauenhand, setzt diese Tradition fort. Zu Hause in Europa meisterte eine Österreicherin als erste Frau eine der schwersten Kletterrouten der Welt. Ich sage nur, Mädels in die Laufschuhe und an die Kletterwand!

Diese Woche feiern wir eine der beeindruckendsten Frauen der Wissenschaftsgeschichte. In einer Zeit ohne Tod wäre Mary Curie am Dienstag nämlich 150 Jahre alt geworden! Der Scientific American gratuliert auf eine Weise, die der Chemikerin und Physikerin sicher gefallen hätte.

Greta Gerwig, bekannt für ihre Rollen in Indie-Filmen, wie z.B. „Frances Ha“ und „Mistress America“ hat ihren ersten Film gedreht und der bricht jetzt schon Rekorde. Eine weitere kreative Überfliegerin ist übrigens die 19-Jährige Amanda Gorman, von der geneigte Leserinnen in Zukunft sicher mehr hören werden.

Wenn du jetzt auf den lebensbejahenden Geschmack gekommen bist, empfehle ich dir ein Abo des (britischen) Positive News Magazine.

Genug geplaudert, meine liebe Leserin. Ich verabschiede mich nun fürs Erste in den Sonntag und wünsche Dir noch viel Spaß beim Lesen und Entdecken!

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(Neuerscheinung) Eine Reise in die Abgründe der menschlichen Natur…

Auch wenn es bei der Flut an Katastrophen und Ungerechtigkeit in dieser Welt der psychischen Gesundheit sicher zuträglich wäre, schaffe ich es einfach nicht wegzuschauen, wenn irgendwo jemandem ein Leid zugefügt wird, und besonders dann wenn dieses Leid struktureller Ungerechtigkeit und strafrechtlichen Schlupflöchern entwächst. Dass ich dieses Buch lesen würde, so unangenehm und aufrüttelnd es auch werden würde, stand für mich also niemals in Frage…

cover123202-mediumPimp-controlled sex workers, exploited migrants, domestic servants, and sex trafficking of runaway and homeless youth are just a few of the many forms of sex trafficking and labor trafficking going on all around the world―including in the United States. This book exposes both well-known and more obscure forms of human trafficking, documenting how these heinous crimes are encountered in our daily lives.

Kimberly Mehlman-Orozco beginnt ihren Aufklärungsauftrag zum Thema Menschenhandel und moderne Sklaverei mit einer Bombe; Menschenhandel nämlich ist im 21. Jahrhundert das – nicht eines, DAS! – wohl lukrativste Verbrechen der Welt. Die Risiken, bzw. Strafen sind gering, der Profit ist groß, wenn nicht sogar astronomisch. Egal welchem Zweck der Handel mit, bzw. die Ausbeutung von Menschen dient, es gilt die Devise: verkaufe ich ein Produkt, bringt dieses nur einmal Gewinn, verkaufe ich hingegen einen Menschen, setzt sich der Gewinn theoretisch bis zu dessen Ableben fort – so formuliert es zumindest die Autorin. Die Berichterstattung zum Thema gibt ihr leider recht – Menschenhandel liegt im Trend und das obwohl man als aufgeklärte Europäerin eigentlich meinen könnte, die Zeiten der Sklaverei seien vorbei.

Ich hatte nicht damit gerechnet in diesem Buch etwas mir vollkommen neues zu lesen und las es vor allem um bestehendes Halbwissen zu vertiefen; und doch bin ich bis ins Mark erschüttert, jedes Mal, wenn ich gegen Ende des Tages das Buch aus der Hand lege. Kimberly Mehlman-Orozco schildert die gravierenden Menschenrechtsverletzungen im Detail mit genug Fallbeispielen um mir den Magen mit Blei zu füllen. Wie kann das in den Tagen von amnesty international und UN Menschenrechtskonvention bloß noch geschehen, und wie kann es sein, dass westliche Industrienationen diese Form der Ausbeutung, zum Beispiel durch die Kooperation mit resourcenansässigen Partnern multinationaler Konzerne auch noch befeuern – ganz zu Schweigen von den unzähligen Männern, die im In- und Ausland Prostitution in Anspruch nehmen und so einen Markt kreieren, der sich jedem Regulierungsversuch widersetzt und von der organisierten Kriminalität nicht trennbar zu sein scheint.

Den ersten Teil ihrer kriminologischen Odyssee widmet die Autorin der wohl schlimmsten und menschenverachtendsten Form der Sklaverei – sofern es innerhalb dieser Menschenrechtsverletzung überhaupt möglich ist eine Hierarchie der Misshandlung zu etablieren – der Sklaverei zwecks sexueller Dienstleistungen. Wer schon einmal die EMMA gelesen hat, dürfte darüber im Bilde sein, dass diese Form der Versklavung von Frauen und Mädchen, manchmal auch Jungen, im Deutschland nach der Legalisierung von Prostitution, Zuhälterei und Bordellbetrieb Hochkonjunktur hat. Insofern ist auch einer der Lösungsvorschläge der Autorin für die trafficking-Krise in den USA, nämlich die Legalisierung von Prostitution und Sexkauf, der deutschen, bzw. europäischen Erfahrung nach etwas zu kurz gedacht und leider ein bisschen oberflächlich recherchiert.

Im zweiten Teil geht es um die Versklavung von Arbeitskräften, oft auch Kinder und Jugendliche, vor allem in der hiesigen Landwirtschaft als Saisonarbeiter, in der indischen Textil- und der afrikanischen Kakaoindustrie. Doch diese Fußtritte gegen die Menschenrechte finden eben nicht nur weit weg, in Amerika oder gar Entwicklungs-, bzw. Schwellenländern statt, denen sich Europa seit jeher moralisch überlegen fühlt, sondern auch vor der Haustür. Eines der Beispiele, welche die Autorin in ihrem Buch bringt, kenne ich so auch aus dem deutschen Raum, nämlich die Drückerkolonne. Hier wird auch mir als Laie bewusst, wie schnell ein Mensch in ein Arbeitsverhältnis rutschen kann, in dem er letztlich versklavt wird. Wie auch in der Zwangsprostitution werden „Drücker“ aus ihrem gewohnten Umfeld entfernt und mittels vorgeblicher Schulden, bzw. unerfüllter Verkaufsquoten von ihren Vorgesetzten abhängig gemacht.

Das Entkommen aus einem solchen Arbeitsverhältnis schildert Kimberly Mehlman-Orozco als ähnlich schwer, wie die Flucht aus einer Sekte, und je nach Arbeitgeber als ebenso gefährlich. Scheidende Mitarbeiter werden ohne einen Pfennig in fremden Städten ausgesetzt, am liebsten meilenweit vom eigentlichen Zuhause – alles ganz legal übrigens, was es dem Staat fast unmöglich macht diese Art von Ausbeutung strafrechtlich zu verfolgen. Selbst klassische Menschenhändler, beispielsweise in der Prostitution, müssen selten Gefängnisstrafen fürchten, da sie ihre Opfer in der überwiegenden Mehrheit emotional von sich abhängig und so zu Mittäterinnen machen, zumindest vor dem Gesetz. Auch sind die schwer traumatisierten Opfer der Menschenhändler in der Regel schlechte Zeugen, durch störungsbedingte Gedächtnis- und Affekteinbrüche – all dies und mehr schildert Kimberly Mehlman-Orozco in ihrem Buch „Hidden In Plain Sight“.

Doch nicht nur die Opfer des internationalen Menschenhandels kommen zu Wort, auch die Täter steuern in „Hidden in Plain Sight“ ihre Sicht auf das Verbrechen und seine Auswirkungen auf die Betroffenen bei, ebenso wie diejenigen Männer, die zum Beispiel Endverbrauer der Zwangsprostitution von Frauen und Kindern darstellen. Diese Männer stellen zwei ganz unterschiedliche Tätergruppen dar, diejenigen welche das Verbrechen begehen und solche, die ihnen dabei zuschauen ohne jedoch einzugreifen, man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass sie durch ihre Nachfrage die Basis für den Markt erst schaffen. Von Kimberly Mehlman-Orozco werden sie innerhalb des Buchs mit einem Respekt, bzw. einer Wertfreiheit behandelt, die ich als nicht-Wissenschaftlerin beim besten Willen nicht nachvollziehen kann. Die interviewten Männer, die sich selbst als „Hobbyisten“ bezeichnen, als wäre das Konsumieren von Menschen mit dem Sammeln von Briefmarken gleichzusetzen, lassen mich an einer angeborenen Empathiefähigkeit beider Geschlechter füreinander zweifeln.

Wem schnell mal die Galle überkocht, die sollte vor der Lektüre von „In Plain Sight“ den Spucknapf bereit halten. Denn eine himmelschreiende Ungerechtigkeit folgt auf die nächste. Der Polizei scheinen gleichzeitig die Hände gebunden zu sein, während hochrangige Strafverfolger mehr daran interessiert sind, wie eventuelle Razzien und Gerichtsverfahren in der Presse gefeiert werden, auch wenn sie den Opfern keine Gerechtigkeit bringen und den Verbrechenssumpf Menschenhandel nicht trocken legen. So beende ich meine Lektüre, ohne ein Gefühl der Genugtuung, aber mit dem Wissen dass sich etwas ändern muss. Die Lösungsansätze, die Kimberly Mehlman-Orozco hier und da einstreut scheinen mir zu oberflächlich. Doch was soll man machen, wenn der Fehler scheinbar im System liegt.

Hidden in Plain Sight: Americas Slaves of the New Millennium – Kimberly Mehlman-Orozco – ISBN 978.1.440.85403.3 (https://mehlmanorozco.com/)

Für Leserinnen, mit sozialem Gewissen…

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Vom Untertauchen und Verschwinden, und dem, was übrig bleibt…

Auf diesen Roman bekam ich spontan Lust, als ich ihn im Twitterfeed einer Bloggerkollegin sah. Zunächst beneidete ich sie um ihre Lektüre, dann ging mir auf – das Buch hast du doch selbst im Regal; und schon hatte ich es mir geschnappt und bin für zwei Tage ganz und gar darin abgetaucht. Jetzt allerdings hole ich endlich Atem…

9783961010073_coverMilla und Jan kennen sich seit Kindertagen. In einem heißen Sommer fahren sie gemeinsam mit Jans Freundin Kristina ans Meer. Drei Tage lang schweben sie zwischen Angst, Liebe und Sehnsucht. Bis sich alles bei einem heftigen Gewitter katastrophal entlädt. Jan überlebt nicht. Vier Jahre später sind Milla und die kleine Emma an einem kalten Morgen durch die große Stadt unterwegs. Da findet Milla etwas, das sie an Jan erinnert und stellt sich endlich der Vergangenheit.

Während ich lese, läuft im Hintergrund die Spotify Playlist „Maximale Konzentration“ und die Melancholie der Klavierakkorde, verbunden mit der zeitweisen Schwermütigkeit des Textes führt fast dazu, dass mir während der Lektüre Tränen die Wangen hinunter laufen. Letztlich kann ich mich dann doch zusammen reißen und meine Anteilnahme an den Problemen der Hauptfigur auf ein für mich als Leserin angenehmeres Niveau herunter schrauben. Meine für mich persönlich ganz untypische emotionale Verbundenheit mit dem Text bleibt jedoch über die Dauer der Lektüre bestehen. Sie fügt meinem Leseerlebnis eine Dimension hinzu, die ich im Nachhinein nicht missen möchte und in meiner Folgelektüre „Das Rauschen in unseren Köpfen“ zu wiederholen versuche, was mir aber leider nicht in dieser Weise gelingt.

Die Geschichte von Milla, ihrem besten Freund Jan und dessen Freundin Kristina nimmt nur langsam Fahrt auf. Ich werde zunächst einmal Zeugin von Alltagsverrichtungen, die für den weiteren Verlauf der Handlung konsequenzlos scheinen, gleichzeitig aber auch schon am Anfang der Geschichte einige Fragen aufwerfen, mit deren Beantwortung sich die Autorin Zeit lässt. Kein Problem, Frau Pousset, ich habe Zeit mitgebracht und bin nicht ungeduldig – der Weg ist das Ziel, oder so ähnlich. Also übe ich mich in Achtsamkeit und schaue der Handlung dabei zu, wie sie sich Stück für Stück entfaltet, wie ein sich herbstlich entlaubender Baum; und denke mir dabei, dass „Schwimmen“ vom Ton her und trotz der im französischen Sommer verorteten Rückblenden, im Grunde das perfekte Buch für diese nass-kalte Übergangszeit ist. Denn während ich es lese fühle auch ich mich irgendwie nass-kalt und klamm, natürlich vor allem innerlich, sitze ich doch in der warmen Stube, mit meinem Buch auf dem Schoß und dem Dampf heißen Tees im Gesicht.

Die verkappte Dreiecksgeschichte zwischen Milla, Jan und Kristina wird in Rückblenden erzählt, die wie Blitzeinschläge in schwärzester Nacht die Handlung teilen, oft ganz abrupt. Shakespearsche Dramen spielen sich ab in Millas Kopf, während sie Jan und Kristina dabei zuhört, wie sie im Ferienhaus ankommen, das sich die drei über den Sommer teilen werden. Auch nach Monaten in denen die beiden eher sporadisch Kontakt hatten, lässt Milla alles stehen und liegen, lässt ihre Pariser Freunde und Kommilitonen zurück, sobald Jan anruft. Nur sind sie diesen Sommer eben nicht alleine und Milla stört dies letztlich doch um einiges mehr als sie anfangs von sich dachte. Als Leserin denke ich, da haben sich zwei verpasst, wie schade. Dann wiederum denke ich, warum müssen aus Jugendfreunden eigentlich immer Liebesbeziehungen werden, besonders in Debütromanen?!

Als die Drei nach einem Tag am Strand, anschließender rasanter Wetterflucht und Millas dramatischem Sturz vom Fahrrad, auf dem Weg zurück zum Ferienhaus, dann vollkommen unerwartet und uneingeleitet zusammen unter der Dusche landen, bekomme ich als Leserin den Eindruck meine Generation, zu der auch die Autorin Sina Pousset gehört, hat zu viele Pornos geschaut. Alles an dieser Szene schreit Männerfantasie, auch wenn sie zunächst lediglich die zwei jungen Frauen einschließt – doch der Männerblick kommt für die meisten von uns Frauen jenseits der Pubertät schließlich auch von innen. Gleichzeitig fühle ich mich an das französische arthouse Kino der frühen 00er Jahre erinnert; nur dass die Franzosen es irgendwie besser hinkriegen, wie beiläufig die Taboos brechen, die für meine Lesergeneration schon lange keine mehr sind.

Eine ganz andere Art Dreiecksgeschichte, weniger Drei-X Geschichte und mehr Patchwork-Familie wider Willen oder zumindest wider Erwarten, ist die Beziehung zwischen Milla, ihrem Ziehkind Emma und der am Leben und an sich selbst leidenden Kristina. Diese scheint nach allem, was in diesem alles verändernden und alles in Frage stellenden französischen Sommer passiert ist, ihre anfängliche Freigeistigkeit eingebüßt zu haben. Sichtlich verzweifelt klammern sich die beiden Frauen aneinander und versuchen der Willkür des Schicksals einen Sinn zu geben. Dass Sina Poussett all diese Trauerarbeit erst vier Jahre nach dem eigentlichen Trauerfall geschehen lässt, finde ich im Nachhinein etwas unglücklich komponiert. Während der Lektüre allerdings war ich zu beschäftigt mit dem hin und her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, um inne zu halten, meinen Rezensentinnen-Hut aufzusetzen und kritisch zu reflektieren.

Während die Binnenerzählung um Jan eine Unmenge an erzählerischem und gedanklichem Raum einnimmt, kommt die, aus der Tragödie erwachsene, Frauenfreundschaft zwischen den ehemaligen Rivalinnen Milla und Kristina meiner Meinung nach etwas zu kurz; scheint wenig mehr als ein nachträglicher Gedanke. Auch Jahre nach seinem abrupten wie unerklärten Verschwinden aus dem Leben der beiden Frauen, ist Jan der Dreh- und Angelpunkt ihres Erlebens und Fühlens. Seine Erinnerung nimmt den Raum von zwei Figuren ein, nimmt Milla und Kristina den Raum zum Atmen. Sein Echo bestimmt ihren Alltag, der im Grunde nur aus Warten zu bestehen scheint. Milla wartet darauf, dass Kristina sich endlich berappelt und Verantwortung übernimmt. Kristina wartet darauf, dass die Erinnerung, dass das Wachsein, das sich bewusst werden, weniger schmerzt. Ich warte darauf, dass Sina Pousset mir endlich die ganze Geschichte erzählt, und dass die heimliche Hauptfigur Jan die beiden Frauen schließlich gehen lässt in eine Zukunft, in der er nicht mehr wie eine Wolke alle lichten Momente verdunkelt.

Sina Pousset spielt mit emotionalen Zuständen, sowohl denen der Figuren als auch denen dieser Leserin, wie der Mond mit den Gezeiten oder eine satte Katze mit einer Maus. Sie zieht mich in die Geschichte, lässt mich den Figuren ganz nahe kommen, nur um mich in dem Moment in dem ich glaube sie zu kennen, vor den Kopf zu stoßen. Sie stürzt ebendiese Figuren in einen Abgrund der Trauer, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Wie bloß soll es weitergehen mit den beiden jungen Frauen, frage ich mich voller Mitleid. Sina Poussett beschreibt in ihrem Debütroman „Schwimmen“ die Stille nach dem Schuss. Mir pfeifen die Ohren, während die Figuren noch damit beschäftigt sind sich gegenseitig nach Wunden abzusuchen. Diese Wundensuche fördert unangenehmes zu Tage; „Schwimmen“ ist kein Wohlfühlroman, aber am Ende (der Lektüre) geht das Leben trotzdem weiter, irgendwie.

Schwimmen – Sina Pousset – ISBN 978.3.961.01007.3

Für Leserinnen, die…

  • …an alten Lasten schwer zu tragen haben.
  • …Verantwortung übernehmen, für diejenigen, die sie lieben.
  • …neugierig sind auf die junge deutsche Gegenwartsliteratur.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Der Rausch der ersten Liebe, und das böse Erwachen am nüchternen Morgen…

Junge deutsche Literatur interessiert mich eigentlich immer, das Debüt der Berliner Autorin Svenja Gräfen ist da natürlich keine Ausnahme. Mittlerweile sind die Autorinnen, deren Geschichten in diese Kategorie fallen in meinem Alter, was meine emotionale Nähe zum Text natürlich nur vergrößert. Svenja Gräfen hätte in meine Abi-klasse gehen können, und so begrüße ich sie und ihr Debüt dem Anlass angemessen überschwänglich in meinem eigenen Zimmer…

9783961010042_coverLene lebt mit ihrer besten Freundin in einer WG in einer großen Stadt, ihre liebevolle Familie und der Freundeskreis geben Halt. Als sie Hendrik begegnet, scheint ihr Glück perfekt. Sie plant eine gemeinsame Zukunft, doch Hendriks Vergangenheit schleicht sich in ihr Leben ein. Da ist seine zerrüttete Familie, sein bisweilen merkwürdiges Verhalten. Und Klara.

Ich habe das Gefühl „Das Rauschen in unseren Köpfen“ schon einmal gelesen zu haben, was natürlich Quatsch ist, schließlich ist es in diesem Jahr zum ersten Mal erschienen. Doch diese zunächst euphorische, dann melancholische Geschichte einer Großstadtliebe kommt mir bekannt vor – nicht aus persönlicher Erfahrung zwar, aber aus meiner bisherigen Lektüre. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist insofern ein typisches Debüt einer jungen, kosmopolitischen Akademikerin, was nicht unbedingt schlecht sein muss. Die Deja-Vu Wirkung, die der Text auf mich hat, macht es mir leicht mich einzulesen und fungiert letztlich auch als Identifikationshilfe zwischen mir und der Erzählerin/Hauptfigur – und das obwohl wir im Grunde so gar nichts gemeinsam haben.

Das erste bewusste Aufeinandertreffen der Hauptfiguren, dieser Moment im Leben und Lieben, der das Potenzial hat alles für immer zu verändern, wenn auch nur für ein paar kostbare Momente, bzw. Monate; bei Svenja Gräfen wirkt dieser Augenblick wie Schicksal, vorherbestimmt und unvermeidlich. Als Leserin kriege ich den Eindruck, dass Lene und Hendrik in der Millionenstadt Berlin noch so oft aufeinander treffen werden, wie nötig, um sie aufeinander aufmerksam zu machen. Ihre Liebe ist unaufhaltsam, oder so kommt es der Erzählerin zumindest vor. Kaum haben sich die beiden in der Menge entdeckt, können sie einander nicht mehr gehen lassen. Das Paar verbringt gleich den ganzen Rest des Tages miteinander, und ich denke mir, da haben sich zwei gefunden. Diese anfängliche Leichtigkeit, welche die Romanze der beiden kennzeichnet, wirkt auf mich wie ein meet-cute à la Hollywood. Insofern kann das ganze ja nur schief gehen, aber an diesem Punkt in der Lektüre weiß ich das natürlich noch nicht, ich ahne es nur.

Hendrik ist charmant und Lene ist aufgeschlossen und kontaktfreudig, alles Eigenschaften von denen diese Leserin später erfährt, dass sie der Euphorie des Augenblicks geschuldet sind; vielleicht nicht direkt aufgesetzt, aber doch nicht unbedingt Teil des alltäglichen Persönlichkeitsrepertoires der Hauptfiguren. Bald schon kriechen beide zurück in ihr Schneckenhaus, das sie sich anfänglich noch teilen. Kurioserweise fängt es zwischen den beiden gerade dann an zu bröckeln, als sie sich dafür entschließen den nächsten Schritt zu tun. Als Leserin kann ich die Katastrophe schon ahnen und wäre Lene meine Mitbewohnerin würde ich sie zur Seite nehmen, um sie ein klein wenig zu schütteln. Denn Hendrik ist zwar ein richtig netter, aber… und in diesem Moment wird mir bewusst nicht wirklich Teil der Geschichte zu sein. Also schaue ich Lenes bester Freundin einfach dabei zu, wie sie ihr Zimmer in der gemeinsamen Wohnung räumt, und beiße mir auf die Zunge.

Auf den ersten Blick könnte frau meinen in „Das Rauschen in unseren Köpfen“ gehe es lediglich um die erste halbwegs erwachsene Liebe. Einen Fuß in der wilden Jugend, die um jeden Preis verschwendet werden will, den anderen im Alltagstrott, mit seinen Verpflichtungen, Mietverträgen, Daueraufträgen und Abschlussarbeiten. Ich allerdings meine etwas versteckt noch eine andere Dimension zwischen den Seiten der Geschichte zu entdecken. Svenja Gräfen feiert nämlich nicht nur eine neue Liebe, sie trauert auch um alte Freundschaften, welche dieser zum Opfer fallen. Am liebsten möchte Hauptfigur Lene ihre beste Freundin zurückhalten, sie an sich ziehen und festhalten; eigentlich gehen ihr diese einschneidenden Veränderungen viel zu schnell. Doch sie lässt den Moment in dem sie etwas hätte sagen können, hätte sich offenbaren können, verstreichen und schaut sich selbst stattdessen dabei zu, wie sie sich von ihrer Freundin entfremdet.

Insofern sind sich Lene und Hendrik eigentlich sehr ähnlich. Denn auch Hendrik hält im entscheidenden Moment nicht an seiner Jugendliebe Klara fest, wirft seine Familie, ja sogar sein Leben in Hamburg einfach weg, als wäre es nichts. Wenn ich mir die Figuren in „Das Rauschen in unseren Köpfen“ so anschaue, frage ich mich manchmal, ob Depressionen nicht vielleicht doch ansteckend sind. In Svenja Gräfens Debütroman scheinen sie von einem zum anderen zu springen; von Hendriks Vater zu Hendrik, von Hendrik zu Klara, von Klara wieder zu Hendrik und von Hendrik schließlich zu Lene, die sich insgeheim wünscht eine schwere Kindheit gehabt zu haben, damit sie ihrem Freund und seinen Dämonen näher ist, die Seelenqualen, die er auszustehen scheint besser verstehen, ja sogar nachempfinden kann.

Svenja Gräfen backt die Geschichte von Hendrik und Lene wie einen gut bestückten Nusskuchen, immer wieder beiße ich als Leserin auf uneingeleitete Rückblenden, die mir von der Kindheit, Jugend und den ersten Jahren des Erwachsenenlebens der beiden Protagonisten erzählen, beiße mir daran manchmal schier die Zähne aus – unwillkommen ist dies nicht, schließlich bin ich voller Ungeduld und Tatendrang die Erzählerin und ihre erste große Liebe näher kennen zu lernen, nur überraschend eben. Svenja Gräfen schubst mich ins kalte Wasser der Erinnerung und ich brauche ein paar Momente bis ich das Tageslicht durch die Oberfläche brechen sehe. So erfahre ich irgendwann auch wer die ominöse Klara aus dem etwas nebulös formulierten Klappentext ist. Ganz so viel Einfluss auf den Verlauf der Handlung, wie ich anfangs befürchtete, hat sie dann allerdings doch nicht; Svenja Gräfens Eifersuchtsdramen spielen sich größtenteils im Kopf ihrer Figuren ab.

Letztlich ist „Das Rauschen in unseren Köpfen“ doch ein literarisches Unikat, das habe ich während der Lektüre gemerkt. Svenja Gräfen schreibt mit der ihr eigenen Untertriebenheit über Erlebnisse, die junge Liebende sich innerhalb von, und über Generationen hinweg teilen, und genau dort liegt die Überschneidung mit älteren Texten aus der jungen Berliner Literatur, die ich seit meinem Einzug ins eigene Zimmer gelesen habe. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist ein Loving Of Age Roman für eine neue Generation von Leserinnen, die jedoch von den gleichen Erfahrungen geprägt wurden, von den gleichen Gefühlen beflügelt und gepiesackt werden, wie ihre älteren Schwestern. Insofern muss ich die literarischen Räume von Svenja Gräfen nicht substanziell umdekorieren, um mich dort wie zu Hause, bzw. angekommen und aufgehoben zu fühlen – Dir wird es sicher ebenfalls so gehen.

Das Rauschen in unseren Köpfen – Svenja Gräfen – ISBN 978.3.961.01004.2

Für Leserinnen, die…

  • …schon einmal unglücklich verliebt waren.
  • …alte Wunden haben, die bei zu viel Nähe zu nässen anfangen.
  • …kleine Dramen auf großer Bühne aufführen.

Literarische Nachbarinnen…

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(Die Sonntagsleserin) Willkommen in der feministisch, bücher-philosophischen Filterblase…

Diese Woche begann für mich in Schieflage, hatte ich mir doch so fest vorgenommen am LeseMarathon der Wörterkatze teilzunehmen. Dann allerdings ließ das Leben mich vergessen, und so startete ich in diese Woche mit einem lang ersehnten Sonnentag und einem schlechten Gewissen. Gegen Ende kriegte ich dann aber doch noch die Kurve beflügelt von neuen Büchern und der Erkenntnis dass auch eine Woche, die alles andere als wie geplant beginnt, noch ganz schön hyggeligt enden kann 🙂

Vor den Augen…

Um meinen verkorksten Start in die Woche zum Wochenende hin noch zu retten, habe ich mich und meinen Blog bei Netgalley angemeldet und muss geneigten Verlagen nun erst einmal beweisen, dass meine Rezensionen nicht ewig auf sich warten lassen. Insofern haben diese Woche meine ersten Netgalley Bücher Priorität gehabt…

cover123202-mediumHidden in Plain Sight von Kimberly Mehlman-Orozco… Pimp-controlled sex workers, exploited migrants, domestic servants, and sex trafficking of runaway and homeless youth are just a few of the many forms of sex trafficking and labor trafficking going on all around the world―including in the United States. This book exposes both well-known and more obscure forms of human trafficking, documenting how these heinous crimes are encountered in our daily lives.

cover119553-mediumStarlings von Jo Walton… An odd Eritrean coin travels from lovers to thieves, gathering stories before meeting its match. Google becomes sentient and proceeds toward an existential crisis. An idealistic dancer on a generation ship makes an impassioned plea for creativity alongside survival. Three Irish siblings embark on an unlikely quest, stealing enchanted items via bad poetry, trickery, and an assist from the Queen of Cats.

Auf den Ohren…

Diese Woche habe ich dazu genutzt Nägel mit Köpfen zu machen. Nicht nur nahm ich mir vor, den kreativen Funken, der in mir schwelt, neu zu entfachen. Sondern ich beschloss, im Grunde schon letzte Woche, mich gleichzeitig auf meine skandinavischen Wurzeln zu besinnen. So, dachte ich mir, komme ich produktiv und motiviert durch die Woche, bzw. die nächsten Monate – meine Leseliste für diesen Herbst/Winter endet hier nämlich noch lange nicht 😉

51sbs2yo8OL._AA300_Big Magic von Elizabeth Gilbert… Elizabeth Gilbert hat eine ganze Generation von Leserinnen geprägt: Mit „EAT PRAY LOVE“ lebten wir Dolce Vita in Italien, meditierten in Indien und fanden das Glück auf Bali. Mit „BIG MAGIC“ schenkt uns die Autorin eine begeisternde Liebeserklärung an die Macht der Inspiration, die aus jedem von uns einen kreativen Menschen machen kann. Warum nicht endlich einen Song aufnehmen, ein Restaurant eröffnen, ein Buch schreiben? Elizabeth Gilbert vertraut uns die Geschichte ihres Lebens an – und hilft uns dadurch, endlich an uns selbst zu glauben.

51EV1Hwbe3L._AA300_Biroller von Erling Jepsen… Helene drommer om en karriere som skuespiller, men desværre er hendes forelskelse i teateret ikke gengældt. Helenes hund har til gengæld talent. Den forvilder sig ind på Husets Teater og helt ind på scenen under prøverne til et nyt stykke, og pludselig har Helene en aftale om et møde med teaterdirektøren. Tilbuddet fra teaterdirektøren er ikke lige, hvad Helene havde forestillet sig, men har man først fået foden indenfor, er det bare om at stå fast og bevise, at man er parat til at gå hele vejen. Biroller er en roman fra bag scenetæppet, hvor alle kneb gælder i jagten på den rigtige rolle. Drama og sort humor spiller sammen i en historie om, at det er vigtigt at sigte højt, hvis man vil være stjerne, også selv om man må begynde på alle fire.

(Den Klappentext gab’s leider nur auf Dänisch – ich verweiße an dieser Stelle also auf Google translate, linke Seitenleiste ganz oben.)

Neu im Regal…

Eigentlich hatte ich nach Nachschub von Horror-Autorin Kathe Koja gucken wollen und bin dabei über drei ganz andere Schnäppchen gestolpert. Das Debüt von Arundhati Roy ist schon seit langem auf meiner Wunschliste zu finden, also habe ich nicht lange überlegt. Darüber hinaus muss ich persönlich bei Bailey’s Prize for Fiction Gewinnern oder Nominierten, sprich den anderen beiden Büchern, nicht einmal genau wissen, worum es geht – da kann frau eigentlich gar keine Niete ziehen.

51DIoxj8d8L._SX327_BO1,204,203,200_Der Gott der kleinen Dinge von Arundhati Roy… In ihrem Bestsellerroman ›Der Gott der kleinen Dinge‹ erzählt Arundhati Roy die schillernde Geschichte einer Familie, die an einer verbotenen Liebe zerbricht. Als die 31-jährige Rahel nach vielen Jahren zurückkehrt in ihr Heimatdorf im südindischen Kerala, ist nichts mehr, wie es einst war. Die Konservenfabrik der Familie verfallen, die geliebte Mutter tot, der Zwillingsbruder verstummt. Zurückgeblieben sind nur die Erinnerungen an eine Kindheit am Fluss, an die bewundernde Liebe zu Velutha, dem dunklen Angestellten ihrer Großmutter, und an einen tragischen Tag im Jahr 1969, der alles veränderte. Eine magische Geschichte vor dem Hintergrund der politischen Umbrüche Indiens.

51WbeF+qIXL._SX324_BO1,204,203,200_Ruby von Cynthia Bond… Ephram Jennings has never forgotten the beautiful girl with the long braids running through the piney woods of Liberty, their small East Texas town. Young Ruby Bell, „the kind of pretty it hurt to look at,“ has suffered beyond imagining, so as soon as she can, she flees suffocating Liberty for the bright pull of 1950s New York. Ruby quickly winds her way into the ripe center of the city-the darkened piano bars and hidden alleyways of the Village-all the while hoping for a glimpse of the red hair and green eyes of her mother. When a telegram from her cousin forces her to return home, thirty-year-old Ruby finds herself reliving the devastating violence of her girlhood. With the terrifying realization that she might not be strong enough to fight her way back out again, Ruby struggles to survive her memories of the town’s dark past. Meanwhile, Ephram must choose between loyalty to the sister who raised him and the chance for a life with the woman he has loved since he was a boy.

51cvArcIRXL._SY346_The Glorious Heresies von Lisa McInerney… We all do stupid things when we’re kids. Ryan Cusack’s grown up faster than most – being the oldest of six with a dead mum and an alcoholic dad will do that for you. And nobody says Ryan’s stupid. Not even behind his back. It’s the people around him who are the problem. The gangland boss using his dad as a ‚cleaner‘. The neighbour who says she’s trying to help but maybe wants something more than that. The prostitute searching for the man she never knew she’d miss until he disappeared without trace one night. The only one on Ryan’s side is his girlfriend Karine. If he blows that, he’s all alone. But the truth is, you don’t know your own strength till you need it.

Nur zu Besuch…

Am Freitagmorgen wurde ich Mitglied eines Clubs, der im 21. Jahrhundert eigentlich gar nicht mehr existieren sollte, aber was soll ich sagen – die Welt ist schlecht oder zumindest stark verbesserungswürdig… Seit etwas über zwei Jahren schreibe ich nun ab und zu über Bücher zu feministischen Themen, wobei ich diese Kategorisierung eigentlich als Einschränkung empfinde – schließlich geht es in diesen Büchern um strukturelle Ungerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen und die gehen nicht nur Frauen etwas an – und nun hat er mich eingeholt, mein erster sexistischer Kommentar. Hätte der Verfasser sich ernsthaft mit dem Inhalt meiner Rezension auseinandergesetzt, ernsthaft genug, um zu merken, dass ich einen Buchblog führe und nicht etwa für die Mädchenmannschaft schreibe – nicht, dass das diese Art von Belästigung rechtfertigen würde – hätte ich seinen Kommentar wohl aus dem Spam-Ordner gefischt, wo er kurioserweise gelandet war – was soll ich sagen, WordPress kennt mich 😉 Zur Feier meiner unfreiwilligen, aber wahrscheinlich auch nicht abzuwendenden, Induktion in den Club (zeitweise) feministischer Bloggerinnen, die aufgrund dessen von fremden Männern angefeindet werden, gibt es diesen Sonntag also einmal nur feministische Links. Viel Spaß beim Stöbern und Entdecken!

Auch wenn es alles andere als politisch korrekt, bzw. solidarisch ist, hängt mir der Fall Weinstein mittlerweile echt zum Hals raus; vor allem auch weil sich nichts davon auf die deutsche Filmindustrie bezieht. Ein Artikel auf EDITION F ändert dies nun endlich. Frischen Wind in die Debatte um Frauen in der Filmindustrie bringt auch der überaus positive und humorvolle TED Talk „What it’s like to be a Woman in Hollywood“. Auch meine Lieblingsschauspielerin JESSICA CHASTAIN ist der Meinung, dass Filme mehr lebensnahe Frauenfiguren brauchen. Doch wer soll diese Filme machen? Auf Vulture.com findet die geneigte Leserin eine Liste mit 100 Regisseurinnen, inklusive Filmtipps zum Anspielen und Kennenlernen. Wem das noch nicht genug Frauenkino ist, die kann sich beim feministischen Kinomagazin FILMLÖWIN oder der Suchmaschine MOVIES BY HER nach Herzenslust austoben.

Und wen wundert es, mich nicht, die Epidemie der sexuellen Belästigung und Geschlechterdiskriminierung, bzw. Unterrepräsentierung von Frauen begrenzt sich nicht nur auf die Filmindustrie, sondern findet auch in der Kunstszene statt. Darauf bezieht sich auch dieser OFFENE BRIEF, unterzeichnet von unzähligen Frauen, Männern und non-binären Künstlern – zu viele, um sie hier einzeln aufzuführen.

Bevor du mir vor lauter tristesse aus dem Fenster springst, liebe Leserin, möchte ich auch mal ein paar gute Neuigkeiten mit dir teilen. Denn die MÄDCHENMANNSCHAFT feiert dieses Jahr ihr 10-Jähriges Bestehen – Gratulation! Eine Zusammenfassung der letzten 10 Jahre gibt es zur Feier des Tages noch obendrauf.

Die Europapolitikerin Terry Reintke hat es satt(!) am Arbeitsplatz und anderswo sexueller Belästigung ausgesetzt zu sein und findet, dass es höchste Zeit ist für eine EU-Richtlinie, die Mitgliedsstaaten, auch Deutsch-Frauen-sind-mitgedacht-Land, zum handeln zwingt. Wenn du ebenfalls dieser Meinung bist, unterschreibe doch bitte schnell ihre online Petition.

Nach so viel geballter Frauenpower ist es nun mal an der Zeit die Männer zu Wort kommen zu lassen. Die haben nämlich genauso die Nase voll von sexueller Belästigung und denjenigen Geschlechtsgenossen, die sich einfach nicht respektvoll und pro-sozial benehmen wollen, wie die oben verlinkten Frauen. Einer Antwort darauf, warum diese wichtige Debatte so lange hat auf sich warten lassen, versucht sich ein Artikel auf verysmartbrothas.com zu nähern. Während Vlogger Jay Smooth sich damit begnügt die schier schizophrene Situation von Frauen zu thematisieren und dann – ganz Gentleman – eine Kollegin zu Wort kommen lässt. Comedian AZIZ ANSARI begegnet dem ekelhaften Verhalten mancher Männer hingegen mit etwas Humor – das muss auch mal sein, schließlich kann frau nicht immer nur wütend sein.

So jetzt ist er da, der Moment, in dem mir die Linktipps ausgehen. Wenn du trotzdem noch etwas Zeit und Interesse hast, dann hält die Redaktion des MISSY MAGAZINE ihre eigene Liste (queer-) feministischer Podcasts und Blogs für dich bereit. Puh! Mein FeedReader platzt mittlerweile wirklich aus allen Nähten.

Genug geplaudert, meine liebe Leserin. Ich verabschiede mich nun fürs Erste in den Sonntag und wünsche Dir noch viel Spaß beim Lesen und Entdecken!

(Feminismen) Eine Amerikanerin erklärt warum Feminismus wichtig ist…

Wer, wie ich, ein Faible für feministische Sachbücher hat, der kommt an der amerikanischen Bloggerin Jessica Valenti nicht vorbei. Die Gründerin der Internetplattform feministing.com hat es im letzten Jahr mit gleich drei Büchern in mein Regal geschafft, ein viertes steht zur Zeit auf meiner Wunschliste. Dieses hier ist übrigens das allererste, weitere werden sicher schon bald folgen…

61g4da32myl-_sx329_bo1204203200_Full Frontal Feminism is a book that embodies the forward-looking messages that author Jessica Valenti propagated as founder of the popular website, Feministing.com. Full Frontal Feminism is a smart and relatable guide to the issues that matter to today’s young women. The book covers a range of topics, including pop culture, health, reproductive rights, violence, education, relationships, and more.

Was „The Equality Illusion“ für die unbedarfte britische Leserin ist, das ist „Full Frontal Feminism“ für deren amerikanisches Pendant – ein Weckruf nämlich. Typisch amerikanisch darf der Feminismus diesmal sogar aufs Titelblatt und findet hoffentlich viel Zulauf; mir persönlich hat es jedenfalls gefallen. Denn auch wenn sich die Autorin auf die amerikanische Gesellschaft bezieht, hat mein Heimatland doch genug gemeinsam mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten – und wenn man Jessica Valenti Glauben schenken darf ebenfalls unbegrenzten Sexismus – um einen feministischen Kommentar dazu auch für deutsche Leserinnen interessant zu machen. Und interessant war es, wenn auch etwas oberflächlich, was ich allerdings darauf zurück führe, dass „Full Frontal Feminism“ als Einstiegsdroge konzipiert wurde; ich persönlich es aber ungefähr zwei Jahre nach meiner feministischen Erweckung gelesen habe.

Anders als das oben erwähnte „The Equality Illusion“, ist „Full Frontal Feminism“ ganz klassisch nach Themen aufgebaut, dazu gehören sowohl die ganz alltäglichen Herausforderungen an die moderne Frau, wenn es zum Beispiel darum geht sich innerlich gegen das destruktive Frauenbild, welches die amerikanischen Medien vermitteln, zu wappnen oder auch für frauengesundheitliche Grundversorgung, wie zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen und bezahlbare Verhütungsmittel, zu kämpfen. Es geht um die Entfremdung junger Frauen von ihren Körpern, um die „Raunch Culture“ (wer hierzu mehr erfahren möchte, dem empfehle ich Ariel Levys „Female Chauvinist Pigs“) und in der Konsequenz um die Rückeroberung des so heiß umkämpften weiblichen Körpers durch jede einzelne Frau, bzw. Leserin. In diesem Zusammenhang spricht Jessica Valenti natürlich auch über den dringend notwendigen Kampf gegen die epidemische sexuelle Gewalt, in Amerika und anderswo.

Feminismus ist trendy, besonders in der amerikanischen Populärkultur. Ob nun Beyoncé, Lena Dunham oder gar Taylor Swift, alle bekennen sich zum Feminismus, leben und agieren gleichzeitig aber weiter innerhalb der engen Grenzen der vom Patriarchat als akzeptabel definierten Weiblichkeit. In ihrem Buch „Full Frontal Feminism“ regt Jessica Valenti junge Leserinnen dazu an sich offen und selbstbewusst zum Feminismus zu bekennen, es aber gleichzeitig nicht dabei zu belassen. Denn auch heute noch braucht die Welt Frauen, die bereit sind aus ihren Zimmern, Hörsälen und den virtuellen Sphären des Internets zu treten und auf Worte Taten folgen zu lassen. Frauen, die mutig genug und bereit sind gesellschaftliche Regeln und Definitionen von Weiblichkeit zu brechen und so deren Überflüssigkeit innerhalb einer modernen, gleichberechtigten Gesellschaft zu verdeutlichen.

Dabei ist die feministische Erweckung junger Frauen die eine Sache, und Jessica Valenti macht diese Sache wirklich gut. Die Frau will ich sehen, die nach der Lektüre von „Full Frontal Feminism“ nach wie vor den in Amerika so beliebten Satz äußert: „Ich bin keine Feministin, aber…“ Was aber darüber hinaus unbedingt notwendig ist, ist ebenfalls die jungen Männer mit ins Boot zu holen und ihnen zu verdeutlichen, wie viel angenehmer das Leben auch für sie wird, wenn es ihren Müttern, Schwestern, Freundinnen und Töchtern besser geht; wenn diese selbstbewusst mit ihren Körpern umgehen können und wieder Vertrauen in das andere Geschlecht schöpfen können, erwachsen aus gegenseitigem Respekt. Denn solange die Mädels stolz rufen: „Wir sind Feministinnen!“ und die Jungs dagegen skandieren „Nein heißt Ja! Ja heißt anal!“ kommen wir als Gesellschaft leider keinen Schritt weiter. Diese Überbrückung der ansozialisierten Geschlechterdifferenzen jedoch gelingt Jessica Valenti nicht – vielleicht wird’s ja im nächsten Buch was werden.

Insgesamt ist „Full Frontal Feminism“ jedoch ein guter Einstieg ins Thema für junge Frauen, die im Grunde für die Gleichberechtigung der Geschlechter sind, sich aber noch nie so wirklich vor Augen geführt haben, wie man das denn nun am besten erreichen kann. Sie bezieht sich dabei wie gesagt auf Nordamerika, das meines Wissens nach einen anderen Sexismus praktiziert als Deutschland, der jedoch Überlappungen beider Unterdrückungssysteme durchaus zulässt. Insofern kann man aus den Beschreibungen Jessica Valentis trotzdem seine Lehren für das heimische System ziehen; besonders natürlich die, dass keine Frau sich scheuen sollte sich selbst als Feministin zu bezeichnen – ein Begriff der im Deutschland jenseits der EMMA über die Jahrzehnte leider sehr eingestaubt ist. Auf die deutsche Jessica Valenti müssen wir Leserinnen also wohl noch etwas warten, bis dahin ist die Lektüre von „Full Frontal Feminism“ meiner Meinung nach jedoch ein wunderbarer Kompromiss.

Full Frontal Feminism: A young woman’s guide to why feminism matters – Jessica Valenti – ISBN 978.1.580.05561.1

Für Leserinnen, die…

  • …von der Wichtigkeit des Feminismus erst noch überzeugt werden müssen.
  • …sich feministischen Themen auf Augenhöhe nähern wollen.
  • …gesellschaftliche Parallelen zwischen Amerika und Deutschland ziehen können.

Am besten kombiniert mit…

41YU-9T-AZL._SX315_BO1,204,203,200_41yvZhbunsL._SX314_BO1,204,203,200_41ZIApnYwWL._SX299_BO1,204,203,200_Download (7)

(Lesen ist hardcore!) Halloween Extravaganza 2017: Lesen auf eigene Gefahr!

Mitte Oktober schaute ich auf den Kalender und hatte eine Idee, warum nicht einen besonderen Beitrag zu Halloween veröffentlichen?! Und mir war auch bald darauf klar, worum es darin gehen sollte. Vor ewigen Zeiten einmal hatte ich mich mit Horrorromanen aus Frauenhand eigedeckt und diese dann nie gelesen; wäre das nicht mal eine Chance meinen SuB etwas zu entschlacken und gleichzeitig ein paar Autorinnen und ihren Büchern zu mehr Bekanntheit und Leserinnen zu verhelfen?! Gedacht getan, nur welche Bücher nehme ich nun?! Nicht zu viele, das war von Anfang an klar; denn ich will Dich, meine geneigte Leserin, nicht unter eine Lawine von Leseempfehlungen begraben. Und trotzdem soll für jeden Geschmack, bzw. jede Nervenstärke, etwas dabei sein. Ich glaube das ist mir auch gelungen, also hab viel Spaß und Gänsehaut beim Stöbern und Entdecken…

51JRXPenLxLBegonnen habe ich meine Reise in die Unterwelten dieser drei femmes cauchemares mit der Novelle Into the Red“ von der amerikanischen Autorin und Künstlerin Sandy DeLuca. Ein vergleichsweise sanfter Einstieg, zumindest im Vergleich zu den anderen Büchern, die ich als Einstimmung auf den gruseligsten Tag des Jahres gelesen habe. „Into the Red“ erinnert mich ein wenig an die Vampirromanzen, die ich als junge Erwachsene zeitweise gelesen habe, nur dass Sandy DeLucas Zähne etwas schärfer sind und das Blut ihrer Hauptfigur um einiges freier fließt.

Der Titel der Novelle bezieht sich auf ein Gedicht von Sylvia Plath, deren Gedichtband „Ariel“ ein permanentes Accessoire der Hauptfigur und Erzählerin ist. Ähnlich wie in der Lyrik der jung verstorbenen Dichterin steht auch bei Sandy DeLuca vieles lediglich zwischen den Zeilen. Als Leserin, die sich auf eine zugegebenermaßen genrebedingt wohl eher grobschlächtige Horrornovelle gefreut hatte, war ich natürlich ein bisschen enttäuscht. Wo sind die Monster?! Wo sind die schwarzen Messen und rituellen Opfer?! Und was genau ist eigentlich mit dem Bruder der Hauptfigur passiert?! Sandy DeLuca deutet schon am Anfang der Geschichte an er wäre brutal ermordet worden. Im Laufe der Handlung bleibt sie mir eindeutige Antworten jedoch schuldig. Alles muss ich mir selbst zusammen reimen, ohne dass ich gegen Ende eine kleine Bestätigung durch die Autorin erfahren hätte.

In „Into the Red“ geht es um die erste Liebe und die Narben, welche diese auf dem Herzen und im Fleisch junger Mädchen hinterlässt – bei Sandy DeLuca darf frau diese Metapher übrigens wörtlich nehmen. Sie spielt mit dem meines Erachtens mittlerweile etwas ausgelutschten Thema Selbstverletzung und macht die Dunkelheit, den Schmerz und latenten Masochismus zwischen den Schnitten sichtbar. Erste sexuelle Erfahrungen und co-abhängige Jugendfreundschaften erfahren so eine düstere Intensität und werden zum Vorboten eines namenlosen Bösen, das die beteiligten Figuren, die Erzählerin im Besonderen, ihr Leben lang nicht loslassen wird.

10625204Charlee Jacob ist quasi die Meryl Streep der zeitgenössischen Horror-Literatur. Es fällt mir als Leserin schwer unter ihren zahlreichen Veröffentlichungen im Genre ein Buch zu finden, das keinen Preis gewonnen hat, oder zumindest nominiert war. Ihr Buch „Dread in the Beast“, das als Novelle seinen Anfang nahm und später auf Romanlänge ausgelassen wurde, ist da keine Ausnahme. Die Bestie im Titel bezieht sich übrigens auf eine der drei Hauptfiguren, angeblich der wiedergeborene Alastair Crowley, seines Zeichens Okkultist und von der britischen Presse berühmt-berüchtigt als „wickedest man in the world“ betitelt.

Charlee Jacob selbst liefert den Soundtrack zu ihrem Roman und der besteht aus Arthur Browns Erfolgssong „Fire“, gespielt ad nauseum. Ich persönlich würde aber auch die frühen Hits von Marilyn Manson oder die finnische Band The 69 Eyes als musische Untermalung des Textes vorschlagen. In der Kombination steht die Lektüre einem aus dem Ruder geratenen LSD-Trip dann in nichts mehr nach, und wie die eigentliche Droge sitzt mir das Gelesene nach wie vor im Rückgrat, bricht sich ab und zu Bahn in mein Bewusstsein und lässt mich erschaudern.

Wer sich zwischen die Seiten von „Dread in the Beast“ wagt, der braucht einen starken Magen. Fäkalien und sexuelle Perversionen/Folter sind die heimlichen Hauptfiguren des Romans. Da wird selbst ein junger Stephen King etwas blass um die koksaffine Nase. Wenn dir also schon bei der bloßen Erwähnung von Horror-Franchises wie „Saw“ oder „Hostel“ mulmig wird, dann ist dieser Roman wohl ein bisschen zu extrem für dich. Ich persönlich konnte anfangs lediglich ein Kapitel am Tag ertragen, bevor ich mental ausgebrannt das Handtuch warf. Das allerdings könnte auch daran liegen, dass der Roman aus drei parallel erzählten Geschichten besteht, die zunächst nicht das geringste miteinander zu tun haben und erst gegen Ende – als ich, aus schierer Panik eine zweite Woche in der Höllenwelt von „Dread in the Beast“ verbringen zu müssen, schon lange mit Speed Reading begonnen hatte – miteinander verknüpft werden.

Es geht um vergessene Gottheiten und antike Heiligenkulte, die sich im Untergrund bis in die Gegenwart fortsetzen, um Transformationen und Selbstverleugnung, alles in der dreckigsten Stadt der Welt verortet. Die Hölle ist bei Charlee Jacobs keine Hypothese mehr, nur dass ihre Figuren danach dürsten dort ihre Ewigkeit zu verbringen. „Dread in the Beast“ ist vom Ton her ultra-amerikanisch, Slutshaming und Frauenfeindlichkeit (Stichwort: menschlicher Bonsai) inklusive. Was das angeht, scheint es Charlee Jacobs leider an Kreativität zu fehlen, oder vielleicht ist es auch Mut, um sich dahingehend von ihren männlichen Kollegen zu unterscheiden.

51YBubPrIkL„The Cipher“ von Kathe Koja hieß zur Zeit seiner Erstveröffentlichung noch „The Funhole“, ebenso wie das unerklärte und unerklärliche schwarze Loch im Keller des Apartmentblocks des Erzählers. Vom Ton her ist es um einiges eingängiger als „Dread in the Beast“, was mich nach dem oben beschriebenen Höllenritt durchaus aufatmen ließ. Dabei ist es aber leider auch weniger hintersinnig als „Into the Red“. Als Leserin fühle ich mich zwischen den Seiten trotzdem sofort angekommen und bin erleichtert eine Autorin gefunden zu haben, die einen gesunden Mittelweg zwischen xx und xx geht. Die Anfangsszenen, in denen die beiden Hauptfiguren diverse Klein- und Kriechtiere dem zerstörerischen Sog des „Funhole“ aussetzen, versprechen Spannung und ein Ende mit Schrecken, das ich als Leserin an diesem Punkt in der Lektüre kaum erwarten kann. Dieses Versprechen löst die Autorin leider nur bedingt ein. Meiner Meinung nach, hat der Plot von „The Cipher“ reichlich ungenutztes Gruselpotenzial.

Wie schon in „Dread in the Beast“ geht es auch in „The Cipher“ um die graduelle Verwandlung einer der Hauptfiguren in ein mythologisches Monster. In letzterem heißt die Figur, deren Körper sich verändert, von etwas finsterem besessen sich von sich selbst entfremdet, jedoch nicht willkommen. Der Erzähler spielt mit den zerstörerischen Kräften des „Funhole“, steht aber auch Todesängste aus, als er merkt, was diese Kräfte mit, bzw. aus seinem Körper machen. Kathe Koja bleibt in ihrer Beschreibung dieser Veränderung und dessen, was sich in den dunklen Tiefen des „Funhole“ verbirgt enttäuschend abstrakt. Genau das ist es übrigens, was ich meine, wenn ich im vorangegangenen Absatz lamentiere, dass die Autorin das Potenzial der Geschichte verschenkt. Die Leserin erfährt bis zum Ende nicht, was eigentlich mit dem Erzähler geschieht, und was ihn erwartet, sollte er es nicht schaffen seine Verwandlung aufzuhalten.

Durch die erste Person Erzählperspektive bin ich als Leserin auf der einen Seite zwar nah dran am Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Auf der anderen Seite kriege ich aber nur einen kleinen Ausschnitt davon mit. Vor allem im letzten Teil der Geschichte, in dem sich der Erzähler im Keller einschließt, während draußen das Leben weiter geht und die Beziehungen zwischen seinen Künstlerfreunden und ihrem Gefolge kultähnliche Züge annehmen, fühle ich mich vom spannendsten Aspekt der ausgeschlossen. Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, komme ich noch einmal auf das verschenkte Potenzial der Geschichte zu sprechen; denn es starrt mich von jeder Seite aus vorwurfsvoll an, immer dann wenn Kathe Koja ihre Geschichte einen Gang höher, bzw. Horror, hätte schalten können und scheinbar die einzige ist, der das nicht auffällt. Letztlich versuche ich mich jedoch davon zu lösen; denn meine Ansprüche sollen mir nicht die Lektüre versauen.

Die Autorin kann leider nicht widerstehen mir als Leserin in den letzten Paragrafen ihres Romans den Sinn der Geschichte zu erklären. Eigentlich hätte ich mir den am liebsten selbst zusammen gereimt, aber gute Lektoren sind im Horrorgenre bekanntlich rar gesät – fast so rar wie Schriftsteller, die auf ihre Lektoren hören und den letzten Absatz, indem sie ihrer Leserin das Buch erklären, streichen 😉 Abgesehen davon bleibt jedoch alles offen und das ist ehrlich gesagt ganz schön frustrierend. Das „Funhole“ ist also eine Metapher, aber ich weiß nach wie vor nicht, was genau sich darin verbirgt und warum es diejenigen, die damit in Berührung kommen entweder vollkommen verrückt macht oder von innen heraus auffrisst. Auf der einen Seite will ich es gar nicht so genau wissen; auf der anderen Seite treibt mich die Neugier schier in den Wahnsinn. Kleinerer Unzulänglichkeiten und offener Fragen zum Trotz ist Kathe Koja eine Autorin, die ich definitiv auf dem Schirm behalten werde.

Von Sandy DeLuca habe ich ebenfalls schon zwei weitere Romane auf dem eReader, auch wenn ich mich nach diesem albtraumhaften Lesemonat erst einmal verschnaufen und meine Leseerlebnisse verarbeiten muss. Darüber hinaus aber bin ich angefixt, infiziert quasi von diesem Genre und seiner Damenrunde, die übrigens noch viele andere Namen zu bieten hat. Sie alle, inklusive Beispielbuch, hier aufzuführen würde den Rahmen dieses Beitrags jedoch sprengen. Also muss du an dieser Stelle mal selbst googeln. Denn das, was ich hier bezwecke, ist schließlich Dir liebe Leserin die Augen zu öffnen, bzw. wässrig zu machen, für eine Albtraumwelt jenseits von Stephen King, Dean Koontz, Jack Ketchum und Co.

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(Die Sonntagsleserin) Alles Jahre wieder: Der Kampf gegen den Winter-Blues…

Dieses Jahr ist er früh dran, aber die letzte Woche war auch dermaßen verregnet, dass ich mich nicht wundere, warum mir auf einmal für alles mögliche und unmögliche die Motivation fehlt. Rezensionen schreiben?! Wer liest die eigentlich… Blogbeiträge kommentieren?! Kommentiert ja auch keiner bei mir… Der Lesemarathon der Wörterkatze steht vor der Tür!? Ich tue einfach mal so, als wäre ich nicht zu Hause… Langfristig macht diese Haltung aber mehr Probleme, als sie zu lösen vorgibt. Also gehe ich in diesem Jahr gegen meine natürliche Neigung an, von November bis März vor dem Fernseher zu versuppen und nur das Nötigste zu tun, indem ich mich auf meine Wurzeln besinne. Denn am besten kommt frau durch die dunkle Jahreszeit mit Kerzenlicht, Wienerbröd und reichlich „hygge“ – Ah! Ich fühle schon wie es wirkt 😉

Vor den Augen…

In meiner ersten Sonntagsleserin waren diese beiden Bücher noch neu in meinem Regal. Nun, da sie sich in meinem eigenen Zimmer etwas eingelebt haben, beschloss ich Nägel mit Köpfe zu machen, und diese Neuerscheinungen nicht allzu lange warten zu lassen. Außerdem passt die unterschwellige Melancholie der Geschichten perfekt zu meinem derzeitigen Gemütszustand.

9783961010073_coverSchwimmen von Sina Pousset… Milla und Jan kennen sich seit Kindertagen. In einem heißen Sommer fahren sie gemeinsam mit Jans Freundin Kristina ans Meer. Drei Tage lang schweben sie zwischen Angst, Liebe und Sehnsucht. Bis sich alles bei einem heftigen Gewitter katastrophal entlädt. Jan überlebt nicht. Vier Jahre später sind Milla und die kleine Emma an einem kalten Morgen durch die große Stadt unterwegs. Da findet Milla etwas, das sie an Jan erinnert und stellt sich endlich der Vergangenheit.

9783961010042_coverDas Rauschen in unseren Köpfen von Svenja Gräfen… Lene lebt mit ihrer besten Freundin in einer WG in einer großen Stadt, ihre liebevolle Familie und der Freundeskreis geben Halt. Als sie Hendrik begegnet, scheint ihr Glück perfekt. Sie plant eine gemeinsame Zukunft, doch Hendriks Vergangenheit schleicht sich in ihr Leben ein. Da ist seine zerrüttete Familie, sein bisweilen merkwürdiges Verhalten. Und Klara.

Auf den Ohren…

Diese Woche brauchte ich mal was leichtes, wenn auch nicht immer ganz leicht verdauliches. Benjamin Laws schwule Reise durch Asien kam mir da wie gerufen und wurde auch in Rekordzeit gehört; dazu dann noch das neue Buch der „Queen of hygge“ Helen Russell und meine Woche ist gerettet.

612-sWchzWL._AA300_Gaysia von Benjamin Law… Benjamin Law considers himself pretty lucky to live in Australia: he can hold his boyfriend’s hand in public and lobby his politicians to recognize same-sex marriage. But as the child of immigrants, he’s also curious about how different life might have been had he grown up in Asia. So he sets off to meet his fellow Gaysians. Law takes his investigative duties seriously, going nude where required in Balinese sex resorts, sitting backstage for hours with Thai ladyboy beauty contestants, and trying Indian yoga classes designed to cure his homosexuality. The characters he meets – from Tokyo’s celebrity drag queens to HIV-positive Burmese sex workers and Malaysian ex-gay Christian fundamentalists to Chinese gays and lesbians who marry each other to please their parents – all teach him something new about being queer in Asia.

51g3m7hYelL._AA300_Leap Year von Helen Russell… Having spent the last few years in Denmark uncovering the secrets of the happiest country in the world, Helen Russell knows it’s time to move back to the UK. She thinks. Maybe. Or maybe that’s a terrible idea. Like many of us, she suffers from chronic indecision and a fear of change. So she decides to give herself a year for an experiment: to overhaul every area of her life, learn how to embrace change and become a lean, mean decision-making machine. From how to cope with changing work lives and evolving relationships to how we feel about our bodies, money and well-being, Helen investigates the benefits of new beginnings, the secrets of decisive people and what makes changes last – and uncovers the practical life lessons we can all use to thrive when change is afoot and inject some freshness and magic if it’s not.

Neu im Regal…

Warum zwanghaft Bücher kaufen, wenn die heimischen Regale längst voll davon sind?! Und trotzdem schlich ich diese Woche mit juckender Kreditkarte um die letztjährige Shortlist des Bailey’s Prize for Fiction herum, einfach aus generellem Interesse – virtuelles „window-shopping“ quasi. Denn genug zu lesen hab ich ja eigentlich.

Nur zu Besuch…

Meine Linksammlung diese Woche ist eine wilde Mischung aus allem, was mich in der letzten Woche interessiert, bzw. bewegt hat. Insofern werde ich an dieser Stelle auch nicht mit unnötigen Worten um mich schmeißen, sondern lade dich, meine liebe Leserin, einfach kurz und knapp zum Stöbern ein.

Der gruseligste (quasi) Feiertag des Jahres steht vor der Tür und da dürfen die passenden Leckerbissen natürlich nicht fehlen. Inspirationen dafür gab es diese Woche u.a. auf den Blogs ks und mohntage.

In der Werbung sind alle Frauen Blaublüter. Der britische Bindenhersteller Bodyform will dies mit der #bloodnormal Kampagne nun aber endlich ändern.

Ohne festen Partner durch die kalte Jahreszeit zu kommen ist für manchen eine Herausforderung, da bin auch ich keine Ausnahme. Doch ist das (chronische) Singledasein nun eine Bürde oder etwa ein Geschenk?!

Muromez war in Moskau unterwegs und teilt die bibliophilen Highlights seiner Reise mit allen, die vom literarischen Russland begeistert sind.

Es ist noch gar nicht so lange her, da las ich „Procrastination“ von Jane B. Burka, PhD & Lenora M. Yuen, PhD und nahm mir fest vor – Jetzt wird was geändert! Der Beitrag zu Zielsetzung und Zeitplanung auf Perspektiven und Blickwinkel erinnerte mich diese Woche wieder an meinen Vorsatz.

Genug geplaudert, meine liebe Leserin. Ich verabschiede mich nun fürs Erste in den Sonntag und wünsche Dir noch viel Spaß beim Lesen und Entdecken!

(Neuerscheinung) Verloren im weiten Raum der Zeit, in dem alle Zeiten eins werden…

„Der weite Raum der Zeit“ war in meinem eigenen Zimmer lange ein Regalhüter, und das obwohl ich das Buch zur Zeit seiner Veröffentlichung unbedingt haben musste. Kaum trudelte es bei mir ein waren andere Dinge, andere Bücher vielleicht, wichtiger und wie im Flug ist über ein Jahr vergangen und ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau warum ich das Buch einmal hatte lesen wollen. Doch vertraute ich dieses Mal einfach der Erinnerung an meine einstige Euphorie und setzte endlich eine Lektüre in die Tat um, die ich vor langer Zeit kaum erwarten konnte…

41+Ai1+2JFL._SX311_BO1,204,203,200_Der Londoner Investmentbanker Leo verdächtigt seine schwangere Frau MiMi, ihn mit seinem Jugendfreund Xeno zu betrügen. In rasender Eifersucht und blind gegenüber allen gegenteiligen Beweisen verstößt er MiMi und seine neugeborene Tochter Perdita. Durch einen glücklichen Zufall findet der Barpianist Shep das Baby und nimmt es mit nach Hause. Jahre später verliebt sich das Mädchen in einen jungen Mann – Xenos einzigen Sohn. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und alte Wunden zu heilen, damit der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen wird.

Von Theaterschaffenden wird es oft als „Problemstück“ bezeichnet, Shakespeares „Wintermärchen“, das die Grundlage für „Der weite Raum der Zeit“ lieferte. Doch für Autorin Jeanette Winterson ist es Identifikationspunkt und Inspirationsquelle zugleich. Auch mich kann sie so von der Allgemeingültigkeit des Textes überzeugen, den ihre Übersetzung in die heutige Zeit noch zusätzlich sichtbar macht. Aus König Leontes wird Leo, der ehrgeizige Geschäftsmann, aus seinem Jugendfreund Polixenes wird Xeno, ein Computerspieleentwickler, und seine Frau Hermione wird zur Chansonsängerin MiMi; nur Perdita, die Verlorene, darf ihren Namen behalten, ist er doch so schön doppeldeutig. Auch die Schauplätze des Stücks erfahren bei Jeanette Winterson eine Modernisierung nach US-amerikanischem Vorbild. So wird aus Sizilien Little Sicily, ein Londoner Stadtteil, wo Leo und seine Firma Sicilia ansässig sind und Böhmen wird kurzerhand in New Bohemia umbenannt und in den Vereinigten Staaten verortet.

Das Buch selbst beginnt mit einem kurzen Abriss des Originals, was sich bei Berühmtheiten wie zum Beispiel „Romeo & Julia“ oder „Hamlet“ erübrigen mag, war für mich als Leserin eigentlich ganz hilfreich und daher äußerst willkommen; denn das Wintermärchen gehört schließlich nicht unbedingt zum Abiturwissen, auch nicht für Schüler mit Englisch Leistungskurs. Kurz überflogen vor der Lektüre des eigentlichen Romans, weckte die Zusammenfassung bei mir doch auch Lust auf das Original, und so nahm ich mir als Rezensentin die Freiheit und gönnte mir im Vorfeld meiner Besprechung eine Theaterproduktion via Youtube. Diese machte mich zusätzlich auf Parallelen und Unterschiede zwischen Original und Modernisierung aufmerksam; eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte und die stellenweise sicherlich in meine Rezension einfließen wird, ohne jedoch meine Sicht auf den vorliegenden Roman zu verfälschen. Denn dieser soll hier schließlich die erste Geige spielen.

Und so will ich an dieser Stelle auch keine weiteren Worte an die Einleitung verlieren, sondern gleich in die Lektüre einsteigen. Diese ist jedoch nicht ganz so willfährig, wie ich mir das als Leserin erhofft hatte, zunächst sperrt sie sich meinen Avancen gegenüber, ziert sich und lässt mich kämpfen. Dieses hin und her erinnert mich an MiMi und Leo deren Werben über ein Jahr dauert; und so ist auch diese Lektüre hier mein zweiter Anlauf, nach fast einem Jahr Pause, nur dass ich anders als Leo selbst den Weg zu meiner Geliebten auf mich genommen habe, so steinig er anfangs auch gewesen sein mag, und nicht etwa meinen besten Freund Xeno vorgeschickt habe, um das Buch an meiner Stelle zu lesen. Diese Schüchternheit Leos setzt den Grundstein einer Dreiecksgeschichte, die alle Figuren, allen voran seine geliebte MiMi ins Unglück stürzen wird – insofern bin ich ganz glücklich mit meiner Entscheidung die Herausforderung anzunehmen dieses zunächst etwas störrische Buch höchstselbst zu zähmen.

Ich beziehe mich im vorangegangenen darauf, dass „Der weite Raum der Zeit“ mit einem Prolog beginnt, der sobald ich mich eingelesen habe nichts mehr zur Handlung beiträgt. Ein harter Schnitt und Jeanette Winterson erzählt die Geschichte von Anfang an. Ich als Leserin bin etwas verwirrt und weiß kurz nicht wo ich mich befinde und wessen Geschichte ich da eigentlich lese – dies ist übrigens der Punkt über den ich in der ersten Lektüre des Buchs nie so wirklich hinaus gekommen bin, was ich im Nachhinein bereue. Denn mein Durchhaltevermögen im zweiten Anlauf zahlt sich aus, und schon bald fühle ich mich wie zu Hause in der bewegten Jugend von Leo und Xeno. Diese ausführliche Hintergrundgeschichte, welche die komplizierte Beziehung, vermint durch zahlreiche Altlasten und unausgesprochene Vorwürfe, zwischen den beiden Männern erklärt, bleibt Shakespeares Stück seiner Leserin schuldig. Die kreative Freiheit der Neuinterpretation jedoch gibt den Figuren eine Mehrdimensionalität, die zwar höchst spekulativ ist, die ich aber trotz allem nicht missen möchte.

Jeanette Winterson geht in diesem Teil der Geschichte sehr offen mit der jugendlichen Experimentierfreude und latenten Homosexualität ihrer Hauptfiguren um, verschweigt den Gewissenskonflikt mit dem das Anderssein in diesem Alter unweigerlich einhergeht jedoch nicht. Die rasende Eifersucht von König Leontes geschieht in „Der weite Raum der Zeit“ also nicht aus dem Blauen heraus, sondern begründet sich in seiner Verbundenheit den angeblich Liebenden gegenüber, wobei nicht nur seine Sekretärin Paulina sich offen fragt auf wen Leo eigentlich eifersüchtig ist, seinen Jugendfreund Xeno oder vielleicht doch die eigene Frau, die sich mit völliger Selbstverständlichkeit etwas zu nehmen scheint, das Leo schon seit Jugendjahren begehrt und sich doch zu leben, bzw. zu lieben verweigert. Diesen Aspekt findet man so nicht in Shakespeares Wintermärchen, allerdings hatte ich bei meiner Lektüre das Gefühl, die Beziehung zwischen Leo und Xeno erkläre das, was im folgenden Teil der Geschichte passieren wird, vor allem den überzogenen Grad von Leos Reaktion auf die scheinbare Affäre, zumindest ansatzweise.

So kreativ Jeanette Winterson auch mit dem Original umgeht, setzt ihr die Handlung des Shakespeare-Stücks doch Grenzen. Viele Szenen wirken willkürlich oder für die Entwicklung von Handlung und Figuren ein bisschen unnötig, und brechen völlig uneingeleitet auf diese Leserin ein; Figuren handeln scheinbar kopflos und in einer Weise, die für mich oft schwer, wenn nicht sogar gar nicht, nachvollziehbar ist. Das treffendste Beispiel ist hier wohl das oben erwähnte. Leos Raserei gegenüber einer Affäre, für die es trotz versteckter Kamera im ehelichen Schlafzimmer keinerlei Beweise gibt, sprengt jeden nachvollziehbaren Rahmen. Blind vor Wut beginnt er eine Gewaltorgie, die im herzlosen Wegschaffen – denn etwas anderes ist es nicht – der neugeborenen Perdita gipfelt. Eine Szene wie aus einer Boulevardzeitung – eifersüchtiger Ehemann kidnappt Sohn und Tochter. (Das kann ja nur in Tränen enden.)

Für Perdita geht die Geschichte dann aber doch ganz gut aus, scheint sie in Shep (dem Schäfer) und seinem erwachsenen Sohn Clo (Clown) doch eine Familie gefunden zu haben, der egal ist, welche Gene sie nun genau in sich trägt – so viel scheint schon im Prolog fest zu stehen. Als Leserin darf ich im zweiten Teil also aufatmen, darf mich nach all dem Drama, das so sicher auch Teil einer mexikanischen Seifenoper hätte sein können, etwas erholen. Gleichzeitig muss ich mich jedoch gedanklich an eine komplett neue Besetzung, samt Schauplatzwechsel und Zeitsprung, gewöhnen und das fühlt sich so an als zwinge mich die Autorin mich noch einmal einzulesen, und das nervt mich an diesem Punkt in der Lektüre gewaltig, hatte ich mich doch endlich in Little Sicily eingelebt. Lange dauert es jedoch nicht, bis ich mich in Sheps Bar wie zu Hause fühle und gespannt verfolge, wie sich die Geschichte entwickelt, Sheps Geburtstag gefeiert wird und Perdita quasi zufällig über ihre Geburtsfamilie stolpert.

Neben dem hochdramatischen Anfang der Geschichte verblasst die Wurzelsuche der Scheingeschwister Perdita und Zel fast ein bisschen. Als Leserin möchte ich zwar wissen, wie alles endet, ob ebenso tragisch wie es begonnen hat oder vielleicht doch versöhnlich. Shakespeare seinerseits hat mich zwar schon etwas gespoilert, jedoch weist der Roman genug Unterschiede zum Stück auf, dass ich mir als Leserin einreden kann, nicht genau zu wissen, was noch kommt. Den Anfang der Geschichte noch in unangenehmer Erinnerung traue ich Leo alles zu, selbst einen Doppelmord. Was im weiteren geschieht werde ich hier nicht erzählen; denn vielleicht möchtest du „Der weite Raum der Zeit“ ja ebenfalls lesen und es selbst herausfinden. Nur so viel sei an dieser Stelle gesagt, jede Figur bekommt ein Happy End, so weit hergeholt es auch sein mag – Shakespeare eben; wenn sich die (Königs)Familie am Ende nicht niedermetzeln, dann wird halt geheiratet.

Kann man Shakespeare modernisieren? Jeanette Winterson hat mich überzeugt – ja, man, bzw. frau kann! Ob frau dies auch tun sollte, diese Frage stelle ich mir im Anschluss an die Lektüre. Hin und her überlege ich, und meine spontane Reaktion, nachzulesen in den Anfangsparagrafen dieser Besprechung gibt mir die Antwort. Denn wenn „Der weite Raum der Zeit“ bei mir eine spontane Lust, bzw. eine Neugier auf das Shakespear’sche „Wintermärchen“ weckt, dann unterstelle ich dem Text einfach mal das Potenzial eine neue Lesergeneration für dieses eher weniger bekannte Stück des Barden zu begeistern. Ich tippe sogar darauf, dass dies der eigentliche Grund hinter der vom Hogarth Verlag angeleierten Modernisierungsreihe ist, bei der übrigens auch die diesjährige Trägerin des „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ Margaret Atwood mitgemacht hat; vielleicht bin ich da aber auch etwas zu idealistisch. Das letzte Wort, ein kleiner Stimmungsdämpfer, möchte ich daher der Autorin selbst überlassen…

„Das viele Nichts ist nichts. Und der Himmel ist nichts, die Erde ist nichts, ich bin nichts, Liebe ist nichts, Verlust ist nichts.“

Der weite Raum der Zeit – Jeanette Winterson – ISBN 978.3.813.50673.0

Für Leserinnen, die…

  • …sich zumindest ansatzweise mit dem Werk William Shakespeares auskennen.
  • …dramatische Wendungen über Figurenzeichnung stellen.
  • …ein dickes Fell haben; denn bei Shakespeare geht es wüst zu.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Vom Leben in der Traufe und anderswo…

Manchmal sind die Dinge, die mich und meine Lektüre zusammenbringen vollkommen alltäglicher Natur. So geschehen auch bei „und in diesem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“, dessen vorrangiger Pluspunkt für mich der Verlag war, bei dem dieses Buch erschienen ist. Der Luchterhand Literaturverlag ist mein absoluter Liebling aus dem RandomHouse, und daher dachte ich mir: Wenn diesem Verlag Doris Anselms Prosa gefällt, dann wird es mir bestimmt ebenso gehen. Alles weitere, siehe unten… 😉

51NgcJ6XbcL._SX311_BO1,204,203,200_Was ist der Auslöser für Veränderung in unserem Leben? Die Nachricht einer längst vergessenen Freundin, eine Kränkung zu viel, eine absurde Passion, der es plötzlich nachzugeben gilt. In Doris Anselms Erzählungen begegnen uns Karrieremenschen und Loser, Charismatiker und Verrannte, die diese Momente lostreten oder erleben. So wechselt ein Schmuckstück den Besitzer, unpersönlich und doch symbolträchtig. Am Ende ist ein Mädchen erwachsen geworden und ihr Lehrer ein Stück kindlicher. Dabei bleibt manches scheinbar Wichtige elegant in der Schwebe, um den Blick fürs Wesentliche zu öffnen. Ereignisse wirken aus der Vergangenheit in eine intensiv wahrgenommene Gegenwart hinein, ein bedrohlicher Unterton schwingt mit, ein böses Wuchern und Wachsen.

Wie jede Kurzgeschichtensammlung ist auch Doris Anselms „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gengenschlag aus“ ein Flickenteppich aus Narrativen, die mich als Leserin ansprechen und solchen, die mich kalt lassen, ebenso wie den diversen Schattierungen dazwischen. Doch etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet, denn Kurzgeschichtenbände sind wie eine Schachtel Pralinen, um eines der wohl bekanntesten cineastischen Klischees zu bemühen. Im Grunde mag diese Leserin Pralinen, und Kurzgeschichten, nur eben nicht jede; Und anders ging es mir mit der Lektüre von „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ auch nicht.

Wenn ich hier schreibe ich mag Kurzgeschichten so gerne, wie ich Pralinen mag, dann stimmt das nicht ganz. Mit Pralinen verbindet mich eine flammende Hassliebe, die aus einem Teufelskreis des Heißhungers und gleichzeitigen Gesundheitswissens (Stichwort: Zucker) erwächst, ebenso wie dem schamvollen Blick auf die Waage – denn um ganz ehrlich zu sein lese ich um einiges feministischer, als ich mich letztendlich verhalte. Kurzgeschichten allerdings will ich wollen, mit einer Intensität, die schon fast an Verzweiflung grenzt. Ich suche nun schon seit Jahren einen Zugang zu dieser Form und muss gestehen, dass ich ihn nur in Ausnahmefällen, wie zum Beispiel bei der Titelgeschichte von Benjamin Maacks Debüt „Monster“ oder „Marathonmann“ aus „Die Liebe unter Aliens“ von Terézia Mora, finde.

Natürlich bedeutet das nicht, dass ich einem Buch, wie „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ vollkommen ratlos gegenüber stehe. Ich kann schon einschätzen, bzw. identifizieren, was mich an welcher Geschichte besonders begeistert, berührt oder auch abschreckt und wie sich das auf meinen Gesamteindruck gegenüber dem Buch auswirkt. Nur bin ich eben nicht die Connaisseuse, die ich manchmal gerne wäre. Im Studium des Literarischen Schreibens habe ich schließlich mal gelernt, dass Kurzgeschichten die Feuerprobe eines jeden Schriftstellers darstellen. Wer eine gute Kurzgeschichte schreibt, dem liegt die literarische Welt zu Füßen, zumindest theoretisch. Doch habe ich weder als Schreibende, noch als Lesende, jemals so ganz begreifen können, warum – nicht mangels verbissener Versuche wohl gemerkt.

Insofern sind Kurzgeschichtensammlungen für mich ein bisschen so wie Opern. Im Grunde eine beeindruckende, hoch technische Kunstform, die jeden auflaufen lässt, der nicht weiß, was er tut. Eingängig sind sie aber nicht gerade, manchmal nicht einmal dann, wenn frau sich intensiver damit beschäfftigt. Doch bewege ich mich mit diesen Vergleichen immer weiter weg vom eigentlichen Thema dieses Beitrags, dem Debüt der „open mike“ Gewinnerin Doris Anselm. Und dieses hat das Potenzial selbst Kurzgeschichtenmuffel für diese Form zu begeistern, zumindest ab und zu – es hängt wie gesagt immer von der individuellen Geschichte ab. Doch bin ich zuversichtlich, was meine Behauptung angeht. Denn das Themenspektrum der 16 Geschichten ist so breit gefächert, dass man als Leserin schon zu einer unwahrscheinlichen Minderheit gehören muss, um sich nicht zumindest in einer von Doris Anselms Erzählungen wiederzufinden.

Was mir persönlich an „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ am besten gefällt ist, dass Doris Anselm in mehr als einer Geschichte schwul/lesbische Figuren auftreten lässt, deren Homosexualität nicht zum zentralen Thema der Geschichte gemacht, bzw. zu einen Spektakel für heterosexuelle Leserinnen aufgebauscht, wird. In „Juls Hände“ versucht der schwule Jul zwar der jungen Studentin Karli den Freund auszuspannen, doch wird dies nicht zum zentralen Punkt der Geschichte. Doris Anselm erreicht diese Verlagerung der Aufmerksamkeit ihrer Leserin dadurch, dass sie einer Außenstehenden das Erzählen überlässt. Ich, als Leserin, werde so Zeugin von deren unglücklicher Liebe zu Jul, während die Dreiecksgeschichte zwischen Jul, Karli und ihrem Freund zum Randgeschehen wird, das der Erzählung, ebenso wie den Figuren zusätzliche Tiefe, bzw. Mehrdimensionalität, verleiht.

In „Das Gartenjahr“ sind es zwei Frauen scheinbar fortgeschrittenen Alters, die sich eine Gartenlaube und auch das darin befindliche Bett teilen. In dieser Geschichte geht es jedoch nicht um ihre späte Liebe, sondern um ihre Armut, die sie dazu zwingt sich ganzjährig in einer Schrebergartenkolonie niederzulassen, auch wenn das eigentlich nicht erlaubt ist, und für die beiden zu Problemen führt. Es ist eine meiner Lieblingsgeschichten, denn vom Ton her erinnert sie mich an die schottische Schriftstellerin Ali Smith, deren Kurzgeschichten ich so gerne lese. Doris Anselm macht ihrer Leserin keine Geschenke, alles Wesentliche steht wie so oft zwischen den Zeilen. Ich werde zur Wahrsagerin und starre verzweifelt auf die Kristallkugel, welche die Autorin mir vor die Nase hält. Verdachtsmomente habe ich viele, doch mit Sicherheit weiß ich am Ende nicht einmal wer die Geschichte eigentlich erzählt.

In „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ betreibt Doris Anselm nicht nur die für ihre Schriftstellergeneration so typisch gewordene Nabelschau, sondern schreibt über Menschen aller Altersgruppen und sozialen Schichten. Mit wie viel Authentizität sie dies tut, kann ich als junge Frau der Mittelklasse, die zumindest in Deutschland keinerlei Berührungspunkte mit dem Präkariat hat, leider nicht beurteilen. Doch bin ich mir sicher, dass diese Offenheit gegenüber Erfahrungen abseits des Mainstreams „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ zu einem Buch macht, das auch denen Zugang, bzw. einen Identifikationspunkt, bieten kann, die nicht zum studentischen Berliner WGvolk gehören. Wenn es anders wäre, hätte ich ehrlich gesagt auch wenig Lust gehabt mich auf dieses Buch einzulassen. Die Universalität der Narrative, ob es nun um Themen wie Liebe, Lust & Obsession, so zum Beispiel gelesen in „Lametta“, oder Familie, Kindheit & Stadtflucht, so zum Beispiel gelesen in „einer kalten Natur“, geht; Doris Anselm scheint mich als Leserin und als Mensch zu kennen.

Kurzgeschichtenbände haben für mich als Rezensentin sowohl Vor- als auch Nachteile. Auf der einen Seite, weiß ich manchmal nicht, wo ich mit meiner Besprechung anfangen soll. Auf der anderen Seite fällt es mir schwer zum Ende zu finden, sobald ich den roten Faden in der Hand halte. Schließlich geht es hier nicht nur um eine Geschichte, sondern gleich um sechzehn Stück. Und ich könnte noch so viel erzählen, mich auf so viele Teilaspekte des Buchs beziehen – ja, vielleicht sogar jeder der 16 Geschichten eine eigene Rezension widmen. Doch das würde den Rahmen sprengen, den ich mir als Rezensentin für diese Besprechung gesetzt habe und daher begnüge ich mich an dieser Stelle damit dir, meiner geneigten Leserin, (hoffentlich) die Augen etwas wässrig gemacht zu haben, vor Neugier auf dieses Buch – diese Oper-esque Pralinenschachtel, deren Einzelteile nur darauf warten nun auch von Dir verköstigt zu werden.

und in diesem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus – Doris Anselm – ISBN 978.3.630.87526.2

Für Leserinnen, die…

  • …sich diese Form nicht nur zutrauen, sondern auch bereit sind sich, wenn nötig, einen Zugang dazu zu erkämpfen.
  • …bei Sprachgewandtheit und Schreibstil ihre Prioritäten setzen.
  • …sich manchmal im Leben, auf dem Land, in der Liebe gestrandet fühlen.

Literarische Nachbarinnen…

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Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora 42752463z