Archiv der Kategorie: Internationale Autorinnen

(Neuerscheinung) Ich bin der Ursprung der Quelle. Alles Wasser entspringt meinem Mund…

Auf Akwaeke Emezis Debütroman „Freshwater“ wurde ich durch einen Artikel auf der Webseite Brittle Paper aufmerksam. Dieser listete die beachtenswertesten Veröffentlichungen afrikanischer Autoren im neuen Jahr auf. Diese Liste nahm ich mir zu Herzen und durchforstete sofort die netgalley Datenbank. Denn von afrikanischen Autoren bin ich bisher nur lesenswertes gewohnt, wobei „Freshwater“ mir gezeigt hat, dass man einen ganzen Kontinent nicht einfach so über einen literarischen Kamm scheren kann…

51x+4arCzwL._SX319_BO1,204,203,200_Ada has always been unusual. As an infant in southern Nigeria, she is a source of deep concern to her family. Her parents successfully prayed her into existence, but something must have gone awry, as the young Ada becomes a troubled child, prone to violent fits of anger and grief. But Ada turns out to be more than just volatile. Born “with one foot on the other side,” she begins to develop separate selves. When Ada travels to America for college, a traumatic event crystallizes the selves into something more powerful. As Ada fades into the background of her own mind and these alters—now protective, now hedonistic—move into control, Ada’s life spirals in a dangerous direction.

„Freshwater“ ist kein Buch, dass es seiner Leserin einfach macht. Ich habe lange gebraucht, um mich in der teils äußerst verworrenen Erzählstruktur zurecht zu finden. Meine goodreads Updates spiegeln diese anfängliche Frustration wunderbar wieder. Akwaeke Emezi beginnt ihren Debütroman mit der Geburt ihrer Hauptfigur Ada. Diese wird von einem göttlichen Wir erzählt, das sich auf mystische Weise in diesen kleinen Körper eingeschlichen hat. Ich hatte während der Lektüre so meine Schwierigkeiten diesen Prozess nachzuvollziehen. Emezi bleibt vage und setzt ein Wissen über den nigerianischen Götterglauben und dessen Mythen voraus, das ich als europäische Leserin nicht mitbringe. Im Nachhinein denke ich, dass es für mein Leseerlebnis durchaus zuträglich gewesen wäre mich vorher etwas zu informieren, um die Geschichte von Anfang an besser verstehen zu können.

Mit der Zeit lese ich mich ein, aber dieses Wir als Erzähler ist mir weiterhin ein Graus. Von einer nigerianischen Erzählerin hatte ich mir etwas mehr Adichie erwartet, lineare Prosa, die mich in eine andere Welt entführt. Akwaeke Emezi hat jedoch ein Kunstwerk geschrieben, von dem manche behaupten mögen es zu verstehen um sich von der Masse abzuheben, die sich ratlos am Kopf kratzt und denkt, diese Geschichte hätte man doch auch etwas leserfreundlicher erzählen können. Mit der Zeit kommen andere Erzähler mit dazu, aber meiner Erinnerung nach wird die Geschichte nur ganz am Ende von ihrer eigentlichen Hauptfigur erzählt. Zu dem etwas ungeformten Wir kommt eine Art Amazone hinzu, die Ada vor sich selbst und den Männern in ihrem Leben beschützen will und ein Engel, dessen männliches Geschlecht und Begehren für reichlich Verwirrung bei der jungen Frau sorgen.

Bei mir sorgen all diese Persönlichkeiten ebenfalls für Verwirrung und einen unterschwelligen Unwillen gegenüber dem Roman. Besonders die ersten Kapitel sind so verworren, dass ich nach wie vor nicht genau weiß, was nun eigentlich passiert ist. Vielleicht erinnert sich die Autorin selbst nicht einmal genau daran, sofern das Buch denn autobiografisch inspiriert ist. Der zweite Teil des Romans ist um einiges leserfreundlicher. Hauptfigur Ada zieht für ein Studium nach Amerika und driftet dort von Liebesbeziehung zu Liebesbeziehung, ohne sich jedoch jemals wirklich aufgehoben zu fühlen. Diese Lebensphase markiert die Geburt zweier weiterer Erzähler, die zunächst den Kopf und dann den Körper der Hauptfigur einnehmen. Die narrative Struktur ist weniger verworren und doch fällt es mir schwer diese Inkongruenz innerhalb der Persönlichkeit der Hauptfigur nachzuvollziehen, da sie mit nichts vergleichbar ist, was ich jemals erlebt habe.

Für diese Herausforderung bin ich der Autorin aber auch dankbar. Noch nie habe ich einen Roman gelesen, der derart interpretativ mit dem Thema Trauma und Persönlichkeitsspaltung umgeht. Adas Kopf ist voller Götter, ihre psychische Krankheit umgedeutet in eine mystische Besessenheit, die sie sowohl belastet als auch über die Allgemeinbevölkerung erhebt. Bei Akwaeke Emezi ist der psychische Zustand ihrer Hauptfigur sowohl ein Fluch als auch eine Superkraft. Der Olymp in Adas Kopf wird zum zentralen Punkt der Handlung, auch wenn nur einzelne Mitglieder auf die Außenwelt einwirken können. In späteren Kapiteln zieht sich Ada sogar vollkommen in ihren Kopf zurück, um dort mit ihren diversen Persönlichkeiten zu sprechen; ein Konzept, das für mich als Leserin nur schwer nachvollziehbar war, von der Autorin aber wunderbar bildhaft gemacht wurde.

Doch in „Freshwater“ geht es nicht nur um psychische Störungen, bzw. um die Auswirkungen von frühkindlichem Trauma auf die Psyche und das Persönlichkeitsverständnis, sondern ebenfalls um Themen und Erfahrungen, mit denen sich auch weniger belastete Leserinnen identifizieren können. Es geht um Familie. Es geht um Identität. Es geht um das Verhältnis von Mann und Frau, im speziellen die Grauzonen in denen wir besonders als junge Menschen unsere Sexualität leben. Gerade dieser Aspekt ist im Licht der #MeToo Debatte (besonders bezogen auf die Vorwürfe gegen den amerikanischen Komiker Aziz Ansari) unerwartet aktuell. Adas frühe sexuelle Erfahrungen sind von Angst und Grenzüberschreitung geprägt, Erlebnisse die zu einer Persönlichkeitsspaltung führen. Ada fühlt sich zwar als sexuelles Wesen, kann sich jedoch nicht von ihrer christlichen Erziehung und den damit verbundenen Erwartungen an ihr sexuelles Verhalten loslösen. Dieses Tauziehen lässt sie innerlich schier zerreißen.

Oft frage ich mich, wie viel Akwaeke Emezi in ihrer Hauptfigur Ada steckt. Wenn ich mir Autorenfotos anschaue, dann kann ich Ada zumindest ansatzweise wieder erkennen. Ich sehe sie in den Tätowierungen die Emezis Unterarme bedecken und unter denen Narben verborgen sind, die sie sich selbst zugefügt hat, wie sie mir in „Freshwater“ erzählt. Die Grenzen zwischen Roman und Autobiografie verschwimmen, wenn die Autorin mir in ihrem Roman von der männlichen Persönlichkeit innerhalb ihrer Hauptfigur Ada erzählt und anschließend twittert, dass sie sich ab sofort als non-binäre Person definiert. Manchmal frage ich mich, warum Emezi nicht einfach ihre Memoiren geschrieben hat. Doch dann kommt mir in den Sinn, dass manche Schicksale so schmerzhaft sind, dass sie einiger Lagen an narrativer Distanz benötigen, um erzählt werden zu können. Diese Pufferzone gestehe ich Akwaeke Emezi gerne zu, auch wenn sie strenggenommen auf Kosten meines Leseerlebnisses geht.

Abschließend kann ich nur wiederholen, dass „Frehswater“ es seiner Leserin nicht einfach macht. Das Einlesen war ein Ringkampf mit der verworrenen Erzählstruktur und der ungewohnten 1. Person Plural Erzählperspektive. Wer diesen gewonnen hat, weiß ich ehrlich gesagt auch nach Ende des Romans nicht so wirklich – vielleicht war es ein Unentschieden. Eines weiß ich jedoch, und zwar dass es sich letztlich doch auszahlt sich diesem Ringkampf zu stellen. Denn Akwaeke Emezi erzählt von einer Art die Welt und sich selbst zu erleben, die so eigentlich nur in psychiatrischer Fachliteratur oder sehr klischeehaften Darstellungen in Vorabendserien vorkommt. „Freshwater“ ist ein Debüt und wie so viele andere Debüts will es hoch hinaus, obwohl seine Autorin eigentlich noch ein bisschen Erfahrung sammeln müsste. Im Licht des Themas kann ich dem Roman seine teilweise Unausgegohrenheit jedoch nachsehen.

Freshwater – Akwaeke Emezi – ISBN 978-0.802.12735.8

Literarische Nachbarinnen…

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Für Leserinnen, die…

  • …eine narrative Herausforderung suchen.
  • …sich für Traumastörungen interessieren.
  • …die Anfängerfehler verzeihen können.

If you

(Neuerscheinung) Verletzte Seelen finden Zuflucht in der Welt des Cembalos…

Dieser von mir bei der Durchsicht der Frühjahrs Vorschau des liebeskind Verlages schon sehnlichst erwartete Roman erreichte mich leider erst nachdem ich mein eigenes Zimmer fürs erste verlassen hatte. In meinem Regal stand er fortan und erinnerte mich an eine der schwereren Entscheidungen, die ich in den letzten drei Jahren habe treffen müssen. Umso glücklicher war ich, als ich die „Zärtlichen Klagen“ dann wider Erwarten doch noch im Jahr ihrer deutschen Veröffentlichung habe lesen können…

51k8TP6oriL._SX319_BO1,204,203,200_Tief verletzt durch die Untreue ihres Mannes, flieht Ruriko aus Tokio und zieht sich in ein einsam gelegenes Landhaus zurück. Sie arbeitet als Kalligrafin und will dort Ruhe finden, um die Transkription der Lebenserinnerungen einer englischen Dame abzuschließen. Bald schon lernt sie ihre neuen Nachbarn kennen. Nitta war früher ein bekannter Pianist und widmet sich nun dem Bau von Cembalos. Dabei geht ihm eine junge Frau namens Kaoru zur Hand, die er als seine Assistentin vorstellt. Von ihr erfährt Ruriko, dass Nitta nicht mehr vermag, in der Gegenwart anderer Klavier zu spielen. Es ist, als wäre sein Herz zu Stein geworden und die Musik zur bloßen Erinnerung … Ruriko und Nitta fühlen sich zueinander hingezogen, und doch spürt die Kalligrafin, dass zwischen ihm und seiner Assistentin unsichtbare Bande bestehen, die stärker sind als das, was Nitta für sie empfindet.

Es fällt mir schwer die richtigen Worte zu finden, um einen Roman wie diesen zu beschreiben. Wie soll ich bloß anfangen in Worte zu fassen, was bei Yoko Ogawa lediglich zwischen den Zeilen steht. Ihre Hauptfiguren entziehen sich der Welt und da wundert es mich nicht, dass sich auch „Zärtliche Klagen“ einer wertenden Beschreibung zu entziehen versucht. Auf leisen Sohlen packt Ruriko ihre Sachen und flieht aufs Land, vor einem Mann der sich ihr schon lange entzogen hat, geflohen in die Arme einer Geliebten, deren Präsenz Ruriko sogar im gemeinsamen Haus zu spüren glaubt. Im Ort ihrer Kindheit trifft sie auf Nitta, der vor seinem eigenen Potenzial geflohen ist, und Kaoru, die, verfolgt von einem Trauma, schon vor Jahren aus ihrem alten Leben schied. Und ich meinerseits flüchte mich zwischen die Seiten ihrer Geschichte, entziehe mich so für ein paar Stunden dem Alltag und seinen Verpflichtungen.

Die „Zärtlichen Klagen“, benannt nach einem Cembalo Stück, das Kaoru im Laufe der Handlung immer wieder erklingen lässt, und welches ich während der Lektüre vergebens aufzutreiben versucht habe, in der Hoffnung es könne sie musisch untermalen, bringen mich zum Träumen. Dieses Oxymoron aus Liebe und Leid fängt das Timbre des Romans auf geschickte Weise ein. Denn die Figuren sind auf ihrer Suche nach Linderung so verzweifelt, dass sie sich aneinder klammern, und mit spitzen Nägeln furchen durch das Fleisch des anderen ziehen, bis Blut fließt. Mit einer eifersüchtigen Leidenschaft, die an Liebeswahn grenzt, stürzt sich Ruriko in eine Affäre mit Nitta, nicht um ihrer selbst Willen scheint es mir, sondern lediglich um den Cembalobauer und seine Assistentin zu entzweien.

Ihre Liebesszenen lassen mich erröten, werden die Körper der Liebenden doch so viel offener zur Schau gestellt als die Gewalt, die im Roman ebenfalls eine feste Größe ist, und deren Bedrohung sich die Figuren nicht entziehen können. Denn so friedvoll der Ort von Rurikos Kindheit auch auf den ersten Blick scheinen mag, so heil seine Welt auf den Betrachter zunächst wirkt, lauert die Eskalation doch in jeder Szene. Denn im krassen Kontrast zu Kaorus Cemballospiel, Nittas Kunsterfertigkeit und Rurikos Leidenschaft steht das ernste Thema, welchem Yoko Ogawa sich in „Zärtliche Klagen“ widmet und mit dem ich mich über meine feministische Lektüre bisher schon gedanklich genähert habe, häusliche Gewalt. Sowohl die Erzählerin als auch die junge Assisstentin des Cembalobauers flüchteten vor Gewalterfahrungen aufs Land, in die Welt des Cembalos.

Verzweifelt versuchen Ruriko und Kaoru ihrem Trauma zu entkommen und tragen es doch unweigerlich im Nacken, wie einen Witwenbuckel. Beide bringen ihre Schatten mit in die Idylle, bis ihre innerliche Spannung sich schließlich Bahn bricht. Der Damm, welcher das Trauma all die Jahre gestaut hat, weist zunächst einen, dann zwei, dann drei Risse auf, bis er durch die Flut der verdrängten Gefühle schließlich birst und die Geschichte in einem blutigen Unfall gipfelt, der auf mich sowohl etwas an den Haaren herbei gezogen, als auch vollkommen unausweichlich wirkt. Ein Erfahrung, die das ungleiche Trio letztlich auseinander treibt, und mich als Leserin, die sich bereits vor Kapiteln in Rurikos Landhaus eingeigelt hat, zutiefst erschüttert. Es erfüllt mich mit einem unguten Gefühl, das einfach nicht weichen will, und so lese ich das, was von der Handlung übrig bleibt, in einer Art Schockstarre.

Die große Stärke dieses Romans, die er sich meiner Erfahrung nach mit der überwiegenden Mehrheit moderner japanischer Prosa teilt, ist die Athmosphäre, die Yoko Ogawa vom ersten Kapitel an aufbaut und die sich mit jeder neuen Seite verdichtet; bis sie mich mit einem Nebel aus feucht, moderigem Moosgeruch und zärtlich, klimpernden Cembaloklängen einhüllt, dessen verführerischer Duft und melodischer Klang mir nach und nach den Sinn für die Realität nimmt. Diese Entrücktheit, die Abkapselung von Raum und Zeit, welche die Hauptfiguren in ihrem grünen Exil erfahren, springt auf mich als Leserin über und ich verliere während der Lektüre jegliches Zeitgefühl. Erst nach Stunden lässt mich beispielsweise mein knurrender Magen aufschrecken und ich hole mir noch etwas benommen einen Joghurt aus dem Kühlschrank, den ich hinunter schlinge. Denn ich will so schnell wie möglich zurück in die Welt der „Zärtlichen Klagen“, mit den Worten der Autorin, in die Welt des Cembalos.

Dort mischen sich teils surreale Szenen – so beobachtet Ruriko zum Beispiel in einer Szene, wie Nitta ein fehlerhaftes Cemballo mit einer Axt zerlegt, als wolle er es hinrichten, während seine Assisstentin stumm neben ihm steht und weint – mit den inneren Monologen der Hauptfigur, die mir dadurch ganz nah scheint, mich aber durch ihre Selbstentfremdung gleichzeitig von sich weg stößt. Was Leserin und Erzählerin entzweit, kommt mir fast wie ein Schutzmechanismus vor; ob Ruriko sich allerdings vor dem eigenen Gewissen, bzw. der Verantwortung für das eigene Handeln schützen will, oder ob gar Yoko Ogawa selbst in die Handlung eingreift, indem sie mich davor beschützt ihren im Kern zerrissenen Figuren zu nah zu kommen, bleibt bis zum Ende ungeklärt. Was ebenfalls offen bleibt, ist ob die Figuren am Ende des Romans den Absprung schaffen, in ein neues weniger konfliktbeladenes Leben, das ich ihnen als Leserin natürlich von Herzen gönnen würde.

Die Welt des Cembalos ist nicht immer wirtlich, manchmal nimmt sie gar albtraumhafte Züge an, nur scheinen sich diese Nachtmahre bei genauerer Betrachtung lediglich im Kopf der Figuren zu tummeln. Kaum dringt Licht in den dunklen Raum verflüchtigen sich die Schatten und die äußere Gefahr verschwindet. Was das Licht den Figuren ebenso wenig nehmen kann wie der Handlung ist die Gefahr, die im Inneren lauert. Die Angst vor der Erinnerung, die langsam die Seele auffrisst; da mögen die sanften Klänge des Cembalos auch noch so tröstlich sein, letztenendes verklingen sie doch – spätestens sobald die Spielerin die Hand des Geliebten ergreift. Yoko Ogawa fängt diese ominöse Zerrissenheit der Figuren und ihre Entfremdung von sich selbst und der urwüchsigen Schönheit, die sie umgibt, ein, wie nur sie es zu können scheint – mehr bleibt mir nicht hinzu zu fügen.

Zärtliche Klagen – Yoko Ogawa – ISBN 978.3.95438.073.2

Für Leserinnen, die…

  • …den Schatten der Vergangenheit zu entfliehen hoffen.
  • …die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verwischen wollen.
  • …(wie ich) der japanischen Erzählweise verfallen sind.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Auch in trüben Zeiten gibt es jeden Tag etwas Gutes oder Schönes, mag es auch noch so unscheinbar sein…

Banana Yoshimoto gehört bei mir alle Jahre wieder schon zur literarischen Routine. Denn seit ich vor ein paar Jahren „Der See“ gelesen habe, lasse ich keine ihrer Neuerscheinungen aus. Deshalb fand auch „Lebensgeister“ kurz nach der Veröffentlichung den Weg in mein Bücherregal; und dort stand es nicht lange, bevor ich es zur Hand nahm und an nur einem Tag verschlang…

51-ww1ygcel-_sx321_bo1204203200_Nach einem schweren Unfall und dem Verlust ihres Geliebten ist Sayoko nicht mehr sie selbst. Sie hat das Zwischenreich der Geister betreten und Geheimnisse der unsichtbaren Welt erfahren. In der Tempelstadt Kyoto lernt sie allmählich das Leben so zu akzeptieren, wie es ist: voller Ungewissheiten und Rätsel, dem Tod immer nahe, ob man jung ist oder alt. Aber sie begreift auch, wie einmalig und geheimnisvoll das Diesseits ist.

Bei der japanischen Schriftstellerin Banana Yoshimoto weiß man als Leserin, was man kriegt. Ihre Bücher gleichen sich in ihrer Erzählstimme, oft ist es die einer jungen Frau auf der Suche nach sich selbst, und in der Magie, die sich wie ein roter Faden durch den Alltag der Hauptfiguren zieht. In den Romanen von Banana Yoshimoto ist der Tod selten das Ende des Lebens und so verhält es sich auch mit ihrem neuen Werk „Lebensgeister“. Hier ist der Tod sogar erst der Anfang der Geschichte, zumindest für die Erzählerin. Diese überlebt nämlich nur knapp einen Autounfall bei dem die Liebe ihres Lebens, ein bildender Künstler aus Kyoto, ums Leben kommt. Detailreich beschreibt Banana Yoshimoto, wie ihre Hauptfigur von einer Eisenstange durchbohrt wird, und erinnert mich dabei etwas an das tragische Schicksal der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo.

Dann jedoch befreit sich Banana Yoshimotos Handlung wie gewohnt von den Fesseln des Realismus, indem ihre Hauptfigur in ein Zwischenreich entschwebt, wo sie ihren verstorbenen Großvater trifft. Diese Begegnung stimmt mich als Leserin schon einmal darauf ein, was mich im Laufe des Romans erwartet; auf philosophische Betrachtungen über das Leben und den Tod, ebenso wie Begegnungen der anderen Art. Doch auch wenn es im Folgenden zwischen den Seiten von „Lebensgeister“ nur so von eben diesen wimmelt, bleibt die Angst vor dem Übernatürlichen, dem Unerklärbaren, die Geistergeschichten normalerweise in mir auslösen, aus. Denn Banana Yoshimoto bettet mich in ihren typischen spannungsarmen Erzählstil wie in Watte und das nächtliche Toben der unruhigen Seelen, die sich im Schlafzimmer der Hauptfigur tummeln, wird so zum Hintergrundgeräusch.

Ein bisschen erinnert mich dieser Roman, sowohl vom Ton als auch vom Schauplatz her, an Banana Yoshimotos vorletzte deutschsprachige Veröffentlichung „Der See“. In beiden Büchern befinden sich die Hauptfiguren größtenteils außerhalb der Großstadt, an Gedenkstätten und in öffentlichen Bädern, die ihr Wasser aus heißen Quellen schöpfen, sogenannten Onsen (google das mal, es sieht traumhaft entspannend aus). Diese Schauplätze entschleunigen die Handlung und transportieren die Leserin in eine andere Welt, in der die Handlung selbst weichgezeichnet scheint. Banana Yoshimoto versteht es dabei nur zu gut diese atmosphärisch beeindruckenden Landschaften zu einem Crescendo aufzuwirbeln, das über die bloßen Worte hinweg alle Sinne der Leserin erreicht. Die Natur selbst wächst über sich hinaus und erhält etwas geisterhaftes, jedoch nie gruseliges oder gar unwirkliches.

Langsam schreitet die Handlung voran, scheint zu schlafwandeln, während die Hauptfigur sich nicht zu lösen weiß, von der geisterhaften Präsenz ihres Liebhabers und dessen künstlerischen Erbe. Sie ist dabei nicht die einzige, die mit der Nachwelt, einer Zwischenwelt der Seelen, in ständigem Kontakt steht. Auf ihrer Reise ans Ende der Geschichte, an den Punkt an dem sie endlich genügend Kraft gesammelt hat um loszulassen, trifft sie Trauernde und Träumer, allesamt einsame Herzen, die geliebte Menschen verloren haben. In ihrem Roman „Lebensgeister“ macht Banana Yoshimoto dieses schwammige, nur schwer vermittelbare Phänomen der Trauer für ihre Leserinnen greifbar. Und manch eine mag sich wiedererkennen in dieser Welt voller Geister. Denn wer trauert sieht sie überall, an den Orten die man mit vergangenen Menschen geteilt hat, sowie in schier unerträglichen Momenten der Stille.

Insgesamt bleibt Banana Yoshimoto sich und ihrem charakteristischen Stil in ihrem neuen Roman auf ganzer Linie treu, was Freunde dieser Autorin freuen wird. Für mich persönlich gehört diese Spannungsarmut der Handlung zwar immernoch zu den Kritikpunkten, von der Lektüre der Romane der Autorin würde mich dieses Manko jedoch nie abhalten. Denn Banana Yoshimoto hat einiges zu erzählen über das Leben, das Lieben und oft auch über das Sterben, so zum Beispiel wieder in „Lebensgeister“. Ihre Ausführungen dienen mir persönlich als Denkanstöße und so philosophiere ich auch nach der Lektüre noch etwas weiter, und das nicht nur über das Ende des (jeweiligen) Romans. Insofern gehört die philosophische Fortbildung und Formung der Leserin zu den wiederkehrenden Merkmalen der Geschichten von Ausnahmetalent Banana Yoshimoto, diese eingeschlossen.

Lebensgeister – Banana Yoshimoto – ISBN 978.3.257.30042.0

Für Leserinnen, die…

  • …einen geliebten Menschen verloren haben.
  • …eine literarische Japanreise planen.
  • …das magische im Alltag entdecken wollen.

Literarische Nachbarinnen…

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(#02/2016) Aller guten Bücher sind 3…!

Dieser Beitrag hing lange in meiner Warteschleife fest, einfach deshalb, weil ich nicht genau wusste, wie ich ihn einleiten soll. Nun fasse ich mir aber einfach mal ein Herz und schreibe ein paar Zeilen zu ein paar Büchern, die ich zugegebenermaßen schon im Frühling diesen Jahres gelesen habe – wie das manchmal so ist, wenn Buchblogger (ungeplante) Sommerpausen einlegen. Meine Eindrücke zur jeweiligen Lektüre haben allerdings nach wie vor Gültigkeit…

Für Naturforscher…

519t8qwrt-L._SX303_BO1,204,203,200_Die schönsten Dinge von Toni Jordan… Sie ist klug, attraktiv und engagiert – Ella Canfield scheint Wissenschaftlerin mit Leib und Seele zu sein. Als Evolutionsbiologin forscht sie über ausgestorbene Tiere wie den Tasmanischen Tiger. Ella weiß, was sie will – undhat endlich den idealen Geldgeber für ihr Projekt gefunden: Daniel Metcalf, den gutaussehenden und schwerreichen Vorsitzenden der Metcalf-Stiftung. Daniel interessiert sich brennend für Unternehmungen wie das von Ella. Bedauerlicherweise gibt es zwei Haken an der Sache. Haken Nummer eins: Dr. Ella Canfield heißt in Wirklichkeit Della Gilmore und ist gar keine Wissenschaftlerin. Haken Nummer zwei: Della Gilmore ist zwar ausgesprochen klug, aber nicht klug genug, um der trügerischen Anziehungskraft von Daniel Metcalf zu widerstehen.

Wie schon in „Tausend kleine Schritte“ liefert Toni Jordan auch in „Die schönsten Dinge“ eine originelle Liebesgeschichte ab, die mal humorvoll, mal spannend und dann auf einmal unerwartet erotisch daher kommt. „Die schönsten Dinge“ ist auf jeden Fall eher ein Buch für unbeschwerte Gemüter, denn ernsthaft mit Hochstaplern und Kriminalität und Bandenmentalitäten innerhalb einer Großfamilie auseinandersetzen tut sich Toni Jordan nicht. Auch wenn Della und ihre Familie in einem fort Leuten Geld abluchsen wird diese Art von Aktivität, die Della sogar als ihren Beruf bezeichnet, zwischen den Seiten dieser Lektüre eher verharmlost. Stattdessen geht es um eine junge Frau, die sich selbst auf die Probe stellt und dadurch besser kennen lernt, die sich Hals über Kopf verliebt habt und nun ihr Leben und ihre Zukunftspläne in Frage stellt.

„Die schönsten Dinge“ ist ein humorvoller Wohlfühlroman mit einer Prise Erotik. Della ist eine Hauptfigur und Erzählerin, die mir als Leserin sofort sympathisch ist, auch wenn sie und die anderen Figuren manchmal etwas klischeehaft sind und auch so handeln. Natürlich ist von Anfang an klar, dass Della und Daniel sich verlieben werden, doch der Weg dahin hält reichlich Stolperfallen für die beiden bereit und so langweilt man sich als Leserin auch nie, selbst wenn man das Ende in seinen Grundzügen schon voraus sagen kann. Was mehr gibt es noch zu sagen, als „Die schönsten Dinge“ ist die Art Schmöker, die man mehr als einmal lesen kann und das sagt, zumindest in meinem Fall, schon alles.

Am besten kombiniert…

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Für Zweifler…

51zojbrQp4L._SX334_BO1,204,203,200_Und dennoch ist es Liebe von Jodi Picoult… Als Page den Medizinstudenten Nicholas kennenlernt, ist es die ganz große Liebe. Die junge Frau fühlt sich endlich angenommen und die Beziehung zu Nicholas gibt Page die nötige Geborgenheit. Ihre Mutter hatte sie im Alter von fünf Jahren verlassen, was eine tiefe Verletzung hinterließ. Die Geburt ihres Sohnes weckt in Page jedoch die alten Ängste: Kann sie überhaupt eine gute Mutter sein? Sie fühlt sich gezwungen, ihre eigenen Wünsche komplett zurückzustellen. Emotional und physisch völlig erschöpft und unfähig, sich ihrem Mann mitzuteilen, verlässt sie schließlich ihn und das Baby, um nach ihrer Mutter zu suchen, in der Hoffnung, bei ihr die Antworten auf ihr Leben zu finden.

In „Und dennoch ist es Liebe“ beschreibt Jodi Picoult das Schicksal vieler junger amerikanischer Paare, die es alle anfangs anders hatten machen wollen. Alle wollten sie warten mit dem Kinderkriegen, bis beide beruflich Fuß gefasst haben. Alle wollten sie sich die Kleinkindpflege und die Haushaltsführung teilen. In der Praxis geht alles aber oft sehr schnell und bleibt an der Frau hängen, im Fall dieser Geschichte an Page, die eigentlich zu mehr im Stande wäre als ihr Leben mit Windeln wechseln und Fläschchen wärmen zu verbringen. Und als wäre das noch nicht alles muss sie sich am Ende des Tages auch noch von einem Mann kritisieren lassen, der ihren von der Schwangerschaft veränderten Körper allem Anschein nach nicht einmal mehr begehrt. Jedes Mal wenn Baby Max schreit und sich nicht beruhigen lässt, jedes Mal wenn Nicholas nach einem langen Arbeitstag in ein unaufgeräumtes Haus tritt, fühl Page sich so als hätte sie als Mutter und als Ehefrau versagt.

Insgesamt ist „Und dennoch ist es Liebe“ ein typischer Picoult-Roman. Die Geschichte wird aus mehr als einer Perspektive erzählt und es gilt Schwierigkeiten zu überwinden, die die Figuren zu brechen drohen – letztlich endet alles aber gewohnt versöhnlich, trotz der Achterbahnfahrt zwischen dem ersten und dem letzten Kapitel. Man könnte Jodi Picoult vorhersehbar nennen, denn in der Art und Weise wie sie ihre Romane konzipiert ist sie das auch, doch ich persönlich fühle mich in dieser Vorhersehbarkeit der Handlung, auch im Fall von „Und dennoch ist es Liebe“, wieder einmal wunderbar aufgehoben, ja nahezu geborgen. „Und dennoch ist es Liebe“ ist zwar nicht der beste Roman der Autorin, zumindest wenn man mich fragt, doch bietet er seiner Leserin Unterhaltung, Spannung und ein abschließendes Wohlgefühl in einem – und das macht die Lektüre in meinen Augen mehr als lohnenswert.

Am besten kombiniert mit…

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Für Neuanfänger…

51IOPm1zqML._SX314_BO1,204,203,200_Allmählich wird es Tag von Franka Potente… In einem der besseren Viertel von Los Angeles lebt Tim Wilkins, 49, Investmentbanker. Tim ist am Tiefpunkt seines bisherigen Lebens angekommen, denn er hat soeben seinen Job und seine Ehefrau Liz verloren. Nachdem seine Wut und seine Rachegedanken verraucht sind und er mithilfe von Whiskey und der sexuell recht offenen Nachbarin Aida Selbstmitleid und Ratlosigkeit überwunden hat, beginnt Tim nachzudenken: Warum ist seine Ehe zerbrochen? Wie soll es weitergehen?

Franka Potente schreibt wie ein Mann. Und wenn eine solche Aussage von mir, die ich mich nach langem hin und her dazu entschieden habe (größtenteils) nur noch Bücher von Frauen zu lesen, ist das leider kein Kompliment. „Allmählich wird es Tag“ fehlt das Herzblut, das was mir als Leserin das Gefühl gibt etwas für mich persönlich notwendiges zu tun, jedes Mal wenn ich das Buch aufschlage oder eine Seite umblättere. Stattdessen gibt mir das Romandebüt von Franka Potente das Gefühl meine Zeit ein wenig zu verschwenden. Warum lese ich das eigentlich, ist mein häufigster Gedanke, gleich nach, von einer SchriftstellerIN hätte ich mehr Tiefe erwartet. Nicht dass Frauen keine Pappmaché Figuren schreiben, das wäre eine unhaltbare Behauptung, nur tappen sie meiner Leseerfahrung nach nicht so oft in die literarischen Klischeefallen in die sich SchriftstellER verirren.

Ich würde „Allmählich wird es Tag“ niemandem empfehlen, der nicht deckungsgleich ist mit Franka Potentes Hauptfigur – also ein Mann mittleren Alters, der gerade von seiner Frau verlassen wurde. Ein solcher Leser dürfte sich zwischen den Seiten wie zu Hause fühlen, sofern er keine großen Ansprüche an seine Lektüre hegt was Figurenzeichnung und Handlungsentwicklung angeht. Insofern gilt meiner Einschätzung nach im Fall der Schauspielerin Franka Potente das alte Sprichwort „Schuster bleib bei deinen Leisten“. Denn das was sie hier zu Papier gebracht hat ist zwar kein literarischer Totalschaden, allerhöchstens ist es aber als mittelmäßig einzustufen, Unterhaltungsliteratur für den frustrierten (Haus)Mann – zu mehr taugt „Allmählich wird es Tag“ meines Erachtens leider nicht.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) #regretting motherhood: Wenn Mütter bereuen von Orna Donath

Orna Donath, geboren 1976, erforscht als Soziologin an der Ben-Gurion-Universität des Negev in Be‘er Sheva gesellschaftliche Erwartungen, die an Frauen, Mütter wie Nichtmütter, gestellt werden. Nach der Studie „Making a Choice“ über jüdische Frauen in Israel, die sich gegen Kinder entscheiden (2011), ist „Regretting Motherhood“ ihre erste internationale Buchveröffentlichung. Über ihre wissenschaftliche Arbeit hinaus engagiert sie sich ehrenamtlich für das Hasharon’s Rape Crisis Center in Raanana. (Quelle: randomhouse.de)

41sZQUkJxKL._SX312_BO1,204,203,200_„Regretting Motherhood“ thematisiert, was bisher kaum ausgesprochen wird: Dass viele Frauen in der Mutterschaft nicht die „vorgeschriebene“ Erfüllung finden. Dass sie ihre Kinder lieben und trotzdem nicht Mutter sein wollen. In ihrem bahnbrechenden Buch analysiert die engagierte Soziologin Orna Donath die Dimension des Tabus und lässt Mütter selbst von ihren Erfahrungen berichten.

Die Studie, die diesem Buch zugrunde liegt sorgte auf der ganzen Welt, und besonders in Deutschland, für Aufruhr. Was dabei vor allem zu hören war, war die Wut anderer auf Mütter, die bereuen, Mütter, die angeblich selbstsüchtig und faul sind und ihren Kindern nur Schaden, indem sie sie weg wünschen. Ich persönlich habe zum ersten Mal von der Debatte in der EMMA gehört, in der den Stimmen der bereuenden Müttern ein wenig mehr Raum gegeben wurde, als in der Tagespresse. Nachdem ich nun auch noch das Buch der Autorin der Studie gelesen habe, stellt sich die Situation für die israelischen Mütter, die an der Studie teilgenommen haben um einiges vielschichtiger und komplexer dar.

Was in der deutschen Presse weitgehend untergegangen ist, ist der Kontext in dem die Studie über Reuegefühle bei Müttern durchgeführt wurde. Israel ist zwar genauso wie Deutschland ein modernes, bzw. westlich geprägtes Land, doch kann man die beiden Länder trotzdem nicht in allem miteinander gleich setzen. #regretting motherhood zeichnet ein ausführliches Bild der soziokulturellen Verhältnisse im Land der Autorin und macht so vor allem deutlich unter was für einem Druck junge israelische Frauen stehen zu heiraten und kurz darauf viele Kinder zu bekommen. Nach der Geburt wird die Identität der Mutter nicht nur von ihrem Neugeborenen in Beschlag genommen, sondern regelrecht von diesem absorbiert – hier wiederum ähneln sich Deutschland und Israel dann doch ein wenig.

Die von Orna Donath interviewten Mütter gehören allen Altersgruppen und Bevölkerungsschichten an, haben ein Kind oder mehrere, erziehen alleine, mit dem Partner oder in Teilzeit, manche sind sogar schon Großmütter – und trotzdem bereuen sie. Denn es sind nicht die Kinder, die von ihren Mütter bereut oder weg gewünscht werden. Das wird mir im Laufe der Lektüre klar, bzw. wird dies auch so von einigen der Mütter dargelegt. Es ist die Mutterschaft an sich, die alles überschattende Verantwortung für ein anderes Leben und die kulturellen Erwartungen , die damit einhergehen. Es ist der nahezu vollständige Verlust der kinderlosen Identität mit dem immer nur die Mütter, so die Autorin, aber nie die Väter zu kämpfen haben, und das in allen Kulturen.

Der Konflikt, der hier entsteht, hat das Potenzial eine Familie zu entzweien und bereuende Mütter von ihren eigenen Kindern zu entfremden. Einige gestehen Autorin Orna Donath, dass sie ihre eigenen Töchter am liebsten warnen würden, davor Kinder zu kriegen, es jedoch nicht tun. Denn das würde heißen die eigene Reue einzugestehen und seinem Kind das Gefühl zu geben nicht gewollt, vielleicht nicht einmal geliebt zu sein. Andere Studienteilnehmerinnen wiederum gehen vollkommen offen mit ihrer Reue um, beeindruckend einerseits aber auch etwas verstörend, wenn man bedenkt, dass die Kinder mit den ambivalenten Gefühlen ihrer Mutter aufwachsen und zurecht kommen müssen, was sicher spätestens mit dem Eintritt der Pubertät Konflikte heraufbeschwören wird.

Alles in allem ist #regretting motherhood die kommentierte, für nicht Akademiker zugänglich gemachte, Langversion der Originalstudie und somit für geneigte Leserinnen, die eventuell schon den Twitter Hashtag mitverfolgt haben, durchaus interessant. Darüber hinaus enthält das Buch nicht viel verwertbares, Donaths Aufruf nach mehr Toleranz gegenüber der bereuenden Mutter fällt etwas verhalten aus. Denn sie setzt ihre Studie nicht in den geschichtlichen Kontext, stellt keine Nachforschungen darüber an warum scheinbar die ganze Welt diesen entmenschlichenden Mütterkult betreibt und was das für die Gleichstellung von Mann und Frau bedeutet, nicht nur vorm Gesetz sondern auch im Alltag. Insofern ist #regretting motherhood zwar informativ aber nur eingeschränkt empfehlenswert.

#regretting motherhood: Wenn Mütter bereuen – Orna Donath – ISBN 978.3.813.50719.5

Für Leserinnen, die…

  • …die Twitter Hashtag Debatte verfolgt haben.
  • …sich unangenehmen Realitäten stellen wollen.
  • …ihre Mutterschaft bereuen, aber nicht die Kinder.

Am besten kombiniert mit…

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(Stella Prize 2016) The Other Side of the World von Stephanie Bishop

Nachdem mein Eindruck von „A Guide to Berlin“ von Gail Jones eher von gemischten Gefühlen geprägt war, habe ich in „The Other Side of the World“ einen echten Shortlist Kandidaten gefunden. Am 10. März ist es soweit, mal sehen, ob ich recht behalte…

41bzG63CKHL._SX313_BO1,204,203,200_Cambridge 1963. Charlotte struggles to reconnect with the woman she was before children, and to find the time and energy to paint. Her husband, Henry, cannot face the thought of another English winter. A brochure slipped through the letterbox gives him the answer: ‚Australia brings out the best in you‘. Charlotte is too worn out to resist, and before she knows it is travelling to the other side of the world. But on their arrival in Perth, the southern sun shines a harsh light on both Henry and Charlotte and slowly reveals that their new life is not the answer either was hoping for. Charlotte is left wondering if there is anywhere she belongs, and how far she’ll go to find her way home.

Mein zweites Buch von der Longlist des „Stella Prize“ 2016 ist ganz anders als das erste. Zunächst einmal spielt es Mitte der sechziger und zwar in Cambridge, England und Perth, Australien. An der Seite einer der Hauptfiguren unternimmt diese Leserin gegen Ende des Buchs ebenfalls einen kleinen Abstecher nach Indien, jedoch ergibt sich dieser aus der Handlung und ist mit Blick auf das große Ganze des Romans nicht unbedingt der Rede wert. Denn in „The Other Side of the World“ kontrastiert Autorin Stephanie Bishop, am Beispiel einer jungen Familie, vor allem das grüne, regnerische England mit dem wetterverwöhnten, hitzewelligen Australien, ohne ihrer Leserin dabei klar vorzugeben, welches Übel in diesem Fall nun das Geringere ist.

Denn auch das in „The Other Side of the World“ portraitierte Ehepaar ist sich da letztlich uneins. Während die gebürtige Britin Charlotte im trockenen, insektenreichen Perth fast vergeht – wenn nicht sogar zergeht, wie ein Stück Butter in einer heißen Pfanne – sehnt sich ihr Ehemann Henry nach Indien zurück, dem Land seiner frühen Kindheit. Da das britisch geführte Indien seit Ende der vierziger Jahre nicht mehr existiert, muss Australien für ihn als Platzhalter und Projektionsfläche herhalten. Hier plant er seinen zwei Töchtern die Chancen zu bieten, die seine Eltern ihm boten als sie ihn kurz vor der indischen Unabhängigkeit als „Indo-Briten“ nach England schickten. Charlotte allerdings ist nicht begeistert von der Idee und stimmt einer Übersiedelung nur widerwillig zu.

Dieser Widerwille Charlottes gegen das neue Land wird auch in den Naturbeschreibungen der Autorin wiedergespiegelt. In Australien ist alles trocken, rau und karg, der Schweiß rinnt der jungen Mutter wie Wasser aus den Poren, ihre Gartenarbeit verdorrt innerhalb des Tages an dem sie gepflanzt wurde und kleine schwarze Fliegen nisten im Mund ihrer ältesten Tochter, da ist die junge Familie kaum eine Stunde vom Schiff runter. Cambridge dagegen wirkt einladend und fruchtbar, wenn auch etwas regnerisch und feucht – wie man das von England gemeinhin kennt. Die Schauplätze des Buchs heben sich klar voneinander ab, Charlottes Einstellung zu ihren Aufgaben als Mutter ist jedoch dieselbe, unabhängig vom Wetter. Sie fühlt sich überfordert, erdrückt und vollkommen ausgelaugt.

Insofern schneidet Stephanie Bishop in ihrem Roman ein unbequemes und dennoch bewegendes Thema an, die Entfremdung einer Mutter von ihren Kindern. Im Fall von Charlotte tritt dies ganz allmählich ein, es schleicht sich in ihr bisher überaus glückliches Leben, verborgen im Schatten der Erschöpfung einer jungen Mutter, in einer Zeit in der Mütter noch für alle kindlichen Belange unmittelbar zuständig waren. Der Umzug nach Australien und die krasse Veränderung ihrer äußeren Umstände gibt Charlotte schließlich den Rest, sie will wieder nach Hause am besten sofort. Doch ihren nach wie vor hoffnungsvollen Mann davon zu überzeugen zurück zu kehren scheint nahezu unmöglich. Das Dilemma in dem sich Charlotte, und schließlich auch Henry, befindet spiegelt die Gefühlswelt vieler Auswanderer wieder – eine Mischung aus (enttäuschter) Hoffnung und maßloser Erschöpfung.

Insgesamt fügen sich die beiden Themenbereiche Mutterschaft und Auswanderertum zwischen den Seiten von „The Other Side of the World“ zu einem komplexem Familienportrait zusammen. Stephanie Bishop traut sich in ihrem Roman auch unbequeme Aspekte im Leben ihrer Figuren anzusprechen, traut sich überhaupt zu zeigen, wie schwer es ist fernab der Heimat Fuß zu fassen, und dass wenn überhaupt erst die zweite Generation so richtig angekommen ist. Diese Erkenntnis macht die Lektüre manchmal etwas stachelig, schließlich fühlt man als Leserin mit den Figuren mit und hofft darauf, dass sie es schaffen glücklich zu werden. Letztlich ist mir der schonungslose Realismus von „The Other Side of the World“ dann aber doch lieber als ein Happy End, auch wenn es mir als von dieser Geschichte ergriffene Leserin für die Hauptfiguren Charlotte und Henry, schon etwas Leid tut.

The Other Side of the World – Stephanie Bishop – ISBN 978.1.472.23061.4

Für Leserinnen, die…

  • …schon einmal daran gedacht haben auszuwandern.
  • …(komplizierte) Familiengeschichten mögen.
  • …einen gut gezeichneten Schauplatz zu schätzen wissen.

Am besten kombiniert mit…

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(Stella Prize 2016) A Guide to Berlin von Gail Jones

Gail Jones ist gebürtige Westaustralierin. „Sixty Lights“ erschien 2004 und war für den „Man Booker Prize“ nominiert. Bereits ihr erster Roman, „Black Mirror“, wurde vielfach ausgezeichnet. Gail Jones unterrichtet Englisch, Kommunikation und Kulturwissenschaft an der University of Western Australia. (Quelle: dtv online)

51++x8PVtmL._SX317_BO1,204,203,200_We travel to find ourselves; to run away from ourselves. ‚A Guide to Berlin‘ is the name of a short story written by Vladimir Nabokov in 1925, when he was a young man of 26, living in Berlin. A group of six international travellers, two Italians, two Japanese, an American and an Australian, meet in empty apartments in Berlin to share stories and memories. Each is enthralled in some way by the work of Vladimir Nabokov, and each is finding their way in deep winter in a haunted city. A moment of devastating violence shatters the group, and changes the direction of everyone’s story. Brave and brilliant, a Guide to Berlin traces the strength and fragility of our connections through biographies and secrets.

Das erste Buch meines Stella Prize 2016 Projektes ist gelesen und ich muss sagen, es war schon mal ein guter Anfang. Gail Jones erzählt die Geschichte eines Nabokov Buchclubs besehend aus sechs Berliner Expats. Abgesehen von Hauptfigur Cass, die Mitte zwanzig ist und wie Gail Jones selbst aus Australien kommt, sind da noch der amerikanische Victor, ein japanisches Liebespaar, namentlich Mitsuko und Yukio, und zwei italienische Jugendfreunde, Marco und Gino. Zusammen gründen sie den besagten Buchclub, der sich alle zwei Wochen in einer leerstehenden Berliner Wohnung trifft. Bevor sie jedoch über Nabokovs Werk diskutieren, erzählen die sechs sich unter dem Titel „speakmemory“ erst einmal ihre jeweiligen Lebensgeschichten und sind anschließend nahezu erschüttert davon, welche biografischen Parallelen zwischen ihnen bestehen.

Abgesehen von den Kapiteln, die sich den „speakmemories“ widmen folgt die Leserin Cass durch die Straßen Berlins, am liebsten mit der U- oder S-Bahn. An der Seite der jungen Australierin streift diese Leserin durch die winterlich verschneiten Straßen der Hauptstadt, in der ich bisher nur ein einziges Mal war und das ist lange her. Doch beschreibt Gail Jones die urbanen Schauplätze mit viel Detail und vergisst darüber auch nie die emotionale Ebene, welche in der Regel über den geschichtlichen Bezug erreicht wird, den man in einer Stadt wie Berlin an jeder Ecke findet. Dabei erdrückt mich die Autorin aber nicht mit Handlung, sie lässt der Geschichte viel mehr Zeit sich ganz von alleine zu entfalten und sich zu einem Crescendo hochzuschaukeln, von dem dieser Leserin auch ein paar Tage nach der Lektüre noch ein wenig die Ohren klingeln – ohne an dieser Stelle zu viel verraten zu wollen.

Die „speakmemories“ durchbrechen die Handlung in regelmäßigen Abständen, jedes Mal wenn sich der Expat-Buchclub bei Wein und japanischen Leckereien trifft. In diesen Momenten der Erzählung erfährt die Leserin mehr über die Nebenfiguren des Romans und zwar aus deren ureigener Perspektive – wobei ich als Leserin schnell merke, dass nicht alle Figuren so frei von sich berichten, bzw. den anderen Mitgliedern des Buchclubs ihre Lebensgeschichte enthüllen, wie es anfangs den Anschein nahm. Es sind diese Geheimnisse, die sich am Ende zu einer Katastrophe verdichten, welche die Figuren, ihre Beziehungen untereinander und ihre Erinnerungen an ihre Zeit in Berlin für immer verändern und gedanklich verdunkeln werden. Trotz der ausführlichen Charakterisierung, komplett mit Vorgeschichte, welche die Figuren in ihren „speakmemories“ erfahren, bleiben sie in meinen Augen doch oft etwas farblos. Lediglich Hauptfigur Cass lässt mich an sich heran, bzw. durchgehend und ungeschönt an ihren Gedanken teilhaben.

Obwohl dieser Roman nach einer Kurzgeschichte von Vladimir Nabokov benannt wurde, hat er im Grunde eher wenig damit zu tun. Es wird ab und zu Bezug darauf genommen, beispielsweise wenn Cass und Victor das Berliner Aquarium besuchen, auf der Suche nach einer Schildkröte, die schon Vladimir Nabokov Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts dort gesehen haben soll. Ansonsten konzentriert sich Gail Jones jedoch auf das Hier und Jetzt, bzw. die unmittelbare Realität ihrer Figuren und die Bindungen die sich mit der Zeit zwischen ihnen entwickeln; im Besonderen die Freundschaft von Cass und Victor, ebenso wie die kleine Liebelei, die sich zwischen Cass und Marco entwickelt. Auch wenn der Roman um einiges seitenstärker sein dürfte als die Geschichte, die ihm den Titel gab, bietet er seiner jeweiligen Leserin im Grunde nicht viel mehr, zumindest nicht wenn es um die Vielfalt der Handlung geht. Das dicke Ende kommt leider etwas (zu) spät und in den Kapiteln davor tritt die Geschichte größtenteils auf der Stelle.

Insgesamt ist „A Guide to Berlin“ ein ansprechend geschriebener Roman, der jedoch zu sehr darauf vertraut, dass interessante Figuren seine Leserin schon bei der Stange halten dürften. In gewisser Weise zahlt sich dieses Vertrauen auch aus, nur bleibt bei mir eben noch ein kleiner Rest Unzufriedenheit – oder vielleicht ist es literarische Rastlosigkeit? – zurück. Denn Gail Jones zeichnet lange nicht jede Figur so farbenfroh wie Cass, und so bleiben sie mir trotz des Seelenstriptease, der in den „speakmemories“ stattfindet, größtenteils fremd und wirken konsequenterweise auch etwas unwirklich. Der literarische Paukenschlag mit dem die Autorin ihre Geschichte beendet kommt nicht nur zu spät, um der Handlung an sich dampf zu machen, sondern wirkt er auf mich als Leserin auch etwas forciert. Im Grunde ist „A Guide to Berlin“ ein gelungenes Buch, nur fehlt mir persönlich das gewisse Etwas, damit es sich von der Masse an literarischen Veröffentlichungen abhebt, bzw. sich im Vergleich mit seinen Konkurrenten um den „Stella Prize“ hervortut.

A Guide to Berlin – Gail Jones – ISBN 978.1.846.55997.6

Für Leserinnen, die…

  • …das Werk von Vladimir Nabokov kennen.
  • …gerne S-, bzw. U-Bahn fahren.
  • …sich ein bisschen in Berlin auskennen.

Am besten kombiniert mit…

130_0370_163592_xxl51nNp7AbAmL._SX311_BO1,204,203,200_Download (12)lolita_lesen_in_teheran-9783442154821_xxl

(Backlist) Nackt Schwimmen von Carla Guelfenbein

Für eine gute Geschichte bin ich als Leserin immer zu haben und so zog es mich ein paar Monate nach der Lektüre von „Das Gift“ erneut nach Südamerika, genauer gesagt nach Chile…

51o4GnzYuVL._SX304_BO1,204,203,200_Morgana und Sophie verbindet eine innige Freundschaft, bis Sophie von der Liebe zwischen ihrem Vater Diego und Morgana erfährt. Diese Liebe ihrerseits wird von dem Putsch des Militärs auf die Probe gestellt, und die Ereignisse überstürzen sich: Begegnungen an ständig wechselnden Verstecken, eine Schwangerschaft, ein geplatzter Fluchtversuch. Jahrzehnte später folgt Sophie einer leisen Ahnung auf Versöhnung und versucht, das Schweigen über die damaligen Geschehnisse zu brechen.

Dieses Buch habe ich zugegebenermaßen schon vor einer ganzen Weile gelesen und es bisher allerdings nicht so richtig fertig gebracht auch etwas dazu zu schreiben. Woran das genau liegt weiß ich selbst nicht, denn „Nackt Schwimmen“ hat mich gut unterhalten, besser sogar als manch anderes Buch, zu dem mir die Worte wahrscheinlich nur so zuflogen. Es lässt jedoch den Tiefgang eines Allende Romans vermissen und ist demnach wohl nicht eines der Bücher, zu denen ich viel zu sagen, bzw. zu schreiben habe. Ich werde an dieser Stelle jedoch versuchen ihm nichts desto trotz gerecht zu werden, gönne ich „Nackt Schwimmen“ und seiner Autorin Carla Guelfenbein doch viele weitere Leserinnen.

Die Leserin lernt Sophie und ihre beste Freundin Morgana kennen, als sie zusammen ein nächtliches Bad in einem fremden Swimmingpool nehmen. Das ungleiche Paar lebt im selben Apartmenthaus, wo die verschlossene obwohl scheinbar hochbegabte Sophie eine Wohnung mit ihrem politisch engagierten Vater Diego teilt. Zunächst hat Sophie ihre etwas ältere Freundin Morgana ganz für sich alleine, teilt mit ihr Ängste und Sehnsüchte und kuschelt sich des nachts, wenn sie mal wieder nicht schlafen kann, an sie. Doch dann begegnen sich Morgana und Diego und eine Leidenschaft entbrennt, die beide trotz ihrer anfänglichen Angst Sophie mit ihrer Beziehung zu kränken nicht verleugnen können.

Diese Dreiecksgeschichte wird der Leserin in zwei Teilen präsentiert, wobei der erste Teil den Löwenanteil des Romans einnimmt. Der erste Teil spielt in Chile und erzählt davon, wie sich Diego und Morgana kennen und lieben lernen. Zunächst halten sie ihre Beziehung noch geheim, um die fragile Psyche von Diegos Tochter Sophie nicht zu belasten. Doch bald schon wird Morgana schwanger und das Paar beschließt ihre Liebe offen und gegen alle Widerstände zu leben. Wie erwartet kann Sophie damit eher schlecht als recht umgehen, bricht den Kontakt zum Vater ab und flieht zu ihrer Mutter nach Paris. Im zweiten Teil, der in Spanien spielt, versucht eine gealterte Sophie die Brücke zur Familie ihres Vaters wieder aufzubauen, die sie vor so vielen Jahren und scheinbar aus verletzter Eitelkeit heraus in Brand setzte.

Im Hintergrund dieses Liebeschaos tobt der Militärputsch, den schon Isabel Allende in ihrem Roman „Das Geisterhaus“ thematisierte. Anders als Allende konzentriert sich Carla Guelfenbein jedoch auf ihre Figuren und deren Gefühlsleben, die politischen Umwälzungen betreffen die Handlung zwar direkt, wirken aber dennoch etwas farblos im Vergleich zur Affäre zwischen dem alternden Diego und der jungen Morgana. Im zweiten Teil der Geschichte spielt Politik auch schon wieder keine Rolle mehr und demnach erscheint mir dieser Roman, obwohl er relativ seitenstark ist, doch etwas oberflächlich. Das gute daran ist jedoch, dass er der Brutalität entbehrt, die mich während der Lektüre von „Das Geisterhaus“ meine Nägel in die Armlehnen meines Lesesessels hat bohren lassen.

Insgesamt ist „Nackt Schwimmen“ eine wunderbar unterhaltsame Lektüre mit einer sowohl spannenden als auch anrührenden Geschichte. Die Figuren sind nicht immer voll ausgereift, besonders die melancholische Sophie bleibt etwas farblos, Carla Guelfenbein hat ganz klar woanders Prioritäten gesetzt. Trotzdem ist „Nackt Schwimmen“ eines dieser Bücher, die ich mit einem wohligen Gefühl aus der Hand gelegt habe, und das trotz seines oft ernsten, bzw. aufreibenden Inhaltes. Denn Carla Guelfenbein lässt mich für ein paar Momente den Alltag vergessen, nach Chile und in der Zeit zurück reisen, um dort den Lauf der Geschichte zu erleben, am Beispiel eines ungleichen Liebespaares, dem ich während der Lektüre wider besseren Wissens ein Happy End wünsche.

Nackt Schwimmen – Carla Guelfenbein – ISBN 978.3.100.27826.5

Für Leserinnen, die…

  • …sich für chilenische Geschichte interessieren.
  • …Frauenfreundschaften einen besonderen Wert beimessen.
  • …schon einmal kopflos verliebt waren.

Am besten kombiniert mit…

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(Sachbuch) The Fictional Woman von Tara Moss

Zum ersten Mal sah ich Tara Moss auf YouTube, wo sie zusammen mit anderen englischsprachigen Feministinnen die Frage „How to be a feminist?“ erörterte. Im nächsten Schritt kam ich dann zu ihrem Buch…

Download (4)Tara Moss has worn many labels in her time, including author, model, gold-digger, commentator, inspiration, dumb blonde, feminist, and mother, among many others. Now, in her first work of nonfiction, she blends memoir and social analysis to examine the common fictions about women. She traces key moments in her life – from small-town tomboy in Canada, to international fashion model in the ’90s, to best-selling author taking a polygraph test in 2002 to prove she writes her own work – and weaves her own experiences into a broader look at everyday sexism and issues surrounding the underrepresentation of women, modern motherhood, body image, and the portrayal of women in politics, entertainment, advertising, and the media. Deeply personal and revealing, this is more than just Tara Moss’s own story. At once insightful, challenging, and entertaining, she asks how we can change the old fictions, one woman at a time.

Vor der Lektüre dieses Buchs war mir die kanadisch-australische Autorin Tara Moss zugegebenermaßen kein Begriff. Ihre Spezialität sind spannende, oft sehr blutige, Thriller und um diese Art von Roman mache ich seit langem einen großen Bogen. Trotzdem glaube ich der Autorin, wenn sie von sich behauptet zumindest in Australien literarisch eine große Nummer zu sein. Auch im australischen Fernsehen ist sie zu sehen, Tara Moss ist also quasi ein All-Round-Talent oder zumindest eine vielfältig engagierte Medienpersönlichkeit. Ihre Erinnerungen an den Anfang ihrer Karriere als minderjähriges Fotomodell, die nach und nach zu einer Abrechnung mit der Boulevardpresse werden, lesen sich mal wie ein „who-is-who?“ der australischen B-Prominenz und dann wieder wie ein feministisches Pamphlet. Dementsprechend schwankt meine Einschätzung der Lektüre hin und her und her und hin bis ich schließlich drohe seekrank zu werden.

Alles, bzw. das Buch, fängt mit einem Lügendetektortest an. Den macht Autorin Tara Moss für ein australisches Magazin, um so ein für allemal zu beweisen das sie und nicht etwa ihr Ehemann ihre bisherigen Bestseller geschrieben hat. Ohne hier die Lektüre vorweg nehmen zu wollen, Tara Moss hat ihre Bücher natürlich alle selbst geschrieben, warum auch nicht. Doch die mittlerweile vierzig-Jährige Frau hat es immer wieder schwer ihre Glaubwürdigkeit zu verteidigen, besonders gegenüber den Medien. Tara Moss führt das auf ihren Einstieg ins Entertainment-Gewerbe zurück, den bekam die kanadische Schönheit nämlich als Fotomodell und das scheint sie im Auge der Öffentlichkeit ein für alle mal als intelligente, kreative Person diskreditiert zu haben – so empfindet sie es zumindest selbst. Doch bevor sie sich über die schändlichen Praktiken der Boulevardpresse auslässt, geht Tara Moss zurück an den Anfang ihrer Karriere und der war alles andere als glamourös.

Denn die Fotomodelle, die uns von den Werbeplakaten der Parfüm- und Kosmetikhersteller aus anstrahlen, und dabei einiges an Neid in der (deutschen) Durchschnittsfrau zu wecken wissen, sind in der Minderheit. Die Mehrheit aller Models sind minderjährig, unterernährt und auf sich alleine gestellt in den Modemetropolen der Welt. Was Tara Moss mir an dieser Stelle über ihre Modelkarriere erzählt klingt eher wie eine Aufzählung seelischer Verletzungen. Tara Moss fühlt sich auf den Straßen der Welt nicht sicher, wird in einem fort belästigt und nutzt diese Erlebnisse um Missstände in der westlichen Gesellschaft anzuprangern, die Frauen zu Freiwild erklären und so deren Leben wenn nicht zerstören, dann doch erheblich belasten und einschränken. Wenn man ihr so zuhört, dann wirkt die Modeindustrie auf einmal viel weniger glamourös, ja sogar ausbeuterisch.

Doch das ist nur ein kleiner Teil des Buchs, denn schon bald wechselt Tara Moss ihre Karriere und wird Schriftstellerin. Ihre Romane verkaufen sich gut und trotzdem kann sie sich nicht so recht freuen, wird sie doch nach wie vor als Model gesehen und nicht so richtig ernst genommen. Man könnte an dieser Stelle meinen, Tara Moss beklage sich hier von einer gesellschaftlich sehr privilegierten Position aus und das mag auch stimmen. Doch sind die Themen, die sie anspricht, die alltägliche Diskriminierung von Frauen, wenn nicht sogar unverhohlener Hass, durchaus real und ziehen sich durch alle Gesellschaftsschichten, ob frau nun Romane schreibt, studiert oder putzen geht. Insofern höre ich ihr mit gebannter Aufmerksamkeit zu, wenn sie sich unter anderem auch auf ehemalige Lektüren meinerseits beruft – siehe zum Beispiel „Die Geschlechterlüge“ von Cordelia Fine.

Tara Moss ist vielleicht keine Berufsfeministin, doch wäre es ein Fehler sie aufgrund ihrer Laufbahn und Präsenz in der Boulevardpresse nicht ernst zu nehmen. Denn sie hat viel zu erzählen, vor allem basierend auf ihren eigenen Erfahrungen als Frau in einer patriarchalen Gesellschaft, und rechnet ab mit Schönheitsmythen, dem Streamlining der Frau und den Grenzüberschreitungen der Männer. „The Fictional Woman“ wird also dort persönlich, wo „The Ministry of Thin“ von Emma Woolf sachlich bleibt. Es geht um falsche Ideale, Feminismus und Mutterschaft. Und auch wenn ich mit den Romanen von Tara Moss nicht viel anfangen kann, stellt sie sich in „The Fictional Woman“ als intelligente, weltgewandte Frau heraus, die sich gegen alle Widerstände ihren eigenen Weg bahnt und der ich gerne noch weiter zugehört hätte.

The Fictional Woman – Tara Moss – ISBN 978.1.489.01959.2

Für Leserinnen, die…

  • …die Romane von Tara Moss kennen.
  • …einen Blick hinter die Kulissen der Modewelt werfen wollen.
  • …sich auf sanfte Weise feministischen Themen nähern möchten.

Am besten kombiniert mit…

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(Backlist) Der Weg der Töchter von Yejide Kilanko

Dieses Buch schlummerte lange in meinem Regal vor sich hin, bevor ich es zur Hand nahm. Auf der Suche nach einer interessanten Geschichte ohne viel erzählerischen Spielkram, kam ich nun aber nicht mehr daran vorbei…

51Zv6OpjmYL._SX303_BO1,204,203,200_Das Mädchen Morayo erlebt das Erwachsenwerden behütet, aber voller Tabus: es wird eine Odyssee, aus der sie stark und voller Zukunftspläne hervorgeht. Sie ist pfiffig und temperamentvoll, die kleine Morayo, die mit ihrer geliebten Schwester in einer modernen nigerianischen Familie aufwächst. Eine herrliche Großfamilie, wo viel gekocht und gefeiert, aber auch hart gearbeitet wird. So ist es das Normalste der Welt, dass Bros T, der charmante, etwas halbstarke Cousin der Mädchen hier aufgenommen wird. Anfänglich ist Morayo begeistert von diesem Familienzuwachs, aber dann überfordert, als Bros T sie nachts bedrängt… Ein dichtes Netz des Schweigens legt sich plötzlich über das Haus, und Morayo erfährt von ihren Eltern keinen Trost, im Gegenteil, es ist, als sei sie selbst schuld. Bei Morenike, die seinerzeit ein ähnliches Schicksal erlitten hat, findet sie ein neues Zuhause und eine weibliche Verbundenheit, die sie zu einer starken und engagierten Persönlichkeit werden lässt. Das erkennt auch Kachi, Morayos erste Liebe aus der Schulzeit.

In ihrem beeindruckenden Debüt setzt sich Yejide Kilanko mit dem Leben nigerianischer Frauen auseinander. Als Sprachrohr nutzt sie ihre Hauptfigur und Erzählerin Morayo, die auf dem Weg zu ihrem Happy End einige Hürden überwinden muss. Durch ihre Geschichte lernt diese Leserin zu verstehen, was es heißt im modernen Nigeria Frau zu sein, was es junge Nigerianerinnen kostet sich zu emanzipieren und wo frau dem eigenen Freiheitsdrang Grenzen setzen muss, um nicht ihre Chance aufs große Glück, bzw. die große Liebe zu verpassen. Ein Drahtseilakt auf fast 400 Seiten, den Morayo nicht immer ganz unfallfrei meistert und den Autorin Yejide Kilanko überaus ansprechend präsentiert. „Der Weg der Töchter“ ist steinig, aber es lohnt sich sehr ihn (in diesem Fall literarisch) zu beschreiten.

Die Geschichte beginnt mit der Geburt von Morayos kleiner Schwester Eniayo, die für einiges an Aufregung innerhalb der Familie sorgt, denn Eniayo ist ein Albino. In Nigeria bedeutet das eigentlich nichts Gutes, doch lassen sich Mutter und Schwester nicht davon abhalten das kleine rosa Bündel, das zu einer wortgewandten oft regelrecht frechen jungen Frau heranwachsen wird, in ihr Herz zu schließen. Trotzdem scheint sich die Prophezeihung des „afin“ geborenen Kindes letztlich doch zu bewahrheiten, zumindest für Morayo. Denn als ihre Familie den verhaltensgestörten Sohn ihrer Tante aufnimmt, beginnt für das heranwachsende Mädchen ein monatelanger Albtraum aus Missbrauch, Scham und Angst vor sozialer und familiärer Ablehnung.

Als die kleine Schwester das nächste Opfer zu werden scheint, bricht Morayo schließlich doch ihr Schweigen. Der Täter wird im folgenden zwar aus der Familie entfernt, muss aber nicht mit rechtlichen Konsequenzen rechnen, was wie die Leserin bald darauf erfährt die Regel ist. Das Opfer jedoch wird zur Frau zweiter Klasse, sozial ausgestoßen, so wie es Morayos Tante Morenike passiert, die nach einer Vergewaltigung schwanger wird. Das sind bittere Wahrheiten über die Lebensrealität nigerianischer Frauen und Mädchen, die Yejide Kilanko mir hier auftischt, oft bleiben sie mir im Halse stecken und drohen mich so fast zu ersticken. Es wäre so einfach das Buch an dieser Stelle weg zu legen, weg zu schauen. Denn auch wenn ich mir darüber im klaren bin, dass ich einen Roman vor mir habe, ist meine Wut über die Ungerechtigkeit der beschriebenen Gesellschaft nur zu real.

Was mich letztlich dazu bewogen hat meine Lektüre fortzusetzen ist, dass dieses Buch nicht nur aus bösen, bzw. rücksichtslosen Männerfiguren besteht, sondern auch aus einem farbenfrohen Mix aus mutigen und humorvollen Frauenfiguren, die das beste aus dem machen, womit sie sich konfrontiert sehen, die ihr Kind lieben lernen, auch wenn sie dessen Vater hassen, die nach all der Gewalt immer noch an die Liebe und das Gute im Menschen glauben, die einander die Kraft geben nach dem Glück zu streben, auch wenn es manchmal unerreichbar scheint. Erzählerin Morayo, ihre freche Schwester Eniayo und besonders die weise, einfühlsame Tante Morenike sind die Sternstunden dieses Romans, mit ihnen möchte ich meine Zeit verbringen, sie möchte ich näher kennen lernen.

„Der Weg der Töchter“ ist ein Roman, der mehr zu bieten hat, als nur eine gute Geschichte. Als Leserin lerne ich viel darüber, was es heißt als Mädchen in Nigeria, fernab der Metropole Lagos, aufzuwachsen und trotz oft widriger Umstände zu einer selbstbewussten jungen Frau zu werden. Ich liebe und leide mit Morayo und den Frauen, die sich Zeit ihres Lebens um sie scharen. Ich werde für die Dauer des Romans ein Teil der Familie und nicht immer führt das an meinem Ende zu Zufriedenheit und Wohlempfinden. Dann wiederum lässt Yejide Kilanko auch immer wieder die Sonne durch die Wolkendecke brechen, die oft über dem Leben von Morayo schwebt. Schweren Herzens nehme ich also Abschied, werde meine Zeit auf dem „Weg der Töchter“ aber wohl so schnell nicht wieder vergessen.

Der Weg der Töchter – Yejide Kilanko – ISBN 978.3.862.20037.5

Für Leserinnen, (für) die…

  • …sich für die nigerianische Kultur interessieren.
  • …eine gute Geschichte zu schätzen wissen.
  • …Mädchen und Frauen die wahren Helden sind.

Am besten kombiniert mit…

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