Archiv der Kategorie: Europäische Autorinnen

(Feminismen) Gegen die Objektifizierung von Mädchen durch die Medien…

Dieses Buch erreichte mich als persönliche Empfehlung im Fahrwasser von Natasha Walters „Living Dolls“. Eine Fortführung des Themas, dachte ich und irrte mich im Nachhinein zwar ein bisschen, griff damals aber beherzt zu, als Teil eines eBook Kaufrausches, der noch viele weitere Sachbücher in meinen Kindle speiste, die es allerdings noch zu lesen gilt…

41ydnyk7itl-_sx321_bo1204203200_In The Lolita Effect, university professor and journalist M G Durham offers new insight into media myths and spectacles of sexuality. Using examples from popular TV shows, fashion and beauty magazines, movies and websites, Durham shows for the first time all the ways in which sexuality is rigidly and restrictively defied in media – often in ways detrimental to girls‘ healthy development. Durham provides us with the tools to navigate this media world effectively without censorship or moralising, and then to help our girls to do so in strong and empowering ways.

Was ich erwartet hatte, als ich „The Lolita Effect“ zur Hand nahm, war eine feministische Abhandlung der Sexualisierung junger Mädchen, oft noch Kinder, durch das kapitalistische System. Was ich letztlich in Händen hielt war eher ein Ratgeber für Eltern von Mädchen jeden Alters, die es zu beschützen gilt, davor zu früh erwachsen zu werden. Jedes Kapitel besteht insofern aus einem Essay über die teuflischen Praktiken der Maketingmaschine, besonders in englischsprachigen Ländern, die unsere Töchter wahlweise zu kleinen Prinzessinnen oder möchte-gern Stripperinnen macht, unterfüttert mit reichlich Beispielen aus dem Spielwarenladen und einschlägigen Konsumtempeln. Was danach kommt sind praktische Tipps für Eltern und Erzieher, wie man junge Mädchen am effektivsten gegen die destruktiven Einflüssen von Bratz Dolls und Co. immunisieren kann.

Als kinderlose Frau habe ich an dieser Stelle, um ehrlich zu sein, eher über die erziehungswissenschaftlichen Passagen des Buchs hinweg gelesen. Die einleitenden Essays, welche das Problem an sich beschreiben sind jedoch höchst interessant, und das nicht nur für konsumkritische Mütter. „The Lolita Effect“ gibt dort praktische Tipps, wo Bücher wie zum Beispiel „Living Dolls“ das Problem lediglich beschreiben, es ihren Leserinnen dann aber selbst überlassen gegenzusteuern. Viele bestürzte Mütter und Väter (sofern diese emanzipiert genug sind Natasha Walters Buch zu lesen 😉 ) dürften jedoch nicht wissen, wie sie als scheinbar machtlose Endverbraucher gegen Konzerne ankommen, die String-Tangas an Mädchen im Kindergartenalter zu vermarkten versuchen. M.G. Durham greift diesen Leserinnen mit ihrem Buch etwas unter die Arme, indem sie ihnen zeigt wie man sich gegen diese besorgniserregende Entwicklung wehren kann.

Doch „The Lolita Effect“ will nicht nur Eltern befähigen sich gegen destruktive Trends in den Medien zur Wehr zu setzen, sondern hofft über diese auch deren Kinder zu erreichen – vor allem natürlich die Mädchen, schließlich wird diese Schlammschlacht der Medien auf deren Rücken und mit ihren Körpern ausgetragen. Meiner Meinung nach könnten allerdings auch Jungen gut daran tun sich mit Hilfe erzieherischer Anleitung zu vergegenwärtigen, dass die Mädchen und Frauen in den Medien nicht der Wirklichkeit entsprechen. Denn meiner Meinung nach wird die Wirkung der Prinzessin vs. Lolita Dichotomie auf das spätere Frauenbild von Jungen, die unweigerlich zu Männern heranwachsen, die sich in der Regel mit Klauen und Zähnen gegen die Reformation vorgefertigter Geschlechter-Stereotypen wehren, oft nach wie vor drastisch unterschätzt, bzw. weitläufig herunter gespielt. Diesen überaus wichtigen Ansatz der Medienaufklärung versäumt „The Lolita Effect“ jedoch leider.

Insgesamt erfüllt „The Lolita Effect“ seine eigenen Ansprüche, nämlich das Problem der Sexualisierung von Mädchen in seinen vielen Facetten anzusprechen und Eltern Strategien anzubieten, um den destruktiven Effekt dieser frühen Sexualisierung abzumildern. Was das Buch nicht tut ist das Problem an sich zu bekämpfen, indem es Eltern zum Beispiel dazu anhält Kindern beider Geschlechter einen gesunden Umgang mit Medien zu vermitteln. Insofern dient es als gut gemeinter Ansatz, geht meines Erachtens aber nicht weit genug in Richtung einer Lösung, die zukünftige Generationen von Mädchen (und Jungen) vor sexistischer Indoktrinierung durch die Medien schützen könnte. Ich würde trotzdem nicht so weit gehen, Eltern von diesem Buch abzuraten, da ein Tropfen auf den heißen Stein zwar schnell verdampft – wenn wir alle jedoch unsere individuellen Tropfen auf eben diesen heißen Stein fallen lassen, werden wir es am Ende vielleicht doch schaffen ihn etwas abzukühlen.

The Lolita Effect – M.G. Durham – ISBN 978.1.590.20063.6

Für Leserinnen, die…

  • …ihren Töchtern Zeit geben wollen im eigenen Tempo erwachsen zu werden.
  • …nicht tatenlos zusehen wollen, während String Tangas für Kindergartenkinder verkauft werden.
  • …sich von der Indoktrinierung (junger Mädchen) durch die Medien emanzipieren wollen.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Verloren im weiten Raum der Zeit, in dem alle Zeiten eins werden…

„Der weite Raum der Zeit“ war in meinem eigenen Zimmer lange ein Regalhüter, und das obwohl ich das Buch zur Zeit seiner Veröffentlichung unbedingt haben musste. Kaum trudelte es bei mir ein waren andere Dinge, andere Bücher vielleicht, wichtiger und wie im Flug ist über ein Jahr vergangen und ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau warum ich das Buch einmal hatte lesen wollen. Doch vertraute ich dieses Mal einfach der Erinnerung an meine einstige Euphorie und setzte endlich eine Lektüre in die Tat um, die ich vor langer Zeit kaum erwarten konnte…

41+Ai1+2JFL._SX311_BO1,204,203,200_Der Londoner Investmentbanker Leo verdächtigt seine schwangere Frau MiMi, ihn mit seinem Jugendfreund Xeno zu betrügen. In rasender Eifersucht und blind gegenüber allen gegenteiligen Beweisen verstößt er MiMi und seine neugeborene Tochter Perdita. Durch einen glücklichen Zufall findet der Barpianist Shep das Baby und nimmt es mit nach Hause. Jahre später verliebt sich das Mädchen in einen jungen Mann – Xenos einzigen Sohn. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und alte Wunden zu heilen, damit der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen wird.

Von Theaterschaffenden wird es oft als „Problemstück“ bezeichnet, Shakespeares „Wintermärchen“, das die Grundlage für „Der weite Raum der Zeit“ lieferte. Doch für Autorin Jeanette Winterson ist es Identifikationspunkt und Inspirationsquelle zugleich. Auch mich kann sie so von der Allgemeingültigkeit des Textes überzeugen, den ihre Übersetzung in die heutige Zeit noch zusätzlich sichtbar macht. Aus König Leontes wird Leo, der ehrgeizige Geschäftsmann, aus seinem Jugendfreund Polixenes wird Xeno, ein Computerspieleentwickler, und seine Frau Hermione wird zur Chansonsängerin MiMi; nur Perdita, die Verlorene, darf ihren Namen behalten, ist er doch so schön doppeldeutig. Auch die Schauplätze des Stücks erfahren bei Jeanette Winterson eine Modernisierung nach US-amerikanischem Vorbild. So wird aus Sizilien Little Sicily, ein Londoner Stadtteil, wo Leo und seine Firma Sicilia ansässig sind und Böhmen wird kurzerhand in New Bohemia umbenannt und in den Vereinigten Staaten verortet.

Das Buch selbst beginnt mit einem kurzen Abriss des Originals, was sich bei Berühmtheiten wie zum Beispiel „Romeo & Julia“ oder „Hamlet“ erübrigen mag, war für mich als Leserin eigentlich ganz hilfreich und daher äußerst willkommen; denn das Wintermärchen gehört schließlich nicht unbedingt zum Abiturwissen, auch nicht für Schüler mit Englisch Leistungskurs. Kurz überflogen vor der Lektüre des eigentlichen Romans, weckte die Zusammenfassung bei mir doch auch Lust auf das Original, und so nahm ich mir als Rezensentin die Freiheit und gönnte mir im Vorfeld meiner Besprechung eine Theaterproduktion via Youtube. Diese machte mich zusätzlich auf Parallelen und Unterschiede zwischen Original und Modernisierung aufmerksam; eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte und die stellenweise sicherlich in meine Rezension einfließen wird, ohne jedoch meine Sicht auf den vorliegenden Roman zu verfälschen. Denn dieser soll hier schließlich die erste Geige spielen.

Und so will ich an dieser Stelle auch keine weiteren Worte an die Einleitung verlieren, sondern gleich in die Lektüre einsteigen. Diese ist jedoch nicht ganz so willfährig, wie ich mir das als Leserin erhofft hatte, zunächst sperrt sie sich meinen Avancen gegenüber, ziert sich und lässt mich kämpfen. Dieses hin und her erinnert mich an MiMi und Leo deren Werben über ein Jahr dauert; und so ist auch diese Lektüre hier mein zweiter Anlauf, nach fast einem Jahr Pause, nur dass ich anders als Leo selbst den Weg zu meiner Geliebten auf mich genommen habe, so steinig er anfangs auch gewesen sein mag, und nicht etwa meinen besten Freund Xeno vorgeschickt habe, um das Buch an meiner Stelle zu lesen. Diese Schüchternheit Leos setzt den Grundstein einer Dreiecksgeschichte, die alle Figuren, allen voran seine geliebte MiMi ins Unglück stürzen wird – insofern bin ich ganz glücklich mit meiner Entscheidung die Herausforderung anzunehmen dieses zunächst etwas störrische Buch höchstselbst zu zähmen.

Ich beziehe mich im vorangegangenen darauf, dass „Der weite Raum der Zeit“ mit einem Prolog beginnt, der sobald ich mich eingelesen habe nichts mehr zur Handlung beiträgt. Ein harter Schnitt und Jeanette Winterson erzählt die Geschichte von Anfang an. Ich als Leserin bin etwas verwirrt und weiß kurz nicht wo ich mich befinde und wessen Geschichte ich da eigentlich lese – dies ist übrigens der Punkt über den ich in der ersten Lektüre des Buchs nie so wirklich hinaus gekommen bin, was ich im Nachhinein bereue. Denn mein Durchhaltevermögen im zweiten Anlauf zahlt sich aus, und schon bald fühle ich mich wie zu Hause in der bewegten Jugend von Leo und Xeno. Diese ausführliche Hintergrundgeschichte, welche die komplizierte Beziehung, vermint durch zahlreiche Altlasten und unausgesprochene Vorwürfe, zwischen den beiden Männern erklärt, bleibt Shakespeares Stück seiner Leserin schuldig. Die kreative Freiheit der Neuinterpretation jedoch gibt den Figuren eine Mehrdimensionalität, die zwar höchst spekulativ ist, die ich aber trotz allem nicht missen möchte.

Jeanette Winterson geht in diesem Teil der Geschichte sehr offen mit der jugendlichen Experimentierfreude und latenten Homosexualität ihrer Hauptfiguren um, verschweigt den Gewissenskonflikt mit dem das Anderssein in diesem Alter unweigerlich einhergeht jedoch nicht. Die rasende Eifersucht von König Leontes geschieht in „Der weite Raum der Zeit“ also nicht aus dem Blauen heraus, sondern begründet sich in seiner Verbundenheit den angeblich Liebenden gegenüber, wobei nicht nur seine Sekretärin Paulina sich offen fragt auf wen Leo eigentlich eifersüchtig ist, seinen Jugendfreund Xeno oder vielleicht doch die eigene Frau, die sich mit völliger Selbstverständlichkeit etwas zu nehmen scheint, das Leo schon seit Jugendjahren begehrt und sich doch zu leben, bzw. zu lieben verweigert. Diesen Aspekt findet man so nicht in Shakespeares Wintermärchen, allerdings hatte ich bei meiner Lektüre das Gefühl, die Beziehung zwischen Leo und Xeno erkläre das, was im folgenden Teil der Geschichte passieren wird, vor allem den überzogenen Grad von Leos Reaktion auf die scheinbare Affäre, zumindest ansatzweise.

So kreativ Jeanette Winterson auch mit dem Original umgeht, setzt ihr die Handlung des Shakespeare-Stücks doch Grenzen. Viele Szenen wirken willkürlich oder für die Entwicklung von Handlung und Figuren ein bisschen unnötig, und brechen völlig uneingeleitet auf diese Leserin ein; Figuren handeln scheinbar kopflos und in einer Weise, die für mich oft schwer, wenn nicht sogar gar nicht, nachvollziehbar ist. Das treffendste Beispiel ist hier wohl das oben erwähnte. Leos Raserei gegenüber einer Affäre, für die es trotz versteckter Kamera im ehelichen Schlafzimmer keinerlei Beweise gibt, sprengt jeden nachvollziehbaren Rahmen. Blind vor Wut beginnt er eine Gewaltorgie, die im herzlosen Wegschaffen – denn etwas anderes ist es nicht – der neugeborenen Perdita gipfelt. Eine Szene wie aus einer Boulevardzeitung – eifersüchtiger Ehemann kidnappt Sohn und Tochter. (Das kann ja nur in Tränen enden.)

Für Perdita geht die Geschichte dann aber doch ganz gut aus, scheint sie in Shep (dem Schäfer) und seinem erwachsenen Sohn Clo (Clown) doch eine Familie gefunden zu haben, der egal ist, welche Gene sie nun genau in sich trägt – so viel scheint schon im Prolog fest zu stehen. Als Leserin darf ich im zweiten Teil also aufatmen, darf mich nach all dem Drama, das so sicher auch Teil einer mexikanischen Seifenoper hätte sein können, etwas erholen. Gleichzeitig muss ich mich jedoch gedanklich an eine komplett neue Besetzung, samt Schauplatzwechsel und Zeitsprung, gewöhnen und das fühlt sich so an als zwinge mich die Autorin mich noch einmal einzulesen, und das nervt mich an diesem Punkt in der Lektüre gewaltig, hatte ich mich doch endlich in Little Sicily eingelebt. Lange dauert es jedoch nicht, bis ich mich in Sheps Bar wie zu Hause fühle und gespannt verfolge, wie sich die Geschichte entwickelt, Sheps Geburtstag gefeiert wird und Perdita quasi zufällig über ihre Geburtsfamilie stolpert.

Neben dem hochdramatischen Anfang der Geschichte verblasst die Wurzelsuche der Scheingeschwister Perdita und Zel fast ein bisschen. Als Leserin möchte ich zwar wissen, wie alles endet, ob ebenso tragisch wie es begonnen hat oder vielleicht doch versöhnlich. Shakespeare seinerseits hat mich zwar schon etwas gespoilert, jedoch weist der Roman genug Unterschiede zum Stück auf, dass ich mir als Leserin einreden kann, nicht genau zu wissen, was noch kommt. Den Anfang der Geschichte noch in unangenehmer Erinnerung traue ich Leo alles zu, selbst einen Doppelmord. Was im weiteren geschieht werde ich hier nicht erzählen; denn vielleicht möchtest du „Der weite Raum der Zeit“ ja ebenfalls lesen und es selbst herausfinden. Nur so viel sei an dieser Stelle gesagt, jede Figur bekommt ein Happy End, so weit hergeholt es auch sein mag – Shakespeare eben; wenn sich die (Königs)Familie am Ende nicht niedermetzeln, dann wird halt geheiratet.

Kann man Shakespeare modernisieren? Jeanette Winterson hat mich überzeugt – ja, man, bzw. frau kann! Ob frau dies auch tun sollte, diese Frage stelle ich mir im Anschluss an die Lektüre. Hin und her überlege ich, und meine spontane Reaktion, nachzulesen in den Anfangsparagrafen dieser Besprechung gibt mir die Antwort. Denn wenn „Der weite Raum der Zeit“ bei mir eine spontane Lust, bzw. eine Neugier auf das Shakespear’sche „Wintermärchen“ weckt, dann unterstelle ich dem Text einfach mal das Potenzial eine neue Lesergeneration für dieses eher weniger bekannte Stück des Barden zu begeistern. Ich tippe sogar darauf, dass dies der eigentliche Grund hinter der vom Hogarth Verlag angeleierten Modernisierungsreihe ist, bei der übrigens auch die diesjährige Trägerin des „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ Margaret Atwood mitgemacht hat; vielleicht bin ich da aber auch etwas zu idealistisch. Das letzte Wort, ein kleiner Stimmungsdämpfer, möchte ich daher der Autorin selbst überlassen…

„Das viele Nichts ist nichts. Und der Himmel ist nichts, die Erde ist nichts, ich bin nichts, Liebe ist nichts, Verlust ist nichts.“

Der weite Raum der Zeit – Jeanette Winterson – ISBN 978.3.813.50673.0

Für Leserinnen, die…

  • …sich zumindest ansatzweise mit dem Werk William Shakespeares auskennen.
  • …dramatische Wendungen über Figurenzeichnung stellen.
  • …ein dickes Fell haben; denn bei Shakespeare geht es wüst zu.

Literarische Nachbarinnen…

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Virginie Despentes: Ein „enfant terrible“ wird erwachsen…

Auf der Frankfurter Buchmesse sind dieses Jahr die Franzosen zu Gast und zu meiner großen Freude sorgen vor allem die Bücher einer handvoll Französinnen schon im Vorfeld für reichlich Furore, darunter auch das kürzlich von mir besprochene „Dann schlaf auch du“ der Autorin Leila Slimani. Was meiner Freude einen kleinen aber entscheidenden Dämpfer verpasst, ist dass ich dieses Jahr schon wieder oder viel mehr immer noch nicht mit dabei sein kann, und dabei verbindet mich doch seit meiner Jugend eine skandalträchtige literarische Liebe mit dem europäischen Nachbar. Objekt meiner Begierde ist damals wie heute die Autorin Virginie Despentes – eine unkonventionelle Wahl, dessen war ich mir schon immer bewusst, aber man kann sich nun einmal nicht aussuchen an wen man sein (literarisches) Herz verliert – und um sie und ihre Romane soll es deshalb heute auch gehen.

couvertureDer Debütroman der Autorin heißt Baise-Moi und erscheint 1993. In Frankreich schlägt die Geschichte zweier sexpositiver Frauen, die sich im Stil von Thelma und Louise durch die französische Provinz morden, ein wie eine Bombe. Es ist auch mein erster Roman der Autorin, gelesen habe ich ihn mit 18 Jahren und was ich damals noch nicht weiß, er wird eine lebenslange Sucht begründen. Endlich sind die Mädels mal am Zug; leben, lieben und morden so wie es sonst immer nur die Kerle tun. Baise-Moi, das ist Fight Club für Frauen und ich bin mit Leib und Seele dabei!

die_unberuehrte-9783499229114_xxl1996 versucht Virginie Despentes mit Die Unberührte den Erfolg ihres Debüts zu wiederholen. Das Buch spielt im Rotlichtmilieu von Lyon und ähnelt in seinen Schockeffekten dem Vorgänger, nur dass ich als Leserin leider mittlerweile etwas abgestumpft bin. Wir schreiben das Jahr 2014 und Torture-Horror, ebenso wie echte Folter von politischen Gefangenen sind Teil der Nachrichten und des Abendprogramms, Gonzo-Pornos sind fester Bestandteil des Internets und wer sich darüber aufregt gilt als verklemmt. Virginie Despentes hat sich nicht verändert, die Welt hat es und das macht ihren Roman in meinen Augen weniger krass als er das zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung war.

9783499234064Pauline und Claudine aus dem Jahr 1998 war neben Teen Spirit, das 2002 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, eines des Bücher, die ich als direkte Vorbereitung auf diesen Beitrag las. Letzteres galt bis zur Veröffentlichung der Vernon Subutex Trilogie (2015) in Kritikerkreisen als das beste Buch der Autorin. Meiner Meinung nach ist es jedoch lediglich das Konventionellste. Während der Lektüre dachte ich mehr als einmal: „Wie schade, meine französische Lieblingsautorin hat ihren Biss verloren.“ Die junge Virginie Despentes, die Virginie Despentes der neunziger Jahre ist wütend. Sie wettert gegen das System und schlägt sich auf die Seite der gesellschaftlichen Verliehrer, obwohl sie als Erfolgs-, bzw. gefeierte Skandalautorin, schon lange nicht mehr dazu gehört. So ist das auch in Pauline und Claudine, auch wenn ich als Leserin der Autorin ihre Bodenhaftung, ihren Draht zum Prekariat, schon lange nicht mehr so wirklich abnehme.

91ve6IQBS4LIn Bye Bye Blondie, das ich fast zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung 2004 las, lässt Virginie Despentes die Wut des Pöbels, an die sie schon gar nicht mehr selbst zu glauben scheint, ein letztes Mal aufleben. Doch die Zornesschreie und Hasstiraden ihrer Hauptfigur verklingen ohne Echo. In den Vorstädten brennen die Autos, Paris hat andere Sorgen und die Probleme der weißen Unterschicht verblassen neben denen der Kinder marokkanischer und algerischer Einwanderer. Die realen Pendants der Figuren über die Virginie Despentes so gerne schreibt pfeifen auf eine sozialistische Neuordnung der Gesellschaft und fangen stattdessen an der rechtsradikalen Front National zuzulaufen. Die Autorin verkennt diese Entwicklung und entfernt sich somit zusehends vom Puls der Zeit. Und auch ich habe langsam genug vom Unangepasstsein ihrer Figuren, das auf mich eher wirkt wie eine nie ganz ausgestandene kindische Trotzphase.

king_kong_theorie-9783833305733_xxlZwei Jahre später wird Virginie Despentes unerwartet persönlich. In ihrer Essaysammlung King Kong Theorie erzählt sie mir unter anderem von ihrer Vergewaltigung in jungen Jahren und ihrer späteren Tätigkeit als Prostituierte; und auch wenn sie in einem fort behauptet im Reinen zu sein mit ihrer Vergangenheit, ja sich sogar für Prostitution als Beruf wie jeder andere ausspricht und Empathie, die stellenweise schon an Mitleid grenzt, für die Männer zeigt, die einst ihren Körper kauften, glaube ich ihr nicht so ganz – woher, frage ich mich mit Blick auf ihr frühes literarisches Werk, kommt denn sonst dieser überbordene Ärger, dieser blanke Hass, den besonders die Figuren in ihrem Debüt, aber auch in den Romanen danach, auf brutalste Weise vor allem an Männern auslassen. Baise-Moi liest sich stellenweise wie eine Rachefantasie und seit meiner Lektüre der King Kong Theorie ahne ich zunehmend warum.

9781846688423_1502177004292_xxlMeine Lektüre von Apokalypse Baby, der letzten deutschen Veröffentlichung der Autorin aus dem Jahr 2010 – abgesehen natürlich von dem Buch mit dem Virginie Despentes dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast ist – ließ mich mit dem Eindruck zurück meine französische Lieblingsautorin habe nach langen Jahren des Schreibens ihr explosivstes Pulver verschossen. Teen Spirit ließ es mich schon ahnen, das einstige Enfant Terrible der Pariser Literaturszene ist erwachsen geworden. Als Leserin hätte ich natürlich am liebsten gehabt, dass Virginie Despentes, über diesen schriftstellerischen Reifeprozess erhaben auf ewig in ihrer Wut gefangen, einen Skandalroman nach dem anderen veröffentlicht; auf menschlicher Ebene gönne ich ihr den Zugewinn an persönlicher Weitsicht und literarischer Erfahrung natürlich durchaus, wenn auch bisher etwas verhalten.

Im Angesicht dieser Retrospektive und mit Blick auf ihre neusten Veröffentlichungen, muss ich schweren Herzens die Virginie Despentes meiner Jugendjahre, die Rebellin, die Furie und Rachegöttin loslassen. Denn in dieser Form gibt es sie schon seit Anfang des neuen Jahrtausends nur noch zwischen den Seiten ihrer Debütromane. Als Leserin und als Frau fällt es mir dennoch manchmal schwer meine Erwartungshaltung an gerade diese Autorin zu transformieren. Denn ich bin ihr nach all den Jahren, die wir zusammen verlebt haben, nach wie vor dankbar für ihre (frühen) Romane und deren Figuren. Diese zeigten mir, die ich gerade in einem Alter war, indem ich zu merken begann, dass diese Welt besonders für Frauen teils scheinbar unüberwindbare Grenzen hat, das Versprechen von Freiheit und Selbstverwirklichung, welches mir meine Eltern mit auf den Weg gaben, nur bedingt einlösbar sein wird, dass Frauen nicht passive Empfängerinnen vom Leid der Welt und alleinige Trägerinnen der Bürde ungleicher Machtverhältnisse sein müssen, sondern stark und brutal sein können, wütend und gewalttätig, risikobereit und nur dem eigenen Willen verpflichtet, nach den eigenen Regeln lebend und kompromisslos frei. Diese Darstellungen von Frauen in der modernen Literatur waren Pionierarbeit und gehören leider noch immer zu einer Ausnahmeerscheinung, die mich, und mein Bild davon, was (literarisch) möglich und akzeptabel ist, stark geprägt haben. Dafür verzeihe ich Virginie Despentes gerne ihren Scheuklappen-Feminismus, ebenso wie ihre spätere Abkehr von den Handlungs- und Figurenmustern, die mich einst so für ihre Romane begeisterten. Jeder denkende, fühlende Mensch gewinnt im Alter an Perspektive, und wenn die Schriftstellerin Virginie Despentes das kann, dann kann diese, ihr nach wie vor treu ergebene, Leserin das auch.

(Neuerscheinung) Schlafende Kinder sollst du nicht töten…

Von diesem Roman hatte ich im Vorfeld meiner Lektür schon viel gehört – nur Gutes, ja sogar viel Überschwängliches. Insofern beschloss ich trotz meiner langen Abwesenheit einfach mal mein Glück beim Luchterhand Verlag zu versuchen und siehe da, „Dann schlaf auch du“ wurde zu meinem persönlichen „Willkommen zurück!“ der Verlagsindustrie. Kein Wunder also, dass ich mir vornahm meiner Rezensionsverpflichtung auch so bald wie möglich nachzukommen…

Dann schlaf auch du von Leila SlimaniSie haben Glück gehabt, denken sich Myriam und Paul, als sie Louise einstellen – eine Nanny wie aus dem Bilderbuch, die auf ihre beiden kleinen Kinder aufpasst, in der schönen Pariser Altbauwohnung im 10. Arrondissement. Wie mit unsichtbaren Fäden hält Louise die Familie zusammen, ebenso unbemerkt wie mächtig. In wenigen Wochen schon ist sie unentbehrlich geworden. Myriam und Paul ahnen nichts von den Abgründen und von der Verletzlichkeit der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen, das sie besitzen. Von der tiefen Einsamkeit, in der sich die fünfzigjährige Frau zu verlieren droht. Bis eines Tages die Tragödie über die kleine Familie hereinbricht. Ebenso unaufhaltsam wie schrecklich.

Leila Slimanis zweiter Roman kommt hoch dekoriert in den deutschen Buchläden an, von der französischen Kritik gefeiert und mit dem Prix Goncourt, was hierzulande wohl dem deutschen Buchpreis entspricht, ausgezeichnet. Und ich als Leserin und spätere Rezensentin stehe gleich vor zwei unüberwindbar scheinenden Hürden, die mich von diesem Buch und seiner Geschichte zu entfremden drohen. Mit der ersten Hürde werde ich noch vor der eigentlichen Lektüre konfrontiert und diese Hürde heißt Erwartungen. Diese gilt es nämlich zu zügeln bevor mir all die Vorschusslorbeeren, die der Roman eingeheimst hat, bevor ich ihn in Händen hielt, die Sicht auf den eigentlichen Text versperren. Die zweite Hürde stellt sich mir nun, da ich diesen Roman rezensiere in den Weg, sie besteht aus den Lobeshymnen Dritter, denen ich mich anzuschließen gedrängt fühle, damit mir am Ende niemand unterstellen kann, ich hätte den Roman als einzige nicht verstanden und seine Größe verkannt. Mir stellt sich an dieser Stelle also eine besonders aufdringliche Frage: Ist die Kaiserin nackt? Oder ist ihre Gewand einfach nur nicht so kunstvoll wie man es mir von jenseits der Grenze versichert hat?

„Dann schlaf auch du“ beginnt antiklimaktisch am Ende der Geschichte, die Kinder sind tot, ermordet von ihrer Nounou, dem französischen Equivalent einer Tagesmutter, die das Messer mit dem sie das Mädchen im Kindergartenalter auf brutalste Weise erstach, anschließend gegen sich selbst richtete, dabei aber weniger erfolgreich war. Leila Slimani beschreibt das Verbrechen in all seinen blutigen Details, beschreibt sogar den markerschütternden Schrei der Mutter, die die Leichen ihrer Kinder in deren Zimmer vorfindet, mit einer Dringlichkeit, die mich meinen lässt ihn aus großer Ferne, einem vornehmeren Teil der Millionenstadt Paris, selbst zu hören, wenn auch nur ganz leise. Gleichzeitig nimmt sie mit dieser Herangehensweise ihrer Geschichte jegliche Spannung, die ähnlich schnell verklingt wie der Schrei der Mutter, am schwärzesten Tag ihres Lebens.

Ich kann nicht umhin zu überlegen, ob mir dahingehend nicht meine eigenen literarischen Ambitionen den Genuss des Romans erschweren. Denn die Schriftstellerin in mir räuspert sich diskret und sagt, fast beiläufig, das hätte ich ganz anders geschrieben. Ich hätte das dicke Ende dort verortet, wo es dem Namen nach hingehört, und will einfach nicht davon lassen. So dass sich meine innere Leserin etwas pikiert zu ihr umwendet und ihr zuraunt – wer hat hier denn bitte den Literaturpreis gewonnen, du oder Frau Slimani (und danach herrscht erst einmal wieder Ruhe.) Und auch über den plumpen Anfang der Erzählung komme ich irgendwann hinweg, rufe ich mir doch Kapitel für Kapitel ins Bewusstsein, dass es sich bei „Dann schlaf auch du“ eben nicht um einen klassischen Spannungsroman handelt – entscheidend für das Leseerlebnis ist also nicht das Ziel, sondern der Weg dahin.

Dieser stößt diese Leserin wiederum darauf, was passiert, wenn man, wie das junge Ehepaar, welches die mörderische Nounou Louise einstellt, unwissender Weise und mit einer großen Portion priviligierter Naivität, mit bloßer Hand in die Schere zwischen arm und reich greift. Mutter Myriam ist erschöpft und desillusioniert von ihrem Leben, das sich trotz Jurastudium, nur noch zwischen Küche und Kinderpo abzuspielen scheint, während ihr Mann Paul langsam aber stetig die Karriereleiter erklimmt – ja, meine liebe Leserin, das gibt es selbst in Frankreich, dem Kinderkrippenparadies. Insofern kann ich gut nachvollziehen, was sie in der zierlichen Louise sieht, ein Rettungsboot nämlich aus der vergifteten See der Hausfrau und Mutter. Glücklich darüber endlich wieder am Alltag teilnehmen zu dürfen, übersieht sie jegliche Warnsignale im Bezug auf Louises Person, die mit Fortschreiten der Handlung jedoch immer deutlicher werden.

Ein Kontrastprogramm zu dem gutbürgerlichen, wenn auch bescheidenen, Leben der Familie, die sie betreut, sind die Passagen des Romans, die Louise nach Hause folgen, in ihre modrige, aber trotzdem völlig überteuerte Einzimmerwohnung in einem Pariser Außenbezirk. Früh verwittwet und von der einzigen Tochter alleine gelassen, verliert Louise hier immer mehr den Bezug zur Realität. Sie ignoriert Rechnunngen und den teils baufälligen Zustand ihrer Wohnung ebenso wie die Umzugskartons, die seit Monaten die Wände säumen. Der desolate Zustand von Louises Lebensraum steht in krassem Kontrast zu ihrer gepflegten Erscheinung und lässt diese Leserin immer wieder hinter die Fassade blicken, auf das Seelenleben einer Frau am Abgrund.

„Dann schlaf auch du“ ist kein getriebener Roman, gemächlich trottet die Handlung ihrem so unvermeidlichen, wie blutigen, Ende zu. Doch ist dieses Ende wirklich nicht zu verhindern gewesen? Die mir im Vorfeld der Lektüre bekannten Rezensionen sprachen durchweg von dem Konflikt zwischen denen, die man als Globalisierungsgewinner bezeichnen mag und dem Präkariat. Ganz abwegig ist diese Erklärung für den Kindermord zwar nicht, aber sie unterstellt der Figur der Nounou doch Neid auf eine scheinbare Dekadenz ihrer Arbeitgeber, die ich persönlich zwischen den Seiten so nicht vergefunden habe. Mir scheint vielmehr Louises Angst vor dem endgültigen, unwiderufbaren sozialen Abstieg und ihr zeitgleicher psychischer Verfall, den Zündstoff für die mörderische Flamme zu liefern. Ausschlaggebend für meine Annahme sind viele kleine Szenen, in der Handlung verstreut wie vergiftete Brotkrumen.

Diese führen die geneigt Leserin Schritt für Schritt zum Haus in dem die böse Hexe gerade dabei ist das Geschwisterpaar zu töten und mich im besonderen zu der Erkenntnis mit welcher Hintersinnigkeit Leila Slimani diese Tragödie, welche sich so oder so ähnlich in den Vereinigten Staaten zugetragen hat, auf die gesellschaftlichen Verhältnisse im heutigen Frankreich umgemünzt hat. Und das wiederum, lässt mich denken, dass der Prix Goncourt doch um einiges verdienter war, als es zunächst den Anschein nahm. Denn aus der Perspektive des Laien heraus ist „Dann schlaf auch du“ zunächst ein untertriebener, ja fast schon spannungsarmer Roman, der seine volle Genialität nur langsam offenbart, und zwar nur denjenigen Leserinnen, die bereit sind sich auch über die Lektüre hinaus mit dem Text und der ihm zugrunde liegenden gesellschaftlichen Dynamik zu beschäfftigen.

Dann schlaf auch du – Leila Slimani – ISBN 978.3.630.87554.5

Für Leserinnen, die…

  • …ein gesundes Misstrauen den Menschen gegenüber haben, die sich um ihre Kinder kümmern.
  • …sich zwischen Beruf und Familie hin und her gerissen fühlen.
  • …sich an der Schere zwischen arm und reich schneiden.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Gott schuf die Katze, damit der Mensch einen Tiger zum Streicheln hat…

Lange Zeit lag dieses Buch nur hoffnungsvoll in meinem Regal und wartete darauf zur Hand genommen zu werden. Ich jedoch habe es schweren Herzens monatelang ignorieren müssen. Jetzt aber bin ich endlich in meinen Lesesessel zurückgekehrt und diese Ode an zwei Stubentiger der italienischen Autorin Marina Mander, war das Buch, mit dem ich meine Rückkehr unter die Lesenden feiern durfte…

Katzen von Marina ManderWelche Denkanstöße und Lebensweisheiten können uns Katzen vermitteln? Die erfolgreiche Autorin Marina Mander ist seit ihrer Kindheit große Katzenfreundin. Charmant und kenntnisreich berichtet sie von persönlichen Erlebnissen, liebenswerten Anekdoten und wissenswerten Fakten. Sie erzählt, was uns Katzen in Sachen Müßiggang und echter Selbstliebe voraushaben und wie man lernen kann, sich etwas von ihrer Eleganz und ihrem ganz eigenen Zeitempfinden abzuschauen. Wir erfahren, warum zahllose Künstler – von Pablo Picasso bis Doris Lessing – die inspirierende Wirkung von Katzen genossen und sie zu ihren engsten Vertrauten gemacht haben. Und die Autorin ist sich gewiss: Hätte Freud statt seines Schäferhundes eine Katze bei den Sitzungen an seiner Seite gehabt, wäre vermutlich die gesamte Psychoanalyse anders verlaufen…

Autorin Marina Mander ist ihren beiden Katzen Spritz und Schatzi voll und ganz verfallen, das merke ich als Leserin von der ersten Seite an und kann es als Adoptivmutter zweier quietschfideler und rotzfrecher Kater auch gut nachvollziehen. Mit poetischer Leichtfüßigkeit, die mich stilistisch an das Romandebüt der Autorin („Meine erste Lüge“, erschienen bei Piper) erinnert, oder auch an die Grazie mit der meine Nachbarskatze auf dem Dachfirst balanciert, erzählt sie mir von ihrem Leben mit ihren beiden Katzen und deren felinen Vorgängern. Marina Mander nimmt ihre Leserin mit auf eine Reise in die Vergangenheit zurück in ihre Kindheit zur ersten Katze, an die sie ihr Herz verschenkte, deren stolze Ergebenheit dem kleinen Mädchen gegenüber und schließlich deren tragisches Ende. Die erste einen langen Reihe von Katzen, die Marina Mander ihr eigen nannte, wobei für Katzenliebhaber an dieser Stelle die Frage aufkommen dürfte, inwiefern man eine Katze eigentlich je besitzen kann.

Und dementsprechend wild geht es im Haushalt der drei Mitbewohner zu, denn eines steht für Marina Mander unverrückbar fest, Katzen erzieht man nicht, man sperrt sie weder ein noch aus, und wenn sie beschließen mitten im Bett zu nächtigen, dann macht man ihnen eben Platz und hofft, dass sie einem des nachts nicht die Decke stehlen. So viel Katzenliebe gibt es im Hause Bücherphilosophin dann auch wieder nicht und die vierbeinigen Lebensgefährten der Autorin würden sicher die Nase rümpfen, wären sie bei mir zu Besuch, angesichts unnützer Regeln, wie zum Beispiel Katzen gehören nicht auf die Küchenspüle, sind ihnen in ihrem ursprünglichen Zuhause doch keine solch überflüssigen Beschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit und ihres Entdeckergeistes gesetzt, den Marina Mander in ihrem Buch übrigens in höchsten Tönen lobt; ja, ich kriege als Leserin fast schon den Eindruck, die Autorin beneidet ihre Katzen ein wenig um deren Revierkenntnis, die jeden Zentimeter der Manderschen Behausung, ebenso wie zum Beispiel die Unterseiten von Möbelstücken und hintersten Winkel der Abstellkammer mit einschließt.

„Katzen: Eine unendliche Liebesgeschichte“ ist kein gewöhnliches Sachbuch, Zeit und Ort springen mal vor und zurück, verschieben sich quer über die italienische Landkarte, nur um schließlich wieder in der kleinen Stadt zu enden, in der Marina Mander das Haus ihrer Großmutter verortet. Einen roten Faden aus ihren Erzählsträngen zu spinnen, fällt mir als Leserin manchmal schwer; in etwa so wie einen Pullover zu stricken, während meine Katze gerade mit dem Wollknäuel spielt. Mit etwas Eifer und Liebe zum Detail, bzw. einem strengen Wort an die Katze, geht es dann aber doch und bald fühle ich mich bei der Autorin und ihren beiden Schützlingen wie Zuhause. Denn als Katzenhalterin kenne ich die Sperenzchen, mit denen sich diese Miniaturtiger die Zeit vertreiben nur zu gut. Auch meine beiden spielen gerne mal verstecken miteinander und mit mir, bis nur noch eine zuckende Schwanzspitze unter dem Lesesessel hervorlugt – von der Autorin übrigens wie zu erwarten überaus humorvoll geschildert.

Wer Katzen liebt und mit Katzen lebt, der dürfte sich und seine Mitbewohner zwischen den Seiten dieses Buchs nur zu oft schmunzelnderweise wiedererkennen. Denn auch wenn Marina Manders Katzen Spritz und Schatzi natürlich ihre ganz eigenen kleinen Persönlichkeiten haben, erinnern sie in ihrer unbeschwerten Katzenhaftigkeit doch stark an ihre Artgenossen, die über Generationen gerne gesehene Gefährten waren für Leserinnen, und die Schriftsteller, mit denen sie in Gedanken um die Welt und durch die Zeit reisen; laut Mander waren das zum Beispiel Doris Lessing, Franz Kafka oder auch Ernest Hemingway. Erstergenannte hat ebenfalls ein Buch über ihre Katzen geschrieben, welches literarisch als große Schwester dieser Erzählung zu sehen ist und Marina Mander sicher als Inspirationsquelle diente. Ansonsten unterscheiden sich die Bücher jedoch sehr, denn Marina Mander lässt eine Verzückung für ihre Katzen zwischen den Zeilen erstrahlen, welche Doris Lessing, in meiner Erinnerung an ihr Buch, leider abgeht.

Es ist diese Begeisterung für die Eigenarten der Katzen, diese Bereitschaft sie als kleine Persönlichkeiten mit einer eigenen Geschichte, mit Vorlieben und Macken und einem ganzen Haufen Neugier und Stolz aber auch abgöttischer Liebe und Zärtlichkeit für ihre Menschen und die anderen Katzen im Haushalt zu verstehen, welche mir Marina Mander, die Person und begeisterte Katzenadoptivmuttter so sympathisch macht. Mit ihr verbringe ich nur zu gerne viele, heitere Lesestunden – wenn auch nicht ganz so viele wie erhofft, das Buch ist recht kompakt – und lausche ihren Geschichten von kleinen und großen Missgeschicken, Katzendieben, tragischen letzten Atemzügen und wundersamen Zusammenkünften mit neuen vierbeinigen Wegbegleitern; wie so oft in letzter Zeit, eine genüsslich schnarchende Katze auf der Rückenlehne meines Lesesessels, eine Zweite (fast) verborgen darunter.

Katzen: Eine unendliche Liebesgeschichte – Marina Mander – ISBN 978-3-570-10282-4

Für Leserinnen, (für) die…

  • …ihre(n) Stubentiger ebenso verehren – wie ich 😉
  • …die Eigensinnigkeit der Samtpfoten mit Gleichmut ertragen – auch wenn mal was zu Bruch geht.
  • …ein Haus ohne Katze(n) kein Zuhause ist – trifft auch auf Wohnungen zu.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Im Haus unserer Mutter werden wir wieder zu den Kindern, die wir einst waren…

Seitdem die Originalversion mit dem Titel „The Green Road“ im letzten Jahr auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction stand, wollte ich dieses Buch unbedingt lesen. Der Lesewunsch alleine führt leider nicht dazu, dass sich Bücher wie von Geisterhand in meinem Regal materialisieren; letztlich haben wir (mit etwas Verspätung) dann aber doch zueinander gefunden…

Rosaleens Fest von Anne Enright

Rosaleen ist eine Frau, die nichts tut und von den anderen alles erwartet. Sie ist Mitte siebzig, die Kinder gehen schon lange ihre eigenen Wege. Da entscheidet sie sich, Ardeevin, das Haus, in dem die vier groß geworden sind, das voller Erinnerungen an Glücksmomente und Verletzungen steckt, zu verkaufen – und lädt zu einem letzten Weihnachtsfest ein. Die Geschwister reisen mit diffuser Hoffnung auf Versöhnung an – und doch endet auch dieses Weihnachten, wie noch jedes geendet hat.

„Rosaleens Fest“ spannt seine Leserin auf die Folter; denn das titelgebende Fest ist nicht etwa der Anfang der Geschichte, sondern deren Ende. Den Anfang machen fünf Novellen, die dieser Leserin je eines von Rosaleens vier Kindern vorstellen und schließlich dann Mutter Rosaleen selbst. Erst nachdem Anne Enright mir über 200 Seiten lang eine erzählerische Lupe vors Gesicht gehalten hat, vertraut sie mir endlich die Geschichte an, die mir der Klappentext versprochen hat; die des letzten Weihnachtsfestes der ganzen Familie im ehemaligen, mittlerweile etwas verwohnten Elternhaus. An diesem Punkt sind mir als Leserin das Leben und die Probleme der Figuren schon zu Genüge bekannt und ich weiß zudem, was sie voreinander geheim halten und kann so die Spannungen innerhalb der Familie ohne Weiteres deuten, wie es mir bei ähnlichen Romanen selten gelingt. Insofern hat dieser unerwartete, vielleicht sogar etwas ungewöhnliche, Aufbau auch seine guten Seiten; und ich stürze mich kopfüber ins Geschehen.

Der Roman beginnt mit einer Novelle über die kleine Hannah, das Baby der Familie, zu einer Zeit in der zwei der vier Kinder noch zu Hause wohnen. Während Hannah erst noch heranwächst, treffen ihre ältesten Geschwister schon lebensverändernde Entscheidungen. So zum Beispiel ihr ältester Bruder Dan, der bei einem Besuch daheim gesteht, dass er sich nach dem Studium in Galway am Priesterseminar einschreiben will. Dies stürzt die temperamentvolle Mutter Rosaleen in eine tiefe Depression, warum wird allerdings nicht klar. Was man als Leserin allerdings sofort merkt, ist dass es in dieser Familie viele ungesagte Dinge gibt, viele zerborstene Eier auf deren Schalen die Kinder durchs Haus tänzeln, immer in der Angst sie vollends zu zertreten. Im folgenden kommt jedoch ein harter Schnitt und ich befinde mich im New York der frühen 90er Jahre an der Seite des ältesten Bruders Dan und umgeben von Figuren, die ich so noch gar nicht kenne.

Fünfmal muss ich mich neu orientieren, fünfmal muss ich mich einlesen, bevor ich weiß, was genau in diesem oder jenem Teil der Geschichte vor sich geht. Das kann eine unkonzentrierte Leserin schon mal aus der Spur drängen, aber ich persönlich war nur milde verunsichert wegen der, vielleicht anfangs auch etwas pikiert über die massiven Zeit und Schauplatzsprünge, die mich in fünf bis zehn Jahresschritten von Irland nach New York nach Afrika und wieder zurück nach Irland transportieren, und die ich zusammen mit Autorin Anne Enright im ersten Teil des Buchs bewältigen muss. Gerade hatte ich „Zärtlich“ den neuen Roman von Anne Enrights irischer Schrifstellerkollegin Belinda McKeon aus der Hand gelegt und um ganz ehrlich zu sein, hatte ich von Landsfrau Enright stilistisch etwas mehr Geradlinigkeit erwartet, und so überraschte mich der anfängliche Kunstgriff der Autorin ihre Leserin zunächst einmal mit den einzelnen Mitgliedern der Familie bekannt zu machen, bevor sie diese in den Dampfkochtopf der Festtage wirft und miteinander interagieren lässt.

Seitdem Anne Enright den Booker Preis gewann hatte ich vorgehabt ihren Roman „Das Familientreffen“ zu lesen. Als ich „Rosaleens Fest“ in Händen hielt dachte ich mir, das ist sicher fast so gut wie. Doch dann merkte ich, dass es hier nicht etwa um die Dynamik einer dysfunktionalen Familie als Einheit geht, sondern um das Päckchen Sorgen und Nöte, welches jedes einzelne Mitglied bis ins späte Erwachsenenalter mit sich herum trägt und von dem es einfach nicht lassen kann. Beruf, Ehe und Kinder passieren, aber im Grunde sind Rosaleens Töchter und Söhne immer noch die Kinder, die sie einst waren; verzweifelt gierend nach der spärlichen, oft herunter putzenden Aufmerksamkeit der Mutter, die sie aber auch beschuldigen für alles, was im Hier und Jetzt gerade nicht so laufen mag, sprich Beruf, Ehe oder auch die eigenen Kinder. Diese unausgesprochenen Vorwürfe hängen schwerwiegend in der Luft, sobald alle unter einem Dach versammelt sind, bis es Mutter Rosaleen zu viel wird und sie in die dunkle Winternacht entflieht.

Insgesamt hat dieser Roman viele überaus lesenswerte, aber auch weniger eingängige Aspekte. Das erzählerische Wassertreten des Anfangs wird zwar gegen Ende des Romans belohnt, doch muss man sich als Leserin erst einmal durch die fünf scheinbar unzusammenhängenden Novellen kämpfen um dort anzukommen, wo sich alles ineinander fügt und schließlich einen Sinn ergibt. Stilistisch kann ich an der Booker-Preisträgerin Anne Enright, wie zu erwarten war, nichts aussetzen; „Rosaleens Fest“ ist weder zu blumig, noch zu zäh geschrieben und trifft meines Erachtens erzählerisch genau den richtigen Ton. Die Thematik des Romans, kann manchmal etwas schwer verdaulich, wenn nicht sogar deprimierend sein, was ich persönlich von irischen Schriftstellerinnen, die so meisterhaft über den Mikrokosmos Familie schreiben, aber schon gewohnt bin, und es sogar ein bisschen erwarte. Insofern liegt es an Dir, liebe Leserin, ob du die Einladung zu „Rosaleens Fest“ annehmen möchtest oder nicht…

Rosaleens Fest – Anne Enright – ISBN 978.3.328.10023.2

Für Leserinnen, die…

  • …einen unsentimentalen Weihnachtsroman suchen.
  • …erst einmal alle Figuren kennen lernen wollen, bevor sie in die Geschichte eintauchen.
  • …selbst schwer an einem Wehmutspäckchen aus der Kindheit zu tragen haben.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Ein Fiebertraum von Freundschaft, Liebe und Besessenheit…

Mit diesem Roman verbindet mich im Grunde keine besondere Geschichte. Als ich das Cover zum ersten Mal im Vorschaukatalog des Ullstein Verlages sah, da hatte ich schon im Gefühl, dass dieses Buch mir gefallen könnte. Dann las ich den Klappentext und es war um mich geschehen – wie das eben manchmal so ist…

9783550081286_coverAls Catherine und James sich kennenlernen, ist es Seelenverwandtschaft von Anfang an. Beide sind sie aus der irischen Provinz in die aufregende und liberale Stadt Dublin gekommen, Catherine als Studentin der Literaturwissenschaft, James, um Fotograf zu werden, und beide stürzen sich mit derselben Neugier und Leidenschaft ins Leben. Doch während Catherine in ihrer neuen Umgebung aufblüht, ist es für James selbst im vermeintlich offenen Klima der Großstadt unmöglich, zu seiner Homosexualität zu stehen. Sein Geheimnis schweißt die beiden noch enger zusammen, aber dann verliebt sich Catherine in James, auch wenn sie ahnt, dass ihre Liebe aussichtslos. Beide verstricken sich immer haltloser in eine von widersprüchlichen Gefühlen geprägte obsessive Beziehung und steuern sehenden Auges auf eine emotionale Katastrophe zu.

„Zärtlich“ ist mein erster Roman aus der Feder der irischen Autorin Belinda McKeon und er erzählt die Geschichte eines Frontalzusammenstoßes zweier junger Leben. Als Leserin erlebe ich die Ereignisse aus der Sicht der 19-Jährigen Studentin Catherine, die am Trinity College in Dublin studiert und zusammen mit zwei anderen jungen Frauen in einer kleinen Wohnung in der Baggot Street lebt. Ihr Zimmer hat sie von einem gewissen James übernommen, den Catherine zunächst nur aus Erzählungen und von Fotos kennt; denn er befindet sich zu Anfang der Geschichte in Berlin, wo er einem berühmten Fotografen als Studio-Assistent zur Hand geht. Eines Tages jedoch findet Catherine ihn in ihrer Wohnung vor, ihre Mitbewohnerinnen sind ausgeflogen und so beginnt ein vorsichtiges Gespräch zwischen den jungen Fremden; und für die nächsten paar Tage sind die beiden unzertrennlich.

Das Buch beginnt chronologisch gesehen im Grunde etwas später, mit einem Besuch Catherines bei James Familie. In diesen sommerlichen Tage gesteht James seiner jungen Freundin, die er eigentlich kaum kennt, dass er schwul ist – im Irland der neunziger Jahre scheint das übrigens noch eine große Sache und ein offen homosexuelles Leben für viele LGBTs noch undenkbar zu sein, das zumindest entnehme ich dem Roman. Catherine ist mir als Figur ehrlich gesagt etwas unsympathisch und so wundere ich mich nicht über ihre bemüht diplomatische, aber im Grunde vollkommen überzogene und irgendwie auch überaus unreife Reaktion auf James Geständnis. Als Leserin sitze ich ihr über die Dauer der Erzählung hinweg quasi auf der Schulter, darf jeden ihrer Gedanken hören und diese sind oft unsicher und fahrig. Catherine weiß selten wie sie sich verhalten soll und ich kann für ihre kratzbürstige Verletzlichkeit wenig Einfühlungsvermögen aufbringen.

Über James, das Yin zu Catherines Yang, erfährt diese Leserin nur was gegenüber Catherine ausgesprochen wird. Ich bin also über die Dauer des Romans im Kopf eines Menschen gefangen, den ich im realen Leben niemals befreunden würde, dessen emotionale Verletzlichkeit als Figur mich jedoch nicht unbeeindruckt lässt. Wenn Belinda McKeon doch nur die gleiche erzählerische Finesse an den Tag gelegt hätte, als sie die übrigen Figuren zeichnete – bis auf Catherine und James sind sie nämlich alle etwas flach und farblos, aber vielleicht ist das ja auch so beabsichtigt, schließlich ist James mehr und mehr der einzige der für Catherine existiert und alle anderen sind nur Beiwerk. Während der Roman voran schreitet wird die Erzählstruktur übrigens etwas linearer und Belinda McKeon verzichtet über lange Strecken darauf in der Zeit hin und her zu springen, was es mir als Leserin möglich macht noch tiefer in ihre Erzählung einzutauchen.

Dann jedoch beginnt sich die Beziehung der beiden Hauptfiguren zu intensivieren und Belinda McKeon beschwört ihre innere Zadie Smith herauf und versucht sich in experimenteller Prosa. Auf mich als Leserin wirkt dieser plötzliche Wandel im Erzählstil, die Verknappung der erzählerischen Passagen, die Handlung und Schauplatz beschreiben, ein bisschen so als hätte die Autorin ab Seite 300+ keine Lust mehr gehabt ausführlich zu schreiben und hätte den Rest ihres Romans einfach im Entwurfstadium zum Lektor gegeben. Die Kritiker-Lobeeren, die dem Buch auf dem Umschlag zuerkannt werden, kann ich als Leserin daher so nicht unterschreiben. Denn auf mich wirkt dieser Versuch innere Zustände von Entrücktheit und Obsession über stilistische Kunstgriffe zu vermitteln auf ganzer Linie gescheitert, vor allem durch den stilistischen Bruch mit den übrigen Teilen des Romans. Ein bisschen trauere ich um diesen verschenkten Teil der Geschichte, der mich ebenfalls hätte fesseln können, wäre er nicht so darauf bedacht gewesen mich zu beeindrucken.

Insgesamt ist „Zärtlich“ trotz der stilistischen Bauchlandung gegen Ende ein lesenswerter Roman über die Verwirrung der Jugend auf der Suche nach einer erwachsenen Identität. Auch ich habe in dem Alter der Hauptfiguren viele Brücken eingerissen, habe neu anfangen müssen und es im Nachhinein zeitweise bereut. Insofern birgt „Zärtlich“ ein Identifikationspotenzial in sich, dass seine Leserin nicht unterschätzen sollte. Die Neurosen der Hauptfigur treffen mich dort wo es unangenehm zwickt und lassen mich schier verzweifeln, mit jedem weiteren Schritt den sie in Richtung Abgrund tut. Und auch wenn es bei weitem nicht perfekt ist, lässt dieses Buch seine Leserin doch so schnell nicht wieder los. Denn die Konflikte der Hauptfiguren und deren Reibungspunkte repräsentieren in ihrer Einzigartigkeit doch universelle Meilensteine eines jungen Erwachsenenlebens, das zunächst viel verspricht diese Versprechen dann aber nur selten auch hält.

Zärtlich – Belinda McKeon – ISBN 978.3.550.08128.6

Für Leserinnen, die…

  • …unglücklich verliebt sind oder waren.
  • …einen Freund zum Liebhaber werden ließen.
  • …mit ihrer (sexuellen) Identität hadern.

Literarische Nachbarinnen…

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(Feminismen) Alle Menschen sind gleich, aber manche sind nach wie vor gleicher als andere…

Wie genau ich auf dieses Buch gekommen bin, weiß ich mittlerweile gar nicht mehr so unbedingt. Was ich noch weiß, ist dass es eines Tages unter meinen amazon- Empfehlungen auftauchte und interessant klang. Mehr Gründe brauchte ich ehrlich gesagt nicht, um schon bald beherzt zum Buch zu greifen…

51myybd1c1l-_sx316_bo1204203200_In The Equality Illusion Kat Banyard argues passionately and articulately that feminism continues to be one of the most urgent and relevant social justice campaigns today. Women have made huge strides in equality over the last century. And yet: Women working full-time in the UK are paid on average 17 per cent less an hour than men 1 in 3 women worldwide has been beaten, coerced into sex, or otherwise abused because of her gender Of parliamentary seats across the globe only 15 per cent are held by women and fewer than 20 per cent of UK MPs are women 96 per cent of executive directors of the UK’s top hundred companies are men Structuring the book around a normal day, Banyard sets out the major issues for twenty-first century feminism, from work and education to sex, relationships and having children.

Auch wenn sich dieses Buch vor allem an Leserinnen aus Großbritannien richtet, kann man auch als Deutsche einiges an Weisheiten daraus mitnehmen. Denn auch wenn die Statistiken nicht übereinstimmen, haben die Britinnen doch auf ganzer Linie die gleichen Probleme wie deutsche Frauen; sie sind unterrepräsentiert in der Politik und in Führungspositionen, sie werden unverhältnismäßig oft Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt, sie verdienen nicht ansatzweise so viel wie ihre männlichen Kollegen, sie verrichten trotz Vollzeitjob den Hauptteil von Kindererziehung und Haushaltsarbeit – gleichzeitig glauben aber auch viele von ihnen, dass der Feminismus alles erreicht hat, was er erreichen kann und mittlerweile überflüssig ist. Mir persönlich kommen diese Ungleichheiten und Ansichten überaus bekannt vor, und das eben nicht nur aus meiner Zeit in Großbritannien.

Was Kat Banyard zunächst einmal mit ihren Buch „The Equality Illusion“ bezweckt ist, Schluss zu machen mit der Augenwischerei, die junge Frauen glauben macht, wir wären schon seit Jahrzehnten gleichgestellt und es gäbe nichts mehr für das wir kämpfen könnten oder sollten. Dies tut sie indem sie einen typischen weiblichen Tag beschreibt, inklusive all der Ungerechtigkeiten, die einer Frau aber niemals, oder nur äußerst selten, einem Mann, vom Aufstehen bis zum Zubettgehen, passieren. Es geht um Lohnungleichheit, die „zweite Schicht“ mit Küche und Kindern, häusliche Gewalt und den Beauty Terror, der manche Frauen nur geschminkt das Haus verlassen lässt und etliche mehr zu Dauerdiäten nötigt, einfach um sich als Mensch zu fühlen, der es wert ist geliebt und begehrt zu werden. Als Leserin koche ich innerlich vor Wut angesichts der Ungerechtigkeit und eines Systems, das zwar auf dem (Gesetzes)Papier gleiche Rechte zusichert, sie dann aber nicht konsequent im Alltag umsetzt.

Wie schon angedeutet finde ich den Aufbau von „The Equality Illusion“ äußerst clever und auch wenn man als Frau nicht von jeder hier beschriebenen Ungerechtigkeit persönlich betroffen ist, kann man sich doch gut in diejenigen Frauen hineinversetzen, die zum Beispiel das Unglück haben nach der Arbeit zu einem prügelnden Ehemann heimzukehren. All diese Beweise, dass Frauen auch heutzutage für ihre Rechte, bzw. dafür dass diese Rechte auch angewendet werden, kämpfen müssen, gelten meiner Erfahrung nach auch im deutschen Raum – für dahingehende Parallelen, sollten denn im privaten Umfeld nicht genügend Bespiele vorhanden sein, muss frau nur mal die aktuelle EMMA lesen, oder sich an die Medienberichte zur Aufschrei Debatte von 2013 erinnern.

Denn auch ohne akut körperlich bedroht zu sein, schleppen Frauen ihr Kreuz durch den Alltag und Kat Banyard macht dieses in ihrem Buch sichtbar, auch für diejenigen Leserinnen, die es aufgrund glücklicher Lebensumstände bisher leugnen konnten. Insofern ist dieses Buch erst der Anfang Deiner feministischen Erweckung, liebe Leserin. Gerne würde ich Dir sein deutsches Äquivalent vorstellen, doch das muss noch geschrieben werden – wer sich an dieser Stelle berufen fühlt, setze sich bitte an den Schreibtisch und los geht’s! Für alle anderen gilt Augen auf und weiterlesen, bis der Haaransatz glüht. Denn gegen Ende des Buchs wird Kat Banyard deutlich, die Welt ändert sich nicht von selbst, wer um die Ungerechtigkeiten – jegliche, nicht nur geschlechtspolitische – weiß, der oder die ist in der Pflicht seine/ihre Ärmel hochzukrempeln und etwas dagegen zu tun. Ich stelle hier dieses Buch vor, auch weil ich krankheitsbedingt leider nicht mehr tun kann – was machst Du?

Insgesamt ist „The Equality Illusion“ ein wunderbarer Anfang für Leserinnen, die sich feministisch bilden wollen, auch wenn sich das Buch auf Großbritannien und die dortige Politik bezieht. Denn es öffnet seiner Leserin die Augen für Missstände in Politik und Gesellschaft und den Graben, der zwischen den politisch zugesicherten Rechten und deren Anwendung im Alltag liegt. Das Buch lädt seine Leserin ein sich Zähne und Klauen wachsen zu lassen und verbissen für ihre Rechte auf gleiches Geld für gleiche Arbeit, gerechte Arbeitsteilung im Haushalt und körperliche Unversehrtheit zu kämpfen, sich mit anderen Frauen zu verschwestern und vor allem nicht länger weg zu schauen, auch wenn sie die Ungerechtigkeit des Systems im Moment vielleicht nicht direkt betrifft.

The Equality Illusion – Kat Banyard – ISBN 978.0.571.24627.4

Für Leserinnen, die…

  • …ihre rosarote Brille in den Staub treten wollen.
  • …Parallelen zwischen Deutschland und Großbritannien ziehen.
  • …den langen, steinigen Weg zur Gleichheit der Geschlechter bis zu Ende gehen wollen.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) In einer Liebe kann man nie nur einem die Schuld geben…

Die tragische Geschichte, welche diesen Roman inspiriert hat, ist mir seit meiner Lektüre von Sylvia Plaths im Grunde autobiografischem Werk „Die Glasglocke“ in Ansätzen bekannt. „Du sagst es“ versprach nun eine neue, noch nie gehörte Perspektive auf das Leben der Autorin. Und auch wenn diese reine Fiktion ist, war ich doch gespannt darauf mehr über das Ehepaar Hughes/Plath zu erfahren…

45013979zSylvia Plath und Ted Hughes sind das berühmteste Liebespaar der modernen Literatur – und das tragischste: Denn nach Sylvias Suizid im Jahr 1963 galt sie als Märtyrerin, hingegen ihr Mann als Verräter – eine Schuldzuweisung, zu der er sich zeitlebens nie äußerte. In dieser fiktiven Autobiographie bricht er sein Schweigen. Palmen lässt ihn auf seine leidenschaftliche Ehe zurückblicken und eine Liebe neu beschreiben.

Wer, wie ich, mit bestürzter Begeisterung „Die Glasglocke“ gelesen hat, der kennt die eine Seite dieser Geschichte sicher schon. In ihrem neuen Roman „Du sagst es“ beschreibt die niederländische Autorin Connie Palmen nun die andere Seite des Ehedramas Hughes/Plath, das mit dem Selbstmord der Letzteren und der Beschuldigung des Erstgenannten durch Medien, Kritik und frühere Freunde endete. Dies alles tat der literarischen Karriere und daraus resultierenden Unsterblichkeit des Dichters Ted Hughes keinen Abbruch, auch wenn oder vielleicht gerade weil er seine Seite der Geschichte nie erzählt hat, sich nie hat hinreißen lassen, mit dem Finger auf eine Frau zu zeigen, die sich nicht mehr wehren kann. Connie Palmen nimmt ihm das fast zwanzig Jahre nach seinem Tod nun ab und schildert die Ereignisse aus seiner Perspektive von den Anfängen der Ehe mit Sylvia Plath bis zu deren Tod.

Dabei scheint die Autorin Partei zu ergreifen für ihren Erzähler, seine Ehefrau dagegen kommt nicht gerade gut weg. Connie Palmen lässt Sylvia Plath neurotisch und selbstzerstörerisch wirken. In ihrem Roman ist sie es, die Ted Hughes in die Arme einer außerehelichen Affäre treibt mit ihrer Eifersucht und ihrem Kontrollzwang, mit ihrer Unfähigkeit ihn auch nur für ein paar Augenblicke loszulassen und mit ihrem unablässigen Bedürfnis nach Bestätigung. Zwischen den Seiten von „Du sagst es“ ist Sylvia Plath die psychisch labile Furie und ihr Ehemann Ted Hughes mehr Krankenpfleger als Liebhaber, zumindest in den späteren Jahren der Romanze, ständig darauf bedacht einen Zusammenbruch zu vermeiden, die Wogen zu glätten auf der dunklen See Plath und die eisige Beziehung zur Schwiegerfamilie etwas aufzutauen.

Und doch scheint Ted seine Sylvia zu lieben, will sie beschützen vor allem, was sie aus der Ruhe bringen könnte, verteidigt sie gegen jegliche Kritik und steht zu ihr, seiner ersten großen Liebe, mit einer Verbissenheit, die ihres gleichen sucht. Als Leserin begegnen mir zwischen den Seiten von „Du sagst es“ also zwei Geschichten. Zum einen ist da die Geschichte, welche die Autorin für mich zum Leben erweckt, die einer tobenden Ehefrau, die aus Eifersucht die Durchschläge der Gedichte ihres Ehemannes in Fetzen reißt. Zum anderen ist da die Geschichte, welche ich den Worten des Erzählers Ted Hughes entnehme, der bis zum bitteren Ende ein schwer nachvollziehbares Einfühlungsvermögen für seine neurotische Ehefrau aufbringt, ihre Launen verteidigt, ja oft sogar rationalisiert, und der es selbst nach ihrem Tod nicht zulässt, dass die beiden Kinder ihre Mutter vergessen.

Insofern fühle ich mich hin und her gerissen, gefangen zwischen zwei Extremen, und die Wahrheit liegt, so vermute ich, irgendwo dazwischen. War Ted Hughes nun ein treuherziger Ehemann, der von einer künstlerisch frustrierten Furie aus einer bis dahin vollkommen intakten Ehe getrieben wurde? Oder war er ein verkappter Romeo, der das unsichere Selbst seiner Frau derart auf die Probe gestellt hat mit seinen außerehelichen Abenteuern, dass diese in die Depressionen ihrer Jugendzeit zurück katapultiert wurde? Diese Frage lässt Connie Palmen offen, doch eines ist klar, was das Ehepaar Hughes/Plath anfangs in verzweifelter Liebe und wilder Leidenschaft zusammen schweißt, ist genau die Kraft, die in späteren Jahren die Kluft reißt, welche diese beiden Leben auf grausame Weise entzweien sollte.

Insgesamt bin ich mehr als beeindruckt davon, wie mühelos Connie Palmen es schafft die Erzählstimme und Perspektive von Ted Hughes einzufangen, auch wenn ihre Ausführungen etwas voreingenommen zu sein scheinen. Wer sich der Perspektive von Sylvia Plath verpflichtet sieht, den dürfte ihre Entzauberung zwischen den Seiten von „Du sagst es“ schwer treffen. Aus dem Nachwort jedoch entnehme ich, dass dieses Buch das Produkt einer ausführlichen Recherche ist; insofern scheint es zwar nicht die absolute, aber zumindest die nahe liegende Wahrheit über die turbulente Ehe von Ted Hughes und Sylvia Plath zu enthalten – ein weiteres Puzzlestück, aus dem jede Leserin für sich alleine ihre persönlichen Schlüsse über das Zusammenleben des tragischen Paares Hughes/Plath ziehen kann.

Du sagst es – Connie Palmen – ISBN 978.3.257.06974.7

Für Leserinnen, die…

  • …unter die Glasglocke schauen wollen.
  • …eine andere Perspektive auf die Tragödie der Sylvia Plath erlangen wollen.
  • …eine ähnlich turbulente Ehe führen.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Zwischen Mensch und Wolf liegt die Dämmerung…

Im Sommer 2011 bin ich Sarah Hall verfallen, damals durch ihren dystopischen Roman „The Carhullan Army“. Der Klappentext ihres neusten Romans lässt zwar einen ganz anderen Roman erahnen, als den von mir so geliebten, aber ich konnte trotzdem nicht umhin zuzugreifen und mal zu schauen, was Sarah Hall seit 2011 so getrieben, bzw. geschrieben hat…

Bei den Woelfen von Sarah Hall

Eigentlich wollte Rachel Caine nie mehr nach England und zu ihrer schwierigen Familie zurück. Die Wolfsexpertin lebt seit zehn Jahren in Amerika und geht in ihrer Arbeit auf. Doch dann stürzt das Angebot eines einflussreichen Lords, auf seinen Ländereien ein Wölfspärchen anzusiedeln, sie in Konflikte. Aber zu ihrer eigenen Überraschung sind ihre Heimkehr, eine ungeplante Schwangerschaft und die intensive Arbeit in der wilden Landschaft des Lake District die beste Medizin für ihre Seele. Sie kann sich sogar vorsichtig auf eine neue Liebe einlassen und kommt zur Ruhe. Bis ein unvorhergesehenes Ereignis die eigentlichen Motive ihres Arbeitgebers entlarvt.

In Sarah Halls fünftem Roman „Bei den Wölfen“ erzählt sie dieser Leserin die Geschichte einer emanzipierten Einzelgängerin, einer einsamen Wölfin, die im Laufe des Buchs nach und nach ihr Rudel und ihre Heimat findet, auch wenn sie sich zunächst nach Kräften dagegen wehrt. Hauptfigur Rachel Caine braucht nichts und niemanden, ich treffe sie in den Weiten der amerikanischen Wildnis, wo sie mit einer handvoll Kollegen ein Rudel Wölfe studiert. Das jedoch ist nur der Anfang eines Romans, der mich als Leserin an der Seite der Hauptfigur von Amerika nach England bis in die schottischen Highlands transportieren wird, immer auf den Spuren der Wölfe natürlich. Eine atemberaubende Reise, die die anfangs emotional abgekapselte Rachel für immer verändern wird.

Bleiben wir gleich beim Thema, die Hauptfigur von „Bei den Wölfen“ macht eine beeindruckende Entwicklung durch, von einer Frau, die andere Menschen auf Armeslänge von sich fern hält, sexuelle Abenteuer mit Fremden hat und den Kontakt zu ihrer Familie scheut, hin zu einer liebenden Mutter, die ihren Bruder in schweren Zeiten bei sich aufnimmt und mit einem alleinerziehenden Vater anbändelt. Es ist diese Veränderung, die im Mittelpunkt der Geschichte steht, die Wölfe sind da lediglich eine Nebensache, ein Grund für die Hauptfigur aus ihrer Komfortzone zu treten und zu ihren Wurzeln zurück zu kehren. Nach und nach verliert die Hauptfigur so ihre anfängliche Härte und wird sanfter, fraulicher, mütterlicher, ohne jedoch ihren anfänglichen Kampfgeist einzubüßen.

Stilistisch kann man an „Bei den Wölfen“ bei weitem nichts aussetzen. Die Erzählstimme ist formvollendet, ordnet sich der Handlung jedoch auf ganzer Linie unter. Das macht es dieser Leserin leicht sich auf das jeweilige Geschehen zu konzentrieren und vollkommen darin abzutauchen. Sarah Hall beschwört Bilder herauf von amerikanischen Wäldern, die einfach kein Ende nehmen wollen und englischen Moorlandschaften, grün und im Mondlicht dampfend – Beschreibungen, die bei dieser Leserin Sehnsucht wecken. Diese Beschreibungen urwüchsiger Natur und des Wolfsrudels, das sich darin tummelt, machen diesen Roman, dessen Handlung eher unscheinbar ist – verglichen mit Sarah Halls früheren Romanen – zu einem Erlebnis der Sinne. Als Leserin glaubt man den erdigen Geruch von Moos wahrnehmen zu können, das raue Fell der Wölfe unter den Fingern zu spüren und ihr vielstimmiges Geheul zu hören, wenn man nur angestrengt lauscht.

Was ich bei der Lektüre von „Bei den Wölfen“ vermisst habe, war der organische Verlauf der Geschichte. Immer wieder fährt Sarah Hall Wendungen innerhalb der Handlung auf, die so nicht unbedingt glaubwürdig scheinen und wohl mehr dazu dienen diesen gut 500 Seiten langen Schmöker nicht zu verkopft, ja vielleicht sogar langweilig erscheinen zu lassen. Besonders der Subplot um den vom rechten Weg abgekommenen Bruder der Hauptfigur wirkt forciert und dient wohl nur dazu die Hauptfigur wieder beziehungsfähig zu machen, bevor es ernst wird zwischen ihr und dem Tierarzt, der sich um die Gesundheit der Wölfe im Reservat kümmert. Als Leserin fühle ich mich ab und zu ein bisschen wie ein argloses Schaf, das von der Hütehündin Hall durch das Wolfsgehege gelotst wird und dabei bloß nicht vom vorgefertigten Weg abkommen darf, denn das wäre das Ende dieser Geschichte.

Insgesamt ist „Bei den Wölfen“ ein intelligenter und stilistisch ansprechender Schmöker, den ich persönlich jedoch nicht als das beste Buch der Autorin bezeichnen würde. Sarah Halls große Stärke ist ihre Fähigkeit eine glaubhafte, alle Sinne ansprechende Naturatmosphäre aufzubauen, in der diese Leserin mit Haut und Haar versinkt. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass sie der Geschichte und ihren Figuren dabei etwas mehr Spielraum für eine glaubwürdige, emotionale Entwicklung gelassen hätte, anstatt ihren Alltag mit Handlung zuzupflastern. Ansonsten habe ich jedoch nichts an diesem Buch auszusetzen; im Gegenteil „Bei den Wölfen“ ist für mich persönlich, trotz kleiner Macken und wegen der beeindruckenden Naturbeschreibungen, bei weitem der empfehlenswerteste literarische Schmöker des Lesejahres 2016.

Bei den Wölfen – Sarah Hall – ISBN 978.3.813.50679.2

Für Leserinnen, die…

  • …starke, unabhängige Frauenfiguren schätzen.
  • …selbst sehr naturverbunden sind.
  • …auf Sinnsuche, in der englischen „Wildnis“, gehen wollen.

Literarische Nachbarinnen…

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