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(Feminismen) Gegen die Objektifizierung von Mädchen durch die Medien…

Dieses Buch erreichte mich als persönliche Empfehlung im Fahrwasser von Natasha Walters „Living Dolls“. Eine Fortführung des Themas, dachte ich und irrte mich im Nachhinein zwar ein bisschen, griff damals aber beherzt zu, als Teil eines eBook Kaufrausches, der noch viele weitere Sachbücher in meinen Kindle speiste, die es allerdings noch zu lesen gilt…

41ydnyk7itl-_sx321_bo1204203200_In The Lolita Effect, university professor and journalist M G Durham offers new insight into media myths and spectacles of sexuality. Using examples from popular TV shows, fashion and beauty magazines, movies and websites, Durham shows for the first time all the ways in which sexuality is rigidly and restrictively defied in media – often in ways detrimental to girls‘ healthy development. Durham provides us with the tools to navigate this media world effectively without censorship or moralising, and then to help our girls to do so in strong and empowering ways.

Was ich erwartet hatte, als ich „The Lolita Effect“ zur Hand nahm, war eine feministische Abhandlung der Sexualisierung junger Mädchen, oft noch Kinder, durch das kapitalistische System. Was ich letztlich in Händen hielt war eher ein Ratgeber für Eltern von Mädchen jeden Alters, die es zu beschützen gilt, davor zu früh erwachsen zu werden. Jedes Kapitel besteht insofern aus einem Essay über die teuflischen Praktiken der Maketingmaschine, besonders in englischsprachigen Ländern, die unsere Töchter wahlweise zu kleinen Prinzessinnen oder möchte-gern Stripperinnen macht, unterfüttert mit reichlich Beispielen aus dem Spielwarenladen und einschlägigen Konsumtempeln. Was danach kommt sind praktische Tipps für Eltern und Erzieher, wie man junge Mädchen am effektivsten gegen die destruktiven Einflüssen von Bratz Dolls und Co. immunisieren kann.

Als kinderlose Frau habe ich an dieser Stelle, um ehrlich zu sein, eher über die erziehungswissenschaftlichen Passagen des Buchs hinweg gelesen. Die einleitenden Essays, welche das Problem an sich beschreiben sind jedoch höchst interessant, und das nicht nur für konsumkritische Mütter. „The Lolita Effect“ gibt dort praktische Tipps, wo Bücher wie zum Beispiel „Living Dolls“ das Problem lediglich beschreiben, es ihren Leserinnen dann aber selbst überlassen gegenzusteuern. Viele bestürzte Mütter und Väter (sofern diese emanzipiert genug sind Natasha Walters Buch zu lesen 😉 ) dürften jedoch nicht wissen, wie sie als scheinbar machtlose Endverbraucher gegen Konzerne ankommen, die String-Tangas an Mädchen im Kindergartenalter zu vermarkten versuchen. M.G. Durham greift diesen Leserinnen mit ihrem Buch etwas unter die Arme, indem sie ihnen zeigt wie man sich gegen diese besorgniserregende Entwicklung wehren kann.

Doch „The Lolita Effect“ will nicht nur Eltern befähigen sich gegen destruktive Trends in den Medien zur Wehr zu setzen, sondern hofft über diese auch deren Kinder zu erreichen – vor allem natürlich die Mädchen, schließlich wird diese Schlammschlacht der Medien auf deren Rücken und mit ihren Körpern ausgetragen. Meiner Meinung nach könnten allerdings auch Jungen gut daran tun sich mit Hilfe erzieherischer Anleitung zu vergegenwärtigen, dass die Mädchen und Frauen in den Medien nicht der Wirklichkeit entsprechen. Denn meiner Meinung nach wird die Wirkung der Prinzessin vs. Lolita Dichotomie auf das spätere Frauenbild von Jungen, die unweigerlich zu Männern heranwachsen, die sich in der Regel mit Klauen und Zähnen gegen die Reformation vorgefertigter Geschlechter-Stereotypen wehren, oft nach wie vor drastisch unterschätzt, bzw. weitläufig herunter gespielt. Diesen überaus wichtigen Ansatz der Medienaufklärung versäumt „The Lolita Effect“ jedoch leider.

Insgesamt erfüllt „The Lolita Effect“ seine eigenen Ansprüche, nämlich das Problem der Sexualisierung von Mädchen in seinen vielen Facetten anzusprechen und Eltern Strategien anzubieten, um den destruktiven Effekt dieser frühen Sexualisierung abzumildern. Was das Buch nicht tut ist das Problem an sich zu bekämpfen, indem es Eltern zum Beispiel dazu anhält Kindern beider Geschlechter einen gesunden Umgang mit Medien zu vermitteln. Insofern dient es als gut gemeinter Ansatz, geht meines Erachtens aber nicht weit genug in Richtung einer Lösung, die zukünftige Generationen von Mädchen (und Jungen) vor sexistischer Indoktrinierung durch die Medien schützen könnte. Ich würde trotzdem nicht so weit gehen, Eltern von diesem Buch abzuraten, da ein Tropfen auf den heißen Stein zwar schnell verdampft – wenn wir alle jedoch unsere individuellen Tropfen auf eben diesen heißen Stein fallen lassen, werden wir es am Ende vielleicht doch schaffen ihn etwas abzukühlen.

The Lolita Effect – M.G. Durham – ISBN 978.1.590.20063.6

Für Leserinnen, die…

  • …ihren Töchtern Zeit geben wollen im eigenen Tempo erwachsen zu werden.
  • …nicht tatenlos zusehen wollen, während String Tangas für Kindergartenkinder verkauft werden.
  • …sich von der Indoktrinierung (junger Mädchen) durch die Medien emanzipieren wollen.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Ich glaub, ich gehöre nur mir ganz alleine…

Welche Leserin kann schon einem so sonnengelben Cover widerstehen, besonders in der nass-kalten Jahreszeit; ich jedenfalls nicht. Und so griff ich umgehend zu, als ich es auf der Webseite des Ullstein, bzw. List Verlages sah. Den Klappentext habe ich vor lauter Leselust nur überflogen – das wird mir in Zukunft eine Lehre sein…

9783471351185_cover-1Hilly, Mitte vierzig, hervorragendes Bindegewebe, bestens verheiratet, zwei Kinder und gut im Job, ist genau da, wo sie nie hinwollte: in der Wohlstandsfalle. Umgeben von Menschen, die sie nie kennenlernen wollte, und Dingen, die sie nicht braucht. Die zufällige Begegnung mit einer Freundin und Kampfgefährtin aus vergangenen Hausbesetzertagen ist für Hilly das Zeichen zum Ausbruch. Zurück zu den alten Idealen. Dabei verliebt sie sich nicht nur in einen anderen Mann, sondern auch in eine aufregende Frau. Aber was, wenn alles ein Irrtum war und sie im neuen alten Leben auch eine Fehlbesetzung ist?

Soluna Bach, die ihren Debütroman „Hühner und Handtaschen“ vor vier Jahren noch im Alleingang veröffentlicht hat, schafft mit „Herzkammeranarchie“ den Sprung zu einem großen Publikumsverlag. Ihre Geschichte um eine Mittvierzigerin, die sich in der Lebenskrise befindet, ihren Job, ihre Ehe und letztlich sogar ihre sexuelle Orientierung in Frage stellt, lässt auf viele lustige, freche und verrückte Momente hoffen. Die Autorin schaut Hilly, eigentlich Brunhild, bei ihren diversen Eskapaden über die Schulter und lässt die Leserin auch immer wieder an den Gedanken der unumstrittenen Hauptfigur teilhaben. Doch nicht nur die dauergestresste Midliferin Hilly (und ihre diversen Verehrer) sondern auch der Schauplatz des Romans, die Hansestadt Hamburg, stellt eine feste Größe innerhalb der Geschichte dar.

Das klingt zunächst einmal sehr amüsant, dachte ich mir als ich diesen Roman zur Hand nahm. Nach ausgiebiger Lektüre bin ich jedoch der Meinung, dass man gut zwei Drittel des Textes hätte wegredigieren können. Frau Bach hatte eine großzügige Lektorin, scheint es mir, die ihr einiges an überflüssigen Passagen hat durchgehen lassen. Das Ergebnis geht leider zu Lasten dieser Leserin, die sich beispielsweise durch ein Kapitel quälen muss, in dem Hauptfigur Hilly eine neue Küche in Auftrag gibt. Amüsant ist dieser Abschnitt schon, besonders dann wenn man sich selbst schon mal mit einem Küchenfachverkäufer hat auseinandersetzen müssen, nur hat dieser Abschnitt für die Handlung im folgenden keinerlei Bedeutung. Ich persönlich frage mich an dieser, wie auch an (viel zu) vielen anderen Stellen des Buchs – warum lese ich das hier eigentlich gerade? Wer wie ich nur ungern Passagen überfliegt, den wird die Lektüre von „Herzkammeranarchie“ oft einfach nur frustrieren.

Die zweite Schwäche dieses Romans ist seine Figurenzeichnung, wobei dies gleichzeitig auch als Stärke ausgelegt werden könnte, denn die Frauenrunde mit der Hilly sich anfreundet hat ordentlich Biss und ihre diversen Eskapaden sind überaus lustig geschrieben. Trotzdem sind die meisten Figuren hoffnungslose Klischees, die scheinbar nur dazu dienen die Hauptfigur zu exponieren, um danach wieder in ihrer Schublade zu verschwinden. Da wäre zum Beispiel die burschikose Lesbe Dorothea, mit der Hilly eine wilde Nacht verbringt, ein Bauarbeiter im Frauenkörper, dessen einzige Dialoganteile scheinbar darin bestehen sexistische Anzüglichkeiten vom Stapel zu lassen und die Hauptfigur sexuell zu belästigen. Das ist nicht nur für mich als Leserin frustrierend, sondern auch eine sehr oberflächliche und durchaus herabwürdigende Darstellung lesbischer Frauen. Der Trend zur Oberflächlichkeit setzt sich fort, zum Beispiel mit Hillys (von Beruf) Sohn, ihrem indischen Ehemann, der ständig deutsche Metaphern verhunzt und dem Gelegenheitslover, der zwar eine schillernde Backstory hat, als Figur jedoch so interessant ist, wie eine weiße Wand.

Soluna Bach zeigt in „Herzkammeranarchie“ eine Neigung zur Objektifizierung ihrer Figuren, die selbst vor Hauptfigur Hilly nicht Halt macht. In der Szene, die den Roman einleitet steht diese nackt vor dem Spiegel und kaut ihre diversen Vorzüge durch, nur die Brüste sind ihr viel zu groß, und ihre Minderwertigkeitskomplexe werden im folgenden zu einem gewollt charmanten Tick umfunktioniert, und bei jeder Gelegenheit erwähnt, um die Hauptfigur zu vermenschlichen. Diese Leserin kann irgendwann nur noch mit den Augen rollen und sich möglichst schnell bis zum Ende vorkämpfen, vorbei an überflüssigen Szenen, klischeehaften Figuren, und einer nicht enden wollenden Flut bissiger Kommentare der Hauptfigur, die aber leider allesamt ungesagt bleiben und mich als Leserin nur mäßig unterhalten. Denn so sehr Soluna Bach sich auch bemüht, sich bemüht witzig und frech zu sein, ich stehe auch gegen Ende des Romans nicht auf der Seite der Hauptfigur. Vielleicht gehöre ich nicht zur Zielgruppe, vielleicht haben die stilistischen Fehler den Roman für mich entzaubert…

…eines ist klar, das Ende kann für mich nicht schnell genug kommen. Denn „Herzkammeranarchie“ ist nicht mein Buch, war es nie und werde es wohl nie sein. Ich kann mir die Leserin, die dieses Buch genießt gut vorstellen, denn es gibt sie. Dieser Roman wurde geschrieben für LeserINNEN, die es gerne eingängig und auch in ernsten Situationen humorvoll haben möchten. Leserinnen, die sich ein versöhnliches Ende wünschen, auch wenn das bei mir existentielle Fragen im Stil von – warum habe ich dieses Buch eigentlich gelesen; viel Zeit bleibt mir nicht mehr und ich verwende sie auf eine Lektüre, die mir keinen Spaß macht. Aber ich bin eben ein spezieller Fall, bin eine die keine Lust hat auf überflüssige Szenen, auch wenn diese witzig sind, eine die noch nie ihr Spiegelbild von unten bis oben kritisiert hat, eine für die eine Anmache á la Dorothea sexuelle Belästigung ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Buch seine perfekte Leserin finden wird – ich bin es nicht und kann es daher an dieser Stelle auch nicht empfehlen.

Herzkammeranarchie – Soluna Bach – ISBN 978.3.471.35118.5

Für Leserinnen, die…

  • …sich in den mittleren Jahren noch einmal neu erfinden.
  • …spaßeshalber ab und zu zum anderen Ufer hinüber schwimmen.
  • …kein Problem damit haben ab und zu Passagen zu überfliegen.

Literarische Nachbaren…

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(Neuerscheinung) Von Marathonmännern, bekifften Aliens und einer Ewigkeitsmaschine…

Terézia Moras „Ungeheuer“ hat mich Anfang des Jahres schwer beeindruckt. Daher zögerte ich nicht lange, als ich von ihrer neuen Veröffentlichung erfuhr und schon bald hatte ich das Buch im Briefkasten. Kurzgeschichtenbände sind ja bekanntlich die Stiefkinder der Literaturindustrie, aber im (virtuellen) Regal der Bücherphilosophin sind sie trotzdem immer willkommen…

Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora
Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora

Ein Ausflug ans Meer soll ein junges Paar zusammenführen. Ein Nachtportier fühlt sich heimlich zu seiner Halbschwester hingezogen. Eine Unidozentin flieht vor einer gescheiterten Beziehung und vor der Auseinandersetzung mit sich selbst. Ein japanischer Professor verliebt sich in eine Göttin. Kunstvoll erzählt Terézia Mora in »Die Liebe unter Aliens« von Menschen, die sich verlieren, aber nicht aufgeben, die verloren sind, aber weiter hoffen. Wir begegnen Frauen und Männern, die sich merkwürdig fremd sind und zueinander finden wollen. Einzelgängern, die sich ihre wahren Gefühle nicht eingestehen. Träumern, die sich ihren Idealismus auf eigensinnige Weise bewahren. Mit präziser Nüchternheit spürt Mora in diesen zehn Erzählungen Empfindungen nach, für die es keinen Auslass zu geben scheint, und erforscht die bisweilen tragikomische Sehnsucht nach Freundschaft, Liebe und Glück.

In ihrer neusten Veröffentlichung „Die Liebe unter Aliens“ zeigt Terézia Mora gleich zehn Mal, was sie als Schriftstellerin so kann. Vom Ton her erinnern mich die Geschichten allesamt ein wenig an „Das Ungeheuer“; nicht direkt pessimistisch aber zumindest der tristeren Seite der menschlichen Existenz zugewandt. Laut Klappentext geht es hier um Einsamkeit und Sehnsucht, und das kann ich persönlich so unterschreiben. Terézia Moras Figuren fehlt irgendwas; manchmal ist dieses etwas klar zu benennen, dann wiederum geht es um schwer greifbare Dinge, um innere Zustände, denen sich die Figuren selbst oft nicht ganz bewusst sind. Über Zeit und Raum erhaben kämpfen sie sich durch ihren Alltag, durchqueren sie die Straßen einer namenlosen Stadt, diese Leserin immer an ihrer Seite, die Ohren gespitzt, während mir Autorin Terézia Mora über die Schulter schaut und die Geheimnisse der Figuren zuflüstert.

Mein persönliches Highlight leitet diese Sammlung gleich ein, und bleibt bis zum Ende unerreicht, auch wenn die Konkurrenz ihm hart auf den Fersen ist. Es ist „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“ eine Geschichte über einen Mann mittleren Alters, der auf offener Straße von einem jungen Migranten beklaut wird und diesen anschließend durch die Straßen der Stadt verfolgt. Während die Häuser und Viertel an den beiden vorbei ziehen enthüllt sich die Geschichte des „Marathonmannes“ und gibt die Sicht auf eine im Grunde einsame, oder zumindest sehr eigenbrötlerische, Existenz frei. Danach kommt gleich die Titelgeschichte in der diese Leserin einem verliebten Paar Teenager ans Meer begleitet. In „Perpetuum mobile“ erinnert sich die Hauptfigur an seinen besten Freund aus Kindertagen. „Ella Lamb in Mullingar“ thematisiert die innere Zerrissenheit einer arbeitenden Mutter.

Jede einzelne dieser Geschichten, und der weiteren sechs, die ihnen folgen, umkreist die Isolation ihrer Figuren, ob es sich nun um körperliche oder emotionale Isolation handelt, mit Worten, spricht diese aber nie direkt an. Terézia Moras Figuren sehnen sich nacheinander, so wie das Geschwisterpaar aus „Verliefen sich im Wald“ das sich um die übrige Familie nicht zu verprellen nur zweimal im Jahr und zudem heimlich treffen kann. Oder die schwarz arbeitende Putzfrau aus „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“ die fiebernd vor Sehnsucht auf ihren Lebensgefährten wartet, der fernab von zuhause seinen künstlerischen Ambitionen freien Lauf lässt. Ihre Figuren sind heimatlos, ziellos, auf der Suche nach alten und neuen Freunden, wie zum Beispiel die junge Studentin aus „á la recherche“ die zwanghaft durch die Straßen Londons wandert oder der pensionierte Japanologieprofessor, der im Ort seiner Kindheit zum Tempel der titelgebenden „Göttin der Barmherzigkeit“ pilgert.

Wie das bei Kurzgeschichten oft der Fall ist, spielt sich vieles zwischen den Zeilen ab. Hier enthüllen sich die Geheimnisse der Figuren, deren innere Welten, Kämpfe und Hoffnungen. (Die Melancholie dieser Erzählungen tropft quasi von den Seiten und macht mir als Leserin das Herz zumal sehr schwer.) Terézia Mora verzichtet dabei auf jegliche Effekthascherei und lässt ihren Geschichten Raum sich in ihrem eigenen Tempo zu entfalten, ohne sie handlungstechnisch in die eine oder andere Richtung, bzw. auf ein vorkonzipiertes Ende, zu zu treiben. Manchmal führt das dazu, dass nicht viel passiert und der jeweiligen Geschichte das gewisse Etwas fehlt. Selten sind die Geschichten in „Die Liebe unter Aliens“ so originell wie „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“. Doch war ich vor der Lektüre durchaus darauf gefasst; Kurzgeschichtenbände sind wie Pralinenschachteln, jeder Griff zum Buch birgt eine Überraschung und manchmal mag man als Leserin was man kriegt, beim nächsten Mal wiederum eher weniger und anschließend ist man wiederum positiv überrascht.

Insgesamt ist „Die Liebe unter Aliens“ ein überaus lesenswertes Buch, das, wie sollte es bei der Gewinnerin des deutschen Buchpreises 2013 Terézia Mora auch anders sein, beeindruckend aber dabei nie selbstüberhöhend geschrieben ist. Terézia Mora verzichtet darauf sich auf den Seiten ihres Buchs zu profilieren und wie viele ihrer Kollegen mit stilistischen Sperenzchen zu protzen. Sie liefert stattdessen zehn Geschichten ab, die fast ein bisschen zu „understated“ daher kommen. Sie setzt sich mit Gefühlen auseinander, die nur die wenigsten von uns sich offen eingestehen wollen, schreibt über Sehnsucht, Trennungsängste und Einsamkeit. Damit trifft sie diese Leserin dort, wo es am schmerzhaftesten ist, doch genau deshalb möchte ich Dir „Die Liebe unter Aliens“ an dieser Stelle auch wärmstens empfehlen.

Die Liebe unter Aliens – Terézia Mora – ISBN 978.3.630.87319.0

Für Leserinnen, die…

  • …von ihrer Lektüre gefordert werden wollen.
  • …die Geschichte zwischen den Zeilen erspähen.
  • …lieber ihren Zeh ins Wasser halten, bevor sie einen Kopfsprung wagen.

Literarische Nachbarn…

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(Neuerscheinung) Die Abschaffung der Mutter von Alina Brosnky und Denise Wilk

Alina Bronsky, geboren 1978 in Jekaterinburg, und Denise Wilk, geboren 1973 in Freiburg, wissen ganz genau, wovon sie sprechen. Die beiden Frauen haben zusammengezählt zehn Kinder. Sie glauben nicht, deshalb allwissend zu sein oder in ihrer Mutterrolle besser zu funktionieren als andere. Aber sie haben jahrelang erlebt, was im Umgang mit Müttern schief läuft. Alina Bronsky ist außerdem erfolgreiche Bestsellerautorin, Denise Wilk begleitet als Doula schwangere Frauen und frischgebackene Mütter und gibt Eltern-Kind-Kurse. (Quelle: randomhouse.de)

51C+pjzm81L._SX312_BO1,204,203,200_Wer sich heute als Frau für ein Kind entscheidet, der muss verrückt sein, so könnte man meinen. Denn Mütter werden in unserer Gesellschaft zunehmend bevormundet, klein gehalten und überwacht. Jegliche Kompetenz mit dem eigenen Kind wird ihnen abgesprochen. Wer im Beruf ernst genommen und von seinem Umfeld anerkannt werden möchte, der lässt seine Bedürfnisse als Mutter unter den Tisch fallen. Denn eines will man auf gar keinen Fall sein: eine Glucke. Schritt für Schritt vollzieht sich so die Abschaffung der Mutter.

Eine Autorin, die den (deutschen) Feminismus, sprich das Streben nach Gleichwertigkeit von Mann und Frau innerhalb der Gesellschaft, als weltfremd bezeichnet, verliert bei mir, trotz ihrer Reihe überaus lesenswerter Romane, leider sofort einige Sympathiepunkte. Insofern hatte Alina Bronskys neustes Buch „Die Abschaffung der Mutter“ bei mir einen eher holperigen Start. Denn spätestens ab dieser etwas unglücklich formulierten Aussage, wurde jedes ihrer Argumente von mir persönlich kritisch beäugt und nicht alle davon hielten dieser harschen Kritik im folgenden Stand. Zu oft verlassen sich die Autorinnen zur Untermauerung ihrer Aussagen auf Erfahrungen aus dem Bekanntenkreis, die auf mich als Leserin sehr unsachlich wirken und das Buch von der begründeten Gesellschaftskritik in die Ecke derer verschieben, die das Hausfrauenideal der fünfziger Jahre propagieren und überhöhen.

Besonders die ersten Kapitel zu Schwangerschaft und Geburt laufen Gefahr altbacken, ja sogar etwas frauenfeindlich zu klingen. Denn sie beziehen ganz klar Stellung für eine Schwangerschaft und Geburt außerhalb der Reichweite von medizinischem Personal, sind gegen eine Fülle von Untersuchungen in der Schwangerschaft, u.a. auch den meines Erachtens sehr wichtigen Test für Trisomie 21, in der Regel durchgeführt bei Schwangeren ab 35, und die Spinalanästhesie bei Gebärenden, da die unvergleichbaren Schmerzen, denen eine Frau manchmal tagelang ausgesetzt ist, im Grunde doch auch lustvoll sein können. An dieser Stelle entwickele ich als feministische Leserin, die ohne wenn und aber dafür ist schwangeren Frauen die Unsicherheit zu nehmen und gebärenden Frauen die Schmerzen zu ersparen, fast schon Antipathien gegen das vorsintflutlich anmutende Autorinnenpaar, welches sich selbst und die eigenen Erfahrungen und persönliche Präferenzen im Kindbett für den Goldstandard zu halten scheint.

Zum Glück wird das Buch danach wieder fortschrittlicher und frauenfreundlicher, vor allem dann wenn es um das öffentliche Stillen geht. Hier stehen die Autorinnen ganz klar auf der Seite der Mütter und ihrer Babys, die nicht in müffelnden Toilettenräumen ihre Nahrung zu sich nehmen sollten; Schließlich ist eine entblößte Brust zum Zweck der Säuglingsfütterung nichts pornografisches, auch wenn die öffentliche Debatte darum es oft so darstellt. Im Folgenden schwankt das Buch zwischen zwei Polen, dem der das Rad der Zeit zurück dreht, Herdprämien in Anspruch nimmt und Kitas verunglimpft, ja sogar das französische Modell auszuhebeln versucht, und dem, der sich für die Rechte von Müttern einsetzt, ob nun als Teil eines Elternpaares oder Alleinerziehend, unter anderem auch im Bezug auf den Kindsvater, der laut den Autorinnen bei deutschen Sorgerechtsfällen mittlerweile übervorteilt wird, was oft zu Lasten des Kindes geht – das hätte so übrigens auch in der EMMA stehen können 😉

Insgesamt ist „Die Abschaffung der Mutter“ also ein sehr durchwachsenes Buch, das für eine Stärkung der Frau als Mutter kämpft. Ob man im Land der „Rabenmütter“ die Verschmelzung der Identität einer Frau mit ihrem Kind noch extra propagieren muss, ist die Frage. Meiner Meinung nach ist „Die Abschaffung der Mutter“ nicht halb so revolutionär, wie es sich die Autorinnen vielleicht gedacht haben. Insofern erscheint mir dieses Buch als solches, vor allem durch seine herrlich unwissenschaftliche Methode der Datensammlung via „Hören-Sagen“, als eher überflüssig – zumindest auf dem deutschen Buchmarkt. Letztlich ist „Die Abschaffung der Mutter“ ein weiteres Buch, das in die Intimsphäre deutscher Frauen sich einzugreifen erdreistet und ihnen vorschreiben will, was sie mit ihrem Körper und mit ihrem Kind zu tun haben – auf diese neuerliche Bevormundung kann ich als Leserin und als Frau getrost verzichten.

Die Abschaffung der Mutter – Alina Bronsky/Denise Wilk – ISBN 978.3.421.04726.7

Für Leserinnen, die…

  • …sich in Sachen Schwangerschaft und Geburt nicht bevormunden lassen wollen.
  • …sich im Leben alle Optionen offen halten.
  • …sich für ihren Kinderwunsch und/oder Kinderreichtum nicht entschuldigen wollen.

Am besten kombiniert mit…

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(#01/2016) Aller guten Sachbücher sind 3…!

Vor einem Jahr habe ich Sachbücher im Hörformat für mich entdeckt und bin seitdem ein wahrer Wissensjunkie geworden, meine Lieblingsthemen sind Feminismus, Ernährung und (außergewöhnliche) persönliche Erfahrungen. Einen Themenbereich kann ich mit diesem Rezensionstrio schon mal abdecken, und zwar durch „My year of living danishly“.  Abgesehen davon könnte die Auswahl nicht vielfältiger sein, es geht um die skandinavische Lebensart, um das sechste große Artensterben und um Kindererziehung in Theorie und Praxis.

Für Skandinavienfans…

51SCCk7fxAL._SX319_BO1,204,203,200_My year of living danishly von Helen Russell… Denmark is officially the happiest nation on Earth. When Helen Russell is forced to move to rural Jutland, can she discover the secrets of their happiness? Or will the long, dark winters and pickled herring take their toll? A Year of Living Danishly looks at where the Danes get it right, where they get it wrong, and how we might just benefit from living a little more Danishly ourselves.

Als Norddeutsche habe ich schon alleine durch die geografische Nähe zur Grenze einen guten Eindruck von der dänischen Kultur bekommen. In Städten wie Flensburg, Schleswig oder auch Eckernförde und Umkreis gibt es dänische Schulen, eine dänische Bibliothek und da ein Großteil der Einwohner zweisprachig aufgewachsen ist kann man auch im Alltag immer wieder Dänisch hören. Ich bin insofern also kein völlig unbeschriebenes Blatt, wie es die Autorin von „My year of living danishly“ ist. Diese kommt aus Großbritannien und lebt am Anfang des Buchs mit ihrem Mann in London, wo sie beide sowohl psychisch als auch körperlich unter dem enormen Karrieredruck leiden. Dann jedoch ergattert Helen Russels Mann eine Stelle beim dänischen Konzern Lego und kurzerhand zieht das paar ins ländliche Jytland – die Landzunge gleich hinter der deutschen Grenze.

Was ich an diesem Buch so schätze ist nicht nur der britische Humor, mit dem die Autorin ihre Erfahrungen spikt, sondern auch die Unbedarftheit mit der sie sich in die dänische Lebensart hinein fallen lässt. Ob es nun um Inneneinrichtung, Freizeitgestaltung oder Kindererziehung geht, bei den Dänen ist alles sehr homogen und straff durchorganisiert. Mir persönlich wäre das zwar ein Graus, aber Helen Dunmore betont in ihrem Buch vor allem die angenehmen Seiten einer Gesellschaft in der sich die einzelnen Mitglieder zwar nicht sonderlich voneinander unterscheiden, sich aber auch gegenseitig vertrauen können – so sehr dass dänische Mütter ihre Kinderwagen samt Baby vor dem Restaurant oder Café stehen lassen, wenn sie essen gehen. Insgesamt ist „My year of living danishly“ also ist ein ganz besonderer Leckerbissen für jeden Skandinavienfan, randvoll mit Infos zur dänischen Kultur, Bevölkerung und Gesellschaftsstruktur.

Am besten kombiniert mit…

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Für Umweltbewusste…

416bF6-uEkL._SX313_BO1,204,203,200_Das sechste Sterben: Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt von Elizabeth Kolbert… Wir erleben derzeit das sechste sogenannte Massenaussterbeereignis: In einem relativ kurzen Zeitraum verschwinden ungewöhnlich viele Arten. Experten gehen davon aus, dass es das verheerendste sein wird, seit vor etwa 65 Millionen Jahren ein Asteroid auf der Erde einschlug, mit den bekannten Folgen für die Dinosaurier. Doch dieses Mal kommt die Bedrohung nicht aus dem All, sondern wir tragen die Verantwortung. Wie keine andere Gattung zuvor haben wir Menschen das Leben auf der Erde verändert. Elizabeth Kolbert spricht mit Geologen, die verschwundene Ozeane erforschen, begleitet Botaniker, die der Waldgrenze in den Anden folgen, und begibt sich gemeinsam mit Tierschützern auf die Suche nach den letzten Exemplaren gefährdeter Arten. Sie zeigt, wie ernst die Lage ist, und macht uns zu unmittelbaren Zeugen der dramatischen Ereignisse auf unserem Planeten.

„Das 6. Sterben“ fängt damit an, dass die Autorin ihrer Leserin gehörig Honig um den (Damen)bart schmiert. Der Prolog erzählt nämlich eine kurze Geschichte von der evolutionär erfolgreichsten Säugetierart, dem Menschen. Mit unserem Erfindungsreichtum, unserer Neugier, unserer Bereitschaft zu Kooperation, aber auch mit einer Aggressivität die ihresgleichen sucht, haben wir uns durchgesetzt und jede Spezies mit der wir in unserer Migrationsgeschichte von Afrika nach Europa und weiter nach Asien, von Europa nach Amerika und Australien, in Kontakt gekommen sind, ja wie wir sogar die Natur unterjocht haben. Dieses Joch verwandelte sich mit der Zeit jedoch in ein Damokles Schwert, welches die Herrschaft der Spezies Mensch über diese Erde zunehmend bedroht. In den folgenden Kapiteln vermittelt Elizabeth Kolbert der Leserin über diverse Beispiele einen Eindruck davon, wie es um uns, unseren Lebensraum und die Arten mit den wir ihn (noch) teilen, steht. Ohne hier die Erkenntnisse aus dem Buch vorweg zu nehmen; es sieht alles andere als rosig aus.

Eines muss man der Autorin dabei lassen, sie nimmt ihre Nachforschungen ernst, reist in ferne Länder und an entlegene Orte, spricht mit Wissenschaftlern, Naturforschern und ihren teils ehrenamtlichen Helfern. Insofern kann man die düstere Zukunftsvision, welche in „Das 6. Sterben“ herauf beschworen wird, durchaus ernst nehmen, oft ist Elizabeth Kolbert in ihren Vorhersagen sogar eher konservativ. Trotzdem überfällt mich als Leserin das kalte Grausen, wenn ich hier lese, was noch so alles auf uns Menschen zu kommt, wenn wir es nicht schaffen in Einklang mit unserer Umwelt zu leben. Das alleine schon, macht dieses Buch spannend wie ein Krimi, auch wenn es sich hierbei eigentlich um Wissenschaftsjournalismus handelt. Wer sich, wie ich, nicht gerade brennend für tropische Froscharten oder nordamerikanische Fledermäuse interessiert, dürfte das Buch ab und zu etwas trocken finden. Insgesamt ist „Das 6. Sterben“ thematisch trotzdem ein lesenswertes, und vor allem auch ein überaus wichtiges Buch.

Am besten kombiniert mit…

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Für Familienplaner…

41ixZEKkxsL._SX311_BO1,204,203,200_Himmel und Hölle: Das Dilemma moderner Elternschaft von Jennifer Senior… Die Journalistin und Anthropologin Jennifer Senior beschäftigt sich seit Jahren damit, wie Kinder das Leben ihrer Eltern auf den Kopf stellen. Für den New- York-Times-Bestseller Himmel und Hölle hat sie Familien besucht, Experten interviewt und zahlreiche Studien aus den unterschiedlichsten Bereichen zurate gezogen. Sie geht fundiert der Frage nach, wie sich das Verständnis von Familie im Laufe der Geschichte verändert hat und mit welchen neuen Herausforderungen heutige Eltern konfrontiert sind. Entstanden ist ein aufwühlendes Buch, das das Elternsein schonungslos analysiert und alle Aspekte dieser lebensverändernden Erfahrung ungeschminkt beleuchtet.

Ich habe zwar selbst keine Kinder, weiß aber spätestens seit Pamela Druckermans französischem Erziehungsratgeber, dass ein Buch über Kindererziehung auch für kinderlose Leserinnen überaus unterhaltsam sein kann. Während sich das Buch von Pamela Druckerman (siehe unten) auf das Wie des Erziehungsvorgangs konzentriert, geht Jennifer Senior dem Warum auf den Grund – warum erziehen wir unsere Kinder anders als frühere Generationen, woher kommen all die neuen Erkenntnisse zum Thema Kindererziehung und was taugen Erziehungstrends wie z.B. „Schlaftraining“ oder das „Familienbett“ wirklich?!

Sie tut dies anhand von Fallbeispielen, zum Beispiel einer jungen Mutter, die Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen versucht indem sie von zu Hause arbeitet, was allerdings nicht immer so klappen will, wie sie es sich erhofft hatte. Oder eine asiatisch stämmige Mutter, die jeden Tag zwei Stunden Fahrt auf sich nimmt, damit ihr Spross zum Sport kann. Die Helikopter-Eltern und die Tiger-Mom werden von Jennifer Senior besonders aufs Korn genommen und als Erfindung der heutigen Elterngeneration entlarvt, die hofft alles im Leben ihrer Kinder kontrollieren zu können, und sie so vor jeglichem Übel, Persönlichkeitsstörungen und dem akademischen Hintertreffen beschützen zu können. Hier in Deutschland sind wir noch nicht so weit, doch der Trend geht dahin allzeit für den Nachwuchs zur Verfügung zu stehen – laut Jennifer Senior eine besorgniserregende Entwicklung.

Am besten kombiniert mit…

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