Archiv der Kategorie: Rezensionen

(Neuerscheinung) Eine Reise in die Welt der Märchen und Mythen…

„Folk“ ist eines meiner netgalley Bücher und als solches hat seine Lektüre zwar Priorität gehabt, auf eine Rezension hat es jedoch ungewöhnlich lange warten müssen. Auf dieses Buch war ich vorab übrigens schon sehr gespannt. Denn laut Klappentext enthält es die Tür zu einer anderen Welt. Und in diesen regnerischen Wintertagen ist das genau das richtige für mich als wetterfühlige Leserin…

cover120828-mediumOn a remote and unforgiving island lies a village unlike any other: Neverness. A girl is snatched by a water bull and dragged to his lair, a babe is born with a wing for an arm and children ask their fortunes of an oracle ox. While the villagers live out their own tales, enchantment always lurks, blighting and blessing in equal measure. Folk is a dark and sinuous debut circling the lives of one generation. In this world far from our time and place, the stories of the islanders interweave and overlap, their own folklore twisting fates and changing lives. A captivating, magical and haunting debut novel of breathtaking imagination, from the winner of the 2014 Costa Short Story Award.

Was im Klappentext so optimistisch als Roman bezeichnet wird, ist bei genauerer Betrachtung eine Ansammlung von minimal miteinander verwobenen Geschichten. Allesamt spielen sie im gleichen Ort mit dem Namen Neverness und während ich so von Geschichte zu Geschichte blättere fällt mir hier und da ein Name ins Auge, den ich so schon mal gelesen habe. Darüber hinaus haben die einzelnen Geschichten aber nur den etwas verschwurbelten Märchen-Stil gemeinsam, indem sie erzählt sind. Lange Rede, kurzer Sinn, schon bald nach den Beginn der Lektüre muss ich mir eingestehen, dass der Klappentext etwas verspricht, was das Buch letztlich nicht halten kann – ich freute mich vor der Lektüre also schon auf das Blaue vom Himmel und bin im nachhinein ehrlich gesagt etwas enttäuscht.

Die einleitende Geschichte erinnert mich an einschlägige Jugendbücher, wie zum Beispiel „Die Tribute von Panem“, „Maze Runner“ oder auch den vierten Band der Harry Potter Reihe, bringt aber leider keine neuen Aspekte. Insofern fühle ich mich lediglich so als wäre ich in einem literarischen Deja-Vu gefangen. Schon am Anfang der Lektüre frage ich mich, ob die Autorin vielleicht zu viele Jugendbücher gelesen hat, und leider komme ich von Geschichte zu Geschichte immer wieder darauf zurück. Denn Zoe Gilbert erfindet mit ihrem Debüt das Rad nicht neu, sondern holt es sich lediglich bei erfahreren Kolleginnen ab und rollt es ein paar Straßenzüge weiter. Das an sich ist kein Kritikpunkt, wenn mich der Klappentext nicht so hochgehypt hätte, dass ich mit der Erwartung an dieses Buch heran ging, es hätte das Potenzial mein Leben verändern.

Ab der zweiten Geschichte wird deutlich, dass es sich bei „Folk“ nicht um einen Roman handelt. Denn diese hat nicht das geringste mit ihrer Vorgängerin gemein. Ich halte kurz inne, seufze und mache mich anschließend daran mich in eine neue Figurenbesetzung einzulesen. Eigentlich lese ich gerne mal Kurzgeschichten, aber wer mir einen Roman anpreist, der muss sich auf Widerwillen einstellen, wenn er mir dann doch eine Kurzgeschichtensammlung auftischt. Nach diesem anfänglichen Stolperstein weiß ich jedoch, was mich im weiteren Verlauf der Lektüre erwartet und dieses Wissen hilft mir dabei mich darauf einzulassen. Trotzdem wird jede neue Geschichten von dem unguten Gefühl begleitet etwas vergessen zu haben, einen Namen vielleicht, den ich in einer früheren Geschichte schon einmal gelesen habe.

Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, werden zwei oder drei Geschichten später vielleicht noch einmal namentlich erwähnt; doch habe ich deshalb nicht das Gefühl es würde sich eins ins andere fügen. Im Gegenteil, ich bin enttäuscht, denn die Autorin hätte viel mehr aus diesem gemeinsamen Schauplatz machen können, ihren Leserinnen zu liebe. Stattdessen fühle ich mich als Leserin in der Welt von Neverness etwas verloren, muss jede Geschichte dazu nutzen mich erneut in die Dorfgemeinschaft einzufühlen und bin oft ganz schön frustriert wenn dass nicht gleich klappt. Denn für mich persönlich wird ein Buch erst dann so richtig gut, wenn ich mich eingelesen habe und das schaffe ich im Falle von „Folk“ einfach nicht.

Zoe Gilbert erzählt von einer Welt, die fern der unseren scheint und in der sich doch die gleichen Geschichten abspielen. Junge Liebe erblüht, Kinder werden geboren, reife Eheleute streben auseinander, das Leben eben. Ihre Protagonisten sind Kinder, Jugendliche, junge Eltern und Greise, allesamt Einwohner von Neverness, einem Ort voller Magie und Aberglaube. Vor der Lektüre hatte ich den Eindruck, „Folk“ gehöre ins Fantasy-Genre. Danach würde ich es jedoch eher dem magischen Realismus zuordnen. Das Rad erfindet Zoe Gilbert wie schon erwähnt nicht neu. Als Leserin, die sich nicht nur mit YA Kassenschlagern, sondern auch mit keltischer Folklore beschäftigt, habe ich das Gefühl ihre Geschichten schon einmal gehört zu haben. Vergebens wartete ich auf das gewisse etwas, das die Folklore von „Folk“ zu etwas einzigartigem macht. Darüber hinaus möchte ich jedoch nicht unterstellen, dass eine thematisch völlig unbeleckte Leserin sich genauso fühlen wird.

Die Welt von „Folk“ ist eine märchenhafte, dabei aber doch raue und zeitweilens unwirtliche. Zoe Gilbert meistert den Spagat zwischen Realismus und Magie. Manchmal wünsche ich mir etwas mehr Fantasy, viele der märchenhaften Ereignisse, die mir im Klappentext versprochen wurden, lassen sich im Buch selbst durch natürliche Begebenheiten erklären. Über viele übernatürliche Phänomene, die sich in Neverness häufen, wie zum Beispiel den Flügelarm des Korbflechters oder den sogenannten Wasserbullen, der an stürmischen Abenden Jungfrauen raubt, wird etwas oberflächlich hinweg gegangen. Als Leserin wäre es mir lieber gewesen Zoe Gilbert hätte sich für eine Familie und deren Geschichte entschieden, anstatt ein ganzes Dorf mit Dutzenden von Einwohnern in ein derart schmales Buch zu stopfen; ohne dabei jemals den Hunger dieser Leserin nach einer vertiefenden Betrachtung zu stillen, wohlgemerkt.

Letztlich klappe ich dieses Buch etwas enttäuscht zu, die Versprechen die mir der Klappentext vor der Lektüre gemacht hat, kann das Buch leider nicht halten. Mir persönlich fehlt dabei das gewisse etwas, der Funke der auf mich überspringt, das Gefühl zwischen den Seiten von „Folk“ zwar etwas bekanntes zu finden, aber gleichzeitig auch etwas vollkommen neues zu erleben. Das wiederholte Einlesen ging mir, die sich am liebsten in eine andere Welt versetzt fühlen wollte, gehörig auf die Nerven. Immer wieder wurde ich aus der Gemeinschaft Neverness ausgebürgert und musste mühselig meinen Weg zurück finden. Die Geschichten selbst sind moderne Märchen, die aber nichts wirklich besonderes zum Genre beitragen. Zoe Gilbert hat originelle Ideen, verschenkt deren Potenzial jedoch zu oft, um mich als (im Grunde wohlwollende) Leserin vollends für sich und ihre Geschichten zu gewinnen.

Folk – Zoe Gilbert – ISBN 978.1.408.88439.3

Für Leserinnen, die…

  • …sich nach den Märchen ihrer Kindheit sehnen.
  • …ein überdurchschnittlich gutes Namensgedächtnis haben.
  • …sich nicht von Vorschusslorbeeren blenden lassen.

Literarische Nachbarinnen…

cover119553-medium51-ww1ygcel-_sx321_bo1204203200_51npgsusrul-_sx322_bo1204203200_

Advertisements

(Feminismen) Eine Transfrau schreibt über den Kreuzzug des Patriarchats gegen die Weiblichkeit…

In den zwei Jahren seitdem ich meine Erkundungsreise durch das feministische Sachbuchgenre begann, habe ich viele Stimmen zu den verschiedenen Aspekten des Themas gehört. Während die zu Papier gebrachten Meinungen teils weit auseinander gingen, waren ihre Autorinnen doch bisher überwältigend cis-gender Kaukasierinnen (eine Ausnahme ist Roxane Gay). Insofern stürzte ich mich auf diese Lektüre in der sich eine transsexuelle Frau zu Wort meldet und Dinge anspricht und ausspricht, die ich von ihren Kolleginnen in meinem Bücherregal so noch nicht gehört habe…

51-byitjfql-_sx331_bo1204203200_In Whipping Girl Julia Serano shares her powerful experiences and observations to reveal the ways in which fear, suspicion, and dismissiveness toward femininity shape our societal attitudes toward trans women, as well as gender and sexuality as a whole. In this provocative manifesto, she exposes how deep-rooted the cultural belief is that femininity is frivolous, weak, and passive, and how this “feminine” weakness exists only to attract and appease male desire. In addition to debunking popular misconceptions about transsexuality, Serano makes the case that today’s feminists and transgender activists must work to embrace and empower femininity—in all of its wondrous forms.

Wie ich in der Einleitung schon angedeutet habe liefert „Whipping Girl“ eine mir bisher unbekannte Perspektive auf die Unterdrückungssysteme des Patriarchats und eine Hypothese dazu, warum der gesellschaftliche Aufstieg von Frauen durch Talent und harte Arbeit alleine, auch nach den Anstrengungen und (Teil)Erfolgen des Feminismus diverser Generationen, um einiges steiniger ist, als der ihrer männlichen Pendants. Dabei führt Julia Serano nicht nur die am Arbeitsplatz lange etablierten Netzwerke der Männer, für die berufstätige Frauen noch kein adäquates Gegenstück haben, als Argument ins Feld, dafür dass Frauen hinter ihren männlichen Kollegen zurück bleiben, sondern holt in ihren Thesen und Erklärungsversuchen auch um einiges weiter aus. Für Julia Serano liegt die Ungleichheit des Systems nämlich in seiner binären Struktur an sich, in der wir Menschen in weiblich und männlich aufteilen und dementsprechend be-, bzw. abwerten.

Was das angeht weiß die Autorin wovon sie schreibt, wuchs sie doch als Mädchen in einem Jungenkörper auf, den sie erst im Erwachsenenalter mit Hormonbehandlungen zu dem machen konnte, was er für sie selbst immer war – einem weiblichen Wesen. Diese Angleichung von gefühltem und körperlichen Geschlecht beschreibt die Autorin ebenso wie die Art und Weise, wie sich die Sichtweise anderer Menschen auf sie veränderte, sobald die Hormontherapie ihre volle Wirkung entfaltete. Sie erzählt mir davon wie selbst politisch korrekte Menschen oft eine morbide Faszination für transsexuelle Körper haben und sich ohne Vorwarnung zum Beispiel danach erkundigen, ob sie sich schon die Genitalien hat angleichen lassen. Julia Serano prangert aber nicht nur die Art an, auf die (viele aber natürlich nicht alle) Cis-gender mit Transsexuellen umgehen, sondern auch wie transsexuelle Körper zum Beispiel in den Medien fetischisiert werden. Als, wie Julia Serano sich ausdrückt, „factory-issue woman“ und Medienkonsumentin gibt mir das reichlich zu denken.

Doch wer meint der einzige Sinn und Zweck von „Whipping Girl“ sei es mit Vorurteilen gegenüber Transsexualität aufzuräumen, der unterschätzt dieses Buch gewaltig. Denn indem Julia Serano sich darüber aufregt, dass oft völlig Fremde sich nach ihrem genitalen Status erkundigen und nichts dabei zu finden scheinen, entlarvt sie die Künstlichkeit des binären Geschlechtersystems. Denn die Frage nach Operationen und Hormontherapien wird nicht nur aus Neugierde gestellt, der Fragende versucht über die Antwort zu tangieren mit wem er es denn nun zu tun hat – Männlein oder Weiblein – und wie er sich darauf bezogen zu seinem Gegenüber verhalten soll. Das Individuum verschwindet im Klischee seiner Geschlechtsidentität, was weniger beunruhigend wäre, wenn unsere Gesellschaft nicht eine klare Hierarchie der Geschlechter etabliert hätte. An deren Spitze stehen seit dem Beginn der Agrikultur die Männer, danach kommen die Frauen und das Schlusslicht bilden non-binäre Menschen, zu denen Julia Serano sich selbst lange gezählt hat, mit deutlicher Tendenz zur Frau.

Doch es ist nicht nur das Patriarchat, und die damit verbundene Überhöhung von Männlichkeit, welches Julia Serano in „Whipping Girl“ aufs Korn nimmt, sondern die Verteufelung der Weiblichkeit, die damit einher geht. Diese Ablehnung alles fraulichen als künstlich und affektiert wird so, laut der Autorin, übrigens auch von führenden Feministinnen praktiziert und propagiert. Was das angeht bietet „Whipping Girl“ eine kritische Perspektive auf eine durchaus nicht perfekte Bewegung, mit einer langen Geschichte der Ausgrenzung von Transfrauen (aber nicht von Transmännern), die trotzdem nicht weniger feministisch ist als die ihrer cis-gender Kolleginnen. In dieser Streitschrift für die Weiblichkeit kämpft Julia Serano aber nicht etwa für das Recht auf klassische Rollenbilder, Make Up und Spitzenhöschen, sondern für die Freiheit der Gefühle unabhängig vom Geschlecht, für Männer die ungeniert weinen und ungebeten umsorgen und für Frauen die Stärke zeigen, nicht nur weil sie Angst vor ihrer eigenen Sanftheit haben.

Insgesamt öffnet „Whipping Girl“ seiner Leserin die Augen für die gravierenden Folgen der Hetzjagd auf alles weibliche, die bei Jungen schon im Grundschulalter kultiviert wird und bei Frauen dann beginnt, wenn sie sich zum Feminismus bekennen. Die traditionellen Feministinnen der zweiten Generation kommen dabei nicht immer so gut weg, aber diese Kritik muss eine Menschenrechtsbewegung von dieser Größe auch mal aushalten können. Darüber hinaus bietet dieses Buch eine ungewöhnlich erleuchtete Perspektive auf das binäre Geschlechtersystem von einer Autorin die sowohl Mann als auch Frau war und sich nicht nur mit der gesellschaftlichen Reaktion auf und den Erwartungen an ihr jeweiliges Geschlecht auskennt, sondern auch am eigenen Leib erfahren hat, was die dazugehörigen Geschlechtshormone mit dem Menschen der ihnen ausgesetzt ist machen. Somit ist „Whipping Girl“ nicht nur ein Plädoyer für die Weiblichkeit, sondern auch für die Freiheit des Einzelnen seine oder ihre persönliche Wahrheit zu leben, ohne Schikane von anderen.

Whipping Girl: A transsexual woman on sexism and the scapegoating of femininity – Julia Serano – ISBN 978.1.580.05622.9

Für Leserinnen, die…

  • …ihre Weiblichkeit nicht abwerten wollen.
  • …für neue Rollenbilder offen sind.
  • …sich einen inklusiveren Feminismus wünschen.

Literarische Nachbarn…

41gr9euh6tl-_sx328_bo1204203200_51hd-fzslkl-_sx344_bo1204203200_51huudfrq9l-_sx305_bo1204203200_413fr4tahbl-_sx323_bo1204203200_

(Neuerscheinung) Das Alter ist nichts für Feiglinge…

Vor ein paar Jahren las ich „Die linke Hand der Dunkelheit“, fand jedoch leider keinen Zugang dazu und brach es schließlich ab. Diese verhaltene Enttäuschung, erfahren durch ein Buch von dem ich mir viel versprach, spukte lange danach in meinem Kopf herum. Als ich erfuhr, dass nun bald eine Essaysammlung der Autorin veröffentlicht wird, musste ich diese unbedingt vorab lesen. Meine Hoffnung ist dabei, dass ein nuanciertes Bild der Autorin als Person mir einen zweiten Anlauf auf ihren bekanntesten Roman ebnet – mal sehen…

cover120129-mediumUrsula K. Le Guin has taken readers to imaginary worlds for decades. Now she’s in the last great frontier of life, old age, and exploring new literary territory: the blog, a forum where her voice—sharp, witty, as compassionate as it is critical—shines. No Time to Spare collects the best of Ursula’s blog, presenting perfectly crystallized dispatches on what matters to her now, her concerns with this world, and her wonder at it. On the absurdity of denying your age, she says, “If I’m ninety and believe I’m forty-five, I’m headed for a very bad time trying to get out of the bathtub.” On cultural perceptions of fantasy: “The direction of escape is toward freedom. So what is ‘escapism’ an accusation of?” On her new cat: “He still won’t sit on a lap…I don’t know if he ever will. He just doesn’t accept the lap hypothesis.” On breakfast: “Eating an egg from the shell takes not only practice, but resolution, even courage, possibly willingness to commit crime.” And on all that is unknown, all that we discover as we muddle through life: “How rich we are in knowledge, and in all that lies around us yet to learn. Billionaires, all of us.”

Schon bevor ich überhaupt eine einzige Zeile gelesen habe, ist mein Kopf schon voller Fragen. Besonders eine tut sich dabei hervor; ob mir Ursula K. LeGuin wohl als Person sympathisch sein wird? Ich hoffe es jedenfalls sehr, und das löst vorab schon eine unterschwellige Anspannung in mir aus. Ich möchte sie so gerne mögen, möchte einen Zugang zu ihrem Werk finden. Darüber hinaus koche ich meine Erwartungen allerdings auf kleiner Flamme. Denn Essaysammlungen, wie diese hier, sind meiner bisherigen Erfahrung nach immer ein bisschen durchwachsen. Da ist „No Time to Spare“ übrigens keine Ausnahme, manche Essays hauen bei mir voll auf die Zwölf, andere interessieren mich weniger und ich überfliege sie nur.

Im ersten Teil des Buchs geht es um das Altern und das Alter, welches laut Ursula K. LeGuin, selbst schon über achtzig, nichts für Weicheier ist. Dann aber eigentlich doch, muss sie sich eingestehen, schließlich werden auch Weicheier irgendwann mal alt. Doch einfach ist es nicht, darauf kann sie sich mit sich selbst einigen. Die Leserin lernt Ursula K. LeGuin gleich zu Anfang als Person kennen, die sich all ihrer kleinen Macken und Eigenarten bewusst ist und sich nicht länger scheut, diese auch mit ihren Leserinnen zu teilen. Diese Leserin merkt der Schriftstellerin ihr fortgeschrittenes Alter dabei gar nicht unbedingt an. Denn Ursula K. LeGuin nimmt es mit Humor und scherzt auch schon mal, dass zum Beispiel alternde Bloggerinnen besser einmal die Woche laut geben, auch wenn’s nichts zu erzählen gibt. Denn jüngere Leserinnen könnten ja meinen, frau wäre zwischenzeitlich verstorben.

Im zweiten Teil erzählt die gestandene Schriftstellerin neugierigen Leserinnen vom Literaturbetrieb, schreibt über das Konzept des „großen amerikanischen Romans“ und die moralische Verpflichtung des Schriftstellers. Welche in diesen Essays also nach Klatsch und Tratsch sucht, die wird wohl leider enttäuscht werden. Ursula K. LeGuin geht nämlich vor allem auf die Feinheiten des Schriftstellerlebens ein. Dazu gehört zum Beispiel das Beantworten von Fanpost, und diese kommt bei einer Fantasy-Autorin auch schon mal von ganz jungen Leserinnen, die sich mal mehr und mal weniger Mühe machen, allesamt jedoch die Regeln der modernen Rechtschreibung neu definieren. Darüber hinaus schreibt Ursula K. LeGuin unter anderem davon, dass sie viel lieber den Sartre-Preis – jährlich verliehen an jemanden, der einen Preis abgelehnt hat – als den Nobelpreis haben würde, auch wenn beide für eine Genre-Schriftstellerin wohl außer Reichweite sein dürften.

Diesen Teil finde ich besonders interessant, habe ich doch selbst schriftstellerische Ambitionen. Viel gibt mir die Autorin jedoch nicht an die Hand, und als die erhofften Tipps für angehende Schriftstellerinnen ausblieben, war ich zunächst etwas enttäuscht. Im Nachhinein genieße ich diesen kleinen Ausflug in die Welt einer, die es geschafft hat ihre Berufung zum Beruf zu machen aber trotzdem. Denn Ursula K. LeGuin schreibt über Dinge, von denen sie etwas versteht, zumindest meistens, nämlich zum Beispiel den Unterschied zwischen Dystopie und Utopie, und warum es bisher keinem Schriftsteller gelungen ist, dabei die Natur des Menschen zu berücksichtigen, anstatt sie auszuklammern. Wenn es um Science Fiction geht ist die Autorin in ihrem Element, das merke ich sofort, und genieße diesen fast schon philosophischen Ausflug durch die Literaturgeschichte sehr, inklusive Lesetipps für Genreneulinge übrigens.

Danach wird Ursula K. LeGuin unerwartet politisch und ist für ihr Alter ungewöhnlich sozialdemokratisch eingestellt. Vor der Lektüre dieses Teils hatte ich befürchtet es auf einmal mit einer unangenehm konservativen, reaktionären Frau zu tun zu bekommen, die wenig übrig hat für solch triviale Dinge wie zum Beispiel die derzeitige Sexismusdebatte. Doch bestätigten sich meine Vorurteile dem fortgeschrittenen Alter gegenüber nicht. Ursula K. LeGuin wird fast schon feministisch, wenn es um Themen wie zum Beispiel Frauensolidarität geht und verortet sich und ihre Essaysammlung damit am Puls der Zeit. Darüber hinaus sind ihre Essays thematisch wieder breit gefächert und sie schreibt u.a. über die innere Welt von Pflanzen, wenn auch nicht ganz ernst gemeint, und den Sinn und Unsinn des Glaubens an Gott als Antithese zur modernen Wissenschaft.

Sie schließt mit einer Reihe von Anekdoten, die dem Buch im Nachhinein etwas verspieltes geben. Zum Beispiel schreibt sie über eine Reise nach Wien und darüber wie man ein europäisches Ei isst. Für mich als Europäerin war diese Passage etwas überflüssig, aber auch irgendwie meditativ; wie der Akt des Ei-essens selbst – Löffel für Löffel aus der Schale – der für eine Deutsche wohl das selbstverständlichste überhaupt ist. Sie erzählt von einer Begegnung mit einem zahmen Luchs und davon wie sie trotz ambivalenter Gefühle, von ihrer wachsenden Berühmtheit quasi genötigt, eine persönliche Sekretärin einstellte; und wie diese nach vielen gemeinsamen Jahren zu einer engen Freundin und Vertrauten wurde. Sie erzählt von der grenzenlosen Fantasie kleiner Kinder und einer Begegnung der anderen Art mit einer Klapperschlange.

Die unterschiedlichen Teile der Essaysammlung werden durch kürzere Passagen getrennt, in denen die Autorin von ihrem Leben mit Katze berichtet. Ursula K. LeGuin gesellt sich damit zu einem illustren Grüppchen bekannter Schriftstellerinnen, die, mal mehr und mal weniger amüsant, über ihre Katzen geschrieben haben. Dabei erzählt sie eigentlich nichts völlig neues. Ihr Kater Pard hat natürlich sie ausgewählt und nicht etwa umgekehrt – wo kämen wir denn da hin. Auch des nachts ein Wirbelwind muss er schon mal aus dem Schlafzimmer verbannt werden, sieht diesen letzten Ausweg seiner schlaftrunkenen Besitzerin jedoch absolut nicht ein. Die Treppen seines Zuhauses nimmt er generell im Flug und bringt so auch mal den einen oder anderen menschlichen Mitbewohner zu Fall. Und das Herumturnen auf kostbaren Möbelstücken ist natürlich nur dann verboten, wenn jemand zuschaut. Wer selbst Katzen hat, dürfte all das schon zu Genüge kennen, amüsant ist es aber trotzdem.

Ursula K. LeGuin ist die Mischung gelungen, in „No Time to Spare“ ist für jede Leserin, ob uralt, blutjung oder irgendwo dazwischen, etwas dabei. Nur neue Geschichten der Autorin sucht frau zwischen den Seiten dieses Buchs vergeblich; insofern bist du gewarnt, meine geneigte Leserin. Das alleine sollte dich jedoch nicht von der Lektüre abschrecken. Denn besonders für Fans der Autorin stellt dieses Buch einen literarischen Leckerbissen der besonderen Art dar. Endlich darf frau mal hinter die Kulissen schauen, der Schriftstellerin über die Schulter. Nicht alle Essays sind dabei gleich interessant, und manchmal war ich zugegebenermaßen etwas gelangweilt. Doch decken sie so viele verschiedene Themenbereiche ab, dass ich spätestens mit dem nächsten Essay wieder das Gefühl hatte zu wissen, warum ich dieses Buch so unbedingt lesen wollte. Meine anfängliche Angst, die Autorin könnte mir unsympathisch sein, war übrigens unbegründet; Ursula K. LeGuin und ihre Bücher werden mich also wohl noch lange begleiten.

No Time to Spare: Thinking About What Matters – Ursula K. LeGuin – ISBN 978.1.328.66159.3

Für Leserinnen, die…

  • …vielseitige Interessen haben.
  • …Katzen-affin sind.
  • …lieber Bücher als Blogs lesen.

Literarische Nachbarinnen…

Katzen von Marina Mander51BmAfV1l5L._SY346_51r1ey4qRaL._SX314_BO1,204,203,200_

(Feminismen) Gegen die Objektifizierung von Mädchen durch die Medien…

Dieses Buch erreichte mich als persönliche Empfehlung im Fahrwasser von Natasha Walters „Living Dolls“. Eine Fortführung des Themas, dachte ich und irrte mich im Nachhinein zwar ein bisschen, griff damals aber beherzt zu, als Teil eines eBook Kaufrausches, der noch viele weitere Sachbücher in meinen Kindle speiste, die es allerdings noch zu lesen gilt…

41ydnyk7itl-_sx321_bo1204203200_In The Lolita Effect, university professor and journalist M G Durham offers new insight into media myths and spectacles of sexuality. Using examples from popular TV shows, fashion and beauty magazines, movies and websites, Durham shows for the first time all the ways in which sexuality is rigidly and restrictively defied in media – often in ways detrimental to girls‘ healthy development. Durham provides us with the tools to navigate this media world effectively without censorship or moralising, and then to help our girls to do so in strong and empowering ways.

Was ich erwartet hatte, als ich „The Lolita Effect“ zur Hand nahm, war eine feministische Abhandlung der Sexualisierung junger Mädchen, oft noch Kinder, durch das kapitalistische System. Was ich letztlich in Händen hielt war eher ein Ratgeber für Eltern von Mädchen jeden Alters, die es zu beschützen gilt, davor zu früh erwachsen zu werden. Jedes Kapitel besteht insofern aus einem Essay über die teuflischen Praktiken der Maketingmaschine, besonders in englischsprachigen Ländern, die unsere Töchter wahlweise zu kleinen Prinzessinnen oder möchte-gern Stripperinnen macht, unterfüttert mit reichlich Beispielen aus dem Spielwarenladen und einschlägigen Konsumtempeln. Was danach kommt sind praktische Tipps für Eltern und Erzieher, wie man junge Mädchen am effektivsten gegen die destruktiven Einflüssen von Bratz Dolls und Co. immunisieren kann.

Als kinderlose Frau habe ich an dieser Stelle, um ehrlich zu sein, eher über die erziehungswissenschaftlichen Passagen des Buchs hinweg gelesen. Die einleitenden Essays, welche das Problem an sich beschreiben sind jedoch höchst interessant, und das nicht nur für konsumkritische Mütter. „The Lolita Effect“ gibt dort praktische Tipps, wo Bücher wie zum Beispiel „Living Dolls“ das Problem lediglich beschreiben, es ihren Leserinnen dann aber selbst überlassen gegenzusteuern. Viele bestürzte Mütter und Väter (sofern diese emanzipiert genug sind Natasha Walters Buch zu lesen 😉 ) dürften jedoch nicht wissen, wie sie als scheinbar machtlose Endverbraucher gegen Konzerne ankommen, die String-Tangas an Mädchen im Kindergartenalter zu vermarkten versuchen. M.G. Durham greift diesen Leserinnen mit ihrem Buch etwas unter die Arme, indem sie ihnen zeigt wie man sich gegen diese besorgniserregende Entwicklung wehren kann.

Doch „The Lolita Effect“ will nicht nur Eltern befähigen sich gegen destruktive Trends in den Medien zur Wehr zu setzen, sondern hofft über diese auch deren Kinder zu erreichen – vor allem natürlich die Mädchen, schließlich wird diese Schlammschlacht der Medien auf deren Rücken und mit ihren Körpern ausgetragen. Meiner Meinung nach könnten allerdings auch Jungen gut daran tun sich mit Hilfe erzieherischer Anleitung zu vergegenwärtigen, dass die Mädchen und Frauen in den Medien nicht der Wirklichkeit entsprechen. Denn meiner Meinung nach wird die Wirkung der Prinzessin vs. Lolita Dichotomie auf das spätere Frauenbild von Jungen, die unweigerlich zu Männern heranwachsen, die sich in der Regel mit Klauen und Zähnen gegen die Reformation vorgefertigter Geschlechter-Stereotypen wehren, oft nach wie vor drastisch unterschätzt, bzw. weitläufig herunter gespielt. Diesen überaus wichtigen Ansatz der Medienaufklärung versäumt „The Lolita Effect“ jedoch leider.

Insgesamt erfüllt „The Lolita Effect“ seine eigenen Ansprüche, nämlich das Problem der Sexualisierung von Mädchen in seinen vielen Facetten anzusprechen und Eltern Strategien anzubieten, um den destruktiven Effekt dieser frühen Sexualisierung abzumildern. Was das Buch nicht tut ist das Problem an sich zu bekämpfen, indem es Eltern zum Beispiel dazu anhält Kindern beider Geschlechter einen gesunden Umgang mit Medien zu vermitteln. Insofern dient es als gut gemeinter Ansatz, geht meines Erachtens aber nicht weit genug in Richtung einer Lösung, die zukünftige Generationen von Mädchen (und Jungen) vor sexistischer Indoktrinierung durch die Medien schützen könnte. Ich würde trotzdem nicht so weit gehen, Eltern von diesem Buch abzuraten, da ein Tropfen auf den heißen Stein zwar schnell verdampft – wenn wir alle jedoch unsere individuellen Tropfen auf eben diesen heißen Stein fallen lassen, werden wir es am Ende vielleicht doch schaffen ihn etwas abzukühlen.

The Lolita Effect – M.G. Durham – ISBN 978.1.590.20063.6

Für Leserinnen, die…

  • …ihren Töchtern Zeit geben wollen im eigenen Tempo erwachsen zu werden.
  • …nicht tatenlos zusehen wollen, während String Tangas für Kindergartenkinder verkauft werden.
  • …sich von der Indoktrinierung (junger Mädchen) durch die Medien emanzipieren wollen.

Am besten kombiniert mit…

51dedey9d7l-_sx322_bo1204203200_313lHgEb6CL._SX333_BO1,204,203,200_41ixZEKkxsL._SX311_BO1,204,203,200_41yvZhbunsL._SX314_BO1,204,203,200_

(Neuerscheinung) Eine Reise in die Abgründe der menschlichen Natur…

Auch wenn es bei der Flut an Katastrophen und Ungerechtigkeit in dieser Welt der psychischen Gesundheit sicher zuträglich wäre, schaffe ich es einfach nicht wegzuschauen, wenn irgendwo jemandem ein Leid zugefügt wird, und besonders dann wenn dieses Leid struktureller Ungerechtigkeit und strafrechtlichen Schlupflöchern entwächst. Dass ich dieses Buch lesen würde, so unangenehm und aufrüttelnd es auch werden würde, stand für mich also niemals in Frage…

cover123202-mediumPimp-controlled sex workers, exploited migrants, domestic servants, and sex trafficking of runaway and homeless youth are just a few of the many forms of sex trafficking and labor trafficking going on all around the world―including in the United States. This book exposes both well-known and more obscure forms of human trafficking, documenting how these heinous crimes are encountered in our daily lives.

Kimberly Mehlman-Orozco beginnt ihren Aufklärungsauftrag zum Thema Menschenhandel und moderne Sklaverei mit einer Bombe; Menschenhandel nämlich ist im 21. Jahrhundert das – nicht eines, DAS! – wohl lukrativste Verbrechen der Welt. Die Risiken, bzw. Strafen sind gering, der Profit ist groß, wenn nicht sogar astronomisch. Egal welchem Zweck der Handel mit, bzw. die Ausbeutung von Menschen dient, es gilt die Devise: verkaufe ich ein Produkt, bringt dieses nur einmal Gewinn, verkaufe ich hingegen einen Menschen, setzt sich der Gewinn theoretisch bis zu dessen Ableben fort – so formuliert es zumindest die Autorin. Die Berichterstattung zum Thema gibt ihr leider recht – Menschenhandel liegt im Trend und das obwohl man als aufgeklärte Europäerin eigentlich meinen könnte, die Zeiten der Sklaverei seien vorbei.

Ich hatte nicht damit gerechnet in diesem Buch etwas mir vollkommen neues zu lesen und las es vor allem um bestehendes Halbwissen zu vertiefen; und doch bin ich bis ins Mark erschüttert, jedes Mal, wenn ich gegen Ende des Tages das Buch aus der Hand lege. Kimberly Mehlman-Orozco schildert die gravierenden Menschenrechtsverletzungen im Detail mit genug Fallbeispielen um mir den Magen mit Blei zu füllen. Wie kann das in den Tagen von amnesty international und UN Menschenrechtskonvention bloß noch geschehen, und wie kann es sein, dass westliche Industrienationen diese Form der Ausbeutung, zum Beispiel durch die Kooperation mit resourcenansässigen Partnern multinationaler Konzerne auch noch befeuern – ganz zu Schweigen von den unzähligen Männern, die im In- und Ausland Prostitution in Anspruch nehmen und so einen Markt kreieren, der sich jedem Regulierungsversuch widersetzt und von der organisierten Kriminalität nicht trennbar zu sein scheint.

Den ersten Teil ihrer kriminologischen Odyssee widmet die Autorin der wohl schlimmsten und menschenverachtendsten Form der Sklaverei – sofern es innerhalb dieser Menschenrechtsverletzung überhaupt möglich ist eine Hierarchie der Misshandlung zu etablieren – der Sklaverei zwecks sexueller Dienstleistungen. Wer schon einmal die EMMA gelesen hat, dürfte darüber im Bilde sein, dass diese Form der Versklavung von Frauen und Mädchen, manchmal auch Jungen, im Deutschland nach der Legalisierung von Prostitution, Zuhälterei und Bordellbetrieb Hochkonjunktur hat. Insofern ist auch einer der Lösungsvorschläge der Autorin für die trafficking-Krise in den USA, nämlich die Legalisierung von Prostitution und Sexkauf, der deutschen, bzw. europäischen Erfahrung nach etwas zu kurz gedacht und leider ein bisschen oberflächlich recherchiert.

Im zweiten Teil geht es um die Versklavung von Arbeitskräften, oft auch Kinder und Jugendliche, vor allem in der hiesigen Landwirtschaft als Saisonarbeiter, in der indischen Textil- und der afrikanischen Kakaoindustrie. Doch diese Fußtritte gegen die Menschenrechte finden eben nicht nur weit weg, in Amerika oder gar Entwicklungs-, bzw. Schwellenländern statt, denen sich Europa seit jeher moralisch überlegen fühlt, sondern auch vor der Haustür. Eines der Beispiele, welche die Autorin in ihrem Buch bringt, kenne ich so auch aus dem deutschen Raum, nämlich die Drückerkolonne. Hier wird auch mir als Laie bewusst, wie schnell ein Mensch in ein Arbeitsverhältnis rutschen kann, in dem er letztlich versklavt wird. Wie auch in der Zwangsprostitution werden „Drücker“ aus ihrem gewohnten Umfeld entfernt und mittels vorgeblicher Schulden, bzw. unerfüllter Verkaufsquoten von ihren Vorgesetzten abhängig gemacht.

Das Entkommen aus einem solchen Arbeitsverhältnis schildert Kimberly Mehlman-Orozco als ähnlich schwer, wie die Flucht aus einer Sekte, und je nach Arbeitgeber als ebenso gefährlich. Scheidende Mitarbeiter werden ohne einen Pfennig in fremden Städten ausgesetzt, am liebsten meilenweit vom eigentlichen Zuhause – alles ganz legal übrigens, was es dem Staat fast unmöglich macht diese Art von Ausbeutung strafrechtlich zu verfolgen. Selbst klassische Menschenhändler, beispielsweise in der Prostitution, müssen selten Gefängnisstrafen fürchten, da sie ihre Opfer in der überwiegenden Mehrheit emotional von sich abhängig und so zu Mittäterinnen machen, zumindest vor dem Gesetz. Auch sind die schwer traumatisierten Opfer der Menschenhändler in der Regel schlechte Zeugen, durch störungsbedingte Gedächtnis- und Affekteinbrüche – all dies und mehr schildert Kimberly Mehlman-Orozco in ihrem Buch „Hidden In Plain Sight“.

Doch nicht nur die Opfer des internationalen Menschenhandels kommen zu Wort, auch die Täter steuern in „Hidden in Plain Sight“ ihre Sicht auf das Verbrechen und seine Auswirkungen auf die Betroffenen bei, ebenso wie diejenigen Männer, die zum Beispiel Endverbrauer der Zwangsprostitution von Frauen und Kindern darstellen. Diese Männer stellen zwei ganz unterschiedliche Tätergruppen dar, diejenigen welche das Verbrechen begehen und solche, die ihnen dabei zuschauen ohne jedoch einzugreifen, man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass sie durch ihre Nachfrage die Basis für den Markt erst schaffen. Von Kimberly Mehlman-Orozco werden sie innerhalb des Buchs mit einem Respekt, bzw. einer Wertfreiheit behandelt, die ich als nicht-Wissenschaftlerin beim besten Willen nicht nachvollziehen kann. Die interviewten Männer, die sich selbst als „Hobbyisten“ bezeichnen, als wäre das Konsumieren von Menschen mit dem Sammeln von Briefmarken gleichzusetzen, lassen mich an einer angeborenen Empathiefähigkeit beider Geschlechter füreinander zweifeln.

Wem schnell mal die Galle überkocht, die sollte vor der Lektüre von „In Plain Sight“ den Spucknapf bereit halten. Denn eine himmelschreiende Ungerechtigkeit folgt auf die nächste. Der Polizei scheinen gleichzeitig die Hände gebunden zu sein, während hochrangige Strafverfolger mehr daran interessiert sind, wie eventuelle Razzien und Gerichtsverfahren in der Presse gefeiert werden, auch wenn sie den Opfern keine Gerechtigkeit bringen und den Verbrechenssumpf Menschenhandel nicht trocken legen. So beende ich meine Lektüre, ohne ein Gefühl der Genugtuung, aber mit dem Wissen dass sich etwas ändern muss. Die Lösungsansätze, die Kimberly Mehlman-Orozco hier und da einstreut scheinen mir zu oberflächlich. Doch was soll man machen, wenn der Fehler scheinbar im System liegt.

Hidden in Plain Sight: Americas Slaves of the New Millennium – Kimberly Mehlman-Orozco – ISBN 978.1.440.85403.3 (https://mehlmanorozco.com/)

Für Leserinnen, mit sozialem Gewissen…

Literarische Nachbarinnen…

51xkzxf8l7L._SX324_BO1,204,203,200_513Dsh6NBRL._SY346_41pXpD+XJoL._SX311_BO1,204,203,200_

(Neuerscheinung) Vom Untertauchen und Verschwinden, und dem, was übrig bleibt…

Auf diesen Roman bekam ich spontan Lust, als ich ihn im Twitterfeed einer Bloggerkollegin sah. Zunächst beneidete ich sie um ihre Lektüre, dann ging mir auf – das Buch hast du doch selbst im Regal; und schon hatte ich es mir geschnappt und bin für zwei Tage ganz und gar darin abgetaucht. Jetzt allerdings hole ich endlich Atem…

9783961010073_coverMilla und Jan kennen sich seit Kindertagen. In einem heißen Sommer fahren sie gemeinsam mit Jans Freundin Kristina ans Meer. Drei Tage lang schweben sie zwischen Angst, Liebe und Sehnsucht. Bis sich alles bei einem heftigen Gewitter katastrophal entlädt. Jan überlebt nicht. Vier Jahre später sind Milla und die kleine Emma an einem kalten Morgen durch die große Stadt unterwegs. Da findet Milla etwas, das sie an Jan erinnert und stellt sich endlich der Vergangenheit.

Während ich lese, läuft im Hintergrund die Spotify Playlist „Maximale Konzentration“ und die Melancholie der Klavierakkorde, verbunden mit der zeitweisen Schwermütigkeit des Textes führt fast dazu, dass mir während der Lektüre Tränen die Wangen hinunter laufen. Letztlich kann ich mich dann doch zusammen reißen und meine Anteilnahme an den Problemen der Hauptfigur auf ein für mich als Leserin angenehmeres Niveau herunter schrauben. Meine für mich persönlich ganz untypische emotionale Verbundenheit mit dem Text bleibt jedoch über die Dauer der Lektüre bestehen. Sie fügt meinem Leseerlebnis eine Dimension hinzu, die ich im Nachhinein nicht missen möchte und in meiner Folgelektüre „Das Rauschen in unseren Köpfen“ zu wiederholen versuche, was mir aber leider nicht in dieser Weise gelingt.

Die Geschichte von Milla, ihrem besten Freund Jan und dessen Freundin Kristina nimmt nur langsam Fahrt auf. Ich werde zunächst einmal Zeugin von Alltagsverrichtungen, die für den weiteren Verlauf der Handlung konsequenzlos scheinen, gleichzeitig aber auch schon am Anfang der Geschichte einige Fragen aufwerfen, mit deren Beantwortung sich die Autorin Zeit lässt. Kein Problem, Frau Pousset, ich habe Zeit mitgebracht und bin nicht ungeduldig – der Weg ist das Ziel, oder so ähnlich. Also übe ich mich in Achtsamkeit und schaue der Handlung dabei zu, wie sie sich Stück für Stück entfaltet, wie ein sich herbstlich entlaubender Baum; und denke mir dabei, dass „Schwimmen“ vom Ton her und trotz der im französischen Sommer verorteten Rückblenden, im Grunde das perfekte Buch für diese nass-kalte Übergangszeit ist. Denn während ich es lese fühle auch ich mich irgendwie nass-kalt und klamm, natürlich vor allem innerlich, sitze ich doch in der warmen Stube, mit meinem Buch auf dem Schoß und dem Dampf heißen Tees im Gesicht.

Die verkappte Dreiecksgeschichte zwischen Milla, Jan und Kristina wird in Rückblenden erzählt, die wie Blitzeinschläge in schwärzester Nacht die Handlung teilen, oft ganz abrupt. Shakespearsche Dramen spielen sich ab in Millas Kopf, während sie Jan und Kristina dabei zuhört, wie sie im Ferienhaus ankommen, das sich die drei über den Sommer teilen werden. Auch nach Monaten in denen die beiden eher sporadisch Kontakt hatten, lässt Milla alles stehen und liegen, lässt ihre Pariser Freunde und Kommilitonen zurück, sobald Jan anruft. Nur sind sie diesen Sommer eben nicht alleine und Milla stört dies letztlich doch um einiges mehr als sie anfangs von sich dachte. Als Leserin denke ich, da haben sich zwei verpasst, wie schade. Dann wiederum denke ich, warum müssen aus Jugendfreunden eigentlich immer Liebesbeziehungen werden, besonders in Debütromanen?!

Als die Drei nach einem Tag am Strand, anschließender rasanter Wetterflucht und Millas dramatischem Sturz vom Fahrrad, auf dem Weg zurück zum Ferienhaus, dann vollkommen unerwartet und uneingeleitet zusammen unter der Dusche landen, bekomme ich als Leserin den Eindruck meine Generation, zu der auch die Autorin Sina Pousset gehört, hat zu viele Pornos geschaut. Alles an dieser Szene schreit Männerfantasie, auch wenn sie zunächst lediglich die zwei jungen Frauen einschließt – doch der Männerblick kommt für die meisten von uns Frauen jenseits der Pubertät schließlich auch von innen. Gleichzeitig fühle ich mich an das französische arthouse Kino der frühen 00er Jahre erinnert; nur dass die Franzosen es irgendwie besser hinkriegen, wie beiläufig die Taboos brechen, die für meine Lesergeneration schon lange keine mehr sind.

Eine ganz andere Art Dreiecksgeschichte, weniger Drei-X Geschichte und mehr Patchwork-Familie wider Willen oder zumindest wider Erwarten, ist die Beziehung zwischen Milla, ihrem Ziehkind Emma und der am Leben und an sich selbst leidenden Kristina. Diese scheint nach allem, was in diesem alles verändernden und alles in Frage stellenden französischen Sommer passiert ist, ihre anfängliche Freigeistigkeit eingebüßt zu haben. Sichtlich verzweifelt klammern sich die beiden Frauen aneinander und versuchen der Willkür des Schicksals einen Sinn zu geben. Dass Sina Poussett all diese Trauerarbeit erst vier Jahre nach dem eigentlichen Trauerfall geschehen lässt, finde ich im Nachhinein etwas unglücklich komponiert. Während der Lektüre allerdings war ich zu beschäftigt mit dem hin und her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, um inne zu halten, meinen Rezensentinnen-Hut aufzusetzen und kritisch zu reflektieren.

Während die Binnenerzählung um Jan eine Unmenge an erzählerischem und gedanklichem Raum einnimmt, kommt die, aus der Tragödie erwachsene, Frauenfreundschaft zwischen den ehemaligen Rivalinnen Milla und Kristina meiner Meinung nach etwas zu kurz; scheint wenig mehr als ein nachträglicher Gedanke. Auch Jahre nach seinem abrupten wie unerklärten Verschwinden aus dem Leben der beiden Frauen, ist Jan der Dreh- und Angelpunkt ihres Erlebens und Fühlens. Seine Erinnerung nimmt den Raum von zwei Figuren ein, nimmt Milla und Kristina den Raum zum Atmen. Sein Echo bestimmt ihren Alltag, der im Grunde nur aus Warten zu bestehen scheint. Milla wartet darauf, dass Kristina sich endlich berappelt und Verantwortung übernimmt. Kristina wartet darauf, dass die Erinnerung, dass das Wachsein, das sich bewusst werden, weniger schmerzt. Ich warte darauf, dass Sina Pousset mir endlich die ganze Geschichte erzählt, und dass die heimliche Hauptfigur Jan die beiden Frauen schließlich gehen lässt in eine Zukunft, in der er nicht mehr wie eine Wolke alle lichten Momente verdunkelt.

Sina Pousset spielt mit emotionalen Zuständen, sowohl denen der Figuren als auch denen dieser Leserin, wie der Mond mit den Gezeiten oder eine satte Katze mit einer Maus. Sie zieht mich in die Geschichte, lässt mich den Figuren ganz nahe kommen, nur um mich in dem Moment in dem ich glaube sie zu kennen, vor den Kopf zu stoßen. Sie stürzt ebendiese Figuren in einen Abgrund der Trauer, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Wie bloß soll es weitergehen mit den beiden jungen Frauen, frage ich mich voller Mitleid. Sina Poussett beschreibt in ihrem Debütroman „Schwimmen“ die Stille nach dem Schuss. Mir pfeifen die Ohren, während die Figuren noch damit beschäftigt sind sich gegenseitig nach Wunden abzusuchen. Diese Wundensuche fördert unangenehmes zu Tage; „Schwimmen“ ist kein Wohlfühlroman, aber am Ende (der Lektüre) geht das Leben trotzdem weiter, irgendwie.

Schwimmen – Sina Pousset – ISBN 978.3.961.01007.3

Für Leserinnen, die…

  • …an alten Lasten schwer zu tragen haben.
  • …Verantwortung übernehmen, für diejenigen, die sie lieben.
  • …neugierig sind auf die junge deutsche Gegenwartsliteratur.

Literarische Nachbarinnen…

51GvvqWbtuL._SX310_BO1,204,203,200_51BIYbdlvSL._SX329_BO1,204,203,200_51-ww1ygcel-_sx321_bo1204203200_

 

 

(Neuerscheinung) Der Rausch der ersten Liebe, und das böse Erwachen am nüchternen Morgen…

Junge deutsche Literatur interessiert mich eigentlich immer, das Debüt der Berliner Autorin Svenja Gräfen ist da natürlich keine Ausnahme. Mittlerweile sind die Autorinnen, deren Geschichten in diese Kategorie fallen in meinem Alter, was meine emotionale Nähe zum Text natürlich nur vergrößert. Svenja Gräfen hätte in meine Abi-klasse gehen können, und so begrüße ich sie und ihr Debüt dem Anlass angemessen überschwänglich in meinem eigenen Zimmer…

9783961010042_coverLene lebt mit ihrer besten Freundin in einer WG in einer großen Stadt, ihre liebevolle Familie und der Freundeskreis geben Halt. Als sie Hendrik begegnet, scheint ihr Glück perfekt. Sie plant eine gemeinsame Zukunft, doch Hendriks Vergangenheit schleicht sich in ihr Leben ein. Da ist seine zerrüttete Familie, sein bisweilen merkwürdiges Verhalten. Und Klara.

Ich habe das Gefühl „Das Rauschen in unseren Köpfen“ schon einmal gelesen zu haben, was natürlich Quatsch ist, schließlich ist es in diesem Jahr zum ersten Mal erschienen. Doch diese zunächst euphorische, dann melancholische Geschichte einer Großstadtliebe kommt mir bekannt vor – nicht aus persönlicher Erfahrung zwar, aber aus meiner bisherigen Lektüre. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist insofern ein typisches Debüt einer jungen, kosmopolitischen Akademikerin, was nicht unbedingt schlecht sein muss. Die Deja-Vu Wirkung, die der Text auf mich hat, macht es mir leicht mich einzulesen und fungiert letztlich auch als Identifikationshilfe zwischen mir und der Erzählerin/Hauptfigur – und das obwohl wir im Grunde so gar nichts gemeinsam haben.

Das erste bewusste Aufeinandertreffen der Hauptfiguren, dieser Moment im Leben und Lieben, der das Potenzial hat alles für immer zu verändern, wenn auch nur für ein paar kostbare Momente, bzw. Monate; bei Svenja Gräfen wirkt dieser Augenblick wie Schicksal, vorherbestimmt und unvermeidlich. Als Leserin kriege ich den Eindruck, dass Lene und Hendrik in der Millionenstadt Berlin noch so oft aufeinander treffen werden, wie nötig, um sie aufeinander aufmerksam zu machen. Ihre Liebe ist unaufhaltsam, oder so kommt es der Erzählerin zumindest vor. Kaum haben sich die beiden in der Menge entdeckt, können sie einander nicht mehr gehen lassen. Das Paar verbringt gleich den ganzen Rest des Tages miteinander, und ich denke mir, da haben sich zwei gefunden. Diese anfängliche Leichtigkeit, welche die Romanze der beiden kennzeichnet, wirkt auf mich wie ein meet-cute à la Hollywood. Insofern kann das ganze ja nur schief gehen, aber an diesem Punkt in der Lektüre weiß ich das natürlich noch nicht, ich ahne es nur.

Hendrik ist charmant und Lene ist aufgeschlossen und kontaktfreudig, alles Eigenschaften von denen diese Leserin später erfährt, dass sie der Euphorie des Augenblicks geschuldet sind; vielleicht nicht direkt aufgesetzt, aber doch nicht unbedingt Teil des alltäglichen Persönlichkeitsrepertoires der Hauptfiguren. Bald schon kriechen beide zurück in ihr Schneckenhaus, das sie sich anfänglich noch teilen. Kurioserweise fängt es zwischen den beiden gerade dann an zu bröckeln, als sie sich dafür entschließen den nächsten Schritt zu tun. Als Leserin kann ich die Katastrophe schon ahnen und wäre Lene meine Mitbewohnerin würde ich sie zur Seite nehmen, um sie ein klein wenig zu schütteln. Denn Hendrik ist zwar ein richtig netter, aber… und in diesem Moment wird mir bewusst nicht wirklich Teil der Geschichte zu sein. Also schaue ich Lenes bester Freundin einfach dabei zu, wie sie ihr Zimmer in der gemeinsamen Wohnung räumt, und beiße mir auf die Zunge.

Auf den ersten Blick könnte frau meinen in „Das Rauschen in unseren Köpfen“ gehe es lediglich um die erste halbwegs erwachsene Liebe. Einen Fuß in der wilden Jugend, die um jeden Preis verschwendet werden will, den anderen im Alltagstrott, mit seinen Verpflichtungen, Mietverträgen, Daueraufträgen und Abschlussarbeiten. Ich allerdings meine etwas versteckt noch eine andere Dimension zwischen den Seiten der Geschichte zu entdecken. Svenja Gräfen feiert nämlich nicht nur eine neue Liebe, sie trauert auch um alte Freundschaften, welche dieser zum Opfer fallen. Am liebsten möchte Hauptfigur Lene ihre beste Freundin zurückhalten, sie an sich ziehen und festhalten; eigentlich gehen ihr diese einschneidenden Veränderungen viel zu schnell. Doch sie lässt den Moment in dem sie etwas hätte sagen können, hätte sich offenbaren können, verstreichen und schaut sich selbst stattdessen dabei zu, wie sie sich von ihrer Freundin entfremdet.

Insofern sind sich Lene und Hendrik eigentlich sehr ähnlich. Denn auch Hendrik hält im entscheidenden Moment nicht an seiner Jugendliebe Klara fest, wirft seine Familie, ja sogar sein Leben in Hamburg einfach weg, als wäre es nichts. Wenn ich mir die Figuren in „Das Rauschen in unseren Köpfen“ so anschaue, frage ich mich manchmal, ob Depressionen nicht vielleicht doch ansteckend sind. In Svenja Gräfens Debütroman scheinen sie von einem zum anderen zu springen; von Hendriks Vater zu Hendrik, von Hendrik zu Klara, von Klara wieder zu Hendrik und von Hendrik schließlich zu Lene, die sich insgeheim wünscht eine schwere Kindheit gehabt zu haben, damit sie ihrem Freund und seinen Dämonen näher ist, die Seelenqualen, die er auszustehen scheint besser verstehen, ja sogar nachempfinden kann.

Svenja Gräfen backt die Geschichte von Hendrik und Lene wie einen gut bestückten Nusskuchen, immer wieder beiße ich als Leserin auf uneingeleitete Rückblenden, die mir von der Kindheit, Jugend und den ersten Jahren des Erwachsenenlebens der beiden Protagonisten erzählen, beiße mir daran manchmal schier die Zähne aus – unwillkommen ist dies nicht, schließlich bin ich voller Ungeduld und Tatendrang die Erzählerin und ihre erste große Liebe näher kennen zu lernen, nur überraschend eben. Svenja Gräfen schubst mich ins kalte Wasser der Erinnerung und ich brauche ein paar Momente bis ich das Tageslicht durch die Oberfläche brechen sehe. So erfahre ich irgendwann auch wer die ominöse Klara aus dem etwas nebulös formulierten Klappentext ist. Ganz so viel Einfluss auf den Verlauf der Handlung, wie ich anfangs befürchtete, hat sie dann allerdings doch nicht; Svenja Gräfens Eifersuchtsdramen spielen sich größtenteils im Kopf ihrer Figuren ab.

Letztlich ist „Das Rauschen in unseren Köpfen“ doch ein literarisches Unikat, das habe ich während der Lektüre gemerkt. Svenja Gräfen schreibt mit der ihr eigenen Untertriebenheit über Erlebnisse, die junge Liebende sich innerhalb von, und über Generationen hinweg teilen, und genau dort liegt die Überschneidung mit älteren Texten aus der jungen Berliner Literatur, die ich seit meinem Einzug ins eigene Zimmer gelesen habe. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist ein Loving Of Age Roman für eine neue Generation von Leserinnen, die jedoch von den gleichen Erfahrungen geprägt wurden, von den gleichen Gefühlen beflügelt und gepiesackt werden, wie ihre älteren Schwestern. Insofern muss ich die literarischen Räume von Svenja Gräfen nicht substanziell umdekorieren, um mich dort wie zu Hause, bzw. angekommen und aufgehoben zu fühlen – Dir wird es sicher ebenfalls so gehen.

Das Rauschen in unseren Köpfen – Svenja Gräfen – ISBN 978.3.961.01004.2

Für Leserinnen, die…

  • …schon einmal unglücklich verliebt waren.
  • …alte Wunden haben, die bei zu viel Nähe zu nässen anfangen.
  • …kleine Dramen auf großer Bühne aufführen.

Literarische Nachbarinnen…

9783471351208_cover41LRdHe3acL._SX309_BO1,204,203,200_51K1o4aSZIL._SX313_BO1,204,203,200_

(Feminismen) Eine Amerikanerin erklärt warum Feminismus wichtig ist…

Wer, wie ich, ein Faible für feministische Sachbücher hat, der kommt an der amerikanischen Bloggerin Jessica Valenti nicht vorbei. Die Gründerin der Internetplattform feministing.com hat es im letzten Jahr mit gleich drei Büchern in mein Regal geschafft, ein viertes steht zur Zeit auf meiner Wunschliste. Dieses hier ist übrigens das allererste, weitere werden sicher schon bald folgen…

61g4da32myl-_sx329_bo1204203200_Full Frontal Feminism is a book that embodies the forward-looking messages that author Jessica Valenti propagated as founder of the popular website, Feministing.com. Full Frontal Feminism is a smart and relatable guide to the issues that matter to today’s young women. The book covers a range of topics, including pop culture, health, reproductive rights, violence, education, relationships, and more.

Was „The Equality Illusion“ für die unbedarfte britische Leserin ist, das ist „Full Frontal Feminism“ für deren amerikanisches Pendant – ein Weckruf nämlich. Typisch amerikanisch darf der Feminismus diesmal sogar aufs Titelblatt und findet hoffentlich viel Zulauf; mir persönlich hat es jedenfalls gefallen. Denn auch wenn sich die Autorin auf die amerikanische Gesellschaft bezieht, hat mein Heimatland doch genug gemeinsam mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten – und wenn man Jessica Valenti Glauben schenken darf ebenfalls unbegrenzten Sexismus – um einen feministischen Kommentar dazu auch für deutsche Leserinnen interessant zu machen. Und interessant war es, wenn auch etwas oberflächlich, was ich allerdings darauf zurück führe, dass „Full Frontal Feminism“ als Einstiegsdroge konzipiert wurde; ich persönlich es aber ungefähr zwei Jahre nach meiner feministischen Erweckung gelesen habe.

Anders als das oben erwähnte „The Equality Illusion“, ist „Full Frontal Feminism“ ganz klassisch nach Themen aufgebaut, dazu gehören sowohl die ganz alltäglichen Herausforderungen an die moderne Frau, wenn es zum Beispiel darum geht sich innerlich gegen das destruktive Frauenbild, welches die amerikanischen Medien vermitteln, zu wappnen oder auch für frauengesundheitliche Grundversorgung, wie zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen und bezahlbare Verhütungsmittel, zu kämpfen. Es geht um die Entfremdung junger Frauen von ihren Körpern, um die „Raunch Culture“ (wer hierzu mehr erfahren möchte, dem empfehle ich Ariel Levys „Female Chauvinist Pigs“) und in der Konsequenz um die Rückeroberung des so heiß umkämpften weiblichen Körpers durch jede einzelne Frau, bzw. Leserin. In diesem Zusammenhang spricht Jessica Valenti natürlich auch über den dringend notwendigen Kampf gegen die epidemische sexuelle Gewalt, in Amerika und anderswo.

Feminismus ist trendy, besonders in der amerikanischen Populärkultur. Ob nun Beyoncé, Lena Dunham oder gar Taylor Swift, alle bekennen sich zum Feminismus, leben und agieren gleichzeitig aber weiter innerhalb der engen Grenzen der vom Patriarchat als akzeptabel definierten Weiblichkeit. In ihrem Buch „Full Frontal Feminism“ regt Jessica Valenti junge Leserinnen dazu an sich offen und selbstbewusst zum Feminismus zu bekennen, es aber gleichzeitig nicht dabei zu belassen. Denn auch heute noch braucht die Welt Frauen, die bereit sind aus ihren Zimmern, Hörsälen und den virtuellen Sphären des Internets zu treten und auf Worte Taten folgen zu lassen. Frauen, die mutig genug und bereit sind gesellschaftliche Regeln und Definitionen von Weiblichkeit zu brechen und so deren Überflüssigkeit innerhalb einer modernen, gleichberechtigten Gesellschaft zu verdeutlichen.

Dabei ist die feministische Erweckung junger Frauen die eine Sache, und Jessica Valenti macht diese Sache wirklich gut. Die Frau will ich sehen, die nach der Lektüre von „Full Frontal Feminism“ nach wie vor den in Amerika so beliebten Satz äußert: „Ich bin keine Feministin, aber…“ Was aber darüber hinaus unbedingt notwendig ist, ist ebenfalls die jungen Männer mit ins Boot zu holen und ihnen zu verdeutlichen, wie viel angenehmer das Leben auch für sie wird, wenn es ihren Müttern, Schwestern, Freundinnen und Töchtern besser geht; wenn diese selbstbewusst mit ihren Körpern umgehen können und wieder Vertrauen in das andere Geschlecht schöpfen können, erwachsen aus gegenseitigem Respekt. Denn solange die Mädels stolz rufen: „Wir sind Feministinnen!“ und die Jungs dagegen skandieren „Nein heißt Ja! Ja heißt anal!“ kommen wir als Gesellschaft leider keinen Schritt weiter. Diese Überbrückung der ansozialisierten Geschlechterdifferenzen jedoch gelingt Jessica Valenti nicht – vielleicht wird’s ja im nächsten Buch was werden.

Insgesamt ist „Full Frontal Feminism“ jedoch ein guter Einstieg ins Thema für junge Frauen, die im Grunde für die Gleichberechtigung der Geschlechter sind, sich aber noch nie so wirklich vor Augen geführt haben, wie man das denn nun am besten erreichen kann. Sie bezieht sich dabei wie gesagt auf Nordamerika, das meines Wissens nach einen anderen Sexismus praktiziert als Deutschland, der jedoch Überlappungen beider Unterdrückungssysteme durchaus zulässt. Insofern kann man aus den Beschreibungen Jessica Valentis trotzdem seine Lehren für das heimische System ziehen; besonders natürlich die, dass keine Frau sich scheuen sollte sich selbst als Feministin zu bezeichnen – ein Begriff der im Deutschland jenseits der EMMA über die Jahrzehnte leider sehr eingestaubt ist. Auf die deutsche Jessica Valenti müssen wir Leserinnen also wohl noch etwas warten, bis dahin ist die Lektüre von „Full Frontal Feminism“ meiner Meinung nach jedoch ein wunderbarer Kompromiss.

Full Frontal Feminism: A young woman’s guide to why feminism matters – Jessica Valenti – ISBN 978.1.580.05561.1

Für Leserinnen, die…

  • …von der Wichtigkeit des Feminismus erst noch überzeugt werden müssen.
  • …sich feministischen Themen auf Augenhöhe nähern wollen.
  • …gesellschaftliche Parallelen zwischen Amerika und Deutschland ziehen können.

Am besten kombiniert mit…

41YU-9T-AZL._SX315_BO1,204,203,200_41yvZhbunsL._SX314_BO1,204,203,200_41ZIApnYwWL._SX299_BO1,204,203,200_Download (7)

(Lesen ist hardcore!) Halloween Extravaganza 2017: Lesen auf eigene Gefahr!

Mitte Oktober schaute ich auf den Kalender und hatte eine Idee, warum nicht einen besonderen Beitrag zu Halloween veröffentlichen?! Und mir war auch bald darauf klar, worum es darin gehen sollte. Vor ewigen Zeiten einmal hatte ich mich mit Horrorromanen aus Frauenhand eigedeckt und diese dann nie gelesen; wäre das nicht mal eine Chance meinen SuB etwas zu entschlacken und gleichzeitig ein paar Autorinnen und ihren Büchern zu mehr Bekanntheit und Leserinnen zu verhelfen?! Gedacht getan, nur welche Bücher nehme ich nun?! Nicht zu viele, das war von Anfang an klar; denn ich will Dich, meine geneigte Leserin, nicht unter eine Lawine von Leseempfehlungen begraben. Und trotzdem soll für jeden Geschmack, bzw. jede Nervenstärke, etwas dabei sein. Ich glaube das ist mir auch gelungen, also hab viel Spaß und Gänsehaut beim Stöbern und Entdecken…

51JRXPenLxLBegonnen habe ich meine Reise in die Unterwelten dieser drei femmes cauchemares mit der Novelle Into the Red“ von der amerikanischen Autorin und Künstlerin Sandy DeLuca. Ein vergleichsweise sanfter Einstieg, zumindest im Vergleich zu den anderen Büchern, die ich als Einstimmung auf den gruseligsten Tag des Jahres gelesen habe. „Into the Red“ erinnert mich ein wenig an die Vampirromanzen, die ich als junge Erwachsene zeitweise gelesen habe, nur dass Sandy DeLucas Zähne etwas schärfer sind und das Blut ihrer Hauptfigur um einiges freier fließt.

Der Titel der Novelle bezieht sich auf ein Gedicht von Sylvia Plath, deren Gedichtband „Ariel“ ein permanentes Accessoire der Hauptfigur und Erzählerin ist. Ähnlich wie in der Lyrik der jung verstorbenen Dichterin steht auch bei Sandy DeLuca vieles lediglich zwischen den Zeilen. Als Leserin, die sich auf eine zugegebenermaßen genrebedingt wohl eher grobschlächtige Horrornovelle gefreut hatte, war ich natürlich ein bisschen enttäuscht. Wo sind die Monster?! Wo sind die schwarzen Messen und rituellen Opfer?! Und was genau ist eigentlich mit dem Bruder der Hauptfigur passiert?! Sandy DeLuca deutet schon am Anfang der Geschichte an er wäre brutal ermordet worden. Im Laufe der Handlung bleibt sie mir eindeutige Antworten jedoch schuldig. Alles muss ich mir selbst zusammen reimen, ohne dass ich gegen Ende eine kleine Bestätigung durch die Autorin erfahren hätte.

In „Into the Red“ geht es um die erste Liebe und die Narben, welche diese auf dem Herzen und im Fleisch junger Mädchen hinterlässt – bei Sandy DeLuca darf frau diese Metapher übrigens wörtlich nehmen. Sie spielt mit dem meines Erachtens mittlerweile etwas ausgelutschten Thema Selbstverletzung und macht die Dunkelheit, den Schmerz und latenten Masochismus zwischen den Schnitten sichtbar. Erste sexuelle Erfahrungen und co-abhängige Jugendfreundschaften erfahren so eine düstere Intensität und werden zum Vorboten eines namenlosen Bösen, das die beteiligten Figuren, die Erzählerin im Besonderen, ihr Leben lang nicht loslassen wird.

10625204Charlee Jacob ist quasi die Meryl Streep der zeitgenössischen Horror-Literatur. Es fällt mir als Leserin schwer unter ihren zahlreichen Veröffentlichungen im Genre ein Buch zu finden, das keinen Preis gewonnen hat, oder zumindest nominiert war. Ihr Buch „Dread in the Beast“, das als Novelle seinen Anfang nahm und später auf Romanlänge ausgelassen wurde, ist da keine Ausnahme. Die Bestie im Titel bezieht sich übrigens auf eine der drei Hauptfiguren, angeblich der wiedergeborene Alastair Crowley, seines Zeichens Okkultist und von der britischen Presse berühmt-berüchtigt als „wickedest man in the world“ betitelt.

Charlee Jacob selbst liefert den Soundtrack zu ihrem Roman und der besteht aus Arthur Browns Erfolgssong „Fire“, gespielt ad nauseum. Ich persönlich würde aber auch die frühen Hits von Marilyn Manson oder die finnische Band The 69 Eyes als musische Untermalung des Textes vorschlagen. In der Kombination steht die Lektüre einem aus dem Ruder geratenen LSD-Trip dann in nichts mehr nach, und wie die eigentliche Droge sitzt mir das Gelesene nach wie vor im Rückgrat, bricht sich ab und zu Bahn in mein Bewusstsein und lässt mich erschaudern.

Wer sich zwischen die Seiten von „Dread in the Beast“ wagt, der braucht einen starken Magen. Fäkalien und sexuelle Perversionen/Folter sind die heimlichen Hauptfiguren des Romans. Da wird selbst ein junger Stephen King etwas blass um die koksaffine Nase. Wenn dir also schon bei der bloßen Erwähnung von Horror-Franchises wie „Saw“ oder „Hostel“ mulmig wird, dann ist dieser Roman wohl ein bisschen zu extrem für dich. Ich persönlich konnte anfangs lediglich ein Kapitel am Tag ertragen, bevor ich mental ausgebrannt das Handtuch warf. Das allerdings könnte auch daran liegen, dass der Roman aus drei parallel erzählten Geschichten besteht, die zunächst nicht das geringste miteinander zu tun haben und erst gegen Ende – als ich, aus schierer Panik eine zweite Woche in der Höllenwelt von „Dread in the Beast“ verbringen zu müssen, schon lange mit Speed Reading begonnen hatte – miteinander verknüpft werden.

Es geht um vergessene Gottheiten und antike Heiligenkulte, die sich im Untergrund bis in die Gegenwart fortsetzen, um Transformationen und Selbstverleugnung, alles in der dreckigsten Stadt der Welt verortet. Die Hölle ist bei Charlee Jacobs keine Hypothese mehr, nur dass ihre Figuren danach dürsten dort ihre Ewigkeit zu verbringen. „Dread in the Beast“ ist vom Ton her ultra-amerikanisch, Slutshaming und Frauenfeindlichkeit (Stichwort: menschlicher Bonsai) inklusive. Was das angeht, scheint es Charlee Jacobs leider an Kreativität zu fehlen, oder vielleicht ist es auch Mut, um sich dahingehend von ihren männlichen Kollegen zu unterscheiden.

51YBubPrIkL„The Cipher“ von Kathe Koja hieß zur Zeit seiner Erstveröffentlichung noch „The Funhole“, ebenso wie das unerklärte und unerklärliche schwarze Loch im Keller des Apartmentblocks des Erzählers. Vom Ton her ist es um einiges eingängiger als „Dread in the Beast“, was mich nach dem oben beschriebenen Höllenritt durchaus aufatmen ließ. Dabei ist es aber leider auch weniger hintersinnig als „Into the Red“. Als Leserin fühle ich mich zwischen den Seiten trotzdem sofort angekommen und bin erleichtert eine Autorin gefunden zu haben, die einen gesunden Mittelweg zwischen xx und xx geht. Die Anfangsszenen, in denen die beiden Hauptfiguren diverse Klein- und Kriechtiere dem zerstörerischen Sog des „Funhole“ aussetzen, versprechen Spannung und ein Ende mit Schrecken, das ich als Leserin an diesem Punkt in der Lektüre kaum erwarten kann. Dieses Versprechen löst die Autorin leider nur bedingt ein. Meiner Meinung nach, hat der Plot von „The Cipher“ reichlich ungenutztes Gruselpotenzial.

Wie schon in „Dread in the Beast“ geht es auch in „The Cipher“ um die graduelle Verwandlung einer der Hauptfiguren in ein mythologisches Monster. In letzterem heißt die Figur, deren Körper sich verändert, von etwas finsterem besessen sich von sich selbst entfremdet, jedoch nicht willkommen. Der Erzähler spielt mit den zerstörerischen Kräften des „Funhole“, steht aber auch Todesängste aus, als er merkt, was diese Kräfte mit, bzw. aus seinem Körper machen. Kathe Koja bleibt in ihrer Beschreibung dieser Veränderung und dessen, was sich in den dunklen Tiefen des „Funhole“ verbirgt enttäuschend abstrakt. Genau das ist es übrigens, was ich meine, wenn ich im vorangegangenen Absatz lamentiere, dass die Autorin das Potenzial der Geschichte verschenkt. Die Leserin erfährt bis zum Ende nicht, was eigentlich mit dem Erzähler geschieht, und was ihn erwartet, sollte er es nicht schaffen seine Verwandlung aufzuhalten.

Durch die erste Person Erzählperspektive bin ich als Leserin auf der einen Seite zwar nah dran am Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Auf der anderen Seite kriege ich aber nur einen kleinen Ausschnitt davon mit. Vor allem im letzten Teil der Geschichte, in dem sich der Erzähler im Keller einschließt, während draußen das Leben weiter geht und die Beziehungen zwischen seinen Künstlerfreunden und ihrem Gefolge kultähnliche Züge annehmen, fühle ich mich vom spannendsten Aspekt der ausgeschlossen. Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, komme ich noch einmal auf das verschenkte Potenzial der Geschichte zu sprechen; denn es starrt mich von jeder Seite aus vorwurfsvoll an, immer dann wenn Kathe Koja ihre Geschichte einen Gang höher, bzw. Horror, hätte schalten können und scheinbar die einzige ist, der das nicht auffällt. Letztlich versuche ich mich jedoch davon zu lösen; denn meine Ansprüche sollen mir nicht die Lektüre versauen.

Die Autorin kann leider nicht widerstehen mir als Leserin in den letzten Paragrafen ihres Romans den Sinn der Geschichte zu erklären. Eigentlich hätte ich mir den am liebsten selbst zusammen gereimt, aber gute Lektoren sind im Horrorgenre bekanntlich rar gesät – fast so rar wie Schriftsteller, die auf ihre Lektoren hören und den letzten Absatz, indem sie ihrer Leserin das Buch erklären, streichen 😉 Abgesehen davon bleibt jedoch alles offen und das ist ehrlich gesagt ganz schön frustrierend. Das „Funhole“ ist also eine Metapher, aber ich weiß nach wie vor nicht, was genau sich darin verbirgt und warum es diejenigen, die damit in Berührung kommen entweder vollkommen verrückt macht oder von innen heraus auffrisst. Auf der einen Seite will ich es gar nicht so genau wissen; auf der anderen Seite treibt mich die Neugier schier in den Wahnsinn. Kleinerer Unzulänglichkeiten und offener Fragen zum Trotz ist Kathe Koja eine Autorin, die ich definitiv auf dem Schirm behalten werde.

Von Sandy DeLuca habe ich ebenfalls schon zwei weitere Romane auf dem eReader, auch wenn ich mich nach diesem albtraumhaften Lesemonat erst einmal verschnaufen und meine Leseerlebnisse verarbeiten muss. Darüber hinaus aber bin ich angefixt, infiziert quasi von diesem Genre und seiner Damenrunde, die übrigens noch viele andere Namen zu bieten hat. Sie alle, inklusive Beispielbuch, hier aufzuführen würde den Rahmen dieses Beitrags jedoch sprengen. Also muss du an dieser Stelle mal selbst googeln. Denn das, was ich hier bezwecke, ist schließlich Dir liebe Leserin die Augen zu öffnen, bzw. wässrig zu machen, für eine Albtraumwelt jenseits von Stephen King, Dean Koontz, Jack Ketchum und Co.

lesen-ist-hardcore-blog-projekt

(Neuerscheinung) Verloren im weiten Raum der Zeit, in dem alle Zeiten eins werden…

„Der weite Raum der Zeit“ war in meinem eigenen Zimmer lange ein Regalhüter, und das obwohl ich das Buch zur Zeit seiner Veröffentlichung unbedingt haben musste. Kaum trudelte es bei mir ein waren andere Dinge, andere Bücher vielleicht, wichtiger und wie im Flug ist über ein Jahr vergangen und ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau warum ich das Buch einmal hatte lesen wollen. Doch vertraute ich dieses Mal einfach der Erinnerung an meine einstige Euphorie und setzte endlich eine Lektüre in die Tat um, die ich vor langer Zeit kaum erwarten konnte…

41+Ai1+2JFL._SX311_BO1,204,203,200_Der Londoner Investmentbanker Leo verdächtigt seine schwangere Frau MiMi, ihn mit seinem Jugendfreund Xeno zu betrügen. In rasender Eifersucht und blind gegenüber allen gegenteiligen Beweisen verstößt er MiMi und seine neugeborene Tochter Perdita. Durch einen glücklichen Zufall findet der Barpianist Shep das Baby und nimmt es mit nach Hause. Jahre später verliebt sich das Mädchen in einen jungen Mann – Xenos einzigen Sohn. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und alte Wunden zu heilen, damit der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen wird.

Von Theaterschaffenden wird es oft als „Problemstück“ bezeichnet, Shakespeares „Wintermärchen“, das die Grundlage für „Der weite Raum der Zeit“ lieferte. Doch für Autorin Jeanette Winterson ist es Identifikationspunkt und Inspirationsquelle zugleich. Auch mich kann sie so von der Allgemeingültigkeit des Textes überzeugen, den ihre Übersetzung in die heutige Zeit noch zusätzlich sichtbar macht. Aus König Leontes wird Leo, der ehrgeizige Geschäftsmann, aus seinem Jugendfreund Polixenes wird Xeno, ein Computerspieleentwickler, und seine Frau Hermione wird zur Chansonsängerin MiMi; nur Perdita, die Verlorene, darf ihren Namen behalten, ist er doch so schön doppeldeutig. Auch die Schauplätze des Stücks erfahren bei Jeanette Winterson eine Modernisierung nach US-amerikanischem Vorbild. So wird aus Sizilien Little Sicily, ein Londoner Stadtteil, wo Leo und seine Firma Sicilia ansässig sind und Böhmen wird kurzerhand in New Bohemia umbenannt und in den Vereinigten Staaten verortet.

Das Buch selbst beginnt mit einem kurzen Abriss des Originals, was sich bei Berühmtheiten wie zum Beispiel „Romeo & Julia“ oder „Hamlet“ erübrigen mag, war für mich als Leserin eigentlich ganz hilfreich und daher äußerst willkommen; denn das Wintermärchen gehört schließlich nicht unbedingt zum Abiturwissen, auch nicht für Schüler mit Englisch Leistungskurs. Kurz überflogen vor der Lektüre des eigentlichen Romans, weckte die Zusammenfassung bei mir doch auch Lust auf das Original, und so nahm ich mir als Rezensentin die Freiheit und gönnte mir im Vorfeld meiner Besprechung eine Theaterproduktion via Youtube. Diese machte mich zusätzlich auf Parallelen und Unterschiede zwischen Original und Modernisierung aufmerksam; eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte und die stellenweise sicherlich in meine Rezension einfließen wird, ohne jedoch meine Sicht auf den vorliegenden Roman zu verfälschen. Denn dieser soll hier schließlich die erste Geige spielen.

Und so will ich an dieser Stelle auch keine weiteren Worte an die Einleitung verlieren, sondern gleich in die Lektüre einsteigen. Diese ist jedoch nicht ganz so willfährig, wie ich mir das als Leserin erhofft hatte, zunächst sperrt sie sich meinen Avancen gegenüber, ziert sich und lässt mich kämpfen. Dieses hin und her erinnert mich an MiMi und Leo deren Werben über ein Jahr dauert; und so ist auch diese Lektüre hier mein zweiter Anlauf, nach fast einem Jahr Pause, nur dass ich anders als Leo selbst den Weg zu meiner Geliebten auf mich genommen habe, so steinig er anfangs auch gewesen sein mag, und nicht etwa meinen besten Freund Xeno vorgeschickt habe, um das Buch an meiner Stelle zu lesen. Diese Schüchternheit Leos setzt den Grundstein einer Dreiecksgeschichte, die alle Figuren, allen voran seine geliebte MiMi ins Unglück stürzen wird – insofern bin ich ganz glücklich mit meiner Entscheidung die Herausforderung anzunehmen dieses zunächst etwas störrische Buch höchstselbst zu zähmen.

Ich beziehe mich im vorangegangenen darauf, dass „Der weite Raum der Zeit“ mit einem Prolog beginnt, der sobald ich mich eingelesen habe nichts mehr zur Handlung beiträgt. Ein harter Schnitt und Jeanette Winterson erzählt die Geschichte von Anfang an. Ich als Leserin bin etwas verwirrt und weiß kurz nicht wo ich mich befinde und wessen Geschichte ich da eigentlich lese – dies ist übrigens der Punkt über den ich in der ersten Lektüre des Buchs nie so wirklich hinaus gekommen bin, was ich im Nachhinein bereue. Denn mein Durchhaltevermögen im zweiten Anlauf zahlt sich aus, und schon bald fühle ich mich wie zu Hause in der bewegten Jugend von Leo und Xeno. Diese ausführliche Hintergrundgeschichte, welche die komplizierte Beziehung, vermint durch zahlreiche Altlasten und unausgesprochene Vorwürfe, zwischen den beiden Männern erklärt, bleibt Shakespeares Stück seiner Leserin schuldig. Die kreative Freiheit der Neuinterpretation jedoch gibt den Figuren eine Mehrdimensionalität, die zwar höchst spekulativ ist, die ich aber trotz allem nicht missen möchte.

Jeanette Winterson geht in diesem Teil der Geschichte sehr offen mit der jugendlichen Experimentierfreude und latenten Homosexualität ihrer Hauptfiguren um, verschweigt den Gewissenskonflikt mit dem das Anderssein in diesem Alter unweigerlich einhergeht jedoch nicht. Die rasende Eifersucht von König Leontes geschieht in „Der weite Raum der Zeit“ also nicht aus dem Blauen heraus, sondern begründet sich in seiner Verbundenheit den angeblich Liebenden gegenüber, wobei nicht nur seine Sekretärin Paulina sich offen fragt auf wen Leo eigentlich eifersüchtig ist, seinen Jugendfreund Xeno oder vielleicht doch die eigene Frau, die sich mit völliger Selbstverständlichkeit etwas zu nehmen scheint, das Leo schon seit Jugendjahren begehrt und sich doch zu leben, bzw. zu lieben verweigert. Diesen Aspekt findet man so nicht in Shakespeares Wintermärchen, allerdings hatte ich bei meiner Lektüre das Gefühl, die Beziehung zwischen Leo und Xeno erkläre das, was im folgenden Teil der Geschichte passieren wird, vor allem den überzogenen Grad von Leos Reaktion auf die scheinbare Affäre, zumindest ansatzweise.

So kreativ Jeanette Winterson auch mit dem Original umgeht, setzt ihr die Handlung des Shakespeare-Stücks doch Grenzen. Viele Szenen wirken willkürlich oder für die Entwicklung von Handlung und Figuren ein bisschen unnötig, und brechen völlig uneingeleitet auf diese Leserin ein; Figuren handeln scheinbar kopflos und in einer Weise, die für mich oft schwer, wenn nicht sogar gar nicht, nachvollziehbar ist. Das treffendste Beispiel ist hier wohl das oben erwähnte. Leos Raserei gegenüber einer Affäre, für die es trotz versteckter Kamera im ehelichen Schlafzimmer keinerlei Beweise gibt, sprengt jeden nachvollziehbaren Rahmen. Blind vor Wut beginnt er eine Gewaltorgie, die im herzlosen Wegschaffen – denn etwas anderes ist es nicht – der neugeborenen Perdita gipfelt. Eine Szene wie aus einer Boulevardzeitung – eifersüchtiger Ehemann kidnappt Sohn und Tochter. (Das kann ja nur in Tränen enden.)

Für Perdita geht die Geschichte dann aber doch ganz gut aus, scheint sie in Shep (dem Schäfer) und seinem erwachsenen Sohn Clo (Clown) doch eine Familie gefunden zu haben, der egal ist, welche Gene sie nun genau in sich trägt – so viel scheint schon im Prolog fest zu stehen. Als Leserin darf ich im zweiten Teil also aufatmen, darf mich nach all dem Drama, das so sicher auch Teil einer mexikanischen Seifenoper hätte sein können, etwas erholen. Gleichzeitig muss ich mich jedoch gedanklich an eine komplett neue Besetzung, samt Schauplatzwechsel und Zeitsprung, gewöhnen und das fühlt sich so an als zwinge mich die Autorin mich noch einmal einzulesen, und das nervt mich an diesem Punkt in der Lektüre gewaltig, hatte ich mich doch endlich in Little Sicily eingelebt. Lange dauert es jedoch nicht, bis ich mich in Sheps Bar wie zu Hause fühle und gespannt verfolge, wie sich die Geschichte entwickelt, Sheps Geburtstag gefeiert wird und Perdita quasi zufällig über ihre Geburtsfamilie stolpert.

Neben dem hochdramatischen Anfang der Geschichte verblasst die Wurzelsuche der Scheingeschwister Perdita und Zel fast ein bisschen. Als Leserin möchte ich zwar wissen, wie alles endet, ob ebenso tragisch wie es begonnen hat oder vielleicht doch versöhnlich. Shakespeare seinerseits hat mich zwar schon etwas gespoilert, jedoch weist der Roman genug Unterschiede zum Stück auf, dass ich mir als Leserin einreden kann, nicht genau zu wissen, was noch kommt. Den Anfang der Geschichte noch in unangenehmer Erinnerung traue ich Leo alles zu, selbst einen Doppelmord. Was im weiteren geschieht werde ich hier nicht erzählen; denn vielleicht möchtest du „Der weite Raum der Zeit“ ja ebenfalls lesen und es selbst herausfinden. Nur so viel sei an dieser Stelle gesagt, jede Figur bekommt ein Happy End, so weit hergeholt es auch sein mag – Shakespeare eben; wenn sich die (Königs)Familie am Ende nicht niedermetzeln, dann wird halt geheiratet.

Kann man Shakespeare modernisieren? Jeanette Winterson hat mich überzeugt – ja, man, bzw. frau kann! Ob frau dies auch tun sollte, diese Frage stelle ich mir im Anschluss an die Lektüre. Hin und her überlege ich, und meine spontane Reaktion, nachzulesen in den Anfangsparagrafen dieser Besprechung gibt mir die Antwort. Denn wenn „Der weite Raum der Zeit“ bei mir eine spontane Lust, bzw. eine Neugier auf das Shakespear’sche „Wintermärchen“ weckt, dann unterstelle ich dem Text einfach mal das Potenzial eine neue Lesergeneration für dieses eher weniger bekannte Stück des Barden zu begeistern. Ich tippe sogar darauf, dass dies der eigentliche Grund hinter der vom Hogarth Verlag angeleierten Modernisierungsreihe ist, bei der übrigens auch die diesjährige Trägerin des „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ Margaret Atwood mitgemacht hat; vielleicht bin ich da aber auch etwas zu idealistisch. Das letzte Wort, ein kleiner Stimmungsdämpfer, möchte ich daher der Autorin selbst überlassen…

„Das viele Nichts ist nichts. Und der Himmel ist nichts, die Erde ist nichts, ich bin nichts, Liebe ist nichts, Verlust ist nichts.“

Der weite Raum der Zeit – Jeanette Winterson – ISBN 978.3.813.50673.0

Für Leserinnen, die…

  • …sich zumindest ansatzweise mit dem Werk William Shakespeares auskennen.
  • …dramatische Wendungen über Figurenzeichnung stellen.
  • …ein dickes Fell haben; denn bei Shakespeare geht es wüst zu.

Literarische Nachbarinnen…

51ayWPLXxEL._SX311_BO1,204,203,200_51obQINA6qL._SX308_BO1,204,203,200_5173MHnnQCL._SX311_BO1,204,203,200_