Archiv der Kategorie: Nordamerikanische Autorinnen

(Feminismen) Eine Transfrau schreibt über den Kreuzzug des Patriarchats gegen die Weiblichkeit…

In den zwei Jahren seitdem ich meine Erkundungsreise durch das feministische Sachbuchgenre begann, habe ich viele Stimmen zu den verschiedenen Aspekten des Themas gehört. Während die zu Papier gebrachten Meinungen teils weit auseinander gingen, waren ihre Autorinnen doch bisher überwältigend cis-gender Kaukasierinnen (eine Ausnahme ist Roxane Gay). Insofern stürzte ich mich auf diese Lektüre in der sich eine transsexuelle Frau zu Wort meldet und Dinge anspricht und ausspricht, die ich von ihren Kolleginnen in meinem Bücherregal so noch nicht gehört habe…

51-byitjfql-_sx331_bo1204203200_In Whipping Girl Julia Serano shares her powerful experiences and observations to reveal the ways in which fear, suspicion, and dismissiveness toward femininity shape our societal attitudes toward trans women, as well as gender and sexuality as a whole. In this provocative manifesto, she exposes how deep-rooted the cultural belief is that femininity is frivolous, weak, and passive, and how this “feminine” weakness exists only to attract and appease male desire. In addition to debunking popular misconceptions about transsexuality, Serano makes the case that today’s feminists and transgender activists must work to embrace and empower femininity—in all of its wondrous forms.

Wie ich in der Einleitung schon angedeutet habe liefert „Whipping Girl“ eine mir bisher unbekannte Perspektive auf die Unterdrückungssysteme des Patriarchats und eine Hypothese dazu, warum der gesellschaftliche Aufstieg von Frauen durch Talent und harte Arbeit alleine, auch nach den Anstrengungen und (Teil)Erfolgen des Feminismus diverser Generationen, um einiges steiniger ist, als der ihrer männlichen Pendants. Dabei führt Julia Serano nicht nur die am Arbeitsplatz lange etablierten Netzwerke der Männer, für die berufstätige Frauen noch kein adäquates Gegenstück haben, als Argument ins Feld, dafür dass Frauen hinter ihren männlichen Kollegen zurück bleiben, sondern holt in ihren Thesen und Erklärungsversuchen auch um einiges weiter aus. Für Julia Serano liegt die Ungleichheit des Systems nämlich in seiner binären Struktur an sich, in der wir Menschen in weiblich und männlich aufteilen und dementsprechend be-, bzw. abwerten.

Was das angeht weiß die Autorin wovon sie schreibt, wuchs sie doch als Mädchen in einem Jungenkörper auf, den sie erst im Erwachsenenalter mit Hormonbehandlungen zu dem machen konnte, was er für sie selbst immer war – einem weiblichen Wesen. Diese Angleichung von gefühltem und körperlichen Geschlecht beschreibt die Autorin ebenso wie die Art und Weise, wie sich die Sichtweise anderer Menschen auf sie veränderte, sobald die Hormontherapie ihre volle Wirkung entfaltete. Sie erzählt mir davon wie selbst politisch korrekte Menschen oft eine morbide Faszination für transsexuelle Körper haben und sich ohne Vorwarnung zum Beispiel danach erkundigen, ob sie sich schon die Genitalien hat angleichen lassen. Julia Serano prangert aber nicht nur die Art an, auf die (viele aber natürlich nicht alle) Cis-gender mit Transsexuellen umgehen, sondern auch wie transsexuelle Körper zum Beispiel in den Medien fetischisiert werden. Als, wie Julia Serano sich ausdrückt, „factory-issue woman“ und Medienkonsumentin gibt mir das reichlich zu denken.

Doch wer meint der einzige Sinn und Zweck von „Whipping Girl“ sei es mit Vorurteilen gegenüber Transsexualität aufzuräumen, der unterschätzt dieses Buch gewaltig. Denn indem Julia Serano sich darüber aufregt, dass oft völlig Fremde sich nach ihrem genitalen Status erkundigen und nichts dabei zu finden scheinen, entlarvt sie die Künstlichkeit des binären Geschlechtersystems. Denn die Frage nach Operationen und Hormontherapien wird nicht nur aus Neugierde gestellt, der Fragende versucht über die Antwort zu tangieren mit wem er es denn nun zu tun hat – Männlein oder Weiblein – und wie er sich darauf bezogen zu seinem Gegenüber verhalten soll. Das Individuum verschwindet im Klischee seiner Geschlechtsidentität, was weniger beunruhigend wäre, wenn unsere Gesellschaft nicht eine klare Hierarchie der Geschlechter etabliert hätte. An deren Spitze stehen seit dem Beginn der Agrikultur die Männer, danach kommen die Frauen und das Schlusslicht bilden non-binäre Menschen, zu denen Julia Serano sich selbst lange gezählt hat, mit deutlicher Tendenz zur Frau.

Doch es ist nicht nur das Patriarchat, und die damit verbundene Überhöhung von Männlichkeit, welches Julia Serano in „Whipping Girl“ aufs Korn nimmt, sondern die Verteufelung der Weiblichkeit, die damit einher geht. Diese Ablehnung alles fraulichen als künstlich und affektiert wird so, laut der Autorin, übrigens auch von führenden Feministinnen praktiziert und propagiert. Was das angeht bietet „Whipping Girl“ eine kritische Perspektive auf eine durchaus nicht perfekte Bewegung, mit einer langen Geschichte der Ausgrenzung von Transfrauen (aber nicht von Transmännern), die trotzdem nicht weniger feministisch ist als die ihrer cis-gender Kolleginnen. In dieser Streitschrift für die Weiblichkeit kämpft Julia Serano aber nicht etwa für das Recht auf klassische Rollenbilder, Make Up und Spitzenhöschen, sondern für die Freiheit der Gefühle unabhängig vom Geschlecht, für Männer die ungeniert weinen und ungebeten umsorgen und für Frauen die Stärke zeigen, nicht nur weil sie Angst vor ihrer eigenen Sanftheit haben.

Insgesamt öffnet „Whipping Girl“ seiner Leserin die Augen für die gravierenden Folgen der Hetzjagd auf alles weibliche, die bei Jungen schon im Grundschulalter kultiviert wird und bei Frauen dann beginnt, wenn sie sich zum Feminismus bekennen. Die traditionellen Feministinnen der zweiten Generation kommen dabei nicht immer so gut weg, aber diese Kritik muss eine Menschenrechtsbewegung von dieser Größe auch mal aushalten können. Darüber hinaus bietet dieses Buch eine ungewöhnlich erleuchtete Perspektive auf das binäre Geschlechtersystem von einer Autorin die sowohl Mann als auch Frau war und sich nicht nur mit der gesellschaftlichen Reaktion auf und den Erwartungen an ihr jeweiliges Geschlecht auskennt, sondern auch am eigenen Leib erfahren hat, was die dazugehörigen Geschlechtshormone mit dem Menschen der ihnen ausgesetzt ist machen. Somit ist „Whipping Girl“ nicht nur ein Plädoyer für die Weiblichkeit, sondern auch für die Freiheit des Einzelnen seine oder ihre persönliche Wahrheit zu leben, ohne Schikane von anderen.

Whipping Girl: A transsexual woman on sexism and the scapegoating of femininity – Julia Serano – ISBN 978.1.580.05622.9

Für Leserinnen, die…

  • …ihre Weiblichkeit nicht abwerten wollen.
  • …für neue Rollenbilder offen sind.
  • …sich einen inklusiveren Feminismus wünschen.

Literarische Nachbarn…

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(Neuerscheinung) Das Alter ist nichts für Feiglinge…

Vor ein paar Jahren las ich „Die linke Hand der Dunkelheit“, fand jedoch leider keinen Zugang dazu und brach es schließlich ab. Diese verhaltene Enttäuschung, erfahren durch ein Buch von dem ich mir viel versprach, spukte lange danach in meinem Kopf herum. Als ich erfuhr, dass nun bald eine Essaysammlung der Autorin veröffentlicht wird, musste ich diese unbedingt vorab lesen. Meine Hoffnung ist dabei, dass ein nuanciertes Bild der Autorin als Person mir einen zweiten Anlauf auf ihren bekanntesten Roman ebnet – mal sehen…

cover120129-mediumUrsula K. Le Guin has taken readers to imaginary worlds for decades. Now she’s in the last great frontier of life, old age, and exploring new literary territory: the blog, a forum where her voice—sharp, witty, as compassionate as it is critical—shines. No Time to Spare collects the best of Ursula’s blog, presenting perfectly crystallized dispatches on what matters to her now, her concerns with this world, and her wonder at it. On the absurdity of denying your age, she says, “If I’m ninety and believe I’m forty-five, I’m headed for a very bad time trying to get out of the bathtub.” On cultural perceptions of fantasy: “The direction of escape is toward freedom. So what is ‘escapism’ an accusation of?” On her new cat: “He still won’t sit on a lap…I don’t know if he ever will. He just doesn’t accept the lap hypothesis.” On breakfast: “Eating an egg from the shell takes not only practice, but resolution, even courage, possibly willingness to commit crime.” And on all that is unknown, all that we discover as we muddle through life: “How rich we are in knowledge, and in all that lies around us yet to learn. Billionaires, all of us.”

Schon bevor ich überhaupt eine einzige Zeile gelesen habe, ist mein Kopf schon voller Fragen. Besonders eine tut sich dabei hervor; ob mir Ursula K. LeGuin wohl als Person sympathisch sein wird? Ich hoffe es jedenfalls sehr, und das löst vorab schon eine unterschwellige Anspannung in mir aus. Ich möchte sie so gerne mögen, möchte einen Zugang zu ihrem Werk finden. Darüber hinaus koche ich meine Erwartungen allerdings auf kleiner Flamme. Denn Essaysammlungen, wie diese hier, sind meiner bisherigen Erfahrung nach immer ein bisschen durchwachsen. Da ist „No Time to Spare“ übrigens keine Ausnahme, manche Essays hauen bei mir voll auf die Zwölf, andere interessieren mich weniger und ich überfliege sie nur.

Im ersten Teil des Buchs geht es um das Altern und das Alter, welches laut Ursula K. LeGuin, selbst schon über achtzig, nichts für Weicheier ist. Dann aber eigentlich doch, muss sie sich eingestehen, schließlich werden auch Weicheier irgendwann mal alt. Doch einfach ist es nicht, darauf kann sie sich mit sich selbst einigen. Die Leserin lernt Ursula K. LeGuin gleich zu Anfang als Person kennen, die sich all ihrer kleinen Macken und Eigenarten bewusst ist und sich nicht länger scheut, diese auch mit ihren Leserinnen zu teilen. Diese Leserin merkt der Schriftstellerin ihr fortgeschrittenes Alter dabei gar nicht unbedingt an. Denn Ursula K. LeGuin nimmt es mit Humor und scherzt auch schon mal, dass zum Beispiel alternde Bloggerinnen besser einmal die Woche laut geben, auch wenn’s nichts zu erzählen gibt. Denn jüngere Leserinnen könnten ja meinen, frau wäre zwischenzeitlich verstorben.

Im zweiten Teil erzählt die gestandene Schriftstellerin neugierigen Leserinnen vom Literaturbetrieb, schreibt über das Konzept des „großen amerikanischen Romans“ und die moralische Verpflichtung des Schriftstellers. Welche in diesen Essays also nach Klatsch und Tratsch sucht, die wird wohl leider enttäuscht werden. Ursula K. LeGuin geht nämlich vor allem auf die Feinheiten des Schriftstellerlebens ein. Dazu gehört zum Beispiel das Beantworten von Fanpost, und diese kommt bei einer Fantasy-Autorin auch schon mal von ganz jungen Leserinnen, die sich mal mehr und mal weniger Mühe machen, allesamt jedoch die Regeln der modernen Rechtschreibung neu definieren. Darüber hinaus schreibt Ursula K. LeGuin unter anderem davon, dass sie viel lieber den Sartre-Preis – jährlich verliehen an jemanden, der einen Preis abgelehnt hat – als den Nobelpreis haben würde, auch wenn beide für eine Genre-Schriftstellerin wohl außer Reichweite sein dürften.

Diesen Teil finde ich besonders interessant, habe ich doch selbst schriftstellerische Ambitionen. Viel gibt mir die Autorin jedoch nicht an die Hand, und als die erhofften Tipps für angehende Schriftstellerinnen ausblieben, war ich zunächst etwas enttäuscht. Im Nachhinein genieße ich diesen kleinen Ausflug in die Welt einer, die es geschafft hat ihre Berufung zum Beruf zu machen aber trotzdem. Denn Ursula K. LeGuin schreibt über Dinge, von denen sie etwas versteht, zumindest meistens, nämlich zum Beispiel den Unterschied zwischen Dystopie und Utopie, und warum es bisher keinem Schriftsteller gelungen ist, dabei die Natur des Menschen zu berücksichtigen, anstatt sie auszuklammern. Wenn es um Science Fiction geht ist die Autorin in ihrem Element, das merke ich sofort, und genieße diesen fast schon philosophischen Ausflug durch die Literaturgeschichte sehr, inklusive Lesetipps für Genreneulinge übrigens.

Danach wird Ursula K. LeGuin unerwartet politisch und ist für ihr Alter ungewöhnlich sozialdemokratisch eingestellt. Vor der Lektüre dieses Teils hatte ich befürchtet es auf einmal mit einer unangenehm konservativen, reaktionären Frau zu tun zu bekommen, die wenig übrig hat für solch triviale Dinge wie zum Beispiel die derzeitige Sexismusdebatte. Doch bestätigten sich meine Vorurteile dem fortgeschrittenen Alter gegenüber nicht. Ursula K. LeGuin wird fast schon feministisch, wenn es um Themen wie zum Beispiel Frauensolidarität geht und verortet sich und ihre Essaysammlung damit am Puls der Zeit. Darüber hinaus sind ihre Essays thematisch wieder breit gefächert und sie schreibt u.a. über die innere Welt von Pflanzen, wenn auch nicht ganz ernst gemeint, und den Sinn und Unsinn des Glaubens an Gott als Antithese zur modernen Wissenschaft.

Sie schließt mit einer Reihe von Anekdoten, die dem Buch im Nachhinein etwas verspieltes geben. Zum Beispiel schreibt sie über eine Reise nach Wien und darüber wie man ein europäisches Ei isst. Für mich als Europäerin war diese Passage etwas überflüssig, aber auch irgendwie meditativ; wie der Akt des Ei-essens selbst – Löffel für Löffel aus der Schale – der für eine Deutsche wohl das selbstverständlichste überhaupt ist. Sie erzählt von einer Begegnung mit einem zahmen Luchs und davon wie sie trotz ambivalenter Gefühle, von ihrer wachsenden Berühmtheit quasi genötigt, eine persönliche Sekretärin einstellte; und wie diese nach vielen gemeinsamen Jahren zu einer engen Freundin und Vertrauten wurde. Sie erzählt von der grenzenlosen Fantasie kleiner Kinder und einer Begegnung der anderen Art mit einer Klapperschlange.

Die unterschiedlichen Teile der Essaysammlung werden durch kürzere Passagen getrennt, in denen die Autorin von ihrem Leben mit Katze berichtet. Ursula K. LeGuin gesellt sich damit zu einem illustren Grüppchen bekannter Schriftstellerinnen, die, mal mehr und mal weniger amüsant, über ihre Katzen geschrieben haben. Dabei erzählt sie eigentlich nichts völlig neues. Ihr Kater Pard hat natürlich sie ausgewählt und nicht etwa umgekehrt – wo kämen wir denn da hin. Auch des nachts ein Wirbelwind muss er schon mal aus dem Schlafzimmer verbannt werden, sieht diesen letzten Ausweg seiner schlaftrunkenen Besitzerin jedoch absolut nicht ein. Die Treppen seines Zuhauses nimmt er generell im Flug und bringt so auch mal den einen oder anderen menschlichen Mitbewohner zu Fall. Und das Herumturnen auf kostbaren Möbelstücken ist natürlich nur dann verboten, wenn jemand zuschaut. Wer selbst Katzen hat, dürfte all das schon zu Genüge kennen, amüsant ist es aber trotzdem.

Ursula K. LeGuin ist die Mischung gelungen, in „No Time to Spare“ ist für jede Leserin, ob uralt, blutjung oder irgendwo dazwischen, etwas dabei. Nur neue Geschichten der Autorin sucht frau zwischen den Seiten dieses Buchs vergeblich; insofern bist du gewarnt, meine geneigte Leserin. Das alleine sollte dich jedoch nicht von der Lektüre abschrecken. Denn besonders für Fans der Autorin stellt dieses Buch einen literarischen Leckerbissen der besonderen Art dar. Endlich darf frau mal hinter die Kulissen schauen, der Schriftstellerin über die Schulter. Nicht alle Essays sind dabei gleich interessant, und manchmal war ich zugegebenermaßen etwas gelangweilt. Doch decken sie so viele verschiedene Themenbereiche ab, dass ich spätestens mit dem nächsten Essay wieder das Gefühl hatte zu wissen, warum ich dieses Buch so unbedingt lesen wollte. Meine anfängliche Angst, die Autorin könnte mir unsympathisch sein, war übrigens unbegründet; Ursula K. LeGuin und ihre Bücher werden mich also wohl noch lange begleiten.

No Time to Spare: Thinking About What Matters – Ursula K. LeGuin – ISBN 978.1.328.66159.3

Für Leserinnen, die…

  • …vielseitige Interessen haben.
  • …Katzen-affin sind.
  • …lieber Bücher als Blogs lesen.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Eine Reise in die Abgründe der menschlichen Natur…

Auch wenn es bei der Flut an Katastrophen und Ungerechtigkeit in dieser Welt der psychischen Gesundheit sicher zuträglich wäre, schaffe ich es einfach nicht wegzuschauen, wenn irgendwo jemandem ein Leid zugefügt wird, und besonders dann wenn dieses Leid struktureller Ungerechtigkeit und strafrechtlichen Schlupflöchern entwächst. Dass ich dieses Buch lesen würde, so unangenehm und aufrüttelnd es auch werden würde, stand für mich also niemals in Frage…

cover123202-mediumPimp-controlled sex workers, exploited migrants, domestic servants, and sex trafficking of runaway and homeless youth are just a few of the many forms of sex trafficking and labor trafficking going on all around the world―including in the United States. This book exposes both well-known and more obscure forms of human trafficking, documenting how these heinous crimes are encountered in our daily lives.

Kimberly Mehlman-Orozco beginnt ihren Aufklärungsauftrag zum Thema Menschenhandel und moderne Sklaverei mit einer Bombe; Menschenhandel nämlich ist im 21. Jahrhundert das – nicht eines, DAS! – wohl lukrativste Verbrechen der Welt. Die Risiken, bzw. Strafen sind gering, der Profit ist groß, wenn nicht sogar astronomisch. Egal welchem Zweck der Handel mit, bzw. die Ausbeutung von Menschen dient, es gilt die Devise: verkaufe ich ein Produkt, bringt dieses nur einmal Gewinn, verkaufe ich hingegen einen Menschen, setzt sich der Gewinn theoretisch bis zu dessen Ableben fort – so formuliert es zumindest die Autorin. Die Berichterstattung zum Thema gibt ihr leider recht – Menschenhandel liegt im Trend und das obwohl man als aufgeklärte Europäerin eigentlich meinen könnte, die Zeiten der Sklaverei seien vorbei.

Ich hatte nicht damit gerechnet in diesem Buch etwas mir vollkommen neues zu lesen und las es vor allem um bestehendes Halbwissen zu vertiefen; und doch bin ich bis ins Mark erschüttert, jedes Mal, wenn ich gegen Ende des Tages das Buch aus der Hand lege. Kimberly Mehlman-Orozco schildert die gravierenden Menschenrechtsverletzungen im Detail mit genug Fallbeispielen um mir den Magen mit Blei zu füllen. Wie kann das in den Tagen von amnesty international und UN Menschenrechtskonvention bloß noch geschehen, und wie kann es sein, dass westliche Industrienationen diese Form der Ausbeutung, zum Beispiel durch die Kooperation mit resourcenansässigen Partnern multinationaler Konzerne auch noch befeuern – ganz zu Schweigen von den unzähligen Männern, die im In- und Ausland Prostitution in Anspruch nehmen und so einen Markt kreieren, der sich jedem Regulierungsversuch widersetzt und von der organisierten Kriminalität nicht trennbar zu sein scheint.

Den ersten Teil ihrer kriminologischen Odyssee widmet die Autorin der wohl schlimmsten und menschenverachtendsten Form der Sklaverei – sofern es innerhalb dieser Menschenrechtsverletzung überhaupt möglich ist eine Hierarchie der Misshandlung zu etablieren – der Sklaverei zwecks sexueller Dienstleistungen. Wer schon einmal die EMMA gelesen hat, dürfte darüber im Bilde sein, dass diese Form der Versklavung von Frauen und Mädchen, manchmal auch Jungen, im Deutschland nach der Legalisierung von Prostitution, Zuhälterei und Bordellbetrieb Hochkonjunktur hat. Insofern ist auch einer der Lösungsvorschläge der Autorin für die trafficking-Krise in den USA, nämlich die Legalisierung von Prostitution und Sexkauf, der deutschen, bzw. europäischen Erfahrung nach etwas zu kurz gedacht und leider ein bisschen oberflächlich recherchiert.

Im zweiten Teil geht es um die Versklavung von Arbeitskräften, oft auch Kinder und Jugendliche, vor allem in der hiesigen Landwirtschaft als Saisonarbeiter, in der indischen Textil- und der afrikanischen Kakaoindustrie. Doch diese Fußtritte gegen die Menschenrechte finden eben nicht nur weit weg, in Amerika oder gar Entwicklungs-, bzw. Schwellenländern statt, denen sich Europa seit jeher moralisch überlegen fühlt, sondern auch vor der Haustür. Eines der Beispiele, welche die Autorin in ihrem Buch bringt, kenne ich so auch aus dem deutschen Raum, nämlich die Drückerkolonne. Hier wird auch mir als Laie bewusst, wie schnell ein Mensch in ein Arbeitsverhältnis rutschen kann, in dem er letztlich versklavt wird. Wie auch in der Zwangsprostitution werden „Drücker“ aus ihrem gewohnten Umfeld entfernt und mittels vorgeblicher Schulden, bzw. unerfüllter Verkaufsquoten von ihren Vorgesetzten abhängig gemacht.

Das Entkommen aus einem solchen Arbeitsverhältnis schildert Kimberly Mehlman-Orozco als ähnlich schwer, wie die Flucht aus einer Sekte, und je nach Arbeitgeber als ebenso gefährlich. Scheidende Mitarbeiter werden ohne einen Pfennig in fremden Städten ausgesetzt, am liebsten meilenweit vom eigentlichen Zuhause – alles ganz legal übrigens, was es dem Staat fast unmöglich macht diese Art von Ausbeutung strafrechtlich zu verfolgen. Selbst klassische Menschenhändler, beispielsweise in der Prostitution, müssen selten Gefängnisstrafen fürchten, da sie ihre Opfer in der überwiegenden Mehrheit emotional von sich abhängig und so zu Mittäterinnen machen, zumindest vor dem Gesetz. Auch sind die schwer traumatisierten Opfer der Menschenhändler in der Regel schlechte Zeugen, durch störungsbedingte Gedächtnis- und Affekteinbrüche – all dies und mehr schildert Kimberly Mehlman-Orozco in ihrem Buch „Hidden In Plain Sight“.

Doch nicht nur die Opfer des internationalen Menschenhandels kommen zu Wort, auch die Täter steuern in „Hidden in Plain Sight“ ihre Sicht auf das Verbrechen und seine Auswirkungen auf die Betroffenen bei, ebenso wie diejenigen Männer, die zum Beispiel Endverbrauer der Zwangsprostitution von Frauen und Kindern darstellen. Diese Männer stellen zwei ganz unterschiedliche Tätergruppen dar, diejenigen welche das Verbrechen begehen und solche, die ihnen dabei zuschauen ohne jedoch einzugreifen, man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass sie durch ihre Nachfrage die Basis für den Markt erst schaffen. Von Kimberly Mehlman-Orozco werden sie innerhalb des Buchs mit einem Respekt, bzw. einer Wertfreiheit behandelt, die ich als nicht-Wissenschaftlerin beim besten Willen nicht nachvollziehen kann. Die interviewten Männer, die sich selbst als „Hobbyisten“ bezeichnen, als wäre das Konsumieren von Menschen mit dem Sammeln von Briefmarken gleichzusetzen, lassen mich an einer angeborenen Empathiefähigkeit beider Geschlechter füreinander zweifeln.

Wem schnell mal die Galle überkocht, die sollte vor der Lektüre von „In Plain Sight“ den Spucknapf bereit halten. Denn eine himmelschreiende Ungerechtigkeit folgt auf die nächste. Der Polizei scheinen gleichzeitig die Hände gebunden zu sein, während hochrangige Strafverfolger mehr daran interessiert sind, wie eventuelle Razzien und Gerichtsverfahren in der Presse gefeiert werden, auch wenn sie den Opfern keine Gerechtigkeit bringen und den Verbrechenssumpf Menschenhandel nicht trocken legen. So beende ich meine Lektüre, ohne ein Gefühl der Genugtuung, aber mit dem Wissen dass sich etwas ändern muss. Die Lösungsansätze, die Kimberly Mehlman-Orozco hier und da einstreut scheinen mir zu oberflächlich. Doch was soll man machen, wenn der Fehler scheinbar im System liegt.

Hidden in Plain Sight: Americas Slaves of the New Millennium – Kimberly Mehlman-Orozco – ISBN 978.1.440.85403.3 (https://mehlmanorozco.com/)

Für Leserinnen, mit sozialem Gewissen…

Literarische Nachbarinnen…

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(Feminismen) Eine Amerikanerin erklärt warum Feminismus wichtig ist…

Wer, wie ich, ein Faible für feministische Sachbücher hat, der kommt an der amerikanischen Bloggerin Jessica Valenti nicht vorbei. Die Gründerin der Internetplattform feministing.com hat es im letzten Jahr mit gleich drei Büchern in mein Regal geschafft, ein viertes steht zur Zeit auf meiner Wunschliste. Dieses hier ist übrigens das allererste, weitere werden sicher schon bald folgen…

61g4da32myl-_sx329_bo1204203200_Full Frontal Feminism is a book that embodies the forward-looking messages that author Jessica Valenti propagated as founder of the popular website, Feministing.com. Full Frontal Feminism is a smart and relatable guide to the issues that matter to today’s young women. The book covers a range of topics, including pop culture, health, reproductive rights, violence, education, relationships, and more.

Was „The Equality Illusion“ für die unbedarfte britische Leserin ist, das ist „Full Frontal Feminism“ für deren amerikanisches Pendant – ein Weckruf nämlich. Typisch amerikanisch darf der Feminismus diesmal sogar aufs Titelblatt und findet hoffentlich viel Zulauf; mir persönlich hat es jedenfalls gefallen. Denn auch wenn sich die Autorin auf die amerikanische Gesellschaft bezieht, hat mein Heimatland doch genug gemeinsam mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten – und wenn man Jessica Valenti Glauben schenken darf ebenfalls unbegrenzten Sexismus – um einen feministischen Kommentar dazu auch für deutsche Leserinnen interessant zu machen. Und interessant war es, wenn auch etwas oberflächlich, was ich allerdings darauf zurück führe, dass „Full Frontal Feminism“ als Einstiegsdroge konzipiert wurde; ich persönlich es aber ungefähr zwei Jahre nach meiner feministischen Erweckung gelesen habe.

Anders als das oben erwähnte „The Equality Illusion“, ist „Full Frontal Feminism“ ganz klassisch nach Themen aufgebaut, dazu gehören sowohl die ganz alltäglichen Herausforderungen an die moderne Frau, wenn es zum Beispiel darum geht sich innerlich gegen das destruktive Frauenbild, welches die amerikanischen Medien vermitteln, zu wappnen oder auch für frauengesundheitliche Grundversorgung, wie zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen und bezahlbare Verhütungsmittel, zu kämpfen. Es geht um die Entfremdung junger Frauen von ihren Körpern, um die „Raunch Culture“ (wer hierzu mehr erfahren möchte, dem empfehle ich Ariel Levys „Female Chauvinist Pigs“) und in der Konsequenz um die Rückeroberung des so heiß umkämpften weiblichen Körpers durch jede einzelne Frau, bzw. Leserin. In diesem Zusammenhang spricht Jessica Valenti natürlich auch über den dringend notwendigen Kampf gegen die epidemische sexuelle Gewalt, in Amerika und anderswo.

Feminismus ist trendy, besonders in der amerikanischen Populärkultur. Ob nun Beyoncé, Lena Dunham oder gar Taylor Swift, alle bekennen sich zum Feminismus, leben und agieren gleichzeitig aber weiter innerhalb der engen Grenzen der vom Patriarchat als akzeptabel definierten Weiblichkeit. In ihrem Buch „Full Frontal Feminism“ regt Jessica Valenti junge Leserinnen dazu an sich offen und selbstbewusst zum Feminismus zu bekennen, es aber gleichzeitig nicht dabei zu belassen. Denn auch heute noch braucht die Welt Frauen, die bereit sind aus ihren Zimmern, Hörsälen und den virtuellen Sphären des Internets zu treten und auf Worte Taten folgen zu lassen. Frauen, die mutig genug und bereit sind gesellschaftliche Regeln und Definitionen von Weiblichkeit zu brechen und so deren Überflüssigkeit innerhalb einer modernen, gleichberechtigten Gesellschaft zu verdeutlichen.

Dabei ist die feministische Erweckung junger Frauen die eine Sache, und Jessica Valenti macht diese Sache wirklich gut. Die Frau will ich sehen, die nach der Lektüre von „Full Frontal Feminism“ nach wie vor den in Amerika so beliebten Satz äußert: „Ich bin keine Feministin, aber…“ Was aber darüber hinaus unbedingt notwendig ist, ist ebenfalls die jungen Männer mit ins Boot zu holen und ihnen zu verdeutlichen, wie viel angenehmer das Leben auch für sie wird, wenn es ihren Müttern, Schwestern, Freundinnen und Töchtern besser geht; wenn diese selbstbewusst mit ihren Körpern umgehen können und wieder Vertrauen in das andere Geschlecht schöpfen können, erwachsen aus gegenseitigem Respekt. Denn solange die Mädels stolz rufen: „Wir sind Feministinnen!“ und die Jungs dagegen skandieren „Nein heißt Ja! Ja heißt anal!“ kommen wir als Gesellschaft leider keinen Schritt weiter. Diese Überbrückung der ansozialisierten Geschlechterdifferenzen jedoch gelingt Jessica Valenti nicht – vielleicht wird’s ja im nächsten Buch was werden.

Insgesamt ist „Full Frontal Feminism“ jedoch ein guter Einstieg ins Thema für junge Frauen, die im Grunde für die Gleichberechtigung der Geschlechter sind, sich aber noch nie so wirklich vor Augen geführt haben, wie man das denn nun am besten erreichen kann. Sie bezieht sich dabei wie gesagt auf Nordamerika, das meines Wissens nach einen anderen Sexismus praktiziert als Deutschland, der jedoch Überlappungen beider Unterdrückungssysteme durchaus zulässt. Insofern kann man aus den Beschreibungen Jessica Valentis trotzdem seine Lehren für das heimische System ziehen; besonders natürlich die, dass keine Frau sich scheuen sollte sich selbst als Feministin zu bezeichnen – ein Begriff der im Deutschland jenseits der EMMA über die Jahrzehnte leider sehr eingestaubt ist. Auf die deutsche Jessica Valenti müssen wir Leserinnen also wohl noch etwas warten, bis dahin ist die Lektüre von „Full Frontal Feminism“ meiner Meinung nach jedoch ein wunderbarer Kompromiss.

Full Frontal Feminism: A young woman’s guide to why feminism matters – Jessica Valenti – ISBN 978.1.580.05561.1

Für Leserinnen, die…

  • …von der Wichtigkeit des Feminismus erst noch überzeugt werden müssen.
  • …sich feministischen Themen auf Augenhöhe nähern wollen.
  • …gesellschaftliche Parallelen zwischen Amerika und Deutschland ziehen können.

Am besten kombiniert mit…

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(Lesen ist hardcore!) Halloween Extravaganza 2017: Lesen auf eigene Gefahr!

Mitte Oktober schaute ich auf den Kalender und hatte eine Idee, warum nicht einen besonderen Beitrag zu Halloween veröffentlichen?! Und mir war auch bald darauf klar, worum es darin gehen sollte. Vor ewigen Zeiten einmal hatte ich mich mit Horrorromanen aus Frauenhand eigedeckt und diese dann nie gelesen; wäre das nicht mal eine Chance meinen SuB etwas zu entschlacken und gleichzeitig ein paar Autorinnen und ihren Büchern zu mehr Bekanntheit und Leserinnen zu verhelfen?! Gedacht getan, nur welche Bücher nehme ich nun?! Nicht zu viele, das war von Anfang an klar; denn ich will Dich, meine geneigte Leserin, nicht unter eine Lawine von Leseempfehlungen begraben. Und trotzdem soll für jeden Geschmack, bzw. jede Nervenstärke, etwas dabei sein. Ich glaube das ist mir auch gelungen, also hab viel Spaß und Gänsehaut beim Stöbern und Entdecken…

51JRXPenLxLBegonnen habe ich meine Reise in die Unterwelten dieser drei femmes cauchemares mit der Novelle Into the Red“ von der amerikanischen Autorin und Künstlerin Sandy DeLuca. Ein vergleichsweise sanfter Einstieg, zumindest im Vergleich zu den anderen Büchern, die ich als Einstimmung auf den gruseligsten Tag des Jahres gelesen habe. „Into the Red“ erinnert mich ein wenig an die Vampirromanzen, die ich als junge Erwachsene zeitweise gelesen habe, nur dass Sandy DeLucas Zähne etwas schärfer sind und das Blut ihrer Hauptfigur um einiges freier fließt.

Der Titel der Novelle bezieht sich auf ein Gedicht von Sylvia Plath, deren Gedichtband „Ariel“ ein permanentes Accessoire der Hauptfigur und Erzählerin ist. Ähnlich wie in der Lyrik der jung verstorbenen Dichterin steht auch bei Sandy DeLuca vieles lediglich zwischen den Zeilen. Als Leserin, die sich auf eine zugegebenermaßen genrebedingt wohl eher grobschlächtige Horrornovelle gefreut hatte, war ich natürlich ein bisschen enttäuscht. Wo sind die Monster?! Wo sind die schwarzen Messen und rituellen Opfer?! Und was genau ist eigentlich mit dem Bruder der Hauptfigur passiert?! Sandy DeLuca deutet schon am Anfang der Geschichte an er wäre brutal ermordet worden. Im Laufe der Handlung bleibt sie mir eindeutige Antworten jedoch schuldig. Alles muss ich mir selbst zusammen reimen, ohne dass ich gegen Ende eine kleine Bestätigung durch die Autorin erfahren hätte.

In „Into the Red“ geht es um die erste Liebe und die Narben, welche diese auf dem Herzen und im Fleisch junger Mädchen hinterlässt – bei Sandy DeLuca darf frau diese Metapher übrigens wörtlich nehmen. Sie spielt mit dem meines Erachtens mittlerweile etwas ausgelutschten Thema Selbstverletzung und macht die Dunkelheit, den Schmerz und latenten Masochismus zwischen den Schnitten sichtbar. Erste sexuelle Erfahrungen und co-abhängige Jugendfreundschaften erfahren so eine düstere Intensität und werden zum Vorboten eines namenlosen Bösen, das die beteiligten Figuren, die Erzählerin im Besonderen, ihr Leben lang nicht loslassen wird.

10625204Charlee Jacob ist quasi die Meryl Streep der zeitgenössischen Horror-Literatur. Es fällt mir als Leserin schwer unter ihren zahlreichen Veröffentlichungen im Genre ein Buch zu finden, das keinen Preis gewonnen hat, oder zumindest nominiert war. Ihr Buch „Dread in the Beast“, das als Novelle seinen Anfang nahm und später auf Romanlänge ausgelassen wurde, ist da keine Ausnahme. Die Bestie im Titel bezieht sich übrigens auf eine der drei Hauptfiguren, angeblich der wiedergeborene Alastair Crowley, seines Zeichens Okkultist und von der britischen Presse berühmt-berüchtigt als „wickedest man in the world“ betitelt.

Charlee Jacob selbst liefert den Soundtrack zu ihrem Roman und der besteht aus Arthur Browns Erfolgssong „Fire“, gespielt ad nauseum. Ich persönlich würde aber auch die frühen Hits von Marilyn Manson oder die finnische Band The 69 Eyes als musische Untermalung des Textes vorschlagen. In der Kombination steht die Lektüre einem aus dem Ruder geratenen LSD-Trip dann in nichts mehr nach, und wie die eigentliche Droge sitzt mir das Gelesene nach wie vor im Rückgrat, bricht sich ab und zu Bahn in mein Bewusstsein und lässt mich erschaudern.

Wer sich zwischen die Seiten von „Dread in the Beast“ wagt, der braucht einen starken Magen. Fäkalien und sexuelle Perversionen/Folter sind die heimlichen Hauptfiguren des Romans. Da wird selbst ein junger Stephen King etwas blass um die koksaffine Nase. Wenn dir also schon bei der bloßen Erwähnung von Horror-Franchises wie „Saw“ oder „Hostel“ mulmig wird, dann ist dieser Roman wohl ein bisschen zu extrem für dich. Ich persönlich konnte anfangs lediglich ein Kapitel am Tag ertragen, bevor ich mental ausgebrannt das Handtuch warf. Das allerdings könnte auch daran liegen, dass der Roman aus drei parallel erzählten Geschichten besteht, die zunächst nicht das geringste miteinander zu tun haben und erst gegen Ende – als ich, aus schierer Panik eine zweite Woche in der Höllenwelt von „Dread in the Beast“ verbringen zu müssen, schon lange mit Speed Reading begonnen hatte – miteinander verknüpft werden.

Es geht um vergessene Gottheiten und antike Heiligenkulte, die sich im Untergrund bis in die Gegenwart fortsetzen, um Transformationen und Selbstverleugnung, alles in der dreckigsten Stadt der Welt verortet. Die Hölle ist bei Charlee Jacobs keine Hypothese mehr, nur dass ihre Figuren danach dürsten dort ihre Ewigkeit zu verbringen. „Dread in the Beast“ ist vom Ton her ultra-amerikanisch, Slutshaming und Frauenfeindlichkeit (Stichwort: menschlicher Bonsai) inklusive. Was das angeht, scheint es Charlee Jacobs leider an Kreativität zu fehlen, oder vielleicht ist es auch Mut, um sich dahingehend von ihren männlichen Kollegen zu unterscheiden.

51YBubPrIkL„The Cipher“ von Kathe Koja hieß zur Zeit seiner Erstveröffentlichung noch „The Funhole“, ebenso wie das unerklärte und unerklärliche schwarze Loch im Keller des Apartmentblocks des Erzählers. Vom Ton her ist es um einiges eingängiger als „Dread in the Beast“, was mich nach dem oben beschriebenen Höllenritt durchaus aufatmen ließ. Dabei ist es aber leider auch weniger hintersinnig als „Into the Red“. Als Leserin fühle ich mich zwischen den Seiten trotzdem sofort angekommen und bin erleichtert eine Autorin gefunden zu haben, die einen gesunden Mittelweg zwischen xx und xx geht. Die Anfangsszenen, in denen die beiden Hauptfiguren diverse Klein- und Kriechtiere dem zerstörerischen Sog des „Funhole“ aussetzen, versprechen Spannung und ein Ende mit Schrecken, das ich als Leserin an diesem Punkt in der Lektüre kaum erwarten kann. Dieses Versprechen löst die Autorin leider nur bedingt ein. Meiner Meinung nach, hat der Plot von „The Cipher“ reichlich ungenutztes Gruselpotenzial.

Wie schon in „Dread in the Beast“ geht es auch in „The Cipher“ um die graduelle Verwandlung einer der Hauptfiguren in ein mythologisches Monster. In letzterem heißt die Figur, deren Körper sich verändert, von etwas finsterem besessen sich von sich selbst entfremdet, jedoch nicht willkommen. Der Erzähler spielt mit den zerstörerischen Kräften des „Funhole“, steht aber auch Todesängste aus, als er merkt, was diese Kräfte mit, bzw. aus seinem Körper machen. Kathe Koja bleibt in ihrer Beschreibung dieser Veränderung und dessen, was sich in den dunklen Tiefen des „Funhole“ verbirgt enttäuschend abstrakt. Genau das ist es übrigens, was ich meine, wenn ich im vorangegangenen Absatz lamentiere, dass die Autorin das Potenzial der Geschichte verschenkt. Die Leserin erfährt bis zum Ende nicht, was eigentlich mit dem Erzähler geschieht, und was ihn erwartet, sollte er es nicht schaffen seine Verwandlung aufzuhalten.

Durch die erste Person Erzählperspektive bin ich als Leserin auf der einen Seite zwar nah dran am Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Auf der anderen Seite kriege ich aber nur einen kleinen Ausschnitt davon mit. Vor allem im letzten Teil der Geschichte, in dem sich der Erzähler im Keller einschließt, während draußen das Leben weiter geht und die Beziehungen zwischen seinen Künstlerfreunden und ihrem Gefolge kultähnliche Züge annehmen, fühle ich mich vom spannendsten Aspekt der ausgeschlossen. Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, komme ich noch einmal auf das verschenkte Potenzial der Geschichte zu sprechen; denn es starrt mich von jeder Seite aus vorwurfsvoll an, immer dann wenn Kathe Koja ihre Geschichte einen Gang höher, bzw. Horror, hätte schalten können und scheinbar die einzige ist, der das nicht auffällt. Letztlich versuche ich mich jedoch davon zu lösen; denn meine Ansprüche sollen mir nicht die Lektüre versauen.

Die Autorin kann leider nicht widerstehen mir als Leserin in den letzten Paragrafen ihres Romans den Sinn der Geschichte zu erklären. Eigentlich hätte ich mir den am liebsten selbst zusammen gereimt, aber gute Lektoren sind im Horrorgenre bekanntlich rar gesät – fast so rar wie Schriftsteller, die auf ihre Lektoren hören und den letzten Absatz, indem sie ihrer Leserin das Buch erklären, streichen 😉 Abgesehen davon bleibt jedoch alles offen und das ist ehrlich gesagt ganz schön frustrierend. Das „Funhole“ ist also eine Metapher, aber ich weiß nach wie vor nicht, was genau sich darin verbirgt und warum es diejenigen, die damit in Berührung kommen entweder vollkommen verrückt macht oder von innen heraus auffrisst. Auf der einen Seite will ich es gar nicht so genau wissen; auf der anderen Seite treibt mich die Neugier schier in den Wahnsinn. Kleinerer Unzulänglichkeiten und offener Fragen zum Trotz ist Kathe Koja eine Autorin, die ich definitiv auf dem Schirm behalten werde.

Von Sandy DeLuca habe ich ebenfalls schon zwei weitere Romane auf dem eReader, auch wenn ich mich nach diesem albtraumhaften Lesemonat erst einmal verschnaufen und meine Leseerlebnisse verarbeiten muss. Darüber hinaus aber bin ich angefixt, infiziert quasi von diesem Genre und seiner Damenrunde, die übrigens noch viele andere Namen zu bieten hat. Sie alle, inklusive Beispielbuch, hier aufzuführen würde den Rahmen dieses Beitrags jedoch sprengen. Also muss du an dieser Stelle mal selbst googeln. Denn das, was ich hier bezwecke, ist schließlich Dir liebe Leserin die Augen zu öffnen, bzw. wässrig zu machen, für eine Albtraumwelt jenseits von Stephen King, Dean Koontz, Jack Ketchum und Co.

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(Neuerscheinung) Sie suchten nach Gold Ruhm Zitrus und fanden den Tod…

„Gold, Ruhm, Zitrus“ war das letzte Buch, das ich vor meiner Blogpause in den Händen hielt. Danach war es allerdings nicht das erste, dessen Lektüre ich wieder aufnahm, hatte ich es doch vor Monaten schon verliehen. Als ich es dann aber endlich wieder in meinem Regal willkommen heißen durfte, ließ ich mich natürlich nicht lange bitten – schließlich gehörte es Anfang diesen Jahres zu den von mir am sehnlichsten erwarteten Neuerscheinungen…

9783550081125_coverNiemand kann sagen, wann es das letzte Mal in Kalifornien geregnet hat. Das Land liegt unter einer gigantischen Dünenformation begraben, die Bewohner werden, teils mit Waffengewalt, teils durch undurchsichtige bürokratische Vorschriften davon abgehalten, in fruchtbarere Regionen zu ziehen. Die meisten haben sich mehr oder weniger freiwillig in Notlager begeben, einige wenige hausen in den Villen und Bungalows, die andere verlassen haben, und leben von Notrationen. Auch Luz und Ray gehören zu ihnen. Als das Schicksal ein zweijähriges Mädchen namens Ig in ihre Hände legt, ändert sich für sie alles. Luz, ehemaliges Model, will des Kindes wegen die Flucht nach Osten wagen, ihr Freund Ray, Kriegsveteran und Surfer, unterstützt sie trotz seiner Vorbehalte. Spätestens als sie in den Weiten der Amargosa-Wüste auf eine sektenartige Kommune und ihren charismatischen Anführer stoßen, wird klar, dass Gefahr nicht nur von der erbarmungslos brennenden Sonne ausgeht.

Von Dystopien kann ich seitdem ich mit 15 Jahren George Orwells „1984“ gelesen habe einfach nicht genug kriegen, was leider den Nebeneffekt hat, dass ich mittlerweile das Gefühl habe alles, was mir in der neueren dystopischen Literatur begegnet schon einmal gesehen zu haben. Bei „Gold Ruhm Zitrus“ trifft dies zum Teil ebenfalls zu, was aber an sich noch kein Werturteil darstellen soll. Denn die Autorin liefert auch viele neue Impulse in ihrem ökologischen Endzeitszenario der Vereinigten Staaten von Amerika. Somit ist der erste, und von mir seit der Lektüre ihres Debüts herbei gesehnte, Roman der Tochter von Paul Watkins, eines Anhängers von Charles Manson, ein bisschen Orwell und ein bisschen Atwood, gewürzt mit einer Prise Al Gore, aufgepeppt und individualisiert durch ein paar stilistische Spirenzchen, die mich persönlich an Zadie Smith erinnern, eine ganze neue Mischung des Erfolgsrezeptes Dystopie.

Claire Vaye Watkins hat ein Faible für Desperados, schon ihr Debüt „Geister, Cowboys“ spielte im wilden Westen der USA; genauer gesagt im Spieler- und Gangsterparadies Nevada, wo die Autorin aufgewachsen ist. „Gold Ruhm Zitrus“ spielt nun im benachbarten Californien und das obwohl die Autorin mittlerweile mit Mann und Tochter im nordöstlichen Michigan, an der Grenze zu Kanada lebt, wo sie an der staatlichen Universität Kreatives Schreiben unterrichtet. In ihren Roman fließen also vor allem Erinnerungen ein, an eine Kindheit im Herzen der Mojave Wüste, die im Roman selbst eine große Rolle spielt, ja sogar mysthische Kräfte zugeschrieben bekommt. Als Leserin frage ich mich, ist es Sehnsucht nach der unwirtlichen Weite, die Claire Vaye Watkins an diesen Schauplatz führt? Wie dem auch sei, ich bin jedenfalls angefixt und spüre den Sog der Aragosa mit jedem neuen Kapitel anwachsen.

Die Aragosa ist eine Bedrohung für das Leben auf dem amerikanischen Kontinent, eine Sandlawine, die sich im Zeitlupentempo über das Land schiebt und alles und jeden unter sich begräbt, der es wagt sich ihr in den Weg zu stellen, und das sind vor allem die hartggesottenen, hitzegegerbten Bewohner der Mojave Wüste, in all ihren charakterlichen Eigenheiten beschrieben von Einer, die sie auf intimste Weise zu kennen scheint. Sie ist eine Sirene, deren Ruf bis an die Küsten schallt und dem Auserwählte aller Bevölkerungsschichten folgen als verkünde sie den Weg zur Erlösung. Im Laufe des Romans verfällt auch dessen Hauptfigur Luz, ein ehemaliger Kinderstar, der einst von der Propagandamaschinerie der amerikanischen Nachrichtenlandschaft instrumentalisiert wurde, den Verlockungen des Lebens am Rande der Welt und schließt sich der Aragosa Kolonie an.

Die Struktur des Zusammenlebens der Aragosa Kolonie kommt mir bekannt vor, was nicht nur an der sektenähnlichen Athmosphäre liegt, die sich über die Behausungen legt, und auf mich als Leserin trotz der positiven Erfahrungen von Luz und Ig, als sie zur Kolonie stoßen, immer ein wenig bedrohlich wirkt, was aber auch an der Wüste liegen könnte, deren geballte Zerstörungskraft quasi vor der Haustür ist. Die sexuelle Verfügbarkeit der teils noch sehr jungen weiblichen Aussteigerinnen für den Anführer Levi lässt mich schaudern, und auf einmal wird mir auch klar warum. In ihrer Charakterisierung von Levi und seinem Gefolge scheint Claire Vaye Watkins zu versuchen sich gedanklich dem anzunähern, was ihren Vater und seine Zeitgenossen einst dazu getrieben haben mag dem wortgewandten, aber bei genauerer Betrachtung, letztlich doch psychopathischen Manson zu verfallen, ihm seine schizoiden Lügen abzukaufen, ja sogar Verbrechen für ihn zu begehen.

Levi der charismatische Anführer der Aragosa Kolonie erinnert mich ein bisschen an den jungen Charles Manson, Anführer der sogenannten „Family“ einer californischen Hippie-Gemeinde, die zunächst als Zufluchtsort für eine handvoll Aussteiger fungierte, jedoch schnell und mit unvorstellbarer Zerstörungswut kultähnliche Züge annahm. Claire Vaye Watkins erzählt in ihrem Roman nicht nur die Geschichte von Luz, Ray und Ig, sondern geht gleichzeitig auf Spurensuche in der eigenen Geschichte und offenbart sich dieser Leserin auf eine Art und Weise, die einiges an Mut erfordert haben muss; wenn es denn absichtlich geschehen ist. Als Leserin fühle ich mich der Autorin persönlich sehr nahe, was sie von anderen Schriftstellerinnen, deren Dystopien ich bisher gelesen habe unterscheidet und „Gold Ruhm Zitrus“ eine Dimension gibt, die seinen Genregenossen fehlt und mein Leseerleebnis besonders intensiv macht.

Diese narrative Intensität wäre für mich als Leserin erschöpfend und sicher nur schwer auszuhalten, würde Claire Vaye Watkins sie nicht durch stilistische Experimente, wie zum Beispiel eine exakte Wiedergabe einer in der Geschichte von Levi erstellten „Fibel neuer Tierarten in der Aragosa“, in regelmmäßigen Abständen durchbrechen. Diese Spielereien erinnern mich persönlich an die Romane „Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Foer und „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak und haben dabei das Potenzial sowohl für als auch gegen die Lektüre des Romans zu sprechen, wie die Würfel letztenendes fallen, kommt auf die individuelle Leserin an – also sage bitte nicht, ich hätte dich nicht vorgewarnt. Mir persönlich ist eine Erzählweise à la Margret Atwood bei Romanen, in denen die Handlung im Vordergrund steht, eigentlich lieber; doch erwarte ich in diesem Fall nicht ernsthaft, dass die überaus talentierte Watkins ihr schriftstellerisches Licht unter den Scheffel stellt.

Insofern ist „Gold Ruhm Zitrus“ für mich ein Roman, der seine Leserin fordert, sie dazu auffordert hinter die Fassade zu schauen und sich nicht mit dem zufrieden zu geben, was ihr via des Narrativs auf dem Silbertablett serviert wird. Leider sagt mir mein Bauchgefühl, dass gerade diese Art Leserin Hemmungen haben könnte sich in eine Dystopie zu vertiefen; Und dabei ist „Gold Ruhm Zitrus“ doch so viel mehr als das. Claire Vaye Watkins setzt sich in ihrem Roman mit Themen auseinander, die das Genre der „Endzeitdystopie“ sprengen: nun da wir erwachsen sind, wie wollen wir leben? wollen wir die Umwelt bekämpfen oder einen Einklang finden? ist er wirklich der einzig Wahre oder nur der Erstbeste? was bedeutet es ein behindertes Kind groß zu ziehen? ist es klug für seine Sehnsucht alles aufs Spiel zu setzen? Mögliche Antworten auf diese Fragen finde ich als Leserin zwischen den Seiten von „Gold Ruhm Zitrus“.

Gold Ruhm Zitrus – Claire Vaye Watkins – ISBN 978.3.550.08112.5

Für Leserinnen, die…

  • …sich in eine dystopische Zukunft versetzen lassen wollen.
  • …keine Angst vor stilistischen Experimenten haben.
  • …den ungezähmten Westen Amerikas lieben.

Literarische Nachbarinnen…

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(Feminismen) Das weibliche Geschlecht, vom Aussterben bedroht…

Zu diesem Buch bin ich auf zweierlei Art gekommen. Zum einen hat mich der Film „The three deadliest words in the world: It’s a Girl!“ (inklusive TED Talk des Regisseurs) für das Thema angefixt, und dann habe ich dieses Buch auf dem amerikanischen Buchblog „Feminist Texican Reads“ besprochen gesehen. Bald darauf hielt ich meine eigene Ausgabe in Händen und möchte sie nun nicht mehr missen, auch wenn mir ihr Inhalt zeitweise schwer im Magen liegt…

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Auf der ganzen Welt gerät das ausgewogene Zahlenverhältnis zwischen den Geschlechtern aus der Balance. Es gibt zu viele Jungen und zu wenig Mädchen. Das gilt für China, wo die Differenz mit 163 Millionen fehlenden Frauen bereits der Gesamtanzahl der weiblichen Bevölkerung der USA entspricht, es gilt für Indien, aber inzwischen auch für weitere Länder in Osteuropa, Afrika und Lateinamerika. Anders als bisher angenommen verschwindet das Phänomen nicht mit steigendem Wohlstand und wachsender Bildung. Der Frauenmangel führt zu steigender Gewalt gegenüber Frauen, Zwangsverheiratungen und grenzüberschreitendem Frauenhandel.

Mara Hvistendahls Buch über den Genozid an weiblichen Föten zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft der Welt. Ob es nun um die potenzierte Gewaltbereitschaft unzähliger junger Männer geht und das erhöhte Risiko Opfer einer Gewalttat zu werden, für die versprengten Frauen und Mädchen oder um das harte Schicksal als abgekapselter Junggeselle seine alten Eltern pflegen zu müssen; Mara Hvistendahl widmet sich allen nur erdenklichen Szenarien, die aus einem Überschuss an Männern innerhalb der Gesellschaften verschiedener Schwellenländer und jungen Industrienationen von Indien, über China bis nach Albanien, erwachsen können. Schon heute zeichnet sich ab, dass es höchste Zeit ist für die politischen Eliten der erwähnten Länder gegenzusteuern, auch wenn der gefährliche Trend der Vermännlichung der Welt nur schwer aufzuhalten zu sein scheint.

Mara Hvistendahl geht in ihrer Schilderung der selektiven Geburtenkontrolle, wie sie besonders in Indien, China aber auch in Teilen Osteuropas praktiziert wird, an die Ursprünge dieser Entwicklung, die wie sollte es auch anders sein, von den westlichen Industrienationen losgetreten wurde. Um die Überbevölkerung der Welt zu verhindern machten die ehemaligen Kolonialmächte besonders in Indien Abtreibungen salonfähig – eine Entwicklung, die sich mit der Erfindung der Geschlechtsbestimmung durch Ultraschall verselbstständigen sollte. Ich will an dieser Stelle nicht zu sehr ins Detail gehen, denn das tut Mara Hvistendahl in „Das Verschwinden der Frauen“ viel besser als ich es je könnte; lass mich nur so viel sagen, die Liste der Ereignisse, die in ihrer Verkettung zu einem Ungleichgewicht der Geburten führten ist lang.

Von Indien geht es nach China, wo die historische Bevorzugung von Söhnen und die moderne Ein-Kind-Politik gnadenlos aufeinander trafen und eine Generation von überflüssigen Junggesellen produzierten. Mara Hvistendahl erzählt davon, wie Bräute aus Vietnam angeworben werden, manchmal auch ohne vorher deren explizite Einwilligung einzuholen – die Entscheidung treffen in der Regel die Familien der jungen Frauen. Sie erzählt von der oft aussichtslosen Situation der Frauen, deren Ehen mit chinesischen Männern selten gut gehen und von chinesischen Aktivisten, die sich auf die Befreiung und Rückführung der verschleppten Frauen spezialisiert haben. An dieser Stelle wird mir als Leserin die politische Brisanz dieses Buchs schlagartig bewusst. Hatte Mara Hvistendahl mich zuvor mit geschichtlichen Zusammenhängen eingelullt, schlägt sie mir nun ihre Konsequenzen um die Ohren.

Der letzte Stopp auf der Suche nach den verlorenen Mädchen ist für mich als deutsche Leserin quasi vor der Haustür. Denn auch in Albanien wird selektiv abgetrieben, um mehr Söhne zu zeugen in einer Zeit in der diese für das Überleben einer Familie gar nicht mehr unbedingt notwendig sind, die Gesellschaft aber weiterhin an ihrem historischen Prestige, das ihre Mütter und Gemeinden aufwertet, festhält. Doch was sollen all die ruhelosen Männer in einer strukturschwachen Region, in der es nicht einmal mehr genug Frauen gibt, um ihnen ein sesshaftes Lebens als Familienväter in Aussicht zu stellen? Diese und andere Fragen kann oder will Mara Hvistendahl mir leider nicht beantworten. Stattdessen beschränkt sie sich darauf die Entwicklungen der Vergangenheit nachzuvollziehen, politische und demographische Fehlentscheidungen aufzuzeigen und deren Auswirkungen zu illustrieren.

Insgesamt ist „Das Verschwinden der Frauen“ eine aufrüttelnde Lektüre zu einem weltweiten Problem, das so in den westlichen Industrienationen nur äußerst selten zur Sprache kommt. Vielleicht haben die Verantwortlichen ein schlechtes Gewissen oder die Auswirkungen einer Welt voller unverheirateter, kinder- und familienloser, Männer werden hier, weit weg von den Schauplätzen dieser Entwicklung, noch weitläufig unterschätzt. In den betroffenen Ländern werden langsam Maßnahmen in Gang gesetzt um dem Verschwinden der Frauen entgegen zu wirken, so viel verrät Mara Hvistendahl dieser Leserin dann doch. Ob diese Lösungsansätze allerdings noch rechtzeitig greifen, das bleibt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Das Verschwinden der Frauen“ leider fragwürdig.

Das Verschwinden der Frauen: Selektive Geburtenkontrolle und ihre Folgen – Mara Hvistendahl – ISBN 978.3.423.28009.9

Für Leserinnen, die…

  • …sich ihren Platz in der Welt erkämpfen mussten.
  • …bisher noch nie vom Genozid gegen das weibliche Geschlecht gehört haben.
  • …sich für weltpolitische Probleme interessieren.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Über Männer, die die Welt erklären und Frauen, die es besser wissen…

Lange schon steht die englische Audioversion auf meinem Merkzettel bei audible.de. Da es sich bei diesem Buch um einen Essayband handelt, habe ich mich nie so ganz dazu durchringen können es zu kaufen. Denn Essays hören, dass bringt mich viel zu oft aus dem Lesefluss heraus. Daher freute ich mich als der btb Verlag die gedruckte Version für kleines Geld herausbrachte, und im Nu war die Entscheidung für das Buch getroffen…

Wenn Maenner mir die Welt erklaeren von Rebecca SolnitEin Mann, der mit seinem Wissen prahlt, in der Annahme, dass seine Gesprächspartnerin ohnehin keine Ahnung hat – jede Frau hat diese Situation schon einmal erlebt. Rebecca Solnit untersucht die Mechanismen von Sexismus. Sie deckt Missstände auf, die meist gar nicht als solche erkannt werden, weil Übergriffe auf Frauen akzeptiert sind, als normal gelten. Sie schreibt über die Kernfamilie als Institution genauso wie über Gewalt gegen Frauen, französische Sex-Skandale, Virginia Woolf oder postkoloniale Machtverhältnisse. Leidenschaftlich, präzise und mit einem radikal neuen Blick zeigt Rebecca Solnit auf, was längst noch nicht selbstverständlich ist: Für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern gilt es, die Stimme zu erheben.

Rebecca Solnits Buch besteht aus sieben Essays verschiedener Länge, der Kürzeste über den frischen Wind, den die gleichgeschlechtliche Ehe in eine zutiefst hierarchische Verbindung bringen wird, ist gerade mal zehn Seiten lang, ihr Essay über die Schriftstellerin Virginia Woolf ist wiederum ausführlich genug um sein eigenes schmales Büchlein zu verlangen. Wenn sie in Länge und Aufbau auch noch so verschieden sind, thematisch gleichen sich die Essays alle. Denn in „Wenn Männer mir die Welt erklären“ hat Rebecca Solnit ihre Gedanken zum Thema Feminismus, Patriarchat und Gewalt zusammengetragen, eine explosive ebenso wie introspektive Sammlung, die bei mir als Leserin und als Feministin einiges ausgelöst hat und mir dadurch wohl noch lange in guter und aufwühlender Erinnerung bleiben wird.

In Rebecca Solnits Essays geht es ebenso um aktuelle Themen, wie um persönliche und ab und zu auch mal um eine Herzensangelegenheit. Der titelgebende Essays zum Beispiel basiert auf den Erfahrungen der Autorin im Gespräch mit zumeist älteren Männern, die über Dinge schwadronieren, von denen sie keine Ahnung haben. Niemand wird gerne unterbrochen, schon gar nicht, wenn frau weiß wovon sie spricht, und doch ist dieser kleine Erfahrungsbericht, dem die Autorin natürlich noch ein paar kluge sozio-psychologische Eindrücke beigibt, noch verhältnismäßig erheiternd; vor allem dann wenn man sich dem nächsten Essay mit dem Titel „Der längste Krieg“ zuwendet, in dem es um Gewalt gegen Frauen geht und der selbst für Nicht-Betroffene schwer verdaulich sein dürfte. Und trotzdem ist gerade dieser Essay der meines Erachtens nach Lesenswerteste der Sammlung als Ganzes.

Darüber hinaus widmet sich Rebecca Solnit dem Internationalen Währungsfond und der Strauß-Kahn Affäre, der Auslöschung weiblicher Ahnen aus den Stammbäumen des Patriarchats und schließt letztlich mit einer Zuversicht, die den Sturm in meinem Inneren, der sich auf dem Weg zum Schlusswort aufgebaut hat, zu einem leisen Lüftchen werden lässt. Insofern ist „Wenn Männer mir die Welt erklären“ eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die mich mal zum Schmunzeln bringt und mir kurz darauf die Galle überkochen lässt, um mich dann wieder zu beruhigen, ja fast schon versöhnlich zu stimmen. Rebecca Solnit versteht es ihre Leserinnen mit Haut und Haar in ihr jeweiliges Thema zu ziehen, ihnen begreiflich zu machen, warum es wichtig ist hinter die Fassade von beispielsweise Nachrichtenmeldungen zu schauen und zu hinterfragen, welche Strukturen es sind, die das Elend der Welt, das disproportional von Frauen ertragen wird, überhaupt möglich machen.

Insgesamt ist dieses Buch ein kurzweiliges, dabei aber auch aufrüttelndes Lesevergnügen, nicht nur für feministische Leserinnen. Denn Rebecca Solnit predigt nicht, sondern erzählt einfach, präsentiert Fakten und kommentiert Aktuelles; und überlässt es ihrer Leserin deren Denkapparat anzuwerfen und politische Schlüsse aus ihren Essays zu ziehen. Ich persönlich bin mal mehr, mal weniger erschüttert über die behandelte Thematik, kann einiges nachvollziehen, habe mit anderem so wiederum nie zu tun gehabt. Trotzdem denke ich, dass „Wenn Männer mir die Welt erklären“ ein lesenswertes und ein wichtiges Buch ist, als Augenöffner, als Grundstein für eine feministische Lesekarriere oder auch durch seinen Wiedererkennungswert für alle Leserinnen, die gelangweilt weghören, wenn Männer wieder mal über Sachen dozieren, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben.

Wenn Männer mir die Welt erklären – Rebecca Solnit – ISBN 978.3.442.71439.1

Für Leserinnen, die…

  • …sich nicht so leicht unterkriegen lassen.
  • …sich welt- und frauenpolitisch interessieren.
  • …sich ihre Meinung selbst bilden.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Das grandiose Sternbild des Chrysler Buildings bei Nacht…

Elizabeth Strout ist schon seit langem die Lieblingsautorin meiner Mutter, und auch außerhalb des Familienkreises höre ich über sie nur Gutes – zum Beispiel von der Jury des amerikanischen Pulitzer Preises, die Elizabeth Strout 2009 für ihren Roman „Mit Blick aufs Meer“ ausgezeichnet hat. Insofern blieb mir als Leserin und als Buchbloggerin nun natürlich keine andere Wahl als, in Form ihrer neusten Veröffentlichung, dem Hype einmal selbst auf den Grund zu gehen…

41di0a8lul-_sx309_bo1204203200_Lucy Barton erzählt ihre Geschichte. Sie muss sie erzählen, weil sie auf der Suche nach der Wahrheit ist, als Schriftstellerin wie als Mensch. Und es gibt zu vieles, was ihr Leben geprägt hat und ihr immer noch keine Ruhe lässt. Das wird ihr klar, als sie wegen einer unerklärlichen, lebensbedrohenden Infektion nach einem Routineeingriff längere Zeit im Krankenhaus bleiben muss und plötzlich ihre Mutter an ihrem Bett sitzt. Ihre Mutter, die sie nicht mehr gesehen hat, seit sie ihr Zuhause in einem kleinen Kaff in Illinois verlassen hat. Während sie erschöpft und glücklich der Stimme ihrer Mutter lauscht, die ihr Geschichten von den Leuten aus ihrer Heimat erzählt und was aus ihnen geworden ist, während Mutter und Tochter ein neues Band zu formen scheinen, auch wenn sie nur schweigend aus dem Fenster auf das beleuchtete Chrysler Building gegenüber schauen, kommt alles wieder hoch…

In ihrem neusten Roman erzählt Elizabeth Strout die Geschichte der jungen Mutter Lucy Barton, die nach einer Routineoperation mysteriös erkrankt und von ihrem Krankenzimmer aus auf die nächtliche Skyline von New York blickt. An Lucys Bett wacht ihre Mutter; Tag und Nacht auf einem unbequemen Stuhl sitzend, weicht sie ihrer von der Krankheit gezeichneten Tochter nicht von der Seite. Zusammen erinnern sie sich an vergangene Jahre, schwatzen über alte Bekannte und warten auf Lucys Arzt, der jeden Tag vorbei kommt, um nach ihr zu sehen, sogar Samstags, was Lucy sehr freut und ein bisschen verliebt macht, wenn sie ehrlich ist. So verstreichen die Tage und die Erinnerungen Lucys an ihre Kindheit verleihen der Eintönigkeit ein bisschen Farbe, auch wenn die Erinnerungen selbst Lucy nicht immer fröhlich stimmen.

Ich muss zugeben, dass ich mit sehr hohen Erwartungen an die Lektüre dieses Romans heran gegangen bin. Schon alleine seine Länge, gerade einmal 200 Seiten, hätte mich dahingehend vorwarnen sollen, dass er einfach nicht in der gleichen Gewichtsklasse boxt wie „Mit Blick aufs Meer“ oder „Das Leben, natürlich“. Ich ließ mich jedoch nicht belehren und war am Ende dann doch etwas enttäuscht, weil ich mir mehr Tiefgang versprochen hatte von diesem Roman, der eigentlich viel mehr einer Novelle gleicht und vielleicht auch so verstanden werden sollte. Die Themen, welche Elizabeth Strout in „Die Unvollkommenheit der Liebe“ anschneidet – Armut, Kindesmisshandlung, Alkoholismus – werden nicht einmal ansatzweise ausgelotet und ich fühle mich nach Beendigung der Lektüre nur unzureichend gesättigt, so als hätte mir der Appetizer vorgegaukelt ein Festmahl zu sein.

Stilistisch spielt Elizabeth Strout natürlich in der ersten Liga mit, so ein Pulitzer Preis wird einem schließlich nicht nach geschmissen, und „Die Unvollkommenheit der Liebe“ ist also, trotz ihrer kleinen Unzulänglichkeiten was den Tiefgang der Geschichte angeht, erzählerisch durchaus in der Lage selbst die gehobenen Ansprüche der Bücherphilosophin (das bin ich 😉 ) zu befriedigen. Sprachlich ansprechend geschrieben, dabei aber nie abgehoben oder gar verliebt in die eigenen stilistischen Sperenzchen, führt die Erzählstimme der Lucy Barton diese Leserin durch die Geschichte. Von Anfang bis Ende, ohne zu beschweren demnach aber leider auch ohne einen besonders tiefen Eindruck (bei mir) zu hinterlassen. Sie erzählt ihre Geschichte im Rückblick nach ihrer Genesung, und im Rückblick während des Rückblicks, als sich erinnernde, da in ihrem Krankenzimmer gefangene, um ihr Leben bangende junge Mutter.

Dafür dass Lucy Barton über den Zeitraum ihres Krankenhausaufenthaltes nie genau weiß, woran sie eigentlich leidet und was für ein Ende es mit ihr nehmen wird – eine meiner Erfahrung nach sehr Angst- und sicher auch sehnsuchtsintensive Zeit, abgeschottet von Familie und Freunden – enthält ihre letztendliche Schilderung dieser Zeit unerwartet wenig Emotionen. Quasi aus dem Nichts taucht ihre Mutter auf, um ihr Gesellschaft zu leisten und scheint dabei keinerlei eigene körperliche Bedürfnisse zu haben, allen voran der Schlaf. Als Leserin glaubte ich einige Kapitel lang es handele sich bei ihr um die Halluzination einer Sterbenden, doch zu einem solchen (zugegebenermaßen etwas abgedroschenen) stilistischen Werkzeug greift Elizabeth Strout dann doch nicht. Die Frage, ob dies vielleicht besser gewesen wäre, muss jede Leserin für sich selbst beantworten.

Insgesamt hatte ich von Pulitzer Preis Gewinnerin Elizabeth Strout deutlich mehr erwartet – vor allem nach dem ganzen Trara, welches hier in meiner Familie um ihre Romane gemacht wird. Das Buch liest sich sehr angenehm und stellt zwischen der Leserin und der Geschichte dabei keinerlei stilistische Hürden auf. Besonders Leserinnen, denen ab der dritten Metaebene gerne mal der Kopf schwirrt – mich schließt das post-ME leider mit ein – dürften sich zwischen den Seiten wie zu Hause fühlen; mir persönlich reicht das aber nicht. Denn die Geschichte ist mir eindeutig zu flach geraten, besteht quasi nur aus im Grunde belanglosen Gesprächen zwischen Mutter und Tochter, die ich mir letztlich auch selbst aus dem Ärmel hätte schütteln können. Zudem scheinen mir einige Handlungspunkte ein wenig an den Haaren herbei gezogen. Alles in allem für mich nicht genug um Elizabeth Strout abzuschwören, aber für den nächsten Roman wünsche ich mir etwas mehr Herzblut.

Die Unvollkommenheit der Liebe – Elizabeth Strout – ISBN 978.3.630.87509.5

Für Leserinnen, die…

  • …eine leicht verdauliche und dennoch sprachlich anspruchsvolle Lektüre suchen.
  • …einen Zeh in die literarischen Wasser der Elizabeth Strout halten möchten, bevor sie bereit sind einen Kopfsprung zu wagen.
  • …keine allzu hohen Ansprüche an ihre nächste Lektüre stellen.

Literarische Nachbarn…

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(#04/2016) Aller guten Sachbücher sind 3…!

Drei Frauen mittleren Alters blicken zurück, drei Frauen erzählen ihre Geschichte. Die eine tut dies mit viel Humor, die nächste mit viel Ehrlichkeit sich selbst und ihren Leserinnen gegenüber, und die dritte mit einem unguten Gefühl im Licht neuer Erkenntnisse über die Schauplätze ihrer Kindheitserinnerungen. Ein literarisches Stimmungsbarometer also, dessen Nadel von Heiterkeit über Nostalgie bis zu ehrlicher Besorgnis schwingt.

Für Tollpatschige…

51uUwTCUrVL._SX324_BO1,204,203,200_„Is It Just Me?“ von Miranda Hart: Well hello to you dear browser. Now I have your attention it would be rude if I didn’t tell you a little about my literary feast. I am proud to say I have a wealth of awkward experiences – from school days to life as an office temp – and here I offer my 18-year-old self (and I hope you too dear reader) some much needed caution and guidance on how to navigate life’s rocky path. Because frankly where is the manual? The much needed manual to life. Well, fret not, for this is my attempt at one and let’s call it, because it’s fun, a Miran-ual. I thank you.

Manch einer mag Miranda Hart aus dem Fernsehen kennen, ihre in Großbritannien überaus erfolgreiche Comedyserie wird soweit ich weiß auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Ich persönlich kenne sie allerdings nur als etwas verkniffenes Gesicht auf dem Buchcover ihres Bestsellers „Is it just Me?“ im Buchladen Waterstones auf der Edinburgher Princes Street direkt am Eingang platziert und unmöglich zu übersehen. Lange widerstand ich ihm, verband ich doch nichts mit seiner Autorin, las es dann aber doch, nachdem mir die humorvollen Memoiren von amerikanischen Comedy-Größen wie Tina Fey und Amy Poehler so gut gefallen hatten. Leider hielt „Is It Just Me?“ eine Enttäuschung für mich bereit, und dabei waren meine Erwartungen ohnehin schon uncharakteristisch niedrig.

Das Buch ist als Dialog geschrieben, als unaufhörliche Auseinandersetzung der gegenwärtigen Miranda Hart mit ihrem 18-Jährigen Selbst. Beide Damen gingen mir schon früh mit ihrer albernen Tollpatschigkeit gehörig auf die Nerven. Die Autorin fragt in einem fort: „Is it just me?“ und ich antworte: „Yes, Miranda. It’s just you.“ Denn ich kann mich mit dieser Art durchs Leben zu stolpern einfach nicht identifizieren, noch bin ich besonders begeistert vom berühmten britischen Humor, den die Autorin zwischen den Seiten derart auf die Spitze treibt, dass man als deutsche Leserin den Witz mit der Lupe suchen muss. Insgesamt legt das Buch also eine Bruchlandung hin, die nicht besser zu seiner Autorin passen könnte, nur dass in meinem Lesezimmer am Ende leider nicht gelacht, sondern sich geärgert wird, schließlich hätte ich auch was anderes lesen können.

Am besten kombiniert mit…

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Für Aussteiger…

51zXP6Lo6zL._SX335_BO1,204,203,200_„You Look Like That Girl…“ von Lisa Jakub: At the age of twenty-two, Lisa Jakub had what she was supposed to want: she was a working actor in Los Angeles. She had more than forty movies and TV shows to her name, she had been in blockbusters like „Mrs. Doubtfire“ and „Independence Day“, she walked the red carpet and lived in the house she bought when she was fifteen. But something was missing. Passion. Purpose. Happiness. In „You Look Like That Girl…“ Lisa Jakub explores the universal question we all ask ourselves: what do I want to be when I grow up?“

Die Autorin dieser Autobiografie kennt wahrscheinlich vom Namen her kein Mensch (mehr). Doch die Filme in denen der ehemalige Kinderstar mitwirkte sind auch über zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch gerne gesehen – zumindest von mir 😉 In ihrem überaus kontemplativen Buch schaut die (etwas) gealterte Autorin, die mittlerweile ein vollkommen durchschnittliches Leben führt, auf ihre mehr oder weniger bewegte Jugend als Hollywood-Liebling zurück. Dabei hat sie gemessen an Hollywood-Maßstäben gar nicht so viel zu erzählen; Drogen nahm sie keine, Affären hatte sie dafür viele, aber immer nur mit technischen Mitarbeitern. Im Vergleich zu Barrymore, Culkin & Co. wirkt ihre Schilderung zahm, fast schon etwas fade. Wer ein Enthüllungsbuch sucht, ist mit „You look like that girl..“ also schlecht beraten.

Insgesamt finde ich es ganz interessant mal hinter die Kulissen bekannter Filme zu schauen und von einem Hollywood-Insider zu erfahren, wie es an Filmsets so zugeht, mag die Perspektive der Autorin auch noch so behütet sein. Wer weiß, wo Lisa Jakub heute wäre, hätte sie mit Anfang zwanzig nach einer langen Frustphase nicht das Handtuch geworfen. Vielleicht würde sie sich mit Amy Adams erbitterte Kämpfe um die Oscar-Nomminierung liefern, vielleicht wäre sie auch wie so viele Kinderstars vor ihr langsam in der Versenkung verschwunden. Die Entscheidung sich freiwillig zurück zu ziehen und ein ganz normales (von Hollywood aus gesehen wahrscheinlich wenig erstrebenswertes) Leben zu führen, verleiht ihr eine Integrität, die in mir den Wunsch weckt, ihre Geschichte näher kennen zu lernen – und so schließt sich der Kreis.

Am besten kombiniert mit…

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Für Atomgegner…

51pkpqm9ial-_sx321_bo1204203200_„Full Body Burden“ von Kristen Iversen: It is the early 1950s. Kristen Iversen is enjoying a carefree childhood surrounded by desert and mountains. But just a few miles down the road, the US government decides to build a secret nuclear weapons facility at Rocky Flats. Kirsten and her siblings jump streams, ride horses, live a happy outdoors life. But beneath this veneer her family is quietly falling apart. And in a series of fires, accidents and other catastrophic leaks, Rocky Flats nuclear plant is spewing an invisible cocktail of the most dangerous substances on earth into this pristine landscape. The ground, the air and the water are all alive with radiation.

Kristen Iversens Autobiografie sprengt die Grenzen des Genres, dementsprechend fällt es mir schwer ihr Buch an dieser Stelle in Worte zu fassen. Auf der einen Seite ist es eine Autobiografie, wie es in ihrer Generation unzählige gibt; eine kinderreiche und daher etwas chaotische Familie zieht in eine Vorstadtsiedlung, hält dort diverse Tiere an denen die Kinder ihre helle Freude haben, der Vater trinkt und die Mutter verzweifelt daran, verlässt ihn aber nicht. Auf der anderen Seite ist es hervorragend recherchierter investigativer Journalismus zum Thema Atomwaffen, Umweltverschmutzung und Vertuschung auf staatlicher Ebene. Beide Teile sind über den Verlauf der Geschichte durchgängig miteinander verknüpft, ebenso wie die Kindheit und Jugend in der vermeintlichen Vorstadtidylle untrennbar mit den Umweltverbrechen der amerikanischen Atomindustrie vor Ort verwoben ist.

Ab und zu liest sich das Buch daher wie ein Thriller, dann wiederum wie ein Familienroman und schlussendlich erinnert es, wenn die (zum großen Teil krebskranken) Anwohner gegen den Konzern, der die Fabrik betreibt, vor Gericht ziehen, an ein amerikanisches Zivilrechtsdrama á la „Erin Brochovich“. Doch die Lektüre von „Full Body Burden“ ist nicht nur spannend, sondern beunruhigt diese Leserin auch. Denn wer weiß schon, was sich in Land, Luft und Wasser alles tummelt an Teilchen, die zwar unsichtbar, aber trotzdem allzu schnell sich einverleibt sind, um über die nächsten Jahre und Dekaden Schaden anzurichten, der einen letztlich ins Grab bringt. Insofern ist dieses Buch trotz der autobiografischen Anteile eine harsche Abrechnung mit gängiger industrieller Praxis, die sich wenig um die Sicherheit des Individuums schert, solange am Ende der Gewinn stimmt. Pflichtlektüre also für Verbraucherinnen, die mitdenken, statt nur zu konsumieren!

Am besten kombiniert mit…

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