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(Feminismen) Eine Amerikanerin erklärt warum Feminismus wichtig ist…

Wer, wie ich, ein Faible für feministische Sachbücher hat, der kommt an der amerikanischen Bloggerin Jessica Valenti nicht vorbei. Die Gründerin der Internetplattform feministing.com hat es im letzten Jahr mit gleich drei Büchern in mein Regal geschafft, ein viertes steht zur Zeit auf meiner Wunschliste. Dieses hier ist übrigens das allererste, weitere werden sicher schon bald folgen…

61g4da32myl-_sx329_bo1204203200_Full Frontal Feminism is a book that embodies the forward-looking messages that author Jessica Valenti propagated as founder of the popular website, Feministing.com. Full Frontal Feminism is a smart and relatable guide to the issues that matter to today’s young women. The book covers a range of topics, including pop culture, health, reproductive rights, violence, education, relationships, and more.

Was „The Equality Illusion“ für die unbedarfte britische Leserin ist, das ist „Full Frontal Feminism“ für deren amerikanisches Pendant – ein Weckruf nämlich. Typisch amerikanisch darf der Feminismus diesmal sogar aufs Titelblatt und findet hoffentlich viel Zulauf; mir persönlich hat es jedenfalls gefallen. Denn auch wenn sich die Autorin auf die amerikanische Gesellschaft bezieht, hat mein Heimatland doch genug gemeinsam mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten – und wenn man Jessica Valenti Glauben schenken darf ebenfalls unbegrenzten Sexismus – um einen feministischen Kommentar dazu auch für deutsche Leserinnen interessant zu machen. Und interessant war es, wenn auch etwas oberflächlich, was ich allerdings darauf zurück führe, dass „Full Frontal Feminism“ als Einstiegsdroge konzipiert wurde; ich persönlich es aber ungefähr zwei Jahre nach meiner feministischen Erweckung gelesen habe.

Anders als das oben erwähnte „The Equality Illusion“, ist „Full Frontal Feminism“ ganz klassisch nach Themen aufgebaut, dazu gehören sowohl die ganz alltäglichen Herausforderungen an die moderne Frau, wenn es zum Beispiel darum geht sich innerlich gegen das destruktive Frauenbild, welches die amerikanischen Medien vermitteln, zu wappnen oder auch für frauengesundheitliche Grundversorgung, wie zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen und bezahlbare Verhütungsmittel, zu kämpfen. Es geht um die Entfremdung junger Frauen von ihren Körpern, um die „Raunch Culture“ (wer hierzu mehr erfahren möchte, dem empfehle ich Ariel Levys „Female Chauvinist Pigs“) und in der Konsequenz um die Rückeroberung des so heiß umkämpften weiblichen Körpers durch jede einzelne Frau, bzw. Leserin. In diesem Zusammenhang spricht Jessica Valenti natürlich auch über den dringend notwendigen Kampf gegen die epidemische sexuelle Gewalt, in Amerika und anderswo.

Feminismus ist trendy, besonders in der amerikanischen Populärkultur. Ob nun Beyoncé, Lena Dunham oder gar Taylor Swift, alle bekennen sich zum Feminismus, leben und agieren gleichzeitig aber weiter innerhalb der engen Grenzen der vom Patriarchat als akzeptabel definierten Weiblichkeit. In ihrem Buch „Full Frontal Feminism“ regt Jessica Valenti junge Leserinnen dazu an sich offen und selbstbewusst zum Feminismus zu bekennen, es aber gleichzeitig nicht dabei zu belassen. Denn auch heute noch braucht die Welt Frauen, die bereit sind aus ihren Zimmern, Hörsälen und den virtuellen Sphären des Internets zu treten und auf Worte Taten folgen zu lassen. Frauen, die mutig genug und bereit sind gesellschaftliche Regeln und Definitionen von Weiblichkeit zu brechen und so deren Überflüssigkeit innerhalb einer modernen, gleichberechtigten Gesellschaft zu verdeutlichen.

Dabei ist die feministische Erweckung junger Frauen die eine Sache, und Jessica Valenti macht diese Sache wirklich gut. Die Frau will ich sehen, die nach der Lektüre von „Full Frontal Feminism“ nach wie vor den in Amerika so beliebten Satz äußert: „Ich bin keine Feministin, aber…“ Was aber darüber hinaus unbedingt notwendig ist, ist ebenfalls die jungen Männer mit ins Boot zu holen und ihnen zu verdeutlichen, wie viel angenehmer das Leben auch für sie wird, wenn es ihren Müttern, Schwestern, Freundinnen und Töchtern besser geht; wenn diese selbstbewusst mit ihren Körpern umgehen können und wieder Vertrauen in das andere Geschlecht schöpfen können, erwachsen aus gegenseitigem Respekt. Denn solange die Mädels stolz rufen: „Wir sind Feministinnen!“ und die Jungs dagegen skandieren „Nein heißt Ja! Ja heißt anal!“ kommen wir als Gesellschaft leider keinen Schritt weiter. Diese Überbrückung der ansozialisierten Geschlechterdifferenzen jedoch gelingt Jessica Valenti nicht – vielleicht wird’s ja im nächsten Buch was werden.

Insgesamt ist „Full Frontal Feminism“ jedoch ein guter Einstieg ins Thema für junge Frauen, die im Grunde für die Gleichberechtigung der Geschlechter sind, sich aber noch nie so wirklich vor Augen geführt haben, wie man das denn nun am besten erreichen kann. Sie bezieht sich dabei wie gesagt auf Nordamerika, das meines Wissens nach einen anderen Sexismus praktiziert als Deutschland, der jedoch Überlappungen beider Unterdrückungssysteme durchaus zulässt. Insofern kann man aus den Beschreibungen Jessica Valentis trotzdem seine Lehren für das heimische System ziehen; besonders natürlich die, dass keine Frau sich scheuen sollte sich selbst als Feministin zu bezeichnen – ein Begriff der im Deutschland jenseits der EMMA über die Jahrzehnte leider sehr eingestaubt ist. Auf die deutsche Jessica Valenti müssen wir Leserinnen also wohl noch etwas warten, bis dahin ist die Lektüre von „Full Frontal Feminism“ meiner Meinung nach jedoch ein wunderbarer Kompromiss.

Full Frontal Feminism: A young woman’s guide to why feminism matters – Jessica Valenti – ISBN 978.1.580.05561.1

Für Leserinnen, die…

  • …von der Wichtigkeit des Feminismus erst noch überzeugt werden müssen.
  • …sich feministischen Themen auf Augenhöhe nähern wollen.
  • …gesellschaftliche Parallelen zwischen Amerika und Deutschland ziehen können.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Über Männer, die die Welt erklären und Frauen, die es besser wissen…

Lange schon steht die englische Audioversion auf meinem Merkzettel bei audible.de. Da es sich bei diesem Buch um einen Essayband handelt, habe ich mich nie so ganz dazu durchringen können es zu kaufen. Denn Essays hören, dass bringt mich viel zu oft aus dem Lesefluss heraus. Daher freute ich mich als der btb Verlag die gedruckte Version für kleines Geld herausbrachte, und im Nu war die Entscheidung für das Buch getroffen…

Wenn Maenner mir die Welt erklaeren von Rebecca SolnitEin Mann, der mit seinem Wissen prahlt, in der Annahme, dass seine Gesprächspartnerin ohnehin keine Ahnung hat – jede Frau hat diese Situation schon einmal erlebt. Rebecca Solnit untersucht die Mechanismen von Sexismus. Sie deckt Missstände auf, die meist gar nicht als solche erkannt werden, weil Übergriffe auf Frauen akzeptiert sind, als normal gelten. Sie schreibt über die Kernfamilie als Institution genauso wie über Gewalt gegen Frauen, französische Sex-Skandale, Virginia Woolf oder postkoloniale Machtverhältnisse. Leidenschaftlich, präzise und mit einem radikal neuen Blick zeigt Rebecca Solnit auf, was längst noch nicht selbstverständlich ist: Für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern gilt es, die Stimme zu erheben.

Rebecca Solnits Buch besteht aus sieben Essays verschiedener Länge, der Kürzeste über den frischen Wind, den die gleichgeschlechtliche Ehe in eine zutiefst hierarchische Verbindung bringen wird, ist gerade mal zehn Seiten lang, ihr Essay über die Schriftstellerin Virginia Woolf ist wiederum ausführlich genug um sein eigenes schmales Büchlein zu verlangen. Wenn sie in Länge und Aufbau auch noch so verschieden sind, thematisch gleichen sich die Essays alle. Denn in „Wenn Männer mir die Welt erklären“ hat Rebecca Solnit ihre Gedanken zum Thema Feminismus, Patriarchat und Gewalt zusammengetragen, eine explosive ebenso wie introspektive Sammlung, die bei mir als Leserin und als Feministin einiges ausgelöst hat und mir dadurch wohl noch lange in guter und aufwühlender Erinnerung bleiben wird.

In Rebecca Solnits Essays geht es ebenso um aktuelle Themen, wie um persönliche und ab und zu auch mal um eine Herzensangelegenheit. Der titelgebende Essays zum Beispiel basiert auf den Erfahrungen der Autorin im Gespräch mit zumeist älteren Männern, die über Dinge schwadronieren, von denen sie keine Ahnung haben. Niemand wird gerne unterbrochen, schon gar nicht, wenn frau weiß wovon sie spricht, und doch ist dieser kleine Erfahrungsbericht, dem die Autorin natürlich noch ein paar kluge sozio-psychologische Eindrücke beigibt, noch verhältnismäßig erheiternd; vor allem dann wenn man sich dem nächsten Essay mit dem Titel „Der längste Krieg“ zuwendet, in dem es um Gewalt gegen Frauen geht und der selbst für Nicht-Betroffene schwer verdaulich sein dürfte. Und trotzdem ist gerade dieser Essay der meines Erachtens nach Lesenswerteste der Sammlung als Ganzes.

Darüber hinaus widmet sich Rebecca Solnit dem Internationalen Währungsfond und der Strauß-Kahn Affäre, der Auslöschung weiblicher Ahnen aus den Stammbäumen des Patriarchats und schließt letztlich mit einer Zuversicht, die den Sturm in meinem Inneren, der sich auf dem Weg zum Schlusswort aufgebaut hat, zu einem leisen Lüftchen werden lässt. Insofern ist „Wenn Männer mir die Welt erklären“ eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die mich mal zum Schmunzeln bringt und mir kurz darauf die Galle überkochen lässt, um mich dann wieder zu beruhigen, ja fast schon versöhnlich zu stimmen. Rebecca Solnit versteht es ihre Leserinnen mit Haut und Haar in ihr jeweiliges Thema zu ziehen, ihnen begreiflich zu machen, warum es wichtig ist hinter die Fassade von beispielsweise Nachrichtenmeldungen zu schauen und zu hinterfragen, welche Strukturen es sind, die das Elend der Welt, das disproportional von Frauen ertragen wird, überhaupt möglich machen.

Insgesamt ist dieses Buch ein kurzweiliges, dabei aber auch aufrüttelndes Lesevergnügen, nicht nur für feministische Leserinnen. Denn Rebecca Solnit predigt nicht, sondern erzählt einfach, präsentiert Fakten und kommentiert Aktuelles; und überlässt es ihrer Leserin deren Denkapparat anzuwerfen und politische Schlüsse aus ihren Essays zu ziehen. Ich persönlich bin mal mehr, mal weniger erschüttert über die behandelte Thematik, kann einiges nachvollziehen, habe mit anderem so wiederum nie zu tun gehabt. Trotzdem denke ich, dass „Wenn Männer mir die Welt erklären“ ein lesenswertes und ein wichtiges Buch ist, als Augenöffner, als Grundstein für eine feministische Lesekarriere oder auch durch seinen Wiedererkennungswert für alle Leserinnen, die gelangweilt weghören, wenn Männer wieder mal über Sachen dozieren, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben.

Wenn Männer mir die Welt erklären – Rebecca Solnit – ISBN 978.3.442.71439.1

Für Leserinnen, die…

  • …sich nicht so leicht unterkriegen lassen.
  • …sich welt- und frauenpolitisch interessieren.
  • …sich ihre Meinung selbst bilden.

Literarische Nachbarinnen…

51JVoL3ZHNL._SX313_BO1,204,203,200_418sjFkI98L._SX312_BO1,204,203,200_51wu55a3QDL._SX329_BO1,204,203,200_41YU-9T-AZL._SX315_BO1,204,203,200_

(Feminismen) Alle Menschen sind gleich, aber manche sind nach wie vor gleicher als andere…

Wie genau ich auf dieses Buch gekommen bin, weiß ich mittlerweile gar nicht mehr so unbedingt. Was ich noch weiß, ist dass es eines Tages unter meinen amazon- Empfehlungen auftauchte und interessant klang. Mehr Gründe brauchte ich ehrlich gesagt nicht, um schon bald beherzt zum Buch zu greifen…

51myybd1c1l-_sx316_bo1204203200_In The Equality Illusion Kat Banyard argues passionately and articulately that feminism continues to be one of the most urgent and relevant social justice campaigns today. Women have made huge strides in equality over the last century. And yet: Women working full-time in the UK are paid on average 17 per cent less an hour than men 1 in 3 women worldwide has been beaten, coerced into sex, or otherwise abused because of her gender Of parliamentary seats across the globe only 15 per cent are held by women and fewer than 20 per cent of UK MPs are women 96 per cent of executive directors of the UK’s top hundred companies are men Structuring the book around a normal day, Banyard sets out the major issues for twenty-first century feminism, from work and education to sex, relationships and having children.

Auch wenn sich dieses Buch vor allem an Leserinnen aus Großbritannien richtet, kann man auch als Deutsche einiges an Weisheiten daraus mitnehmen. Denn auch wenn die Statistiken nicht übereinstimmen, haben die Britinnen doch auf ganzer Linie die gleichen Probleme wie deutsche Frauen; sie sind unterrepräsentiert in der Politik und in Führungspositionen, sie werden unverhältnismäßig oft Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt, sie verdienen nicht ansatzweise so viel wie ihre männlichen Kollegen, sie verrichten trotz Vollzeitjob den Hauptteil von Kindererziehung und Haushaltsarbeit – gleichzeitig glauben aber auch viele von ihnen, dass der Feminismus alles erreicht hat, was er erreichen kann und mittlerweile überflüssig ist. Mir persönlich kommen diese Ungleichheiten und Ansichten überaus bekannt vor, und das eben nicht nur aus meiner Zeit in Großbritannien.

Was Kat Banyard zunächst einmal mit ihren Buch „The Equality Illusion“ bezweckt ist, Schluss zu machen mit der Augenwischerei, die junge Frauen glauben macht, wir wären schon seit Jahrzehnten gleichgestellt und es gäbe nichts mehr für das wir kämpfen könnten oder sollten. Dies tut sie indem sie einen typischen weiblichen Tag beschreibt, inklusive all der Ungerechtigkeiten, die einer Frau aber niemals, oder nur äußerst selten, einem Mann, vom Aufstehen bis zum Zubettgehen, passieren. Es geht um Lohnungleichheit, die „zweite Schicht“ mit Küche und Kindern, häusliche Gewalt und den Beauty Terror, der manche Frauen nur geschminkt das Haus verlassen lässt und etliche mehr zu Dauerdiäten nötigt, einfach um sich als Mensch zu fühlen, der es wert ist geliebt und begehrt zu werden. Als Leserin koche ich innerlich vor Wut angesichts der Ungerechtigkeit und eines Systems, das zwar auf dem (Gesetzes)Papier gleiche Rechte zusichert, sie dann aber nicht konsequent im Alltag umsetzt.

Wie schon angedeutet finde ich den Aufbau von „The Equality Illusion“ äußerst clever und auch wenn man als Frau nicht von jeder hier beschriebenen Ungerechtigkeit persönlich betroffen ist, kann man sich doch gut in diejenigen Frauen hineinversetzen, die zum Beispiel das Unglück haben nach der Arbeit zu einem prügelnden Ehemann heimzukehren. All diese Beweise, dass Frauen auch heutzutage für ihre Rechte, bzw. dafür dass diese Rechte auch angewendet werden, kämpfen müssen, gelten meiner Erfahrung nach auch im deutschen Raum – für dahingehende Parallelen, sollten denn im privaten Umfeld nicht genügend Bespiele vorhanden sein, muss frau nur mal die aktuelle EMMA lesen, oder sich an die Medienberichte zur Aufschrei Debatte von 2013 erinnern.

Denn auch ohne akut körperlich bedroht zu sein, schleppen Frauen ihr Kreuz durch den Alltag und Kat Banyard macht dieses in ihrem Buch sichtbar, auch für diejenigen Leserinnen, die es aufgrund glücklicher Lebensumstände bisher leugnen konnten. Insofern ist dieses Buch erst der Anfang Deiner feministischen Erweckung, liebe Leserin. Gerne würde ich Dir sein deutsches Äquivalent vorstellen, doch das muss noch geschrieben werden – wer sich an dieser Stelle berufen fühlt, setze sich bitte an den Schreibtisch und los geht’s! Für alle anderen gilt Augen auf und weiterlesen, bis der Haaransatz glüht. Denn gegen Ende des Buchs wird Kat Banyard deutlich, die Welt ändert sich nicht von selbst, wer um die Ungerechtigkeiten – jegliche, nicht nur geschlechtspolitische – weiß, der oder die ist in der Pflicht seine/ihre Ärmel hochzukrempeln und etwas dagegen zu tun. Ich stelle hier dieses Buch vor, auch weil ich krankheitsbedingt leider nicht mehr tun kann – was machst Du?

Insgesamt ist „The Equality Illusion“ ein wunderbarer Anfang für Leserinnen, die sich feministisch bilden wollen, auch wenn sich das Buch auf Großbritannien und die dortige Politik bezieht. Denn es öffnet seiner Leserin die Augen für Missstände in Politik und Gesellschaft und den Graben, der zwischen den politisch zugesicherten Rechten und deren Anwendung im Alltag liegt. Das Buch lädt seine Leserin ein sich Zähne und Klauen wachsen zu lassen und verbissen für ihre Rechte auf gleiches Geld für gleiche Arbeit, gerechte Arbeitsteilung im Haushalt und körperliche Unversehrtheit zu kämpfen, sich mit anderen Frauen zu verschwestern und vor allem nicht länger weg zu schauen, auch wenn sie die Ungerechtigkeit des Systems im Moment vielleicht nicht direkt betrifft.

The Equality Illusion – Kat Banyard – ISBN 978.0.571.24627.4

Für Leserinnen, die…

  • …ihre rosarote Brille in den Staub treten wollen.
  • …Parallelen zwischen Deutschland und Großbritannien ziehen.
  • …den langen, steinigen Weg zur Gleichheit der Geschlechter bis zu Ende gehen wollen.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Ja, ich habe meine Tage! So what?

Zum ersten Mal bin ich diesem Buch in der EMMA begegnet; diese hatte ein kleines Dossier zum Thema Menstruation und der nicht ganz neuen aber trotzdem topaktuellen freebleeding-Bewegung zusammengestellt. Teil dessen war auch ein Auszug aus dem Vorwort von „Ja, ich habe meine Tage! So what?“ – ein Buch, das ich daraufhin unbedingt lesen musste…

9783407864307Willkommen im Klub. Die Mitgliederzahl ist gigantisch hoch. Viele junge Gebärmutterträgerinnen müssen da durch, ohne genau zu wissen, was hier eigentlich vor sich geht. Und vor allem: was gegen dumme Sprüche hilft! Frech und unverkrampft verknüpft Skandinaviens bekannteste YouTuberin eigene Erlebnisse mit medizinischen Informationen und Tipps zu Tampons, Menstruationstassen & Co. Sie macht Mut, selbstbewusst mit dem eigenen Körper umzugehen, und verrät ihre besten Lifehacks, damit auch du aus deinen Tagen das Beste machen kannst.

So selbstbewusst, wie der Titel es proklamiert, konnte ich diesen Satz selbst leider nie aussprechen. Denn auch wenn ich verhältnismäßig offen mit meiner Menstruation umgehe, bin ich noch lange nicht so emanzipiert, wie ich es gerne wäre. Das Buch und sein Inhalt rennen bei mir also offene Türen ein, hinter denen sich seelische Zustände verstecken, die gerne mehr Rückgrat hätten. In ihrem Buch versucht die schwedische Video-Bloggerin Clara Henry also innere Menstruationshütten, in die sich auch westliche Frauen gerne mal verkriechen, wenn sie Monat für Monat wieder „unpässlich“ sind, einzureißen; damit die nächste Generation heranreifender Frauen sich gar nicht erst über unsichtbare Hürden kämpfen muss, sondern jeden Monat offen und selbstbewusst erklären kann: „Ja, ich habe meine Tage! So what?“

Dabei wendet sie sich vor allem an Jugendliche, vor und in der Pubertät, ebenso wie junge Erwachsene, die im Aufklärungsunterricht ähnliche Augenwischerei erlebt haben wie die Autorin selbst und denen daher wichtiges Grundwissen über den eigenen Körper fehlt, das es an dieser Stelle nachzuholen gilt. Ich las das Buch sowohl als interessierte Feministin, die eventuelle Wissenslücken füllen wollte und als potenzielle Mentorin einer neuen Generation von Frauen, die in einer Gesellschaft aufwachsen die alles daran setzt Frauenkörper von sich selbst zu entfremden. Mit jugendlich frechem Stil schreibt die 21-Jährige über ihre eigenen Erfahrungen während der allmonatlichen „Erdbeerwoche“, darüber wie sehr sie der schulische Aufklärungsunterricht enttäuscht hat, wann sie zum ersten Mal ihre Tage bekam und warum sie anfing darüber zu bloggen. In Schweden ist die Autorin übrigens trotz ihrer jungen Jahre eine Sensation und moderierte sogar im Rahmen der Vorauswahl für den Eurovision Song Contest.

Doch es geht in „Ja, ich habe meine Tage! So what?“ nicht nur um Clara Henry und ihre Menstruation, vielmehr leitet sie mit ihren persönlichen Erfahrungen Kapitel ein die alles abdecken von der ersten Menstruation, über Binden vs. Tampons, bis hin zu den Schattenseiten der Menstruation wie zum Beispiel PMS, Menstruationskrämpfe und der Autoimmunkrankheit Endometriose, die etwa jede 10. Frau betrifft und in schlimmen Fällen nur durch eine Hysterektomie in den Griff zu kriegen ist. Zu diesen und vielen weiteren Themen gibt Clara Henry mal mehr mal weniger ernst gemeinte Tipps, auch für etwas ältere Menstruierende, so zum Beispiel zum Sex während der Tage. Auch der feministische Ansatz kommt übrigens nicht zu kurz und Clara Henry hat trotz junger Jahre intelligente Einsichten über die sozialen Rollen von Männern und Frauen…

„Es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Ein Unterschied ist, dass ein Mann ein Mann ist und eine Frau aus mehreren Körperteilen besteht (…) Und für jedes Körperteil existiert ein eigenes Ideal.“

Darüber hinaus ist das Buch an sich auch noch sehr ansprechend gestaltet, sprich liebevoll bebildert und rotzfrech illustriert 🙂

Was mir persönlich an diesem Buch nicht so gefallen hat, ist dass die Autorin sich samt und sonders nur auf ihr eigenes aus Erfahrungen stammendes Wissen bezieht. Nirgendwo wird erwähnt wie lang zum Beispiel eine durchschnittliche Periode ist, ein gewisses Grundwissen der Leserin wird also vorausgesetzt – hier sind Erwachsene im Umfeld des jungen Mädchens in der Pflicht Aufklärung zu leisten, so peinlich es ihnen auch sein mag. Lediglich der Abschnitt über Endometriose scheint recherchiert, darüber hinaus bin ich ein bisschen schockiert, dass ich als Leserin hier und da mehr weiß als die Autorin eines Buchs, das für sich selbst den Anspruch erhebt aufzuklären. Clara Henry hätte gut daran getan ab und zu über den Rand der eigenen Binde hinaus zu schauen, vielleicht sogar Verwandte, Freundinnen und Bekannte zu ihren Tagen zu befragen. Das jedoch hat sie bei all ihrem Enthusiasmus für das Thema leider auf ganzer Linie versäumt.

Insgesamt ist „Ja, ich habe meine Tage! So what?“ jedoch ein guter Anfang für diejenigen, die gerade erst in das Abenteuer Frau starten. Clara Henry begegnet ihren Leserinnen auf Augenhöhe und mit viel Humor, der das für viele Mädchen und Frauen schamhaft besetzte Thema angenehm auflockert. Sie animiert ihre Leserinnen dazu sich mit dem eigenen Körper und dem monatlichen Ereignis der Menstruation zu befreunden oder zumindest damit Frieden zu schließen, PMS und Menstruationskrämpfe als notwendige Übel zu begreifen und nicht länger zu schweigen, auch wenn andere manchmal etwas peinlich berührt sind. Für mentruationserfahrene Leserinnen hält „Ja, ich habe meine Tage! So what?“ allerdings wenig Neues bereit. Insofern empfehle ich es als Geschenk für Töchter, Nichten und kleine Schwestern, die lernen möchten, wie frau selbstbewusst mit ihrem Körper und seinem Zyklus umgeht.

Ja, ich habe meine Tage! So what? – Clara Henry – ISBN 978.3.407.86430.7

Für Leserinnen, die…

  • …dem pubertierenden Mädchen in sich etwas Gutes tun wollen.
  • …eine Schwester/Tochter/Nichte, an der Schwelle zum Frauwerden, haben.
  • …sich nicht länger für ihre Menstruation schämen wollen.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Zwei Leben begraben unter Schnee und Eis…

Dieses Buch, einer mir bis dahin unbekannten Autorin, war eine Spontanentscheidung. Ich habe skandinavische Autorinnen schon immer sehr gerne gelesen, auch wenn ihre Themen oft schwer verdaulich sind (siehe: „Ich heiße nicht Miriam“). Konsequenterweise habe ich „Die weiße Stadt“ nicht lange in meinem Regal auf eine Lektüre warten lassen…

9783550081330_coverDas große Haus steht einsam und kalt an einem See, umgeben von Schnee und Frost. Die kugelsicheren Fenster sind voller Eisblumen. Drinnen sitzt Karin auf einem verdreckten Sofa. Das Telefon ist abgestellt. Die Heizung funktioniert nicht mehr. Karin hat sich verändert. Früher war sie die Gangsterkönigin und Johns höchste Errungenschaft. Alle haben sie bewundert, alle wollten sein wie sie. Jetzt ist John tot, und sie hat eine Tochter, der sie sich mal nah und mal fern fühlt, die sie buchstäblich aussaugt und völlig auf sie angewiesen ist. Karin ist einsam und taub vor Trauer. Alles, was sie weiß, ist, dass sie ihr Kind beschützen muss. Und so beschließt sie, sich zu nehmen, was ihr zusteht. Mit Johns alten Waffen, seinem Auto und ihrer Freundin Therese macht sie sich auf den Weg, die Kontrolle über ihr Leben zurückzuerobern.

Der neue Roman der schwedischen Autorin Karolina Ramqvist erzählt die Geschichte einer jungen Mutter, die alles verloren hat. Zusammen mit ihrer Tochter Dream verbringt sie ihre Tage in dem Haus, das sie mit deren Vater bewohnt hat. Dieser sitzt mittlerweile wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis und so muss sich Hauptfigur Karin auf einmal alleine durchschlagen. Ohne Einkommensquelle und mit einem Kind, das noch gestillt wird, irrt sie durch das verschneite Stockholm und versucht verzweifelt etwaige Schulden einzutreiben um das gemeinsame Haus in der letzten Minute vor der Pfändung zu retten, auch wenn ihr die Erinnerungen, die daran haften mittlerweile nur noch Schmerzen bereiten.

Karolina Ramqvist beschränkt sich in ihrer Erzählung auf das absolute Minimum dessen, was sie der Leserin über die Hauptfigur und deren Geschichte erzählen kann, nämlich auf die unmittelbare Gegenwart. Gerne hätte ich etwas mehr darüber erfahren, wie genau Hauptfigur Karin in ihre verheerende Situation geraten ist, wie es überhaupt geschah, dass sie sich in einen (scheinbaren) Drogenhändler verliebt hat. Die wenigen Informationen zur Vorgeschichte der Figuren muss ich mir als Leserin mühsam zusammenklauben. Insofern bin ich mir nach wie vor nicht sicher, welchen krummen Geschäften die Männer der Freundinnen Karin und Terese nachgehen; irgendwas mit Drogen so viel scheint klar, Gewalt ist auch im Spiel, häusliche zumindest, und Banden aus jungen Männern, die vor ihren Wohnungen herumlungern und Karin, trotz Baby, mit hungrigen Augen mustern.

Ein bisschen erinnert mich „Die weiße Stadt“ an den Roman „Wölfe fangen“ von der französischen Schriftstellerin und ehemaligen Prostituierten Virginie Despentes. Besonders das Ende des ersten Romans scheint der Anfang des Zweiten zu sein; nur dass Despentes Debütroman sprachlich um einiges krasser, sexuell expliziter und auch blutiger ist als „Die weiße Stadt“. Trotz ihrer Zurückhaltung schafft es Karolina Ramqvist doch eine bedrückende und bedrohliche Stimmung heraufzubeschwören, ob es nun Dream, die Tochter der Hauptfigur, ist, deren scheinbar einziges Spielzeug ein Ladekabel von Apple ist oder der Bodyguard/Auftragskiller (?) von Karins eingesperrtem Ex, der zunächst großzügig seine Hilfe anbietet, um Karins finanziellen Engpass zu überbrücken, dann aber vehement Sex einfordert, der zwar nicht beschrieben wird, mir als Leserin aber nicht einvernehmlich erscheint.

Die eisige, verschneite Großstadt spiegelt die innere Kälte der Figuren und dieser Leserin wird so doppelt unbehaglich, auch bei voll aufgedrehter Heizung. Karolina Ramqvist hat einen im Grunde ganz eingängigen Roman geschrieben, doch oft hält mich dessen scheinbare Ausweglosigkeit auf Distanz. Die Welt, wie Karolina Ramqvist sie beschreibt, die Welt der Figuren, ist kalt und hart und hässlich. Der Gestank von kaltem Schweiß und getrocknetem Blut weht mir von den Seiten des Romans entgegen und ich fühle mich verfolgt auch wenn die Buchdeckel, deren zuklappen mich zurück in mein Lesezimmer katapultiert, mich trennen, von der harschen Roman-Wirklichkeit, die für Karin, Dream und Terese unausweichlich ist. Doch bevor ich als Leserin die Hoffnung vollends aufgeben kann, lässt Karolina Ramqvist die beiden Frauen erstarken und soweit ich ihre Andeutungen richtig verstanden habe, ihre kalte graue Welt von den Männern zurück erobern – meine innere Feministin klatscht Beifall.

Insgesamt ist „Die weiße Stadt“ kein Buch für kuschelige Stunden, wer sich zwischen die Seiten wagt, der sollte sich vorher auf einiges gefasst machen und am besten literarisch hart gesotten sein. Dann jedoch bietet der Roman einen ungeschönten Einblick darin, was passiert wenn man sich als moderne Frau von einem Mann abhängig macht. Karolina Ramqvist beschreibt die Verletzlichkeit ihrer (Frauen)figuren, deren verbrauchte Körper und gebrochene Psychen, mit viel Sorgfalt und Liebe zum Detail, lässt aber gleichzeitig eine Entwicklung zu, die ein verkapptes Happy End möglich macht. Ich persönlich hätte mich über mehr Vorgeschichte und erzählerischen Tiefgang gefreut, aber das ist nur ein kleiner Schönheitsfehler eines ansonsten sehr aufwühlenden Romans.

Die weiße Stadt – Karolina Ramqvist – ISBN 978.3.550.08133.0

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Für Leserinnen, die…

  • …es literarisch etwas ruppiger mögen.
  • …sich nach Eis und Schnee sehnen.
  • …auch mit wenig zufrieden sind.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Liebe ist wie Igel essen…

Anstatt an dieser Stelle lang und breit so zu tun, als wäre meine Entscheidung für dieses Buch als nächste Lektüre von langer Hand geplant gewesen, bin ich nun einfach mal ganz ehrlich mit mir selbst und mit Dir, liebe Leserin, und sage – es war eine reine Bauchentscheidung, das Cover gefiel mir und der Klappentext versprach junge deutsche Literatur, also griff ich zu. Ob sich diese Spontanität meinerseits gelohnt hat, erzähle ich Dir im Folgenden…

9783471351208_coverFür die Berufsfreundin Luzy sind Männer der Mittelpunkt ihrer Welt. Auch wenn es ihr gar nicht passt: Sie kann nicht alleine sein. Also, in einem Raum geht das schon, aber ohne einen Freund im Leben wird es schwierig. Bislang konnte Luzy sich immer retten. Wenn das Beziehungsende nahte, suchte sie sich rechtzeitig den Nächsten. Apollo, Peter, Jonas. Von einem zum anderen wie der Affe im Dschungel. Sie investiert all ihre Energie in den Erhalt der oft nicht einfachen Beziehungen mit Männern, die sich so flüchtig verhalten wie Edelgase. Aber plötzlich geht etwas schief, und Luzys Putzerfisch-Verhalten kann ihre Trennungsangst nicht mehr kaschieren. Sie flippt aus. Im Streit bricht sie Jonas den Arm und muss fortan 100 Meter Abstand zu ihm wahren. Mit Liebeskummer im Herzen und einem Entfernungsmesser in der Hand stellt sie fest, dass sich etwas ändern muss, denn von aufrichtiger Liebe versteht sie nichts.

Der Debütroman der jungen Regisseurin Laura Lackmann, die unter anderem Sarah Kuttners „Mängelexemplar“ verfilmt hat, „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ beginnt mit einem Geständnis der Hauptfigur. Lucy hat ihrem Freund Jonas, der jetzt wohl eher ihr Ex-Freund ist, den Arm gebrochen. Nicht mit roher Gewalt etwa, Lucy ist verhältnismäßig petite, aber geschubst hat sie ihn schon, mit voller Wucht in ein Expedit Regal von Ikea und das ist dann über ihm zusammen gebrochen, und nun darf sie sich ihrer Liebe von fünf Jahren per Gerichtsbeschluss nur noch auf 100 Meter nähern. Für die aufopfernde Lucy, die bisher jeden Freund zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht hat, ist dies mindestens so scherzhaft wie ein kalter Entzug, und ebenso schwer durchzuhalten.

Während die gegenwärtige Lucy, bewaffnet mit einem professionellen Entfernungsmesser, ihren Ex-Freund Jonas durch die Hauptstadt stalkt und versucht diesen trotz allem zurück zu gewinnen, erzählt Laura Lackmann parallel ebenfalls die Geschichte der vergangenen Lucy. Diese fängt mit einem Auslandsaufenthalt der Sandkastenfreundin an, den Lucy damit verbringt auf ihre Rückkehr zu harren, geht mit dem ersten Freund weiter, den Lucy sich aussucht um nicht die einzige in ihrer Klasse zu sein, die noch keinen Freund hat, und weil er eben gerade zufällig in ihrer Nähe war, und hört schließlich mit einer Anzeige wegen Körperverletzung durch ihren dritten Anlauf in Sachen Liebe namens Jonas auf. Gegen Ende treffen sich die vergangene und die gegenwärtige Lucy um eins zu werden auf der Suche nach einem Ersatz für Jonas. Wer von lesenswerter Lektüre erwartet, dass die Hauptfigur am Ende aus ihren Fehlern lernt, wird „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ irgendwann wohl entnervt zur Seite legen.

Ich meinerseits habe das nicht getan, denn Lucys Eskapaden sind dafür viel zu unterhaltsam, auch wenn ich die Hauptfigur ab und zu am liebsten zur Seite genommen hätte, um ihr ein bisschen ins Gewissen zu reden, und ihr eine Ausgabe der EMMA in die Hand zu drücken. Letztlich kommt mir ihre Geschichte aber doch irgendwie bekannt vor. Wer hat nicht schon einmal auf seine beste Freundin verzichten müssen, weil diese lieber mit ihrem Freund zusammen war…?! Wer war nicht schon einmal selbst diese unzuverlässige beste Freundin…?! Die Liebe verdreht uns Frauen den Kopf, und tut dies manchmal so gründlich, dass währenddessen alle eigenen Gedanken herauspurzeln, so dass frau sich ihn im schlimmsten Fall längerfristig nicht mehr alleine gerade rücken kann. Lucys Abhängigkeit von der Liebe und dem Zuspruch ihres jeweiligen Freundes, der sich ehrlich gesagt nicht besonders für sie zu interessieren scheint, ist mal komisch und dann wieder recht tragisch, aber ein Körnchen Wahrheit enthält sie schon.

Ohne allzu sehr zu psychologisieren deutet die Autorin im Laufe der Geschichte auch immer wieder Gründe für das Verhalten ihrer Hauptfigur an, eine überaus freizügige und nachsichtige Mutter zum Beispiel oder einen Vater mit akuter Todessehnsucht. Als Erklärung für eine derartige Selbstaufgabe ist mir das allerdings etwas zu Freud-isch. Dann wiederum handelt es sich bei „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ nicht um das Psychogramm einer post-feministischen Frauengeneration, sondern um eine humorvolle Auseinandersetzung damit, was in der Liebe so alles schiefgeht, wenn man sich selbst im anderen verliert. Hauptfigur Lucy hat nie gelernt sie selbst zu sein, verbrachte sie doch ihre Pubertät und junges Erwachsenenalter damit all das zu sein, was Apollo/Peter/Jonas in ihr sehen wollte. Das sorgt,wie gesagt, nicht nur für heitere Momente im Lesezimmer, sondern gibt der Leserin auch reichlich zu denken, nachdem das Buch wieder zugeklappt ist.

Insgesamt ist „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ ein unterhaltsamer, dabei aber nie platter, Roman für junge Leserinnen mit und ohne Liebeskummer. Die etwas lieblos mit WindowsPaint(?) erstellten und hoffnungslos verpixelten schwarz-weiß Zeichnungen, die in unregelmäßigen Abständen das Buch illustrieren, hätte sich der Verlag meiner Meinung nach ruhig sparen können. Doch trübt dies in keiner Weise die Lesefreude, oder unterbricht das wissende Nicken dieser Leserin, welche(s) sich bei der Lektüre von „Die Punkte nach dem Schlussstrich“ unweigerlich einstellt. Insofern finde ich persönlich das Debüt von Laura Lackmann überaus gelungen, clever und mit einem Schuss Ironie, aber auch vielen unangenehmen, wenn auch ins Komische überzeichneten, Wahrheiten über junge Frauen und die (erste, zweite & dritte) Liebe, auch wenn diese sicher nicht bei jeder von uns in einer einstweiligen Verfügung endete… 😉

Die Punkte nach dem Schlussstrich – Laura Lackmann – ISBN 978.3.471.35120.8

Für Leserinnen, die…

  • …sich viel zu oft verbiegen, um geliebt zu werden.
  • …aus Liebeskummer schon mal so richtig ausgetickt sind.
  • …immer wieder die falschen Männer wählen.

Literarische Nachbarn…

414wfO9aTwL._SX307_BO1,204,203,200_51GUF634SbL._SX307_BO1,204,203,200_51RxJ5HGrvL._SX326_BO1,204,203,200_Download (12)

(Neuerscheinung) Ich glaub, ich gehöre nur mir ganz alleine…

Welche Leserin kann schon einem so sonnengelben Cover widerstehen, besonders in der nass-kalten Jahreszeit; ich jedenfalls nicht. Und so griff ich umgehend zu, als ich es auf der Webseite des Ullstein, bzw. List Verlages sah. Den Klappentext habe ich vor lauter Leselust nur überflogen – das wird mir in Zukunft eine Lehre sein…

9783471351185_cover-1Hilly, Mitte vierzig, hervorragendes Bindegewebe, bestens verheiratet, zwei Kinder und gut im Job, ist genau da, wo sie nie hinwollte: in der Wohlstandsfalle. Umgeben von Menschen, die sie nie kennenlernen wollte, und Dingen, die sie nicht braucht. Die zufällige Begegnung mit einer Freundin und Kampfgefährtin aus vergangenen Hausbesetzertagen ist für Hilly das Zeichen zum Ausbruch. Zurück zu den alten Idealen. Dabei verliebt sie sich nicht nur in einen anderen Mann, sondern auch in eine aufregende Frau. Aber was, wenn alles ein Irrtum war und sie im neuen alten Leben auch eine Fehlbesetzung ist?

Soluna Bach, die ihren Debütroman „Hühner und Handtaschen“ vor vier Jahren noch im Alleingang veröffentlicht hat, schafft mit „Herzkammeranarchie“ den Sprung zu einem großen Publikumsverlag. Ihre Geschichte um eine Mittvierzigerin, die sich in der Lebenskrise befindet, ihren Job, ihre Ehe und letztlich sogar ihre sexuelle Orientierung in Frage stellt, lässt auf viele lustige, freche und verrückte Momente hoffen. Die Autorin schaut Hilly, eigentlich Brunhild, bei ihren diversen Eskapaden über die Schulter und lässt die Leserin auch immer wieder an den Gedanken der unumstrittenen Hauptfigur teilhaben. Doch nicht nur die dauergestresste Midliferin Hilly (und ihre diversen Verehrer) sondern auch der Schauplatz des Romans, die Hansestadt Hamburg, stellt eine feste Größe innerhalb der Geschichte dar.

Das klingt zunächst einmal sehr amüsant, dachte ich mir als ich diesen Roman zur Hand nahm. Nach ausgiebiger Lektüre bin ich jedoch der Meinung, dass man gut zwei Drittel des Textes hätte wegredigieren können. Frau Bach hatte eine großzügige Lektorin, scheint es mir, die ihr einiges an überflüssigen Passagen hat durchgehen lassen. Das Ergebnis geht leider zu Lasten dieser Leserin, die sich beispielsweise durch ein Kapitel quälen muss, in dem Hauptfigur Hilly eine neue Küche in Auftrag gibt. Amüsant ist dieser Abschnitt schon, besonders dann wenn man sich selbst schon mal mit einem Küchenfachverkäufer hat auseinandersetzen müssen, nur hat dieser Abschnitt für die Handlung im folgenden keinerlei Bedeutung. Ich persönlich frage mich an dieser, wie auch an (viel zu) vielen anderen Stellen des Buchs – warum lese ich das hier eigentlich gerade? Wer wie ich nur ungern Passagen überfliegt, den wird die Lektüre von „Herzkammeranarchie“ oft einfach nur frustrieren.

Die zweite Schwäche dieses Romans ist seine Figurenzeichnung, wobei dies gleichzeitig auch als Stärke ausgelegt werden könnte, denn die Frauenrunde mit der Hilly sich anfreundet hat ordentlich Biss und ihre diversen Eskapaden sind überaus lustig geschrieben. Trotzdem sind die meisten Figuren hoffnungslose Klischees, die scheinbar nur dazu dienen die Hauptfigur zu exponieren, um danach wieder in ihrer Schublade zu verschwinden. Da wäre zum Beispiel die burschikose Lesbe Dorothea, mit der Hilly eine wilde Nacht verbringt, ein Bauarbeiter im Frauenkörper, dessen einzige Dialoganteile scheinbar darin bestehen sexistische Anzüglichkeiten vom Stapel zu lassen und die Hauptfigur sexuell zu belästigen. Das ist nicht nur für mich als Leserin frustrierend, sondern auch eine sehr oberflächliche und durchaus herabwürdigende Darstellung lesbischer Frauen. Der Trend zur Oberflächlichkeit setzt sich fort, zum Beispiel mit Hillys (von Beruf) Sohn, ihrem indischen Ehemann, der ständig deutsche Metaphern verhunzt und dem Gelegenheitslover, der zwar eine schillernde Backstory hat, als Figur jedoch so interessant ist, wie eine weiße Wand.

Soluna Bach zeigt in „Herzkammeranarchie“ eine Neigung zur Objektifizierung ihrer Figuren, die selbst vor Hauptfigur Hilly nicht Halt macht. In der Szene, die den Roman einleitet steht diese nackt vor dem Spiegel und kaut ihre diversen Vorzüge durch, nur die Brüste sind ihr viel zu groß, und ihre Minderwertigkeitskomplexe werden im folgenden zu einem gewollt charmanten Tick umfunktioniert, und bei jeder Gelegenheit erwähnt, um die Hauptfigur zu vermenschlichen. Diese Leserin kann irgendwann nur noch mit den Augen rollen und sich möglichst schnell bis zum Ende vorkämpfen, vorbei an überflüssigen Szenen, klischeehaften Figuren, und einer nicht enden wollenden Flut bissiger Kommentare der Hauptfigur, die aber leider allesamt ungesagt bleiben und mich als Leserin nur mäßig unterhalten. Denn so sehr Soluna Bach sich auch bemüht, sich bemüht witzig und frech zu sein, ich stehe auch gegen Ende des Romans nicht auf der Seite der Hauptfigur. Vielleicht gehöre ich nicht zur Zielgruppe, vielleicht haben die stilistischen Fehler den Roman für mich entzaubert…

…eines ist klar, das Ende kann für mich nicht schnell genug kommen. Denn „Herzkammeranarchie“ ist nicht mein Buch, war es nie und werde es wohl nie sein. Ich kann mir die Leserin, die dieses Buch genießt gut vorstellen, denn es gibt sie. Dieser Roman wurde geschrieben für LeserINNEN, die es gerne eingängig und auch in ernsten Situationen humorvoll haben möchten. Leserinnen, die sich ein versöhnliches Ende wünschen, auch wenn das bei mir existentielle Fragen im Stil von – warum habe ich dieses Buch eigentlich gelesen; viel Zeit bleibt mir nicht mehr und ich verwende sie auf eine Lektüre, die mir keinen Spaß macht. Aber ich bin eben ein spezieller Fall, bin eine die keine Lust hat auf überflüssige Szenen, auch wenn diese witzig sind, eine die noch nie ihr Spiegelbild von unten bis oben kritisiert hat, eine für die eine Anmache á la Dorothea sexuelle Belästigung ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Buch seine perfekte Leserin finden wird – ich bin es nicht und kann es daher an dieser Stelle auch nicht empfehlen.

Herzkammeranarchie – Soluna Bach – ISBN 978.3.471.35118.5

Für Leserinnen, die…

  • …sich in den mittleren Jahren noch einmal neu erfinden.
  • …spaßeshalber ab und zu zum anderen Ufer hinüber schwimmen.
  • …kein Problem damit haben ab und zu Passagen zu überfliegen.

Literarische Nachbaren…

51d4Mivd2lL._SX313_BO1,204,203,200_51gEcSOotgL._SX312_BO1,204,203,200_Download (20)Download (16)

(Neuerscheinung) She-Conomy: Warum die Zukunft der Arbeitswelt weiblich ist von Christiane Funken

Prof. Dr. Christiane Funken, geb. 1953, ist eine renommierte Professorin der Medien- und Geschlechtersoziologie an der Technischen Universität Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt unter anderem die Geschlechterforschung. Dieses Buch basiert auf ihren empirischen Studien zu Karrierestrategien und -chancen von Frauen. Sie ist Expertin im Forum Inforamtionsgesellschaft der Bundesregierung sowie Kuratorin des Königlich Preußischen Kulturbesitzes. Sie lebt in Berlin. (Quelle: randomhouse.de)

41j1Hhx6eYL._SX311_BO1,204,203,200_Zu keiner Zeit waren Frauen so gut ausgebildet wie heute. Und dennoch scheitern sie immer wieder beim beruflichen Aufstieg. Sind in der mittleren Führungsebene noch verhältnismäßig viele Frauen ›geduldet‹, wird die Luft in den oberen Etagen dünner. Dabei sind Frauen durchweg gute Teamplayer mit psychologischem Gespür, Integrationskraft, Kreativität und Flexibilität – sie können also genau das, was in der neuen, vernetzten Arbeitswelt gefordert wird. Der Wandel der Wirtschaft ist in vollem Gang. Wenn weibliche Führungskräfte und junge Berufseinsteigerinnen sich heute nicht abschrecken lassen, dann ist beiden geholfen: der Wirtschaft und ihnen selbst.

Dieses Buch liefert quasi die Antithese zu Alina Bronskys und Denise Wilks „Die Abschaffung der Mutter“. Denn es fordert genau das, was die eben genannten Autorinnen so verteufeln – mehr Frauen in den Arbeitsmarkt, mehr Vollzeitstellen, mehr weibliche Führungskräfte im verkrusteten System. Damit nimmt Christiane Funken eine sehr fortschrittliche Position ein, wenn es um die Themen Schwangerschaft, Mutterschaft und Erziehungsarbeit, eben um die typisch weibliche Erwerbsbiografie geht. Fehlzeiten sind bei ihr unerwünscht, denn die Zukunft des Arbeitsplatzes ist zwar weiblich aber seine Gegenwart ist männlich, mit männlichen Machtstrukturen und männlichen Erwartungen der Chefs an die Mitarbeiter. Sich als Frau durch dieses Dickicht zu manövrieren, ohne auf der einen Seite inkompetent und auf der anderen Seite unsympathisch zu wirken, scheint ihr eine Lebensaufgabe.

Mit ihrer Aussage „Die Zukunft der Arbeitswelt ist weiblich“ gibt sich Christiane Funken betont optimistisch, auch wenn ihre im Buch erwähnten Studien zuweilen ein ganz anderes Bild zeichnen. Da hört diese Leserin die Frauen, die gegenwärtig an der Spitze deutscher Unternehmen stehen, von der gläsernen Decke erzählen und der Langeweile, die sich in den Arbeitsalltag einschleicht, ab dem Punkt an dem sie auf Grund ihres Geschlechts einfach nicht mehr befördert wurden. Diese Aussagen wiederum zeichnen ein eher tristes Bild deutscher Unternehmenskultur, die scheinbar davon überzeugt zu sein scheint die Hälfte des Talents ihrer Belegschaft aus sexistischen Motiven, die für heutige Leserinnen vorsintflutlich anmuten dürften, einfach verschenken zu können. Frauen, die in Deutschland Karriere wagen wollen, müssen sich über einiges hinweg setzen, so viel steht ohne Zweifel fest.

Dann wiederum bietet die Dienstleistungsgesellschaft bisher unbekannte Aufstiegsmöglichkeiten speziell für Frauen. Denn typisch weibliche Sozialisation ist gefragt in einer Ökonomie, die sich auf Wissen und Kommunikation stützt. Nach und nach werden alte Unternehmensstrukturen aufgeweicht, verkrustete Hierarchien abgeflacht und durchlässig gemacht. Besonders Frauen können von diesen Veränderungen profitieren, doch sie müssen ihre Chancen auch nutzen und ihre falsche Bescheidenheit ablegen, im Kampf um den Chefsessel. Wenn Christiane Funken es beschreibt, dann klingt das Karriere machen als Frau auf einmal unerwartet einfach, glaubt man sogar mit weiblichen Attributen im Vorteil zu sein. Doch Stereotypen und Vorurteile halten sich trotz Generationen von Gegenbeispielen, und so nimmt die Autorin u.a. auch zum double-bind Stellung, zum Mythos der abgelenkten Mutter und der fruchtbaren Frau, die von Unternehmen nicht als Angestellte, sondern als tickende Zeitbombe wahrgenommen wird.

Während ich dieses Buch lese schwanke ich also zwischen Tatendrang und Desillusionierung, will sowohl Karriere wagen als auch meine Würde bewahren, bzw. nicht mit 50plus an die gläserne Decke stoßen während die männlichen Kollegen, die mich überflügeln immer jünger werden. Christiane Funkens Motivationsschrift alleine kann mir diese Zerrissenheit leider nicht nehmen, auch wenn sie mit ein paar nützlichen Tipps aufwartet, wie Frau sich am Arbeitsplatz für Beförderungen ins Gespräch bringen kann und welche typisch weiblichen Beziehungsmuster für den Sprung auf die Karriereleiter eher hinderlich sein könnten. Was sie mit ihrem Buch nicht kann, ist das entmenschlichte Frauenbild in den Köpfen der Männer, nach wie vor mehrheitlich die Entscheider in Wirtschaft und Politik, gerade zu rücken. Das bleibt jeder einzelnen Leserin auf privater und beruflicher Ebene selbst überlassen.

Insgesamt ist „SheConomy“ ein durchaus lesenswertes Buch für diejenigen Leserinnen, die sich beruflich in der freien Wirtschaft sehen. Leider klammert es männliche Arbeitnehmer völlig aus, nennt sie allenfalls als Konkurrenten, die durch ihre Übervorteilung trotz geringerer Kompetenz an ihren Kolleginnen vorbei ziehen. Damit allerdings legt Christiane Funken die Verantwortung für dringend notwendige Veränderungen in der deutschen Unternehmenskultur in ausschließlich weibliche Hände. Diesen fehlt aber bisher noch die Macht, um weitgreifende Veränderungen herbei zu führen. Insofern dürfte „SheConomy“ vor allem als Ratgeber für karrierebewusste Frauen dienen, darüber hinaus ist es thematisch allerdings zu marginal um über die individuelle Ebene hinaus die deutsche Unternehmenskultur, inklusive ihrer Old-Boys-Clubs und Netzwerke, zu beeinflussen oder gar zu verändern.

SheConomy: Warum die Zukunft der Arbeitswelt weiblich ist – Christiane Funken – ISBN 978.3.570.10271.8

Für Leserinnen, die…

  • …sich der Herausforderung einer Spitzenkarriere stellen wollen.
  • …bereit sind eine neue Unternehmenskultur zu etablieren.
  • …optimistisch in die Zukunft schauen.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Politik und Liebe machen von Laura de Weck

Laura de Weck, geboren 1981, ist in Paris, Hamburg und Zürich aufgewachsen. Bis 2005 studierte sie Schauspiel in Zürich. Sie erhielt das Paul-Maar-Stipendium, nahm an den Werkstatttagen des Wiener Burgtheaters teil und wurde ans Frankfurter Autorenforum eingeladen, wo ihr erstes Theaterstück ›Lieblingsmenschen‹ begeistert aufgenommen wurde. Ihr zweites Stück, ›SumSum‹, stand bei den St. Galler Autorentagen im Finale, und ihr drittes Stück ›Für die Nacht‹ wurde 2011 am Theater Basel uraufgeführt. Ebenfalls 2011 hatte Laura de Wecks erste eigene Inszenierung Premiere in der Roten Fabrik in Zürich. (Quelle: diogenes.de)

418sjFkI98L._SX312_BO1,204,203,200_In ihren kurzweiligen szenischen Dialogen durchmischt Laura de Weck Öffentliches mit Intimem: Die Frauenquote wird im Schlafzimmer diskutiert, Bankgeheimnisse werden ausgeplaudert, Volk und Staat müssen zur Paartherapie, und im Kreißsaal wird illegal eingewandert. Gesetzgeber und Google wirken von oben auf unser Privatleben ein. Doch wer liegt in einer Demokratie eigentlich oben und wer unten? Aus Normalem macht die Autorin Ungewöhnliches, aus Banalem höchst Politisches. Ein vielstimmiges Panorama zum aktuellen Leben, Lieben und Politisieren in der Schweiz und Europa. Ein heiter abgründiges Alltagsbuch.

In diesem Buch sammelt die gelernte Schauspielerin Laura de Weck diverse Kolumnen zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Da es sich dabei vor allem um die schweizerische Gesellschaft handelt, wird das Buch sicher nicht für jeden Leser interessant sein. Auch ich hatte so meine Schwierigkeiten damit, hatte ich anfangs doch einen völlig falschen Eindruck von diesem Buch. Im Laufe der Lektüre wurde ich dann aber doch damit warm und konnte hier und dort sogar über die humorvolle Art, mit der Laura de Weck gesellschaftliche Belange anspricht und Meinungen dazu parodiert, ein bisschen schmunzeln. Wer sich jedoch so gar nicht für (Europa)politik interessiert und die Schweiz nur vom Hören-Sagen kennt, für den ist „Politik und Liebe machen“ nicht zu empfehlen.

Die einzelnen Kolumnen sind geschrieben wie Theaterstücke, alle zwischen zwei und vier Seiten lang, perfekt als kleines Intermezzo, wenn man als Leserin im Alltag mal wo warten muss und diese Zeit sinnvoll nutzen möchte. Laura de Wecks Figuren sind ganz normale Schweizer, manche sind alt, andere wiederum studieren noch, einige sind zugewandert und müssen sich nun mit den Ressentiments der Bevölkerung herum quälen, während sie am perfekten schweizer Akzent feilen. Ab und zu nimmt Laura de Weck auch auf den Zuzug von deutschen in die Schweiz Bezug und wie kritisch das von vielen Schweizern gesehen wird. Außerdem geht es ihr um Zuwanderungskontingente, die Beziehung zur EU und die Schweiz als Paradies für Steuerhinterzieher, auch innerhalb der eigenen Bevölkerung. Politisch würde ich Laura de Wecks Kolumnen daher als links-liberal einordnen.

Doch sie schreibt nicht nur über Einwanderer und Fremdenfeindlichkeit und das Unwesen der Financiers, sondern auch über Gleichberechtigung, Frauenquoten und Emanzipation, natürlich alles mit einem Augenzwinkern, aber doch auch mit ernstem Unterton. Eine ihrer Kolumnen handelt so beispielsweise von einem Mann, der auf seiner Arbeitsstelle von seiner Chefin sexuell belästigt wird, sich aber nicht traut sich zu beschweren. Die Pointe der Geschichte ist, dass Gleichberechtigung nur dann existiert, wenn Männer auch mal Opfer sein dürfen, auch mal Schwäche zeigen und um Hilfe bitten. Da trifft Laura de Weck mit ihrer Meinung bei mir genau ins Schwarze, und was die Hürden für die Emazipation von Frau (und Mann) angeht, ähneln sich die Schweiz und Deutschland, ja ganz Europa, letztlich doch sehr.

Alles in allem ist „Politik und Liebe machen“ ein humorvolles Buch, voller ernster Themen, die ein politisches Bewusstsein voraussetzen. Die Art auf die Laura de Weck ihre Meinung zu verschiedensten Themen ausdrückt, als fiktive Begegnungen in Dialogform, dürfte nicht jedermanns Sache sein. Doch ich finde gerade diesen Aspekt des Buchs sehr interessant, da sich „Politik und Liebe machen“ so von der Masse aus politischen und gesellschaftlichen Essays abhebt, ohne sich dabei jedoch allzu wichtig zu nehmen. Ein zweites Mal werde ich das Buch wohl nicht lesen, dafür fehlt ihm die Allgemeingültigkeit, aber das eine Mal bereue ich nicht. Denn es war heiter und gab mir als Leserin doch zu denken, darüber wie wir in Europa mit Fremden umgehen, mit Geld und auch miteinander.

Politik und Liebe machen – Laura de Weck – ISBN 978.3.257.30038.3

Für Leserinnen, die…

  • …eine persönliche Beziehung zur Schweiz haben und sich mit der dortigen Politik und Gesellschaft auskennen.
  • …gerne ins Theater gehen, der Dialoge wegen.
  • …nach einer humorvollen, aber nicht zu albernen Zwischendurchlektüre suchen.

Am besten kombiniert mit…

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