Archiv der Kategorie: Deutschsprachige Autorinnen

(Neuerscheinung) Vom Untertauchen und Verschwinden, und dem, was übrig bleibt…

Auf diesen Roman bekam ich spontan Lust, als ich ihn im Twitterfeed einer Bloggerkollegin sah. Zunächst beneidete ich sie um ihre Lektüre, dann ging mir auf – das Buch hast du doch selbst im Regal; und schon hatte ich es mir geschnappt und bin für zwei Tage ganz und gar darin abgetaucht. Jetzt allerdings hole ich endlich Atem…

9783961010073_coverMilla und Jan kennen sich seit Kindertagen. In einem heißen Sommer fahren sie gemeinsam mit Jans Freundin Kristina ans Meer. Drei Tage lang schweben sie zwischen Angst, Liebe und Sehnsucht. Bis sich alles bei einem heftigen Gewitter katastrophal entlädt. Jan überlebt nicht. Vier Jahre später sind Milla und die kleine Emma an einem kalten Morgen durch die große Stadt unterwegs. Da findet Milla etwas, das sie an Jan erinnert und stellt sich endlich der Vergangenheit.

Während ich lese, läuft im Hintergrund die Spotify Playlist „Maximale Konzentration“ und die Melancholie der Klavierakkorde, verbunden mit der zeitweisen Schwermütigkeit des Textes führt fast dazu, dass mir während der Lektüre Tränen die Wangen hinunter laufen. Letztlich kann ich mich dann doch zusammen reißen und meine Anteilnahme an den Problemen der Hauptfigur auf ein für mich als Leserin angenehmeres Niveau herunter schrauben. Meine für mich persönlich ganz untypische emotionale Verbundenheit mit dem Text bleibt jedoch über die Dauer der Lektüre bestehen. Sie fügt meinem Leseerlebnis eine Dimension hinzu, die ich im Nachhinein nicht missen möchte und in meiner Folgelektüre „Das Rauschen in unseren Köpfen“ zu wiederholen versuche, was mir aber leider nicht in dieser Weise gelingt.

Die Geschichte von Milla, ihrem besten Freund Jan und dessen Freundin Kristina nimmt nur langsam Fahrt auf. Ich werde zunächst einmal Zeugin von Alltagsverrichtungen, die für den weiteren Verlauf der Handlung konsequenzlos scheinen, gleichzeitig aber auch schon am Anfang der Geschichte einige Fragen aufwerfen, mit deren Beantwortung sich die Autorin Zeit lässt. Kein Problem, Frau Pousset, ich habe Zeit mitgebracht und bin nicht ungeduldig – der Weg ist das Ziel, oder so ähnlich. Also übe ich mich in Achtsamkeit und schaue der Handlung dabei zu, wie sie sich Stück für Stück entfaltet, wie ein sich herbstlich entlaubender Baum; und denke mir dabei, dass „Schwimmen“ vom Ton her und trotz der im französischen Sommer verorteten Rückblenden, im Grunde das perfekte Buch für diese nass-kalte Übergangszeit ist. Denn während ich es lese fühle auch ich mich irgendwie nass-kalt und klamm, natürlich vor allem innerlich, sitze ich doch in der warmen Stube, mit meinem Buch auf dem Schoß und dem Dampf heißen Tees im Gesicht.

Die verkappte Dreiecksgeschichte zwischen Milla, Jan und Kristina wird in Rückblenden erzählt, die wie Blitzeinschläge in schwärzester Nacht die Handlung teilen, oft ganz abrupt. Shakespearsche Dramen spielen sich ab in Millas Kopf, während sie Jan und Kristina dabei zuhört, wie sie im Ferienhaus ankommen, das sich die drei über den Sommer teilen werden. Auch nach Monaten in denen die beiden eher sporadisch Kontakt hatten, lässt Milla alles stehen und liegen, lässt ihre Pariser Freunde und Kommilitonen zurück, sobald Jan anruft. Nur sind sie diesen Sommer eben nicht alleine und Milla stört dies letztlich doch um einiges mehr als sie anfangs von sich dachte. Als Leserin denke ich, da haben sich zwei verpasst, wie schade. Dann wiederum denke ich, warum müssen aus Jugendfreunden eigentlich immer Liebesbeziehungen werden, besonders in Debütromanen?!

Als die Drei nach einem Tag am Strand, anschließender rasanter Wetterflucht und Millas dramatischem Sturz vom Fahrrad, auf dem Weg zurück zum Ferienhaus, dann vollkommen unerwartet und uneingeleitet zusammen unter der Dusche landen, bekomme ich als Leserin den Eindruck meine Generation, zu der auch die Autorin Sina Pousset gehört, hat zu viele Pornos geschaut. Alles an dieser Szene schreit Männerfantasie, auch wenn sie zunächst lediglich die zwei jungen Frauen einschließt – doch der Männerblick kommt für die meisten von uns Frauen jenseits der Pubertät schließlich auch von innen. Gleichzeitig fühle ich mich an das französische arthouse Kino der frühen 00er Jahre erinnert; nur dass die Franzosen es irgendwie besser hinkriegen, wie beiläufig die Taboos brechen, die für meine Lesergeneration schon lange keine mehr sind.

Eine ganz andere Art Dreiecksgeschichte, weniger Drei-X Geschichte und mehr Patchwork-Familie wider Willen oder zumindest wider Erwarten, ist die Beziehung zwischen Milla, ihrem Ziehkind Emma und der am Leben und an sich selbst leidenden Kristina. Diese scheint nach allem, was in diesem alles verändernden und alles in Frage stellenden französischen Sommer passiert ist, ihre anfängliche Freigeistigkeit eingebüßt zu haben. Sichtlich verzweifelt klammern sich die beiden Frauen aneinander und versuchen der Willkür des Schicksals einen Sinn zu geben. Dass Sina Poussett all diese Trauerarbeit erst vier Jahre nach dem eigentlichen Trauerfall geschehen lässt, finde ich im Nachhinein etwas unglücklich komponiert. Während der Lektüre allerdings war ich zu beschäftigt mit dem hin und her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, um inne zu halten, meinen Rezensentinnen-Hut aufzusetzen und kritisch zu reflektieren.

Während die Binnenerzählung um Jan eine Unmenge an erzählerischem und gedanklichem Raum einnimmt, kommt die, aus der Tragödie erwachsene, Frauenfreundschaft zwischen den ehemaligen Rivalinnen Milla und Kristina meiner Meinung nach etwas zu kurz; scheint wenig mehr als ein nachträglicher Gedanke. Auch Jahre nach seinem abrupten wie unerklärten Verschwinden aus dem Leben der beiden Frauen, ist Jan der Dreh- und Angelpunkt ihres Erlebens und Fühlens. Seine Erinnerung nimmt den Raum von zwei Figuren ein, nimmt Milla und Kristina den Raum zum Atmen. Sein Echo bestimmt ihren Alltag, der im Grunde nur aus Warten zu bestehen scheint. Milla wartet darauf, dass Kristina sich endlich berappelt und Verantwortung übernimmt. Kristina wartet darauf, dass die Erinnerung, dass das Wachsein, das sich bewusst werden, weniger schmerzt. Ich warte darauf, dass Sina Pousset mir endlich die ganze Geschichte erzählt, und dass die heimliche Hauptfigur Jan die beiden Frauen schließlich gehen lässt in eine Zukunft, in der er nicht mehr wie eine Wolke alle lichten Momente verdunkelt.

Sina Pousset spielt mit emotionalen Zuständen, sowohl denen der Figuren als auch denen dieser Leserin, wie der Mond mit den Gezeiten oder eine satte Katze mit einer Maus. Sie zieht mich in die Geschichte, lässt mich den Figuren ganz nahe kommen, nur um mich in dem Moment in dem ich glaube sie zu kennen, vor den Kopf zu stoßen. Sie stürzt ebendiese Figuren in einen Abgrund der Trauer, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Wie bloß soll es weitergehen mit den beiden jungen Frauen, frage ich mich voller Mitleid. Sina Poussett beschreibt in ihrem Debütroman „Schwimmen“ die Stille nach dem Schuss. Mir pfeifen die Ohren, während die Figuren noch damit beschäftigt sind sich gegenseitig nach Wunden abzusuchen. Diese Wundensuche fördert unangenehmes zu Tage; „Schwimmen“ ist kein Wohlfühlroman, aber am Ende (der Lektüre) geht das Leben trotzdem weiter, irgendwie.

Schwimmen – Sina Pousset – ISBN 978.3.961.01007.3

Für Leserinnen, die…

  • …an alten Lasten schwer zu tragen haben.
  • …Verantwortung übernehmen, für diejenigen, die sie lieben.
  • …neugierig sind auf die junge deutsche Gegenwartsliteratur.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Der Rausch der ersten Liebe, und das böse Erwachen am nüchternen Morgen…

Junge deutsche Literatur interessiert mich eigentlich immer, das Debüt der Berliner Autorin Svenja Gräfen ist da natürlich keine Ausnahme. Mittlerweile sind die Autorinnen, deren Geschichten in diese Kategorie fallen in meinem Alter, was meine emotionale Nähe zum Text natürlich nur vergrößert. Svenja Gräfen hätte in meine Abi-klasse gehen können, und so begrüße ich sie und ihr Debüt dem Anlass angemessen überschwänglich in meinem eigenen Zimmer…

9783961010042_coverLene lebt mit ihrer besten Freundin in einer WG in einer großen Stadt, ihre liebevolle Familie und der Freundeskreis geben Halt. Als sie Hendrik begegnet, scheint ihr Glück perfekt. Sie plant eine gemeinsame Zukunft, doch Hendriks Vergangenheit schleicht sich in ihr Leben ein. Da ist seine zerrüttete Familie, sein bisweilen merkwürdiges Verhalten. Und Klara.

Ich habe das Gefühl „Das Rauschen in unseren Köpfen“ schon einmal gelesen zu haben, was natürlich Quatsch ist, schließlich ist es in diesem Jahr zum ersten Mal erschienen. Doch diese zunächst euphorische, dann melancholische Geschichte einer Großstadtliebe kommt mir bekannt vor – nicht aus persönlicher Erfahrung zwar, aber aus meiner bisherigen Lektüre. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist insofern ein typisches Debüt einer jungen, kosmopolitischen Akademikerin, was nicht unbedingt schlecht sein muss. Die Deja-Vu Wirkung, die der Text auf mich hat, macht es mir leicht mich einzulesen und fungiert letztlich auch als Identifikationshilfe zwischen mir und der Erzählerin/Hauptfigur – und das obwohl wir im Grunde so gar nichts gemeinsam haben.

Das erste bewusste Aufeinandertreffen der Hauptfiguren, dieser Moment im Leben und Lieben, der das Potenzial hat alles für immer zu verändern, wenn auch nur für ein paar kostbare Momente, bzw. Monate; bei Svenja Gräfen wirkt dieser Augenblick wie Schicksal, vorherbestimmt und unvermeidlich. Als Leserin kriege ich den Eindruck, dass Lene und Hendrik in der Millionenstadt Berlin noch so oft aufeinander treffen werden, wie nötig, um sie aufeinander aufmerksam zu machen. Ihre Liebe ist unaufhaltsam, oder so kommt es der Erzählerin zumindest vor. Kaum haben sich die beiden in der Menge entdeckt, können sie einander nicht mehr gehen lassen. Das Paar verbringt gleich den ganzen Rest des Tages miteinander, und ich denke mir, da haben sich zwei gefunden. Diese anfängliche Leichtigkeit, welche die Romanze der beiden kennzeichnet, wirkt auf mich wie ein meet-cute à la Hollywood. Insofern kann das ganze ja nur schief gehen, aber an diesem Punkt in der Lektüre weiß ich das natürlich noch nicht, ich ahne es nur.

Hendrik ist charmant und Lene ist aufgeschlossen und kontaktfreudig, alles Eigenschaften von denen diese Leserin später erfährt, dass sie der Euphorie des Augenblicks geschuldet sind; vielleicht nicht direkt aufgesetzt, aber doch nicht unbedingt Teil des alltäglichen Persönlichkeitsrepertoires der Hauptfiguren. Bald schon kriechen beide zurück in ihr Schneckenhaus, das sie sich anfänglich noch teilen. Kurioserweise fängt es zwischen den beiden gerade dann an zu bröckeln, als sie sich dafür entschließen den nächsten Schritt zu tun. Als Leserin kann ich die Katastrophe schon ahnen und wäre Lene meine Mitbewohnerin würde ich sie zur Seite nehmen, um sie ein klein wenig zu schütteln. Denn Hendrik ist zwar ein richtig netter, aber… und in diesem Moment wird mir bewusst nicht wirklich Teil der Geschichte zu sein. Also schaue ich Lenes bester Freundin einfach dabei zu, wie sie ihr Zimmer in der gemeinsamen Wohnung räumt, und beiße mir auf die Zunge.

Auf den ersten Blick könnte frau meinen in „Das Rauschen in unseren Köpfen“ gehe es lediglich um die erste halbwegs erwachsene Liebe. Einen Fuß in der wilden Jugend, die um jeden Preis verschwendet werden will, den anderen im Alltagstrott, mit seinen Verpflichtungen, Mietverträgen, Daueraufträgen und Abschlussarbeiten. Ich allerdings meine etwas versteckt noch eine andere Dimension zwischen den Seiten der Geschichte zu entdecken. Svenja Gräfen feiert nämlich nicht nur eine neue Liebe, sie trauert auch um alte Freundschaften, welche dieser zum Opfer fallen. Am liebsten möchte Hauptfigur Lene ihre beste Freundin zurückhalten, sie an sich ziehen und festhalten; eigentlich gehen ihr diese einschneidenden Veränderungen viel zu schnell. Doch sie lässt den Moment in dem sie etwas hätte sagen können, hätte sich offenbaren können, verstreichen und schaut sich selbst stattdessen dabei zu, wie sie sich von ihrer Freundin entfremdet.

Insofern sind sich Lene und Hendrik eigentlich sehr ähnlich. Denn auch Hendrik hält im entscheidenden Moment nicht an seiner Jugendliebe Klara fest, wirft seine Familie, ja sogar sein Leben in Hamburg einfach weg, als wäre es nichts. Wenn ich mir die Figuren in „Das Rauschen in unseren Köpfen“ so anschaue, frage ich mich manchmal, ob Depressionen nicht vielleicht doch ansteckend sind. In Svenja Gräfens Debütroman scheinen sie von einem zum anderen zu springen; von Hendriks Vater zu Hendrik, von Hendrik zu Klara, von Klara wieder zu Hendrik und von Hendrik schließlich zu Lene, die sich insgeheim wünscht eine schwere Kindheit gehabt zu haben, damit sie ihrem Freund und seinen Dämonen näher ist, die Seelenqualen, die er auszustehen scheint besser verstehen, ja sogar nachempfinden kann.

Svenja Gräfen backt die Geschichte von Hendrik und Lene wie einen gut bestückten Nusskuchen, immer wieder beiße ich als Leserin auf uneingeleitete Rückblenden, die mir von der Kindheit, Jugend und den ersten Jahren des Erwachsenenlebens der beiden Protagonisten erzählen, beiße mir daran manchmal schier die Zähne aus – unwillkommen ist dies nicht, schließlich bin ich voller Ungeduld und Tatendrang die Erzählerin und ihre erste große Liebe näher kennen zu lernen, nur überraschend eben. Svenja Gräfen schubst mich ins kalte Wasser der Erinnerung und ich brauche ein paar Momente bis ich das Tageslicht durch die Oberfläche brechen sehe. So erfahre ich irgendwann auch wer die ominöse Klara aus dem etwas nebulös formulierten Klappentext ist. Ganz so viel Einfluss auf den Verlauf der Handlung, wie ich anfangs befürchtete, hat sie dann allerdings doch nicht; Svenja Gräfens Eifersuchtsdramen spielen sich größtenteils im Kopf ihrer Figuren ab.

Letztlich ist „Das Rauschen in unseren Köpfen“ doch ein literarisches Unikat, das habe ich während der Lektüre gemerkt. Svenja Gräfen schreibt mit der ihr eigenen Untertriebenheit über Erlebnisse, die junge Liebende sich innerhalb von, und über Generationen hinweg teilen, und genau dort liegt die Überschneidung mit älteren Texten aus der jungen Berliner Literatur, die ich seit meinem Einzug ins eigene Zimmer gelesen habe. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist ein Loving Of Age Roman für eine neue Generation von Leserinnen, die jedoch von den gleichen Erfahrungen geprägt wurden, von den gleichen Gefühlen beflügelt und gepiesackt werden, wie ihre älteren Schwestern. Insofern muss ich die literarischen Räume von Svenja Gräfen nicht substanziell umdekorieren, um mich dort wie zu Hause, bzw. angekommen und aufgehoben zu fühlen – Dir wird es sicher ebenfalls so gehen.

Das Rauschen in unseren Köpfen – Svenja Gräfen – ISBN 978.3.961.01004.2

Für Leserinnen, die…

  • …schon einmal unglücklich verliebt waren.
  • …alte Wunden haben, die bei zu viel Nähe zu nässen anfangen.
  • …kleine Dramen auf großer Bühne aufführen.

Literarische Nachbarinnen…

9783471351208_cover41LRdHe3acL._SX309_BO1,204,203,200_51K1o4aSZIL._SX313_BO1,204,203,200_

(Neuerscheinung) Vom Leben in der Traufe und anderswo…

Manchmal sind die Dinge, die mich und meine Lektüre zusammenbringen vollkommen alltäglicher Natur. So geschehen auch bei „und in diesem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“, dessen vorrangiger Pluspunkt für mich der Verlag war, bei dem dieses Buch erschienen ist. Der Luchterhand Literaturverlag ist mein absoluter Liebling aus dem RandomHouse, und daher dachte ich mir: Wenn diesem Verlag Doris Anselms Prosa gefällt, dann wird es mir bestimmt ebenso gehen. Alles weitere, siehe unten… 😉

51NgcJ6XbcL._SX311_BO1,204,203,200_Was ist der Auslöser für Veränderung in unserem Leben? Die Nachricht einer längst vergessenen Freundin, eine Kränkung zu viel, eine absurde Passion, der es plötzlich nachzugeben gilt. In Doris Anselms Erzählungen begegnen uns Karrieremenschen und Loser, Charismatiker und Verrannte, die diese Momente lostreten oder erleben. So wechselt ein Schmuckstück den Besitzer, unpersönlich und doch symbolträchtig. Am Ende ist ein Mädchen erwachsen geworden und ihr Lehrer ein Stück kindlicher. Dabei bleibt manches scheinbar Wichtige elegant in der Schwebe, um den Blick fürs Wesentliche zu öffnen. Ereignisse wirken aus der Vergangenheit in eine intensiv wahrgenommene Gegenwart hinein, ein bedrohlicher Unterton schwingt mit, ein böses Wuchern und Wachsen.

Wie jede Kurzgeschichtensammlung ist auch Doris Anselms „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gengenschlag aus“ ein Flickenteppich aus Narrativen, die mich als Leserin ansprechen und solchen, die mich kalt lassen, ebenso wie den diversen Schattierungen dazwischen. Doch etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet, denn Kurzgeschichtenbände sind wie eine Schachtel Pralinen, um eines der wohl bekanntesten cineastischen Klischees zu bemühen. Im Grunde mag diese Leserin Pralinen, und Kurzgeschichten, nur eben nicht jede; Und anders ging es mir mit der Lektüre von „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ auch nicht.

Wenn ich hier schreibe ich mag Kurzgeschichten so gerne, wie ich Pralinen mag, dann stimmt das nicht ganz. Mit Pralinen verbindet mich eine flammende Hassliebe, die aus einem Teufelskreis des Heißhungers und gleichzeitigen Gesundheitswissens (Stichwort: Zucker) erwächst, ebenso wie dem schamvollen Blick auf die Waage – denn um ganz ehrlich zu sein lese ich um einiges feministischer, als ich mich letztendlich verhalte. Kurzgeschichten allerdings will ich wollen, mit einer Intensität, die schon fast an Verzweiflung grenzt. Ich suche nun schon seit Jahren einen Zugang zu dieser Form und muss gestehen, dass ich ihn nur in Ausnahmefällen, wie zum Beispiel bei der Titelgeschichte von Benjamin Maacks Debüt „Monster“ oder „Marathonmann“ aus „Die Liebe unter Aliens“ von Terézia Mora, finde.

Natürlich bedeutet das nicht, dass ich einem Buch, wie „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ vollkommen ratlos gegenüber stehe. Ich kann schon einschätzen, bzw. identifizieren, was mich an welcher Geschichte besonders begeistert, berührt oder auch abschreckt und wie sich das auf meinen Gesamteindruck gegenüber dem Buch auswirkt. Nur bin ich eben nicht die Connaisseuse, die ich manchmal gerne wäre. Im Studium des Literarischen Schreibens habe ich schließlich mal gelernt, dass Kurzgeschichten die Feuerprobe eines jeden Schriftstellers darstellen. Wer eine gute Kurzgeschichte schreibt, dem liegt die literarische Welt zu Füßen, zumindest theoretisch. Doch habe ich weder als Schreibende, noch als Lesende, jemals so ganz begreifen können, warum – nicht mangels verbissener Versuche wohl gemerkt.

Insofern sind Kurzgeschichtensammlungen für mich ein bisschen so wie Opern. Im Grunde eine beeindruckende, hoch technische Kunstform, die jeden auflaufen lässt, der nicht weiß, was er tut. Eingängig sind sie aber nicht gerade, manchmal nicht einmal dann, wenn frau sich intensiver damit beschäfftigt. Doch bewege ich mich mit diesen Vergleichen immer weiter weg vom eigentlichen Thema dieses Beitrags, dem Debüt der „open mike“ Gewinnerin Doris Anselm. Und dieses hat das Potenzial selbst Kurzgeschichtenmuffel für diese Form zu begeistern, zumindest ab und zu – es hängt wie gesagt immer von der individuellen Geschichte ab. Doch bin ich zuversichtlich, was meine Behauptung angeht. Denn das Themenspektrum der 16 Geschichten ist so breit gefächert, dass man als Leserin schon zu einer unwahrscheinlichen Minderheit gehören muss, um sich nicht zumindest in einer von Doris Anselms Erzählungen wiederzufinden.

Was mir persönlich an „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ am besten gefällt ist, dass Doris Anselm in mehr als einer Geschichte schwul/lesbische Figuren auftreten lässt, deren Homosexualität nicht zum zentralen Thema der Geschichte gemacht, bzw. zu einen Spektakel für heterosexuelle Leserinnen aufgebauscht, wird. In „Juls Hände“ versucht der schwule Jul zwar der jungen Studentin Karli den Freund auszuspannen, doch wird dies nicht zum zentralen Punkt der Geschichte. Doris Anselm erreicht diese Verlagerung der Aufmerksamkeit ihrer Leserin dadurch, dass sie einer Außenstehenden das Erzählen überlässt. Ich, als Leserin, werde so Zeugin von deren unglücklicher Liebe zu Jul, während die Dreiecksgeschichte zwischen Jul, Karli und ihrem Freund zum Randgeschehen wird, das der Erzählung, ebenso wie den Figuren zusätzliche Tiefe, bzw. Mehrdimensionalität, verleiht.

In „Das Gartenjahr“ sind es zwei Frauen scheinbar fortgeschrittenen Alters, die sich eine Gartenlaube und auch das darin befindliche Bett teilen. In dieser Geschichte geht es jedoch nicht um ihre späte Liebe, sondern um ihre Armut, die sie dazu zwingt sich ganzjährig in einer Schrebergartenkolonie niederzulassen, auch wenn das eigentlich nicht erlaubt ist, und für die beiden zu Problemen führt. Es ist eine meiner Lieblingsgeschichten, denn vom Ton her erinnert sie mich an die schottische Schriftstellerin Ali Smith, deren Kurzgeschichten ich so gerne lese. Doris Anselm macht ihrer Leserin keine Geschenke, alles Wesentliche steht wie so oft zwischen den Zeilen. Ich werde zur Wahrsagerin und starre verzweifelt auf die Kristallkugel, welche die Autorin mir vor die Nase hält. Verdachtsmomente habe ich viele, doch mit Sicherheit weiß ich am Ende nicht einmal wer die Geschichte eigentlich erzählt.

In „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ betreibt Doris Anselm nicht nur die für ihre Schriftstellergeneration so typisch gewordene Nabelschau, sondern schreibt über Menschen aller Altersgruppen und sozialen Schichten. Mit wie viel Authentizität sie dies tut, kann ich als junge Frau der Mittelklasse, die zumindest in Deutschland keinerlei Berührungspunkte mit dem Präkariat hat, leider nicht beurteilen. Doch bin ich mir sicher, dass diese Offenheit gegenüber Erfahrungen abseits des Mainstreams „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ zu einem Buch macht, das auch denen Zugang, bzw. einen Identifikationspunkt, bieten kann, die nicht zum studentischen Berliner WGvolk gehören. Wenn es anders wäre, hätte ich ehrlich gesagt auch wenig Lust gehabt mich auf dieses Buch einzulassen. Die Universalität der Narrative, ob es nun um Themen wie Liebe, Lust & Obsession, so zum Beispiel gelesen in „Lametta“, oder Familie, Kindheit & Stadtflucht, so zum Beispiel gelesen in „einer kalten Natur“, geht; Doris Anselm scheint mich als Leserin und als Mensch zu kennen.

Kurzgeschichtenbände haben für mich als Rezensentin sowohl Vor- als auch Nachteile. Auf der einen Seite, weiß ich manchmal nicht, wo ich mit meiner Besprechung anfangen soll. Auf der anderen Seite fällt es mir schwer zum Ende zu finden, sobald ich den roten Faden in der Hand halte. Schließlich geht es hier nicht nur um eine Geschichte, sondern gleich um sechzehn Stück. Und ich könnte noch so viel erzählen, mich auf so viele Teilaspekte des Buchs beziehen – ja, vielleicht sogar jeder der 16 Geschichten eine eigene Rezension widmen. Doch das würde den Rahmen sprengen, den ich mir als Rezensentin für diese Besprechung gesetzt habe und daher begnüge ich mich an dieser Stelle damit dir, meiner geneigten Leserin, (hoffentlich) die Augen etwas wässrig gemacht zu haben, vor Neugier auf dieses Buch – diese Oper-esque Pralinenschachtel, deren Einzelteile nur darauf warten nun auch von Dir verköstigt zu werden.

und in diesem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus – Doris Anselm – ISBN 978.3.630.87526.2

Für Leserinnen, die…

  • …sich diese Form nicht nur zutrauen, sondern auch bereit sind sich, wenn nötig, einen Zugang dazu zu erkämpfen.
  • …bei Sprachgewandtheit und Schreibstil ihre Prioritäten setzen.
  • …sich manchmal im Leben, auf dem Land, in der Liebe gestrandet fühlen.

Literarische Nachbarinnen…

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Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora 42752463z

(Lesen ist hardcore!) Die atemlose Flucht der Jugend in den Berliner Sommer…

Die Empfehlung für diesen Roman habe ich mir von meinen Kolleginnen aus der Blogosphäre geholt; wer genau die alles entscheidende Rezension verfasst hat, weiß ich leider nicht mehr – es ist schon etwas her, dass ich mir in den Kopf setzte dieses Buch unbedingt lesen zu müssen. Wie dem auch sei, Hauptsache „Tigermilch“ hat es in mein Regal geschafft, alles Weitere erfährst Du etwas weiter unten…

51cBEaVcl8L._SX304_BO1,204,203,200_Nini und Jameelah leben in derselben Siedlung, sie sind unzertrennlich und mit ihren 14 Jahren eigentlich erwachsen, finden sie. Sie mischen Milch, Mariacron und Maracujasaft auf der Schultoilette. Sie nennen das Tigermilch und streifen durch den Sommer, der ihr letzter gemeinsamer sein könnte. Die beiden Freundinnen lassen sich durch die Hitze treiben, hängen mit Nico ab. Nico, der Nini ein Gefühl von Zuhause gibt. Sie machen Bahnpartys, rauchen Ott in Telefonzellen und gehen mit Amir ins Schwimmbad. Amir, dessen großer Bruder Tarik im Dauerstreit mit seiner Schwester liegt, weil diese sich in einen Serben verliebt hat. Nini und Jameelah erschaffen sich eine Welt mit eigenen Gesetzen, sie halten sich für unverwundbar, solange sie zusammen sind. Doch dann werden sie ungewollt Zeuge, wie der Konflikt in Amirs Familie eskaliert.

„Tigermilch“ ist eines der Bücher, die ich schon bald nach der Veröffentlichung gekauft und dann doch erst Jahre danach gelesen habe. In diesem Fall hat sich das Warten gelohnt, der Debütroman von Stefanie de Velasco ist nicht perfekt, dennoch fühlen ich und meine hohen Ansprüche sich zwischen den Seiten durchaus gut aufgehoben. Ein bisschen erinnert mich der Ton des Romans an das Debüt von Alina Bronsky „Scherbenpark“, ebenfalls ein Jugendbuch mit dem auch erwachsene Leserinnen etwas anfangen können. „Tigermilch“ ist vom Ton her sogar noch etwas rauer, etwas näher an der Jugend, deren Stimme es einzufangen versucht. Gleichzeitig ist das Buch aber auch ungewöhnlich verspielt und lässt seine Figuren zwar mehrmals gegen die Wand fahren, dann aber auch nahezu unbeschadet davon kommen.

Wir treffen die beiden Hauptfiguren in der Blütezeit ihrer Jugend, an diesem magischen Moment in dem sich junge Mädchen unsterblich und unverwundbar fühlen. Und so benehmen sich die beiden auch, trinken Tigermilch (Müllermilch + Weinbrand) als wäre es Wasser, gehen im Supermarkt klauen und am falschen Ende des Berliner Kurfürstendamm anschaffen. Als Leserin kann ich das dicke Ende schon kommen sehen, doch hätte ich nicht damit gerechnet, dass es jemanden das Leben kosten würde. Schon bald wird es ernst für die Freundinnen, doch platziert Stefanie de Velasco sie nicht im Auge des Sturms, sondern macht sie lediglich zu Mitwissern aus denen schon bald Komplizen werden. Denn hier treffen wie in den meisten sozialen Brennpunkten zwei Kulturen aufeinander und während die eine mit ihrem Gewissen ringt, kommt die Polizei zu rufen für die andere nicht in Frage.

Darüber hinaus hat jedes der Mädchen auch noch seine eigenen Probleme vor denen es in den Sommer und in die Straßen der Hauptstadt flieht, die beste Freundin immer mit dabei. Jameelahs Familie wird überraschend die Duldung gekündigt und ihr Leben in Deutschland scheint für immer vorüber zu sein. Doch die Heimat ihrer Eltern kennt sie nicht, will nicht dorthin zurück und ist doch machtlos angesichts der Bürokratie der Erwachsenen. Eine Bürokratie, die auch einen Freund der beiden Mädchen ins Jugendgefängnis wirft, obwohl er dort gar nicht hingehört. Als Leserin begleite ich die beiden Hauptfiguren auf Schritt und Tritt, suche mit ihnen Präsentkörbe aus und fahre in den Wald, um den unschuldig Verurteilten zu besuchen. Für die Mädchen eine wunderbare Ablenkung von den eigenen Schwierigkeiten.

„Tigermilch“ begegnet seinen Figuren auf Augenhöhe und gibt ihnen auch dann Rückendeckung, wenn sie sich vollkommen daneben benehmen, sei es dass sie für einen Adrenalinkick ihren Leib und ihr Leben aufs Spiel setzen oder einen Mörder decken. Als Leserin bin ich nicht immer so offen, bin nicht immer auf der Seite der beiden Mädchen, besonders Jameelah macht es mir manchmal sehr schwer. Insofern schafft Stefanie de Velasco es nicht so ganz eine wertfreie Atmosphäre entstehen zu lassen, in der ihre Figuren schalten und walten können, wie es ihnen gerade passt, ohne dass diese Leserin das Buch entnervt zur Seite legt – aber vielleicht hat sie das so auch gar nicht angestrebt. Was ihr stattdessen mit Bravour gelingt ist es diese Leserin zu fesseln, sie sich fragen zu lassen, wie das bloß alles ausgehen soll, sie hoffen zu lassen, dass sich doch noch alles zum Guten wendet oder zumindest der wahre Mörder am Ende für seine Taten büßen muss.

Insgesamt ist „Tigermilch“ also ein Roman, der zwar von Jugendlichen handelt, meines Erachtens nach aber nicht unbedingt auch für Jugendliche geschrieben wurde. Die Welt der Figuren ist mitunter so brutal, dass ich doch schwer hoffe die Autorin habe sich in der Beschreibung dieser kreative Freiheiten genommen. Mit unzähligen Grauschattierungen zeichnet sie das Bild einer Freundschaft, wie sie nur junge Mädchen miteinander verbindet. Eine Freundschaft, die für die Freundinnen auch schon mal zum Gefängnis werden kann, wenn die Loyalität der einen zur anderen nämlich das eigene Gewissen ausschaltet. Als Leserin fühlt man sich während der Lektüre ein bisschen so als säße man am Steuer eines Wagens der unaufhaltsam aus einer Kurve hinaus steuert. Dieses Gefühl kann dabei sowohl erschreckend als auch erhebend sein.

Tigermilch – Stefanie de Velasco – ISBN 978.3.462.04573.4

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Für Leserinnen, die…

  • …eine bewegte Jugend haben/hatten.
  • …sich auch in moralischen Grauzonen wohl fühlen.
  • …für ihre beste Freundin durch die Hölle gehen würden.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Und überall rauscht das Wasser einer anderen, einer inneren Zeit…

Seitdem ich ihren Roman „Kirschholz und alte Gefühle“ gelesen habe, gehört Marica Bodrožić zu meinen deutschen Lieblingsschriftstellerinnen. An ihrem neusten Roman kam ich also nicht vorbei, auch wenn mich ihr poetischer Stil seit neustem etwas schwindelig macht (für die Gründe siehe Banner)…

Das Wasser unserer Traeume von Marica Bodroi

Er hat keinen Namen. Und er kann nicht sprechen. Der Mann weiß nicht einmal, wo er ist, auch die Zeit ist ihm fremd geworden. Ein ganzes Jahr lang liegt der Namenlose im Koma und übt sich im Erwachen. Mit der Rückkehr in die Welt verbinden sich auf unerwartete Weise seine Sinne. Er erlangt die Fähigkeit, sich umfassend zu erinnern. Ein Unfall, so scheint es, hat ihn in diese rätselhafte Situation gebracht. Er kann seinen Körper nicht bewegen, aber er ist sich dennoch seiner selbst bewusst – und nicht nur das, er kann sowohl die Gedanken als auch die Sehnsucht der anderen lesen. In dieser »höheren Heimat« beginnt er zu ahnen, dass er noch einmal ins Leben und in seinen Körper zurück darf. Denn die Freundschaft eines Mannes und die Liebe zweier Frauen machen ihn zu einem hoffenden Menschen.

Marica Bodrožić ist eine Träumerin, eine Prosa-Philosophin, ihre Bücher sind Gedankenexperimente und manchmal auch Geduldsexperimente für diese Leserin, die sich im Laufe des Romans immer wieder in Endlossätzen zu verheddern droht, die mich weit und weiter wegtragen, von der eigentlichen Handlung, in die Untiefen des erzählerischen Unterbewusstseins der Hauptfigur. Diese liegt für den Großteil des Romans einfach nur flach und denkt über die Welt nach, über das Leben, die Vergänglichkeit und die Untätigkeit ihrer selbst. Spuren der anwesenden Menschen, Ärzte und Pflegerinnen, sowie das Licht, welches durch ein Fenster in das Krankenzimmer dringt, kann der komatöse Erzähler jedoch wahrnehmen und nutzt diese Eindrücke für Rückschlüsse auf eine Situation, der er sich anfangs noch nicht wirklich bewusst zu sein scheint.

Etwas träge folge ich den Brotkrumen, die auf dem „Wasser unserer Träume“ schwimmen, lese sie auf und versuche davon satt zu werden. Doch was die Autorin mit ihren Romanen „Kirschholz und alte Gefühle“ und „Das Gedächtnis der Libellen“ noch schaffte, mich nämlich mit Wortgemälden zu verzaubern, das schafft sie mit ihrer neusten Veröffentlichung leider nicht mehr in der Art. Habe ich mich als Leserin vielleicht verändert; viel ist geschehen seit meiner Lektüre der früheren Romane von Marica Bodrožić. Denn nun ist mir die Zettelwirtschaft, die sich von Absatz zu Absatz aufbaut um sich anschließend wieder zu zerstreuen, ohne dass mir als Leserin Einzelheiten, ja vielleicht sogar Einsichten, im Gedächtnis blieben, gedanklich etwas zu viel. Marica Bodrožić hat in „Das Wasser unserer Träume“ viel zu erzählen, trägt unzählige Weisheiten und Eindrücke zusammen, sagt letztlich aber eher wenig damit aus.

Das Gleichgewicht zwischen Poesie und Prosa, welches ich aus früheren Romanen kenne und lieben lernte, scheint sie in „Das Wasser unserer Träume“ verloren zu haben. Wer bei schöner Sprache ins Schwelgen kommt – eigentlich bin das ja ich, zumindest dachte ich das als ich diesen Roman zur Hand nahm – der hat in diesem Buch seine Bibel gefunden. Wen es nach einer Geschichte verlangt, die mehr ist als die Summe unzähliger schöner Sätze, für den hat Marica Bodrožić eine Durststrecke geschrieben. Zwei Drittel des Buchs vergehen bevor überhaupt etwas von dem ersichtlich wird, was um die Hauptfigur herum passiert. Die Schatten und Stimmen, die der komatöse Erzähler wahrnimmt verdichten sich zu Menschen mit Geschichten, Sehnsüchten und gegen Ende sogar einer familiären Verbindung.

An dieser Stelle bringt die Autorin erneut den Kirschholztisch ins Spiel und als treue Leserin meine ich Parallelen zu ihrem gleichnamigen Roman zu erkennen. Nachgeforscht habe ich diesen aber ehrlich gesagt nicht, habe mich stattdessen auf diesen Roman als Einzelphänomen konzentriert. Doch wer bereit ist die werkübergreifenden Puzzleteile zusammen zu setzen, der wird möglicherweise noch ganz andere Dimensionen innerhalb des Romanuniversums entdecken. Ich persönlich war nach 200 Seiten Sprachakrobatik verbunden mit dem einen oder anderen Gehirnkrampf – den ich fairerweise auf meine besondere Situation als M.E. Kranke zurückführe und der Autorin an dieser Stelle nicht anlasten möchte – einfach nur froh bis zum Ende der Geschichte durchgedrungen zu sein. Ein klein wenig enttäuscht war ich übrigens auch, aber nicht von „Das Wasser unserer Träume“ sondern davon, dass ich keinen Zugang fand zur neusten Schöpfung einer meiner Lieblingsautorinnen.

Insgesamt bleibt Marica Bodrožić sich und ihrer poetischen Erzählstimme, bekannt aus Romanen wie zum Beispiel „Kirschholz und alte Gefühle“, in „Das Wasser unserer Träume“ auf ganzer Linie treu. Leider verliert sie bei all dieser poetischen Fabulierlust ihre Leserin etwas aus den Augen. Wer sprachliche Schönheit über eine nachvollziehbare Handlung stellt und kein Problem damit hat ein paar hundert Seiten lang Wasser zu treten, sofern es denn ansprechend beschrieben ist, der wird sich zwischen den Seiten dieses Romans gut aufgehoben fühlen. Als Leserin, die gerne etwas mehr Geschichte und etwas weniger Sprachakrobatik gehabt hätte, bleibe ich mit vielen offenen Fragen zurück. Was zum Beispiel wird aus dem komatösen Erzähler nachdem er erwacht und wie endet seine Dreiecksbeziehung mit den Frauen am Kirschholztisch? Marica Bodrožić bleibt mir die Antwort schuldig und ich klappe das Buch etwas enttäuscht wieder zu.

Das Wasser unserer Träume – Marica Bodrožić – ISBN 978.3.630.87396.1

Für Leserinnen, die/denen…

  • …eine poetische Erzählstimme schätzen.
  • …eine aufregende Handlung nicht so wichtig ist.
  • …das Werk der Autorin geläufig ist.

Literarische Nachbarn…

514vyuNVBTL._SX327_BO1,204,203,200_41LRdHe3acL._SX309_BO1,204,203,200_51K1o4aSZIL._SX313_BO1,204,203,200_41BU9NuggxL._SX299_BO1,204,203,200_

(Neuauflage) Das Leiden des einen am anderen und aller an der Liebe…

Als ich dieses Buch auf der Webseite vom Ullstein Verlags sah, dachte ich mir – schon wieder ein neuer Haratischwili?! Zögerte dann aber nicht lange und bald schon zog „Juja“ via meines Briefkastens bei mir ein. Dann erst sah ich, dass es sich um das Debüt der Autorin handelt und im Grunde freue ich mich schon per Zufall ihren ersten Roman in Händen zu halten und so die literarische Entwicklung der Autorin chronologisch nachvollziehen zu können…

9783548287928_coverEine junge Frau ersteht in einem Pariser Antiquariat ein schmales Büchlein einer ihr unbekannten Autorin, »Die Eiszeit« von Jeanne Saré. Sie liest es in wenigen Stunden aus und fühlt sich danach um Jahre gealtert und auf verstörende Weise fundamental verändert. Wie sich herausstellt, ist sie nicht die Einzige, deren Leben nach der Lektüre ein anderes ist. Kurz nach seinem Erscheinen in den 70er Jahren hatte das Buch für Furore gesorgt, seine Autorin wurde zum Mythos: eine 17-jährige Selbstmörderin voller Hass und Sehnsucht, die die Veröffentlichung ihrer Texte nicht mehr erlebt hat. Die feministische Linke feiert sie als Märtyrerin, doch ein düsterer Sog scheint von den Worten Sarés auszugehen: 14 junge Frauen folgen der Autorin in den Freitod. Jahrzehnte später machen sich im Paris der Gegenwart ein paar Menschen auf, das düstere Geheimnis des Textes und seiner Wirkung zu ergründen.

In ihrem Debüt „Juja“ schreibt die junge Nino Haratischwili über das Schreiben, das Lesen und darüber was diese scheinbar harmlosen Tätigkeiten in einem Menschen auslösen können. Damit führt sie eine lange Tradition fort, von angehenden Schriftstellern, die sich, via ihres Erstlingswerkes, mit der Frage auseinandersetzen, warum sie eigentlich schreiben. Denn das Schreiben, ebenso wie das Lesen, ist, wie Nino Haratischwili in ihrem Roman unweigerlich feststellt, ein revolutionärer, wenn nicht sogar ein gefährlicher Akt. Dieser Gefahr erliegen zwischen den Seiten von „Juja“ vor allem die Figuren der Autorin, aber auch die Autorin selbst, die sich immer wieder in ihr eigenes Werk einspeist, und sogar zu mir der Leserin schwappt mit dem letzten Abschnitt eine Welle Gänsehaut herüber.

Zwischen den Seiten des Romans bewegt sich diese Leserin losgelöst von Zeit und Raum, springt vom 21. zurück in das 20. Jahrhundert, reist von Paris nach Amsterdam nach Sydney und wieder zurück. All das macht mich anfangs etwas atemlos. Auf den ersten 25 Seiten alleine verspinnt Haratischwili fünf Erzählstränge als wäre es nichts besonderes, und ich meinerseits stolpere über die Fäden verheddere mich und bereue kurz das Buch zur Hand genommen zu haben; denn das ist alles ein bisschen zu viel für mein entzündetes Gehirn. Doch dann lichtet sich der Nebel hinter meiner Stirn, die Knoten lösen sich und auf einmal passt alles irgendwie wieder zusammen. Trotz meines etwas konfusen, leicht überforderten ersten Eindrucks ist „Juja“ also ein überaus lesbares, da nicht halb so kompliziert wie zunächst angenommenes Buch. Einige Handlungsstränge munden mir dabei mehr als andere, das allerdings führe ich auf meine persönlichen Präferenzen zurück.

Dabei ist Nino Haratischwilis Debüt nicht perfekt, aber doch perfekt durchdacht. Das Ende führt diese Leserin via der Metaebene wieder an den Anfang der Geschichte und so setzt sich diese in meinem Kopf unaufhörlich fort. Aufgrund dieser Cleverness verzeihe ich der Autorin auch die überaus blumige Kleinmädchenprosa, die einige Teile des Romans verunstaltet; ironischer Weise betrifft das genau die Passagen, welche einen so infektiösen, lebensverändernden und -verunstaltenden Effekt auf ihre (fiktiven) Leser haben sollen. Ebenso schaue ich an dieser Stelle darüber hinweg, dass die inneren Monologe aller Figuren Haratischwilis irgendwie ähnlich klingen. Ob sie nun in Amsterdam leben oder in Sydney, ob sie Anfang des 20. Jahrhunderts geboren sind oder in der Nachkriegszeit, sie denken gleich, fluchen gleich, benutzen eine nahezu identische, zeitgenössische Sprache, die mir besonders in den Passagen von 1953 und 1968 unangenehm anachronistisch erscheint.

Als jemand der nicht nur liest, sondern auch selber Geschichten und Romane schreibt, bzw. schrieb (die ME hat mir leider eine Zwangspause verordnet), übt „Juja“ sowohl als Roman aber vor allem auch als Betrachtung der Wirkung von Literatur auf den Leser einen unerklärbaren Sog auf mich aus. Im Grunde ist mir der Aufbau des Romans etwas zu kompliziert und viel zu ambitioniert für einen Debütroman, dafür stilistisch irgendwie unausgegoren und erzählerisch unzureichend differenziert – auf den Folgeroman Haratischwilis „Mein sanfter Zwilling“ bin ich, was das angeht, schon überaus gespannt – doch ich kann einfach nicht davon lassen. Denn ich kenne dieses Gefühl der Verbindung durch Worte, die Zeit und Raum überbrückt, sowohl als diejenige, welche die Brücke baut, als auch als diejenige, welche sie überschreitet.

Insgesamt ist „Juja“ ein sehr ambitioniertes, thematisch aber durchaus nicht untypisches Debüt. Nino Haratischwili zeigt zwischen den Seiten großes literarisches Potenzial, hat allerdings noch einiges zu lernen was Figuren -, Schauplatzzeichnung und Erzählstimme angeht. Trotz kleiner Anfängerfehler und anfänglicher Verwirrung, es dauert ungefähr 50 Seiten bis man sich als Leserin in der Geschichte zurecht findet, habe ich meine Lektüre des Romans jedoch genossen, bzw. werde ich sie in guter Erinnerung behalten, und nicht nur das, sie machte mich, wie erwähnt, auch neugierig darauf, wie sich die Autorin wohl entwickeln mag. Der Vorteil einer Neuauflage gegenüber einer Neuerscheinung ist, dass ich dies im Folgenden direkt herausfinden werde können, hat Nino Haratischwili seit „Juja“ doch schon zwei weitere hoffentlich ebenso fesselnde Romane veröffentlicht.

Juja – Nino Haratischwili – ISBN 978.3.548.28792.8

Für Leserinnen, die…

  • …sich und ihr Leben schon einmal in einer Romanfigur wiederfanden.
  • …keine Angst vor der Metaebene haben.
  • …Anfängerfehler verzeihen.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Liebe ist wie Igel essen…

Anstatt an dieser Stelle lang und breit so zu tun, als wäre meine Entscheidung für dieses Buch als nächste Lektüre von langer Hand geplant gewesen, bin ich nun einfach mal ganz ehrlich mit mir selbst und mit Dir, liebe Leserin, und sage – es war eine reine Bauchentscheidung, das Cover gefiel mir und der Klappentext versprach junge deutsche Literatur, also griff ich zu. Ob sich diese Spontanität meinerseits gelohnt hat, erzähle ich Dir im Folgenden…

9783471351208_coverFür die Berufsfreundin Luzy sind Männer der Mittelpunkt ihrer Welt. Auch wenn es ihr gar nicht passt: Sie kann nicht alleine sein. Also, in einem Raum geht das schon, aber ohne einen Freund im Leben wird es schwierig. Bislang konnte Luzy sich immer retten. Wenn das Beziehungsende nahte, suchte sie sich rechtzeitig den Nächsten. Apollo, Peter, Jonas. Von einem zum anderen wie der Affe im Dschungel. Sie investiert all ihre Energie in den Erhalt der oft nicht einfachen Beziehungen mit Männern, die sich so flüchtig verhalten wie Edelgase. Aber plötzlich geht etwas schief, und Luzys Putzerfisch-Verhalten kann ihre Trennungsangst nicht mehr kaschieren. Sie flippt aus. Im Streit bricht sie Jonas den Arm und muss fortan 100 Meter Abstand zu ihm wahren. Mit Liebeskummer im Herzen und einem Entfernungsmesser in der Hand stellt sie fest, dass sich etwas ändern muss, denn von aufrichtiger Liebe versteht sie nichts.

Der Debütroman der jungen Regisseurin Laura Lackmann, die unter anderem Sarah Kuttners „Mängelexemplar“ verfilmt hat, „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ beginnt mit einem Geständnis der Hauptfigur. Lucy hat ihrem Freund Jonas, der jetzt wohl eher ihr Ex-Freund ist, den Arm gebrochen. Nicht mit roher Gewalt etwa, Lucy ist verhältnismäßig petite, aber geschubst hat sie ihn schon, mit voller Wucht in ein Expedit Regal von Ikea und das ist dann über ihm zusammen gebrochen, und nun darf sie sich ihrer Liebe von fünf Jahren per Gerichtsbeschluss nur noch auf 100 Meter nähern. Für die aufopfernde Lucy, die bisher jeden Freund zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht hat, ist dies mindestens so scherzhaft wie ein kalter Entzug, und ebenso schwer durchzuhalten.

Während die gegenwärtige Lucy, bewaffnet mit einem professionellen Entfernungsmesser, ihren Ex-Freund Jonas durch die Hauptstadt stalkt und versucht diesen trotz allem zurück zu gewinnen, erzählt Laura Lackmann parallel ebenfalls die Geschichte der vergangenen Lucy. Diese fängt mit einem Auslandsaufenthalt der Sandkastenfreundin an, den Lucy damit verbringt auf ihre Rückkehr zu harren, geht mit dem ersten Freund weiter, den Lucy sich aussucht um nicht die einzige in ihrer Klasse zu sein, die noch keinen Freund hat, und weil er eben gerade zufällig in ihrer Nähe war, und hört schließlich mit einer Anzeige wegen Körperverletzung durch ihren dritten Anlauf in Sachen Liebe namens Jonas auf. Gegen Ende treffen sich die vergangene und die gegenwärtige Lucy um eins zu werden auf der Suche nach einem Ersatz für Jonas. Wer von lesenswerter Lektüre erwartet, dass die Hauptfigur am Ende aus ihren Fehlern lernt, wird „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ irgendwann wohl entnervt zur Seite legen.

Ich meinerseits habe das nicht getan, denn Lucys Eskapaden sind dafür viel zu unterhaltsam, auch wenn ich die Hauptfigur ab und zu am liebsten zur Seite genommen hätte, um ihr ein bisschen ins Gewissen zu reden, und ihr eine Ausgabe der EMMA in die Hand zu drücken. Letztlich kommt mir ihre Geschichte aber doch irgendwie bekannt vor. Wer hat nicht schon einmal auf seine beste Freundin verzichten müssen, weil diese lieber mit ihrem Freund zusammen war…?! Wer war nicht schon einmal selbst diese unzuverlässige beste Freundin…?! Die Liebe verdreht uns Frauen den Kopf, und tut dies manchmal so gründlich, dass währenddessen alle eigenen Gedanken herauspurzeln, so dass frau sich ihn im schlimmsten Fall längerfristig nicht mehr alleine gerade rücken kann. Lucys Abhängigkeit von der Liebe und dem Zuspruch ihres jeweiligen Freundes, der sich ehrlich gesagt nicht besonders für sie zu interessieren scheint, ist mal komisch und dann wieder recht tragisch, aber ein Körnchen Wahrheit enthält sie schon.

Ohne allzu sehr zu psychologisieren deutet die Autorin im Laufe der Geschichte auch immer wieder Gründe für das Verhalten ihrer Hauptfigur an, eine überaus freizügige und nachsichtige Mutter zum Beispiel oder einen Vater mit akuter Todessehnsucht. Als Erklärung für eine derartige Selbstaufgabe ist mir das allerdings etwas zu Freud-isch. Dann wiederum handelt es sich bei „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ nicht um das Psychogramm einer post-feministischen Frauengeneration, sondern um eine humorvolle Auseinandersetzung damit, was in der Liebe so alles schiefgeht, wenn man sich selbst im anderen verliert. Hauptfigur Lucy hat nie gelernt sie selbst zu sein, verbrachte sie doch ihre Pubertät und junges Erwachsenenalter damit all das zu sein, was Apollo/Peter/Jonas in ihr sehen wollte. Das sorgt,wie gesagt, nicht nur für heitere Momente im Lesezimmer, sondern gibt der Leserin auch reichlich zu denken, nachdem das Buch wieder zugeklappt ist.

Insgesamt ist „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ ein unterhaltsamer, dabei aber nie platter, Roman für junge Leserinnen mit und ohne Liebeskummer. Die etwas lieblos mit WindowsPaint(?) erstellten und hoffnungslos verpixelten schwarz-weiß Zeichnungen, die in unregelmäßigen Abständen das Buch illustrieren, hätte sich der Verlag meiner Meinung nach ruhig sparen können. Doch trübt dies in keiner Weise die Lesefreude, oder unterbricht das wissende Nicken dieser Leserin, welche(s) sich bei der Lektüre von „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ unweigerlich einstellt. Insofern finde ich persönlich das Debüt von Laura Lackmann überaus gelungen, clever und mit einem Schuss Ironie, aber auch vielen unangenehmen, wenn auch ins Komische überzeichneten, Wahrheiten über junge Frauen und die (erste, zweite & dritte) Liebe, auch wenn diese sicher nicht bei jeder von uns in einer einstweiligen Verfügung endete… 😉

Die Punkte nach dem Schlussstrich – Laura Lackmann – ISBN 978.3.471.35120.8

Für Leserinnen, die…

  • …sich viel zu oft verbiegen, um geliebt zu werden.
  • …aus Liebeskummer schon mal so richtig ausgetickt sind.
  • …immer wieder die falschen Männer wählen.

Literarische Nachbarn…

414wfO9aTwL._SX307_BO1,204,203,200_51GUF634SbL._SX307_BO1,204,203,200_51RxJ5HGrvL._SX326_BO1,204,203,200_Download (12)

(#03/2016) Aller guten Bücher sind 3…!

Beim heutigen Trio dreht sich alles um die Familie; eine Familie für die man quer durch Europa reist und sein Leben riskiert, eine Familie, über die man auf seinem Weg in die weiten Amerikas stolpert, eine Familie, die einen immer wieder zurück an die Orte der Kindheit zieht, mit Erinnerungen und Bitten, so sehr man auch versucht auszubrechen und sich in den Straßen Berlins zu behaupten. Nicht alle dieser Familiengeschichten habe ich als literarische Glücksgriffe empfunden, letztlich liegt ihr eigentlicher Wert aber im Auge einer jeden, individuellen Leserin.

Für Familienmenschen…

51d4Mivd2lL._SX313_BO1,204,203,200_Das Limonenhaus von Stefanie Gerstenberger… Nach dem Tod ihres Bruders und seiner Frau will Lella deren Tochter Matilde zu sich nach Köln holen. Doch der sizilianische Clan ihrer Schwägerin verweigert ihr das Mädchen, denn eine alte Fehde steht zwischen den beiden Familien. Verzweifelt versucht Lella, die Hintergründe dieses Streits aufzudecken, immer in der Hoffnung, ihren Anspruch auf Matilde doch noch durchsetzen zu können. Im Limonenhaus, dem Haus ihrer Mutter, findet sie in einer alten Familienbibel einige lose Tagebuchseiten. Sie ahnt zunächst nicht, dass diese der Schlüssel sind zu jenem Ereignis, das seine dunklen Schatten bis in die Gegenwart wirft.

Lange schon hockte dieser Roman in meinem Bücherregal und wartete auf den richtigen Moment, selten beachtet doch nie vollkommen vergessen. Nach meiner Lektüre stellt sich nun heraus, dass es diesen richtigen Moment mit mir als Leserin und dem Limonenhaus nie geben wird. Denn die Lektüre des Romans gefiel mir nicht halb so gut, wie die Idee ihn zu lesen, all die Jahre zuvor. Eigentlich ist die Geschichte ganz süß, ab und zu sogar ein bisschen spannend, und hat alle Zutaten für einen guten Schmöker – Familie, Liebe und ein exotischer Schauplatz – doch wenn so wie hier alles zusammen serviert wird, dann schmeckt es mir irgendwie nicht. Die Handlung wirkt an den Haaren herbei gezogen, die Figuren allesamt vollkommen blutleer und die Liebesgeschichte wirkt auf mich einfach nur kitschig und albern.

Insofern ist nicht alles, was Weile hat, auch gleich ein gutes Ding – zumindest nicht in Kombination mit mir als Leserin. Meiner Mutter hat das Buch gefallen, meiner Tante auch – vielleicht liegt es ja an mir und meine Ansprüchen, daran dass ich eine klischeehafte Figur mit halbgaren Motivationen von einer solchen unterscheiden kann, der echtes Blut durch die papiernen Adern fließt; oder ich mag es einfach nicht, wenn es allzu rosig endet. Doch möchte ich an dieser Stelle nichts vorweg nehmen. Im Nachhinein hielt die Lektüre von „Das Limonenhaus“ nichts besonderes für mich bereit, war ein Wohlfühlmoment im grauen, ruppigen Alltag einer chronisch Kranken, die von sich glaubte ein bisschen Kitsch mache alles besser. Doch reicht es eben nicht aus, dass sich auf dem Papier alles zum Guten wendet – ein bisschen literarischer Anspruch muss einfach sein.

Am besten kombiniert mit…

51f5rpnA3sL._SX320_BO1,204,203,200_41bzG63CKHL._SX313_BO1,204,203,200_51gEcSOotgL._SX312_BO1,204,203,200_519t8qwrt-L._SX303_BO1,204,203,200_

Für Adoptivmütter…

51MYTC8674L._SX297_BO1,204,203,200_„Das Bohnenbaumglück“ von Barbara Kingsolver:The Bean Trees is the tale of rural Kentucky native Taylor Greer, who only wants to get away from her roots and avoid getting pregnant. She succeeds, but inherits a 3-year-old native-American little girl named Turtle along the way, and together, from Oklahoma to Tucson, Arizona, half-Cherokee Taylor and her charge search for a new life in the West. Taylor, out of money and seemingly out of options, settles in dusty Tucson and begins working at Jesus Is Lord Used Tires while trying to make a life for herself and Turtle.

Man merkt diesem Roman an, dass er Barbara Kingsolvers Debüt ist. Er hat im Grunde alles, was man auch in ihren weiteren Romanen findet – (romantisierte) Südstaatenatmosphäre, die Probleme der unteren Mittelklasse Amerikas, eine starke Frauenfigur, die kein Blatt vor den Mund nimmt – doch sind all diese Aspekte in „Das Bohnenbaumglück“ noch etwas unausgegoren. Die Autorin probiert sich aus, lernt ihr Handwerk vor Publikum – in diesem Fall ich. Das heißt natürlich nicht, dass dieses Buch nicht lesenswert ist, aber ein typischer Kingsolver ist es irgendwie (noch) nicht. Trotzdem wäre es ein Fehler anzunehmen „Das Bonenbaumglück“ eigne sich nicht zum Schmöker, nur weil es kürzer ist als Kingsolvers andere Romane.

Ich persönlich habe diesen Roman sehr genossen, mich mit den Figuren angefreundet und die kleine Adoptivtochter der Erzählerin ins Herz geschlossen. Und da stört es mich auch nicht so sehr, dass Kingsolvers Figuren, wie so oft, etwas klischeehaft sind und ihren Geschichten das Gewisse etwas fehlt, dass sie mit einem gewissen Tropfen Lebensblut füllt. Denn trotz einiger stilistischer Unzulänglichkeiten taucht man schon früh von Kopf bis Fuß in die Welt der Erzählerin ein und möchte diese am liebsten nie wieder verlassen; und dass obwohl es dort oft harscher zugeht als im Lesezimmer der geneigten Leserin. Was auch immer es ist – die Figuren, der Schauplatz – Barbara Kingsolvers Romane haben Charme, das gewisse Etwas, das ihr die Leserin von der ersten Seite an mit Haupt und Herz ausliefert, mich ebenso.

Am besten kombiniert mit…

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Für Heimatsuchende…

51xq4VAxw7L._SX305_BO1,204,203,200_Ich bin ein Rudel Wölfe von Julia Blesken… Sie macht sich auf in die Stadt, nach Berlin, aber sie ist nicht allein, sie hat ihre Kindheit bei sich, im Kopf, in den Erinnerungen, im flatternden Herzen. Es ist das Dorf, das sie nicht vergessen wird, niemals, die Straße, auf der sie mit der Mutter gehen musste, der Teich, an dem sie mit dem Vater saß, das Haus. Und es ist der Bruder, der engste Vertraute und Komplize ihrer frühen Jahre, mit dem sie den Sinn für Licht, Grün und Wolken teilte und mit dem sie einen Pakt geschlossen und den sie doch zurückgelassen hat.

Die Geschichte von Hauptfigur Re, ihrem Bruder Marc und ihrer Familie, der depressiven Mutter und des lustlosen, nach der Wende größtenteils arbeitslosen Vaters, erzählt Autorin Julia Blesken vor allem zwischen den Zeilen. Gleich zu Anfang bricht Re aus, warum sie das für nötig hält bleibt ebenso ungesagt wie der Rest ihres Namens. Etwas verstört lässt sie sich durch Berlin treiben und als Leserin frage ich mich, warum diese junge Frau einfach nichts gebacken kriegt, obwohl ihr seit dem Mauerfall doch die Welt offen steht. Dann jedoch wird sie von ihrem Bruder zurück ins Heimatdorf beordert und allmählich wird mir als Leserin klar, dass etwas faul ist, in dieser Familie. Zwischen Re und Marc stimmt etwas nicht, doch sind sie nur das Spiegelbild der kaputten Beziehung ihrer Eltern. Stück für Stück enthüllt die Autorin Res Geschichte, wird aber nie deutlich genug, um meine Fragen zu beantworten.

Stilistisch ist das Buch etwas gewöhnungsbedürftig, denn die Autorin springt zwischen zwei Perspektiven hin und her. Die Gegenwart beschreibt sie in der dritten Person und die Vergangenheit wird von Re selbst erzählt. Anfangs schwirrte mir ein bisschen der Kopf, denn der ständige Wechsel macht es einem schwer sich in der Geschichte zurecht zu finden. Sobald ich mich daran gewöhnt hatte wurde es mir jedoch zur zweiten Natur hin und her zu springen, auch wenn ein kleines Fitzelchen Restverwirrung zurück blieb. Insgesamt ist „Ich bin ein Rudel Wölfe“ also vor allem etwas für Leserinnen, die sich die Geschichte eines Romans erarbeiten wollen. Denn Julia Blesken schenkt ihrer Leserin nichts und lässt sie – in diesem Fall mich – mit einem Gefühl zurück nicht wirklich zu wissen, was man über die Figuren und die Handlung zu wissen glaubt.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Ich glaub, ich gehöre nur mir ganz alleine…

Welche Leserin kann schon einem so sonnengelben Cover widerstehen, besonders in der nass-kalten Jahreszeit; ich jedenfalls nicht. Und so griff ich umgehend zu, als ich es auf der Webseite des Ullstein, bzw. List Verlages sah. Den Klappentext habe ich vor lauter Leselust nur überflogen – das wird mir in Zukunft eine Lehre sein…

9783471351185_cover-1Hilly, Mitte vierzig, hervorragendes Bindegewebe, bestens verheiratet, zwei Kinder und gut im Job, ist genau da, wo sie nie hinwollte: in der Wohlstandsfalle. Umgeben von Menschen, die sie nie kennenlernen wollte, und Dingen, die sie nicht braucht. Die zufällige Begegnung mit einer Freundin und Kampfgefährtin aus vergangenen Hausbesetzertagen ist für Hilly das Zeichen zum Ausbruch. Zurück zu den alten Idealen. Dabei verliebt sie sich nicht nur in einen anderen Mann, sondern auch in eine aufregende Frau. Aber was, wenn alles ein Irrtum war und sie im neuen alten Leben auch eine Fehlbesetzung ist?

Soluna Bach, die ihren Debütroman „Hühner und Handtaschen“ vor vier Jahren noch im Alleingang veröffentlicht hat, schafft mit „Herzkammeranarchie“ den Sprung zu einem großen Publikumsverlag. Ihre Geschichte um eine Mittvierzigerin, die sich in der Lebenskrise befindet, ihren Job, ihre Ehe und letztlich sogar ihre sexuelle Orientierung in Frage stellt, lässt auf viele lustige, freche und verrückte Momente hoffen. Die Autorin schaut Hilly, eigentlich Brunhild, bei ihren diversen Eskapaden über die Schulter und lässt die Leserin auch immer wieder an den Gedanken der unumstrittenen Hauptfigur teilhaben. Doch nicht nur die dauergestresste Midliferin Hilly (und ihre diversen Verehrer) sondern auch der Schauplatz des Romans, die Hansestadt Hamburg, stellt eine feste Größe innerhalb der Geschichte dar.

Das klingt zunächst einmal sehr amüsant, dachte ich mir als ich diesen Roman zur Hand nahm. Nach ausgiebiger Lektüre bin ich jedoch der Meinung, dass man gut zwei Drittel des Textes hätte wegredigieren können. Frau Bach hatte eine großzügige Lektorin, scheint es mir, die ihr einiges an überflüssigen Passagen hat durchgehen lassen. Das Ergebnis geht leider zu Lasten dieser Leserin, die sich beispielsweise durch ein Kapitel quälen muss, in dem Hauptfigur Hilly eine neue Küche in Auftrag gibt. Amüsant ist dieser Abschnitt schon, besonders dann wenn man sich selbst schon mal mit einem Küchenfachverkäufer hat auseinandersetzen müssen, nur hat dieser Abschnitt für die Handlung im folgenden keinerlei Bedeutung. Ich persönlich frage mich an dieser, wie auch an (viel zu) vielen anderen Stellen des Buchs – warum lese ich das hier eigentlich gerade? Wer wie ich nur ungern Passagen überfliegt, den wird die Lektüre von „Herzkammeranarchie“ oft einfach nur frustrieren.

Die zweite Schwäche dieses Romans ist seine Figurenzeichnung, wobei dies gleichzeitig auch als Stärke ausgelegt werden könnte, denn die Frauenrunde mit der Hilly sich anfreundet hat ordentlich Biss und ihre diversen Eskapaden sind überaus lustig geschrieben. Trotzdem sind die meisten Figuren hoffnungslose Klischees, die scheinbar nur dazu dienen die Hauptfigur zu exponieren, um danach wieder in ihrer Schublade zu verschwinden. Da wäre zum Beispiel die burschikose Lesbe Dorothea, mit der Hilly eine wilde Nacht verbringt, ein Bauarbeiter im Frauenkörper, dessen einzige Dialoganteile scheinbar darin bestehen sexistische Anzüglichkeiten vom Stapel zu lassen und die Hauptfigur sexuell zu belästigen. Das ist nicht nur für mich als Leserin frustrierend, sondern auch eine sehr oberflächliche und durchaus herabwürdigende Darstellung lesbischer Frauen. Der Trend zur Oberflächlichkeit setzt sich fort, zum Beispiel mit Hillys (von Beruf) Sohn, ihrem indischen Ehemann, der ständig deutsche Metaphern verhunzt und dem Gelegenheitslover, der zwar eine schillernde Backstory hat, als Figur jedoch so interessant ist, wie eine weiße Wand.

Soluna Bach zeigt in „Herzkammeranarchie“ eine Neigung zur Objektifizierung ihrer Figuren, die selbst vor Hauptfigur Hilly nicht Halt macht. In der Szene, die den Roman einleitet steht diese nackt vor dem Spiegel und kaut ihre diversen Vorzüge durch, nur die Brüste sind ihr viel zu groß, und ihre Minderwertigkeitskomplexe werden im folgenden zu einem gewollt charmanten Tick umfunktioniert, und bei jeder Gelegenheit erwähnt, um die Hauptfigur zu vermenschlichen. Diese Leserin kann irgendwann nur noch mit den Augen rollen und sich möglichst schnell bis zum Ende vorkämpfen, vorbei an überflüssigen Szenen, klischeehaften Figuren, und einer nicht enden wollenden Flut bissiger Kommentare der Hauptfigur, die aber leider allesamt ungesagt bleiben und mich als Leserin nur mäßig unterhalten. Denn so sehr Soluna Bach sich auch bemüht, sich bemüht witzig und frech zu sein, ich stehe auch gegen Ende des Romans nicht auf der Seite der Hauptfigur. Vielleicht gehöre ich nicht zur Zielgruppe, vielleicht haben die stilistischen Fehler den Roman für mich entzaubert…

…eines ist klar, das Ende kann für mich nicht schnell genug kommen. Denn „Herzkammeranarchie“ ist nicht mein Buch, war es nie und werde es wohl nie sein. Ich kann mir die Leserin, die dieses Buch genießt gut vorstellen, denn es gibt sie. Dieser Roman wurde geschrieben für LeserINNEN, die es gerne eingängig und auch in ernsten Situationen humorvoll haben möchten. Leserinnen, die sich ein versöhnliches Ende wünschen, auch wenn das bei mir existentielle Fragen im Stil von – warum habe ich dieses Buch eigentlich gelesen; viel Zeit bleibt mir nicht mehr und ich verwende sie auf eine Lektüre, die mir keinen Spaß macht. Aber ich bin eben ein spezieller Fall, bin eine die keine Lust hat auf überflüssige Szenen, auch wenn diese witzig sind, eine die noch nie ihr Spiegelbild von unten bis oben kritisiert hat, eine für die eine Anmache á la Dorothea sexuelle Belästigung ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Buch seine perfekte Leserin finden wird – ich bin es nicht und kann es daher an dieser Stelle auch nicht empfehlen.

Herzkammeranarchie – Soluna Bach – ISBN 978.3.471.35118.5

Für Leserinnen, die…

  • …sich in den mittleren Jahren noch einmal neu erfinden.
  • …spaßeshalber ab und zu zum anderen Ufer hinüber schwimmen.
  • …kein Problem damit haben ab und zu Passagen zu überfliegen.

Literarische Nachbaren…

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(Neuerscheinung) Von Marathonmännern, bekifften Aliens und einer Ewigkeitsmaschine…

Terézia Moras „Ungeheuer“ hat mich Anfang des Jahres schwer beeindruckt. Daher zögerte ich nicht lange, als ich von ihrer neuen Veröffentlichung erfuhr und schon bald hatte ich das Buch im Briefkasten. Kurzgeschichtenbände sind ja bekanntlich die Stiefkinder der Literaturindustrie, aber im (virtuellen) Regal der Bücherphilosophin sind sie trotzdem immer willkommen…

Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora
Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora

Ein Ausflug ans Meer soll ein junges Paar zusammenführen. Ein Nachtportier fühlt sich heimlich zu seiner Halbschwester hingezogen. Eine Unidozentin flieht vor einer gescheiterten Beziehung und vor der Auseinandersetzung mit sich selbst. Ein japanischer Professor verliebt sich in eine Göttin. Kunstvoll erzählt Terézia Mora in »Die Liebe unter Aliens« von Menschen, die sich verlieren, aber nicht aufgeben, die verloren sind, aber weiter hoffen. Wir begegnen Frauen und Männern, die sich merkwürdig fremd sind und zueinander finden wollen. Einzelgängern, die sich ihre wahren Gefühle nicht eingestehen. Träumern, die sich ihren Idealismus auf eigensinnige Weise bewahren. Mit präziser Nüchternheit spürt Mora in diesen zehn Erzählungen Empfindungen nach, für die es keinen Auslass zu geben scheint, und erforscht die bisweilen tragikomische Sehnsucht nach Freundschaft, Liebe und Glück.

In ihrer neusten Veröffentlichung „Die Liebe unter Aliens“ zeigt Terézia Mora gleich zehn Mal, was sie als Schriftstellerin so kann. Vom Ton her erinnern mich die Geschichten allesamt ein wenig an „Das Ungeheuer“; nicht direkt pessimistisch aber zumindest der tristeren Seite der menschlichen Existenz zugewandt. Laut Klappentext geht es hier um Einsamkeit und Sehnsucht, und das kann ich persönlich so unterschreiben. Terézia Moras Figuren fehlt irgendwas; manchmal ist dieses etwas klar zu benennen, dann wiederum geht es um schwer greifbare Dinge, um innere Zustände, denen sich die Figuren selbst oft nicht ganz bewusst sind. Über Zeit und Raum erhaben kämpfen sie sich durch ihren Alltag, durchqueren sie die Straßen einer namenlosen Stadt, diese Leserin immer an ihrer Seite, die Ohren gespitzt, während mir Autorin Terézia Mora über die Schulter schaut und die Geheimnisse der Figuren zuflüstert.

Mein persönliches Highlight leitet diese Sammlung gleich ein, und bleibt bis zum Ende unerreicht, auch wenn die Konkurrenz ihm hart auf den Fersen ist. Es ist „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“ eine Geschichte über einen Mann mittleren Alters, der auf offener Straße von einem jungen Migranten beklaut wird und diesen anschließend durch die Straßen der Stadt verfolgt. Während die Häuser und Viertel an den beiden vorbei ziehen enthüllt sich die Geschichte des „Marathonmannes“ und gibt die Sicht auf eine im Grunde einsame, oder zumindest sehr eigenbrötlerische, Existenz frei. Danach kommt gleich die Titelgeschichte in der diese Leserin einem verliebten Paar Teenager ans Meer begleitet. In „Perpetuum mobile“ erinnert sich die Hauptfigur an seinen besten Freund aus Kindertagen. „Ella Lamb in Mullingar“ thematisiert die innere Zerrissenheit einer arbeitenden Mutter.

Jede einzelne dieser Geschichten, und der weiteren sechs, die ihnen folgen, umkreist die Isolation ihrer Figuren, ob es sich nun um körperliche oder emotionale Isolation handelt, mit Worten, spricht diese aber nie direkt an. Terézia Moras Figuren sehnen sich nacheinander, so wie das Geschwisterpaar aus „Verliefen sich im Wald“ das sich um die übrige Familie nicht zu verprellen nur zweimal im Jahr und zudem heimlich treffen kann. Oder die schwarz arbeitende Putzfrau aus „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“ die fiebernd vor Sehnsucht auf ihren Lebensgefährten wartet, der fernab von zuhause seinen künstlerischen Ambitionen freien Lauf lässt. Ihre Figuren sind heimatlos, ziellos, auf der Suche nach alten und neuen Freunden, wie zum Beispiel die junge Studentin aus „á la recherche“ die zwanghaft durch die Straßen Londons wandert oder der pensionierte Japanologieprofessor, der im Ort seiner Kindheit zum Tempel der titelgebenden „Göttin der Barmherzigkeit“ pilgert.

Wie das bei Kurzgeschichten oft der Fall ist, spielt sich vieles zwischen den Zeilen ab. Hier enthüllen sich die Geheimnisse der Figuren, deren innere Welten, Kämpfe und Hoffnungen. (Die Melancholie dieser Erzählungen tropft quasi von den Seiten und macht mir als Leserin das Herz zumal sehr schwer.) Terézia Mora verzichtet dabei auf jegliche Effekthascherei und lässt ihren Geschichten Raum sich in ihrem eigenen Tempo zu entfalten, ohne sie handlungstechnisch in die eine oder andere Richtung, bzw. auf ein vorkonzipiertes Ende, zu zu treiben. Manchmal führt das dazu, dass nicht viel passiert und der jeweiligen Geschichte das gewisse Etwas fehlt. Selten sind die Geschichten in „Die Liebe unter Aliens“ so originell wie „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“. Doch war ich vor der Lektüre durchaus darauf gefasst; Kurzgeschichtenbände sind wie Pralinenschachteln, jeder Griff zum Buch birgt eine Überraschung und manchmal mag man als Leserin was man kriegt, beim nächsten Mal wiederum eher weniger und anschließend ist man wiederum positiv überrascht.

Insgesamt ist „Die Liebe unter Aliens“ ein überaus lesenswertes Buch, das, wie sollte es bei der Gewinnerin des deutschen Buchpreises 2013 Terézia Mora auch anders sein, beeindruckend aber dabei nie selbstüberhöhend geschrieben ist. Terézia Mora verzichtet darauf sich auf den Seiten ihres Buchs zu profilieren und wie viele ihrer Kollegen mit stilistischen Sperenzchen zu protzen. Sie liefert stattdessen zehn Geschichten ab, die fast ein bisschen zu „understated“ daher kommen. Sie setzt sich mit Gefühlen auseinander, die nur die wenigsten von uns sich offen eingestehen wollen, schreibt über Sehnsucht, Trennungsängste und Einsamkeit. Damit trifft sie diese Leserin dort, wo es am schmerzhaftesten ist, doch genau deshalb möchte ich Dir „Die Liebe unter Aliens“ an dieser Stelle auch wärmstens empfehlen.

Die Liebe unter Aliens – Terézia Mora – ISBN 978.3.630.87319.0

Für Leserinnen, die…

  • …von ihrer Lektüre gefordert werden wollen.
  • …die Geschichte zwischen den Zeilen erspähen.
  • …lieber ihren Zeh ins Wasser halten, bevor sie einen Kopfsprung wagen.

Literarische Nachbarn…

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