Schlagwort-Archive: Familie

(Feminismen) Gegen die Objektifizierung von Mädchen durch die Medien…

Dieses Buch erreichte mich als persönliche Empfehlung im Fahrwasser von Natasha Walters „Living Dolls“. Eine Fortführung des Themas, dachte ich und irrte mich im Nachhinein zwar ein bisschen, griff damals aber beherzt zu, als Teil eines eBook Kaufrausches, der noch viele weitere Sachbücher in meinen Kindle speiste, die es allerdings noch zu lesen gilt…

41ydnyk7itl-_sx321_bo1204203200_In The Lolita Effect, university professor and journalist M G Durham offers new insight into media myths and spectacles of sexuality. Using examples from popular TV shows, fashion and beauty magazines, movies and websites, Durham shows for the first time all the ways in which sexuality is rigidly and restrictively defied in media – often in ways detrimental to girls‘ healthy development. Durham provides us with the tools to navigate this media world effectively without censorship or moralising, and then to help our girls to do so in strong and empowering ways.

Was ich erwartet hatte, als ich „The Lolita Effect“ zur Hand nahm, war eine feministische Abhandlung der Sexualisierung junger Mädchen, oft noch Kinder, durch das kapitalistische System. Was ich letztlich in Händen hielt war eher ein Ratgeber für Eltern von Mädchen jeden Alters, die es zu beschützen gilt, davor zu früh erwachsen zu werden. Jedes Kapitel besteht insofern aus einem Essay über die teuflischen Praktiken der Maketingmaschine, besonders in englischsprachigen Ländern, die unsere Töchter wahlweise zu kleinen Prinzessinnen oder möchte-gern Stripperinnen macht, unterfüttert mit reichlich Beispielen aus dem Spielwarenladen und einschlägigen Konsumtempeln. Was danach kommt sind praktische Tipps für Eltern und Erzieher, wie man junge Mädchen am effektivsten gegen die destruktiven Einflüssen von Bratz Dolls und Co. immunisieren kann.

Als kinderlose Frau habe ich an dieser Stelle, um ehrlich zu sein, eher über die erziehungswissenschaftlichen Passagen des Buchs hinweg gelesen. Die einleitenden Essays, welche das Problem an sich beschreiben sind jedoch höchst interessant, und das nicht nur für konsumkritische Mütter. „The Lolita Effect“ gibt dort praktische Tipps, wo Bücher wie zum Beispiel „Living Dolls“ das Problem lediglich beschreiben, es ihren Leserinnen dann aber selbst überlassen gegenzusteuern. Viele bestürzte Mütter und Väter (sofern diese emanzipiert genug sind Natasha Walters Buch zu lesen 😉 ) dürften jedoch nicht wissen, wie sie als scheinbar machtlose Endverbraucher gegen Konzerne ankommen, die String-Tangas an Mädchen im Kindergartenalter zu vermarkten versuchen. M.G. Durham greift diesen Leserinnen mit ihrem Buch etwas unter die Arme, indem sie ihnen zeigt wie man sich gegen diese besorgniserregende Entwicklung wehren kann.

Doch „The Lolita Effect“ will nicht nur Eltern befähigen sich gegen destruktive Trends in den Medien zur Wehr zu setzen, sondern hofft über diese auch deren Kinder zu erreichen – vor allem natürlich die Mädchen, schließlich wird diese Schlammschlacht der Medien auf deren Rücken und mit ihren Körpern ausgetragen. Meiner Meinung nach könnten allerdings auch Jungen gut daran tun sich mit Hilfe erzieherischer Anleitung zu vergegenwärtigen, dass die Mädchen und Frauen in den Medien nicht der Wirklichkeit entsprechen. Denn meiner Meinung nach wird die Wirkung der Prinzessin vs. Lolita Dichotomie auf das spätere Frauenbild von Jungen, die unweigerlich zu Männern heranwachsen, die sich in der Regel mit Klauen und Zähnen gegen die Reformation vorgefertigter Geschlechter-Stereotypen wehren, oft nach wie vor drastisch unterschätzt, bzw. weitläufig herunter gespielt. Diesen überaus wichtigen Ansatz der Medienaufklärung versäumt „The Lolita Effect“ jedoch leider.

Insgesamt erfüllt „The Lolita Effect“ seine eigenen Ansprüche, nämlich das Problem der Sexualisierung von Mädchen in seinen vielen Facetten anzusprechen und Eltern Strategien anzubieten, um den destruktiven Effekt dieser frühen Sexualisierung abzumildern. Was das Buch nicht tut ist das Problem an sich zu bekämpfen, indem es Eltern zum Beispiel dazu anhält Kindern beider Geschlechter einen gesunden Umgang mit Medien zu vermitteln. Insofern dient es als gut gemeinter Ansatz, geht meines Erachtens aber nicht weit genug in Richtung einer Lösung, die zukünftige Generationen von Mädchen (und Jungen) vor sexistischer Indoktrinierung durch die Medien schützen könnte. Ich würde trotzdem nicht so weit gehen, Eltern von diesem Buch abzuraten, da ein Tropfen auf den heißen Stein zwar schnell verdampft – wenn wir alle jedoch unsere individuellen Tropfen auf eben diesen heißen Stein fallen lassen, werden wir es am Ende vielleicht doch schaffen ihn etwas abzukühlen.

The Lolita Effect – M.G. Durham – ISBN 978.1.590.20063.6

Für Leserinnen, die…

  • …ihren Töchtern Zeit geben wollen im eigenen Tempo erwachsen zu werden.
  • …nicht tatenlos zusehen wollen, während String Tangas für Kindergartenkinder verkauft werden.
  • …sich von der Indoktrinierung (junger Mädchen) durch die Medien emanzipieren wollen.

Am besten kombiniert mit…

51dedey9d7l-_sx322_bo1204203200_313lHgEb6CL._SX333_BO1,204,203,200_41ixZEKkxsL._SX311_BO1,204,203,200_41yvZhbunsL._SX314_BO1,204,203,200_

Advertisements

(Neuerscheinung) Der Rausch der ersten Liebe, und das böse Erwachen am nüchternen Morgen…

Junge deutsche Literatur interessiert mich eigentlich immer, das Debüt der Berliner Autorin Svenja Gräfen ist da natürlich keine Ausnahme. Mittlerweile sind die Autorinnen, deren Geschichten in diese Kategorie fallen in meinem Alter, was meine emotionale Nähe zum Text natürlich nur vergrößert. Svenja Gräfen hätte in meine Abi-klasse gehen können, und so begrüße ich sie und ihr Debüt dem Anlass angemessen überschwänglich in meinem eigenen Zimmer…

9783961010042_coverLene lebt mit ihrer besten Freundin in einer WG in einer großen Stadt, ihre liebevolle Familie und der Freundeskreis geben Halt. Als sie Hendrik begegnet, scheint ihr Glück perfekt. Sie plant eine gemeinsame Zukunft, doch Hendriks Vergangenheit schleicht sich in ihr Leben ein. Da ist seine zerrüttete Familie, sein bisweilen merkwürdiges Verhalten. Und Klara.

Ich habe das Gefühl „Das Rauschen in unseren Köpfen“ schon einmal gelesen zu haben, was natürlich Quatsch ist, schließlich ist es in diesem Jahr zum ersten Mal erschienen. Doch diese zunächst euphorische, dann melancholische Geschichte einer Großstadtliebe kommt mir bekannt vor – nicht aus persönlicher Erfahrung zwar, aber aus meiner bisherigen Lektüre. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist insofern ein typisches Debüt einer jungen, kosmopolitischen Akademikerin, was nicht unbedingt schlecht sein muss. Die Deja-Vu Wirkung, die der Text auf mich hat, macht es mir leicht mich einzulesen und fungiert letztlich auch als Identifikationshilfe zwischen mir und der Erzählerin/Hauptfigur – und das obwohl wir im Grunde so gar nichts gemeinsam haben.

Das erste bewusste Aufeinandertreffen der Hauptfiguren, dieser Moment im Leben und Lieben, der das Potenzial hat alles für immer zu verändern, wenn auch nur für ein paar kostbare Momente, bzw. Monate; bei Svenja Gräfen wirkt dieser Augenblick wie Schicksal, vorherbestimmt und unvermeidlich. Als Leserin kriege ich den Eindruck, dass Lene und Hendrik in der Millionenstadt Berlin noch so oft aufeinander treffen werden, wie nötig, um sie aufeinander aufmerksam zu machen. Ihre Liebe ist unaufhaltsam, oder so kommt es der Erzählerin zumindest vor. Kaum haben sich die beiden in der Menge entdeckt, können sie einander nicht mehr gehen lassen. Das Paar verbringt gleich den ganzen Rest des Tages miteinander, und ich denke mir, da haben sich zwei gefunden. Diese anfängliche Leichtigkeit, welche die Romanze der beiden kennzeichnet, wirkt auf mich wie ein meet-cute à la Hollywood. Insofern kann das ganze ja nur schief gehen, aber an diesem Punkt in der Lektüre weiß ich das natürlich noch nicht, ich ahne es nur.

Hendrik ist charmant und Lene ist aufgeschlossen und kontaktfreudig, alles Eigenschaften von denen diese Leserin später erfährt, dass sie der Euphorie des Augenblicks geschuldet sind; vielleicht nicht direkt aufgesetzt, aber doch nicht unbedingt Teil des alltäglichen Persönlichkeitsrepertoires der Hauptfiguren. Bald schon kriechen beide zurück in ihr Schneckenhaus, das sie sich anfänglich noch teilen. Kurioserweise fängt es zwischen den beiden gerade dann an zu bröckeln, als sie sich dafür entschließen den nächsten Schritt zu tun. Als Leserin kann ich die Katastrophe schon ahnen und wäre Lene meine Mitbewohnerin würde ich sie zur Seite nehmen, um sie ein klein wenig zu schütteln. Denn Hendrik ist zwar ein richtig netter, aber… und in diesem Moment wird mir bewusst nicht wirklich Teil der Geschichte zu sein. Also schaue ich Lenes bester Freundin einfach dabei zu, wie sie ihr Zimmer in der gemeinsamen Wohnung räumt, und beiße mir auf die Zunge.

Auf den ersten Blick könnte frau meinen in „Das Rauschen in unseren Köpfen“ gehe es lediglich um die erste halbwegs erwachsene Liebe. Einen Fuß in der wilden Jugend, die um jeden Preis verschwendet werden will, den anderen im Alltagstrott, mit seinen Verpflichtungen, Mietverträgen, Daueraufträgen und Abschlussarbeiten. Ich allerdings meine etwas versteckt noch eine andere Dimension zwischen den Seiten der Geschichte zu entdecken. Svenja Gräfen feiert nämlich nicht nur eine neue Liebe, sie trauert auch um alte Freundschaften, welche dieser zum Opfer fallen. Am liebsten möchte Hauptfigur Lene ihre beste Freundin zurückhalten, sie an sich ziehen und festhalten; eigentlich gehen ihr diese einschneidenden Veränderungen viel zu schnell. Doch sie lässt den Moment in dem sie etwas hätte sagen können, hätte sich offenbaren können, verstreichen und schaut sich selbst stattdessen dabei zu, wie sie sich von ihrer Freundin entfremdet.

Insofern sind sich Lene und Hendrik eigentlich sehr ähnlich. Denn auch Hendrik hält im entscheidenden Moment nicht an seiner Jugendliebe Klara fest, wirft seine Familie, ja sogar sein Leben in Hamburg einfach weg, als wäre es nichts. Wenn ich mir die Figuren in „Das Rauschen in unseren Köpfen“ so anschaue, frage ich mich manchmal, ob Depressionen nicht vielleicht doch ansteckend sind. In Svenja Gräfens Debütroman scheinen sie von einem zum anderen zu springen; von Hendriks Vater zu Hendrik, von Hendrik zu Klara, von Klara wieder zu Hendrik und von Hendrik schließlich zu Lene, die sich insgeheim wünscht eine schwere Kindheit gehabt zu haben, damit sie ihrem Freund und seinen Dämonen näher ist, die Seelenqualen, die er auszustehen scheint besser verstehen, ja sogar nachempfinden kann.

Svenja Gräfen backt die Geschichte von Hendrik und Lene wie einen gut bestückten Nusskuchen, immer wieder beiße ich als Leserin auf uneingeleitete Rückblenden, die mir von der Kindheit, Jugend und den ersten Jahren des Erwachsenenlebens der beiden Protagonisten erzählen, beiße mir daran manchmal schier die Zähne aus – unwillkommen ist dies nicht, schließlich bin ich voller Ungeduld und Tatendrang die Erzählerin und ihre erste große Liebe näher kennen zu lernen, nur überraschend eben. Svenja Gräfen schubst mich ins kalte Wasser der Erinnerung und ich brauche ein paar Momente bis ich das Tageslicht durch die Oberfläche brechen sehe. So erfahre ich irgendwann auch wer die ominöse Klara aus dem etwas nebulös formulierten Klappentext ist. Ganz so viel Einfluss auf den Verlauf der Handlung, wie ich anfangs befürchtete, hat sie dann allerdings doch nicht; Svenja Gräfens Eifersuchtsdramen spielen sich größtenteils im Kopf ihrer Figuren ab.

Letztlich ist „Das Rauschen in unseren Köpfen“ doch ein literarisches Unikat, das habe ich während der Lektüre gemerkt. Svenja Gräfen schreibt mit der ihr eigenen Untertriebenheit über Erlebnisse, die junge Liebende sich innerhalb von, und über Generationen hinweg teilen, und genau dort liegt die Überschneidung mit älteren Texten aus der jungen Berliner Literatur, die ich seit meinem Einzug ins eigene Zimmer gelesen habe. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist ein Loving Of Age Roman für eine neue Generation von Leserinnen, die jedoch von den gleichen Erfahrungen geprägt wurden, von den gleichen Gefühlen beflügelt und gepiesackt werden, wie ihre älteren Schwestern. Insofern muss ich die literarischen Räume von Svenja Gräfen nicht substanziell umdekorieren, um mich dort wie zu Hause, bzw. angekommen und aufgehoben zu fühlen – Dir wird es sicher ebenfalls so gehen.

Das Rauschen in unseren Köpfen – Svenja Gräfen – ISBN 978.3.961.01004.2

Für Leserinnen, die…

  • …schon einmal unglücklich verliebt waren.
  • …alte Wunden haben, die bei zu viel Nähe zu nässen anfangen.
  • …kleine Dramen auf großer Bühne aufführen.

Literarische Nachbarinnen…

9783471351208_cover41LRdHe3acL._SX309_BO1,204,203,200_51K1o4aSZIL._SX313_BO1,204,203,200_

(Neuerscheinung) Verloren im weiten Raum der Zeit, in dem alle Zeiten eins werden…

„Der weite Raum der Zeit“ war in meinem eigenen Zimmer lange ein Regalhüter, und das obwohl ich das Buch zur Zeit seiner Veröffentlichung unbedingt haben musste. Kaum trudelte es bei mir ein waren andere Dinge, andere Bücher vielleicht, wichtiger und wie im Flug ist über ein Jahr vergangen und ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau warum ich das Buch einmal hatte lesen wollen. Doch vertraute ich dieses Mal einfach der Erinnerung an meine einstige Euphorie und setzte endlich eine Lektüre in die Tat um, die ich vor langer Zeit kaum erwarten konnte…

41+Ai1+2JFL._SX311_BO1,204,203,200_Der Londoner Investmentbanker Leo verdächtigt seine schwangere Frau MiMi, ihn mit seinem Jugendfreund Xeno zu betrügen. In rasender Eifersucht und blind gegenüber allen gegenteiligen Beweisen verstößt er MiMi und seine neugeborene Tochter Perdita. Durch einen glücklichen Zufall findet der Barpianist Shep das Baby und nimmt es mit nach Hause. Jahre später verliebt sich das Mädchen in einen jungen Mann – Xenos einzigen Sohn. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und alte Wunden zu heilen, damit der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen wird.

Von Theaterschaffenden wird es oft als „Problemstück“ bezeichnet, Shakespeares „Wintermärchen“, das die Grundlage für „Der weite Raum der Zeit“ lieferte. Doch für Autorin Jeanette Winterson ist es Identifikationspunkt und Inspirationsquelle zugleich. Auch mich kann sie so von der Allgemeingültigkeit des Textes überzeugen, den ihre Übersetzung in die heutige Zeit noch zusätzlich sichtbar macht. Aus König Leontes wird Leo, der ehrgeizige Geschäftsmann, aus seinem Jugendfreund Polixenes wird Xeno, ein Computerspieleentwickler, und seine Frau Hermione wird zur Chansonsängerin MiMi; nur Perdita, die Verlorene, darf ihren Namen behalten, ist er doch so schön doppeldeutig. Auch die Schauplätze des Stücks erfahren bei Jeanette Winterson eine Modernisierung nach US-amerikanischem Vorbild. So wird aus Sizilien Little Sicily, ein Londoner Stadtteil, wo Leo und seine Firma Sicilia ansässig sind und Böhmen wird kurzerhand in New Bohemia umbenannt und in den Vereinigten Staaten verortet.

Das Buch selbst beginnt mit einem kurzen Abriss des Originals, was sich bei Berühmtheiten wie zum Beispiel „Romeo & Julia“ oder „Hamlet“ erübrigen mag, war für mich als Leserin eigentlich ganz hilfreich und daher äußerst willkommen; denn das Wintermärchen gehört schließlich nicht unbedingt zum Abiturwissen, auch nicht für Schüler mit Englisch Leistungskurs. Kurz überflogen vor der Lektüre des eigentlichen Romans, weckte die Zusammenfassung bei mir doch auch Lust auf das Original, und so nahm ich mir als Rezensentin die Freiheit und gönnte mir im Vorfeld meiner Besprechung eine Theaterproduktion via Youtube. Diese machte mich zusätzlich auf Parallelen und Unterschiede zwischen Original und Modernisierung aufmerksam; eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte und die stellenweise sicherlich in meine Rezension einfließen wird, ohne jedoch meine Sicht auf den vorliegenden Roman zu verfälschen. Denn dieser soll hier schließlich die erste Geige spielen.

Und so will ich an dieser Stelle auch keine weiteren Worte an die Einleitung verlieren, sondern gleich in die Lektüre einsteigen. Diese ist jedoch nicht ganz so willfährig, wie ich mir das als Leserin erhofft hatte, zunächst sperrt sie sich meinen Avancen gegenüber, ziert sich und lässt mich kämpfen. Dieses hin und her erinnert mich an MiMi und Leo deren Werben über ein Jahr dauert; und so ist auch diese Lektüre hier mein zweiter Anlauf, nach fast einem Jahr Pause, nur dass ich anders als Leo selbst den Weg zu meiner Geliebten auf mich genommen habe, so steinig er anfangs auch gewesen sein mag, und nicht etwa meinen besten Freund Xeno vorgeschickt habe, um das Buch an meiner Stelle zu lesen. Diese Schüchternheit Leos setzt den Grundstein einer Dreiecksgeschichte, die alle Figuren, allen voran seine geliebte MiMi ins Unglück stürzen wird – insofern bin ich ganz glücklich mit meiner Entscheidung die Herausforderung anzunehmen dieses zunächst etwas störrische Buch höchstselbst zu zähmen.

Ich beziehe mich im vorangegangenen darauf, dass „Der weite Raum der Zeit“ mit einem Prolog beginnt, der sobald ich mich eingelesen habe nichts mehr zur Handlung beiträgt. Ein harter Schnitt und Jeanette Winterson erzählt die Geschichte von Anfang an. Ich als Leserin bin etwas verwirrt und weiß kurz nicht wo ich mich befinde und wessen Geschichte ich da eigentlich lese – dies ist übrigens der Punkt über den ich in der ersten Lektüre des Buchs nie so wirklich hinaus gekommen bin, was ich im Nachhinein bereue. Denn mein Durchhaltevermögen im zweiten Anlauf zahlt sich aus, und schon bald fühle ich mich wie zu Hause in der bewegten Jugend von Leo und Xeno. Diese ausführliche Hintergrundgeschichte, welche die komplizierte Beziehung, vermint durch zahlreiche Altlasten und unausgesprochene Vorwürfe, zwischen den beiden Männern erklärt, bleibt Shakespeares Stück seiner Leserin schuldig. Die kreative Freiheit der Neuinterpretation jedoch gibt den Figuren eine Mehrdimensionalität, die zwar höchst spekulativ ist, die ich aber trotz allem nicht missen möchte.

Jeanette Winterson geht in diesem Teil der Geschichte sehr offen mit der jugendlichen Experimentierfreude und latenten Homosexualität ihrer Hauptfiguren um, verschweigt den Gewissenskonflikt mit dem das Anderssein in diesem Alter unweigerlich einhergeht jedoch nicht. Die rasende Eifersucht von König Leontes geschieht in „Der weite Raum der Zeit“ also nicht aus dem Blauen heraus, sondern begründet sich in seiner Verbundenheit den angeblich Liebenden gegenüber, wobei nicht nur seine Sekretärin Paulina sich offen fragt auf wen Leo eigentlich eifersüchtig ist, seinen Jugendfreund Xeno oder vielleicht doch die eigene Frau, die sich mit völliger Selbstverständlichkeit etwas zu nehmen scheint, das Leo schon seit Jugendjahren begehrt und sich doch zu leben, bzw. zu lieben verweigert. Diesen Aspekt findet man so nicht in Shakespeares Wintermärchen, allerdings hatte ich bei meiner Lektüre das Gefühl, die Beziehung zwischen Leo und Xeno erkläre das, was im folgenden Teil der Geschichte passieren wird, vor allem den überzogenen Grad von Leos Reaktion auf die scheinbare Affäre, zumindest ansatzweise.

So kreativ Jeanette Winterson auch mit dem Original umgeht, setzt ihr die Handlung des Shakespeare-Stücks doch Grenzen. Viele Szenen wirken willkürlich oder für die Entwicklung von Handlung und Figuren ein bisschen unnötig, und brechen völlig uneingeleitet auf diese Leserin ein; Figuren handeln scheinbar kopflos und in einer Weise, die für mich oft schwer, wenn nicht sogar gar nicht, nachvollziehbar ist. Das treffendste Beispiel ist hier wohl das oben erwähnte. Leos Raserei gegenüber einer Affäre, für die es trotz versteckter Kamera im ehelichen Schlafzimmer keinerlei Beweise gibt, sprengt jeden nachvollziehbaren Rahmen. Blind vor Wut beginnt er eine Gewaltorgie, die im herzlosen Wegschaffen – denn etwas anderes ist es nicht – der neugeborenen Perdita gipfelt. Eine Szene wie aus einer Boulevardzeitung – eifersüchtiger Ehemann kidnappt Sohn und Tochter. (Das kann ja nur in Tränen enden.)

Für Perdita geht die Geschichte dann aber doch ganz gut aus, scheint sie in Shep (dem Schäfer) und seinem erwachsenen Sohn Clo (Clown) doch eine Familie gefunden zu haben, der egal ist, welche Gene sie nun genau in sich trägt – so viel scheint schon im Prolog fest zu stehen. Als Leserin darf ich im zweiten Teil also aufatmen, darf mich nach all dem Drama, das so sicher auch Teil einer mexikanischen Seifenoper hätte sein können, etwas erholen. Gleichzeitig muss ich mich jedoch gedanklich an eine komplett neue Besetzung, samt Schauplatzwechsel und Zeitsprung, gewöhnen und das fühlt sich so an als zwinge mich die Autorin mich noch einmal einzulesen, und das nervt mich an diesem Punkt in der Lektüre gewaltig, hatte ich mich doch endlich in Little Sicily eingelebt. Lange dauert es jedoch nicht, bis ich mich in Sheps Bar wie zu Hause fühle und gespannt verfolge, wie sich die Geschichte entwickelt, Sheps Geburtstag gefeiert wird und Perdita quasi zufällig über ihre Geburtsfamilie stolpert.

Neben dem hochdramatischen Anfang der Geschichte verblasst die Wurzelsuche der Scheingeschwister Perdita und Zel fast ein bisschen. Als Leserin möchte ich zwar wissen, wie alles endet, ob ebenso tragisch wie es begonnen hat oder vielleicht doch versöhnlich. Shakespeare seinerseits hat mich zwar schon etwas gespoilert, jedoch weist der Roman genug Unterschiede zum Stück auf, dass ich mir als Leserin einreden kann, nicht genau zu wissen, was noch kommt. Den Anfang der Geschichte noch in unangenehmer Erinnerung traue ich Leo alles zu, selbst einen Doppelmord. Was im weiteren geschieht werde ich hier nicht erzählen; denn vielleicht möchtest du „Der weite Raum der Zeit“ ja ebenfalls lesen und es selbst herausfinden. Nur so viel sei an dieser Stelle gesagt, jede Figur bekommt ein Happy End, so weit hergeholt es auch sein mag – Shakespeare eben; wenn sich die (Königs)Familie am Ende nicht niedermetzeln, dann wird halt geheiratet.

Kann man Shakespeare modernisieren? Jeanette Winterson hat mich überzeugt – ja, man, bzw. frau kann! Ob frau dies auch tun sollte, diese Frage stelle ich mir im Anschluss an die Lektüre. Hin und her überlege ich, und meine spontane Reaktion, nachzulesen in den Anfangsparagrafen dieser Besprechung gibt mir die Antwort. Denn wenn „Der weite Raum der Zeit“ bei mir eine spontane Lust, bzw. eine Neugier auf das Shakespear’sche „Wintermärchen“ weckt, dann unterstelle ich dem Text einfach mal das Potenzial eine neue Lesergeneration für dieses eher weniger bekannte Stück des Barden zu begeistern. Ich tippe sogar darauf, dass dies der eigentliche Grund hinter der vom Hogarth Verlag angeleierten Modernisierungsreihe ist, bei der übrigens auch die diesjährige Trägerin des „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ Margaret Atwood mitgemacht hat; vielleicht bin ich da aber auch etwas zu idealistisch. Das letzte Wort, ein kleiner Stimmungsdämpfer, möchte ich daher der Autorin selbst überlassen…

„Das viele Nichts ist nichts. Und der Himmel ist nichts, die Erde ist nichts, ich bin nichts, Liebe ist nichts, Verlust ist nichts.“

Der weite Raum der Zeit – Jeanette Winterson – ISBN 978.3.813.50673.0

Für Leserinnen, die…

  • …sich zumindest ansatzweise mit dem Werk William Shakespeares auskennen.
  • …dramatische Wendungen über Figurenzeichnung stellen.
  • …ein dickes Fell haben; denn bei Shakespeare geht es wüst zu.

Literarische Nachbarinnen…

51ayWPLXxEL._SX311_BO1,204,203,200_51obQINA6qL._SX308_BO1,204,203,200_5173MHnnQCL._SX311_BO1,204,203,200_

(Neuerscheinung) Sie suchten nach Gold Ruhm Zitrus und fanden den Tod…

„Gold, Ruhm, Zitrus“ war das letzte Buch, das ich vor meiner Blogpause in den Händen hielt. Danach war es allerdings nicht das erste, dessen Lektüre ich wieder aufnahm, hatte ich es doch vor Monaten schon verliehen. Als ich es dann aber endlich wieder in meinem Regal willkommen heißen durfte, ließ ich mich natürlich nicht lange bitten – schließlich gehörte es Anfang diesen Jahres zu den von mir am sehnlichsten erwarteten Neuerscheinungen…

9783550081125_coverNiemand kann sagen, wann es das letzte Mal in Kalifornien geregnet hat. Das Land liegt unter einer gigantischen Dünenformation begraben, die Bewohner werden, teils mit Waffengewalt, teils durch undurchsichtige bürokratische Vorschriften davon abgehalten, in fruchtbarere Regionen zu ziehen. Die meisten haben sich mehr oder weniger freiwillig in Notlager begeben, einige wenige hausen in den Villen und Bungalows, die andere verlassen haben, und leben von Notrationen. Auch Luz und Ray gehören zu ihnen. Als das Schicksal ein zweijähriges Mädchen namens Ig in ihre Hände legt, ändert sich für sie alles. Luz, ehemaliges Model, will des Kindes wegen die Flucht nach Osten wagen, ihr Freund Ray, Kriegsveteran und Surfer, unterstützt sie trotz seiner Vorbehalte. Spätestens als sie in den Weiten der Amargosa-Wüste auf eine sektenartige Kommune und ihren charismatischen Anführer stoßen, wird klar, dass Gefahr nicht nur von der erbarmungslos brennenden Sonne ausgeht.

Von Dystopien kann ich seitdem ich mit 15 Jahren George Orwells „1984“ gelesen habe einfach nicht genug kriegen, was leider den Nebeneffekt hat, dass ich mittlerweile das Gefühl habe alles, was mir in der neueren dystopischen Literatur begegnet schon einmal gesehen zu haben. Bei „Gold Ruhm Zitrus“ trifft dies zum Teil ebenfalls zu, was aber an sich noch kein Werturteil darstellen soll. Denn die Autorin liefert auch viele neue Impulse in ihrem ökologischen Endzeitszenario der Vereinigten Staaten von Amerika. Somit ist der erste, und von mir seit der Lektüre ihres Debüts herbei gesehnte, Roman der Tochter von Paul Watkins, eines Anhängers von Charles Manson, ein bisschen Orwell und ein bisschen Atwood, gewürzt mit einer Prise Al Gore, aufgepeppt und individualisiert durch ein paar stilistische Spirenzchen, die mich persönlich an Zadie Smith erinnern, eine ganze neue Mischung des Erfolgsrezeptes Dystopie.

Claire Vaye Watkins hat ein Faible für Desperados, schon ihr Debüt „Geister, Cowboys“ spielte im wilden Westen der USA; genauer gesagt im Spieler- und Gangsterparadies Nevada, wo die Autorin aufgewachsen ist. „Gold Ruhm Zitrus“ spielt nun im benachbarten Californien und das obwohl die Autorin mittlerweile mit Mann und Tochter im nordöstlichen Michigan, an der Grenze zu Kanada lebt, wo sie an der staatlichen Universität Kreatives Schreiben unterrichtet. In ihren Roman fließen also vor allem Erinnerungen ein, an eine Kindheit im Herzen der Mojave Wüste, die im Roman selbst eine große Rolle spielt, ja sogar mysthische Kräfte zugeschrieben bekommt. Als Leserin frage ich mich, ist es Sehnsucht nach der unwirtlichen Weite, die Claire Vaye Watkins an diesen Schauplatz führt? Wie dem auch sei, ich bin jedenfalls angefixt und spüre den Sog der Aragosa mit jedem neuen Kapitel anwachsen.

Die Aragosa ist eine Bedrohung für das Leben auf dem amerikanischen Kontinent, eine Sandlawine, die sich im Zeitlupentempo über das Land schiebt und alles und jeden unter sich begräbt, der es wagt sich ihr in den Weg zu stellen, und das sind vor allem die hartggesottenen, hitzegegerbten Bewohner der Mojave Wüste, in all ihren charakterlichen Eigenheiten beschrieben von Einer, die sie auf intimste Weise zu kennen scheint. Sie ist eine Sirene, deren Ruf bis an die Küsten schallt und dem Auserwählte aller Bevölkerungsschichten folgen als verkünde sie den Weg zur Erlösung. Im Laufe des Romans verfällt auch dessen Hauptfigur Luz, ein ehemaliger Kinderstar, der einst von der Propagandamaschinerie der amerikanischen Nachrichtenlandschaft instrumentalisiert wurde, den Verlockungen des Lebens am Rande der Welt und schließt sich der Aragosa Kolonie an.

Die Struktur des Zusammenlebens der Aragosa Kolonie kommt mir bekannt vor, was nicht nur an der sektenähnlichen Athmosphäre liegt, die sich über die Behausungen legt, und auf mich als Leserin trotz der positiven Erfahrungen von Luz und Ig, als sie zur Kolonie stoßen, immer ein wenig bedrohlich wirkt, was aber auch an der Wüste liegen könnte, deren geballte Zerstörungskraft quasi vor der Haustür ist. Die sexuelle Verfügbarkeit der teils noch sehr jungen weiblichen Aussteigerinnen für den Anführer Levi lässt mich schaudern, und auf einmal wird mir auch klar warum. In ihrer Charakterisierung von Levi und seinem Gefolge scheint Claire Vaye Watkins zu versuchen sich gedanklich dem anzunähern, was ihren Vater und seine Zeitgenossen einst dazu getrieben haben mag dem wortgewandten, aber bei genauerer Betrachtung, letztlich doch psychopathischen Manson zu verfallen, ihm seine schizoiden Lügen abzukaufen, ja sogar Verbrechen für ihn zu begehen.

Levi der charismatische Anführer der Aragosa Kolonie erinnert mich ein bisschen an den jungen Charles Manson, Anführer der sogenannten „Family“ einer californischen Hippie-Gemeinde, die zunächst als Zufluchtsort für eine handvoll Aussteiger fungierte, jedoch schnell und mit unvorstellbarer Zerstörungswut kultähnliche Züge annahm. Claire Vaye Watkins erzählt in ihrem Roman nicht nur die Geschichte von Luz, Ray und Ig, sondern geht gleichzeitig auf Spurensuche in der eigenen Geschichte und offenbart sich dieser Leserin auf eine Art und Weise, die einiges an Mut erfordert haben muss; wenn es denn absichtlich geschehen ist. Als Leserin fühle ich mich der Autorin persönlich sehr nahe, was sie von anderen Schriftstellerinnen, deren Dystopien ich bisher gelesen habe unterscheidet und „Gold Ruhm Zitrus“ eine Dimension gibt, die seinen Genregenossen fehlt und mein Leseerleebnis besonders intensiv macht.

Diese narrative Intensität wäre für mich als Leserin erschöpfend und sicher nur schwer auszuhalten, würde Claire Vaye Watkins sie nicht durch stilistische Experimente, wie zum Beispiel eine exakte Wiedergabe einer in der Geschichte von Levi erstellten „Fibel neuer Tierarten in der Aragosa“, in regelmmäßigen Abständen durchbrechen. Diese Spielereien erinnern mich persönlich an die Romane „Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Foer und „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak und haben dabei das Potenzial sowohl für als auch gegen die Lektüre des Romans zu sprechen, wie die Würfel letztenendes fallen, kommt auf die individuelle Leserin an – also sage bitte nicht, ich hätte dich nicht vorgewarnt. Mir persönlich ist eine Erzählweise à la Margret Atwood bei Romanen, in denen die Handlung im Vordergrund steht, eigentlich lieber; doch erwarte ich in diesem Fall nicht ernsthaft, dass die überaus talentierte Watkins ihr schriftstellerisches Licht unter den Scheffel stellt.

Insofern ist „Gold Ruhm Zitrus“ für mich ein Roman, der seine Leserin fordert, sie dazu auffordert hinter die Fassade zu schauen und sich nicht mit dem zufrieden zu geben, was ihr via des Narrativs auf dem Silbertablett serviert wird. Leider sagt mir mein Bauchgefühl, dass gerade diese Art Leserin Hemmungen haben könnte sich in eine Dystopie zu vertiefen; Und dabei ist „Gold Ruhm Zitrus“ doch so viel mehr als das. Claire Vaye Watkins setzt sich in ihrem Roman mit Themen auseinander, die das Genre der „Endzeitdystopie“ sprengen: nun da wir erwachsen sind, wie wollen wir leben? wollen wir die Umwelt bekämpfen oder einen Einklang finden? ist er wirklich der einzig Wahre oder nur der Erstbeste? was bedeutet es ein behindertes Kind groß zu ziehen? ist es klug für seine Sehnsucht alles aufs Spiel zu setzen? Mögliche Antworten auf diese Fragen finde ich als Leserin zwischen den Seiten von „Gold Ruhm Zitrus“.

Gold Ruhm Zitrus – Claire Vaye Watkins – ISBN 978.3.550.08112.5

Für Leserinnen, die…

  • …sich in eine dystopische Zukunft versetzen lassen wollen.
  • …keine Angst vor stilistischen Experimenten haben.
  • …den ungezähmten Westen Amerikas lieben.

Literarische Nachbarinnen…

416bF6-uEkL._SX313_BO1,204,203,200_51bIMeiqk6L._SX311_BO1,204,203,200_41IqzFrvjaL._SX331_BO1,204,203,200_

(Neuerscheinung) Schlafende Kinder sollst du nicht töten…

Von diesem Roman hatte ich im Vorfeld meiner Lektür schon viel gehört – nur Gutes, ja sogar viel Überschwängliches. Insofern beschloss ich trotz meiner langen Abwesenheit einfach mal mein Glück beim Luchterhand Verlag zu versuchen und siehe da, „Dann schlaf auch du“ wurde zu meinem persönlichen „Willkommen zurück!“ der Verlagsindustrie. Kein Wunder also, dass ich mir vornahm meiner Rezensionsverpflichtung auch so bald wie möglich nachzukommen…

Dann schlaf auch du von Leila SlimaniSie haben Glück gehabt, denken sich Myriam und Paul, als sie Louise einstellen – eine Nanny wie aus dem Bilderbuch, die auf ihre beiden kleinen Kinder aufpasst, in der schönen Pariser Altbauwohnung im 10. Arrondissement. Wie mit unsichtbaren Fäden hält Louise die Familie zusammen, ebenso unbemerkt wie mächtig. In wenigen Wochen schon ist sie unentbehrlich geworden. Myriam und Paul ahnen nichts von den Abgründen und von der Verletzlichkeit der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen, das sie besitzen. Von der tiefen Einsamkeit, in der sich die fünfzigjährige Frau zu verlieren droht. Bis eines Tages die Tragödie über die kleine Familie hereinbricht. Ebenso unaufhaltsam wie schrecklich.

Leila Slimanis zweiter Roman kommt hoch dekoriert in den deutschen Buchläden an, von der französischen Kritik gefeiert und mit dem Prix Goncourt, was hierzulande wohl dem deutschen Buchpreis entspricht, ausgezeichnet. Und ich als Leserin und spätere Rezensentin stehe gleich vor zwei unüberwindbar scheinenden Hürden, die mich von diesem Buch und seiner Geschichte zu entfremden drohen. Mit der ersten Hürde werde ich noch vor der eigentlichen Lektüre konfrontiert und diese Hürde heißt Erwartungen. Diese gilt es nämlich zu zügeln bevor mir all die Vorschusslorbeeren, die der Roman eingeheimst hat, bevor ich ihn in Händen hielt, die Sicht auf den eigentlichen Text versperren. Die zweite Hürde stellt sich mir nun, da ich diesen Roman rezensiere in den Weg, sie besteht aus den Lobeshymnen Dritter, denen ich mich anzuschließen gedrängt fühle, damit mir am Ende niemand unterstellen kann, ich hätte den Roman als einzige nicht verstanden und seine Größe verkannt. Mir stellt sich an dieser Stelle also eine besonders aufdringliche Frage: Ist die Kaiserin nackt? Oder ist ihre Gewand einfach nur nicht so kunstvoll wie man es mir von jenseits der Grenze versichert hat?

„Dann schlaf auch du“ beginnt antiklimaktisch am Ende der Geschichte, die Kinder sind tot, ermordet von ihrer Nounou, dem französischen Equivalent einer Tagesmutter, die das Messer mit dem sie das Mädchen im Kindergartenalter auf brutalste Weise erstach, anschließend gegen sich selbst richtete, dabei aber weniger erfolgreich war. Leila Slimani beschreibt das Verbrechen in all seinen blutigen Details, beschreibt sogar den markerschütternden Schrei der Mutter, die die Leichen ihrer Kinder in deren Zimmer vorfindet, mit einer Dringlichkeit, die mich meinen lässt ihn aus großer Ferne, einem vornehmeren Teil der Millionenstadt Paris, selbst zu hören, wenn auch nur ganz leise. Gleichzeitig nimmt sie mit dieser Herangehensweise ihrer Geschichte jegliche Spannung, die ähnlich schnell verklingt wie der Schrei der Mutter, am schwärzesten Tag ihres Lebens.

Ich kann nicht umhin zu überlegen, ob mir dahingehend nicht meine eigenen literarischen Ambitionen den Genuss des Romans erschweren. Denn die Schriftstellerin in mir räuspert sich diskret und sagt, fast beiläufig, das hätte ich ganz anders geschrieben. Ich hätte das dicke Ende dort verortet, wo es dem Namen nach hingehört, und will einfach nicht davon lassen. So dass sich meine innere Leserin etwas pikiert zu ihr umwendet und ihr zuraunt – wer hat hier denn bitte den Literaturpreis gewonnen, du oder Frau Slimani (und danach herrscht erst einmal wieder Ruhe.) Und auch über den plumpen Anfang der Erzählung komme ich irgendwann hinweg, rufe ich mir doch Kapitel für Kapitel ins Bewusstsein, dass es sich bei „Dann schlaf auch du“ eben nicht um einen klassischen Spannungsroman handelt – entscheidend für das Leseerlebnis ist also nicht das Ziel, sondern der Weg dahin.

Dieser stößt diese Leserin wiederum darauf, was passiert, wenn man, wie das junge Ehepaar, welches die mörderische Nounou Louise einstellt, unwissender Weise und mit einer großen Portion priviligierter Naivität, mit bloßer Hand in die Schere zwischen arm und reich greift. Mutter Myriam ist erschöpft und desillusioniert von ihrem Leben, das sich trotz Jurastudium, nur noch zwischen Küche und Kinderpo abzuspielen scheint, während ihr Mann Paul langsam aber stetig die Karriereleiter erklimmt – ja, meine liebe Leserin, das gibt es selbst in Frankreich, dem Kinderkrippenparadies. Insofern kann ich gut nachvollziehen, was sie in der zierlichen Louise sieht, ein Rettungsboot nämlich aus der vergifteten See der Hausfrau und Mutter. Glücklich darüber endlich wieder am Alltag teilnehmen zu dürfen, übersieht sie jegliche Warnsignale im Bezug auf Louises Person, die mit Fortschreiten der Handlung jedoch immer deutlicher werden.

Ein Kontrastprogramm zu dem gutbürgerlichen, wenn auch bescheidenen, Leben der Familie, die sie betreut, sind die Passagen des Romans, die Louise nach Hause folgen, in ihre modrige, aber trotzdem völlig überteuerte Einzimmerwohnung in einem Pariser Außenbezirk. Früh verwittwet und von der einzigen Tochter alleine gelassen, verliert Louise hier immer mehr den Bezug zur Realität. Sie ignoriert Rechnunngen und den teils baufälligen Zustand ihrer Wohnung ebenso wie die Umzugskartons, die seit Monaten die Wände säumen. Der desolate Zustand von Louises Lebensraum steht in krassem Kontrast zu ihrer gepflegten Erscheinung und lässt diese Leserin immer wieder hinter die Fassade blicken, auf das Seelenleben einer Frau am Abgrund.

„Dann schlaf auch du“ ist kein getriebener Roman, gemächlich trottet die Handlung ihrem so unvermeidlichen, wie blutigen, Ende zu. Doch ist dieses Ende wirklich nicht zu verhindern gewesen? Die mir im Vorfeld der Lektüre bekannten Rezensionen sprachen durchweg von dem Konflikt zwischen denen, die man als Globalisierungsgewinner bezeichnen mag und dem Präkariat. Ganz abwegig ist diese Erklärung für den Kindermord zwar nicht, aber sie unterstellt der Figur der Nounou doch Neid auf eine scheinbare Dekadenz ihrer Arbeitgeber, die ich persönlich zwischen den Seiten so nicht vergefunden habe. Mir scheint vielmehr Louises Angst vor dem endgültigen, unwiderufbaren sozialen Abstieg und ihr zeitgleicher psychischer Verfall, den Zündstoff für die mörderische Flamme zu liefern. Ausschlaggebend für meine Annahme sind viele kleine Szenen, in der Handlung verstreut wie vergiftete Brotkrumen.

Diese führen die geneigt Leserin Schritt für Schritt zum Haus in dem die böse Hexe gerade dabei ist das Geschwisterpaar zu töten und mich im besonderen zu der Erkenntnis mit welcher Hintersinnigkeit Leila Slimani diese Tragödie, welche sich so oder so ähnlich in den Vereinigten Staaten zugetragen hat, auf die gesellschaftlichen Verhältnisse im heutigen Frankreich umgemünzt hat. Und das wiederum, lässt mich denken, dass der Prix Goncourt doch um einiges verdienter war, als es zunächst den Anschein nahm. Denn aus der Perspektive des Laien heraus ist „Dann schlaf auch du“ zunächst ein untertriebener, ja fast schon spannungsarmer Roman, der seine volle Genialität nur langsam offenbart, und zwar nur denjenigen Leserinnen, die bereit sind sich auch über die Lektüre hinaus mit dem Text und der ihm zugrunde liegenden gesellschaftlichen Dynamik zu beschäfftigen.

Dann schlaf auch du – Leila Slimani – ISBN 978.3.630.87554.5

Für Leserinnen, die…

  • …ein gesundes Misstrauen den Menschen gegenüber haben, die sich um ihre Kinder kümmern.
  • …sich zwischen Beruf und Familie hin und her gerissen fühlen.
  • …sich an der Schere zwischen arm und reich schneiden.

Literarische Nachbarinnen…

41sx-XlU1eL._SX303_BO1,204,203,200_geb_SU51tf32ZBEjL._SX299_BO1,204,203,200_

(Feminismen) Das weibliche Geschlecht, vom Aussterben bedroht…

Zu diesem Buch bin ich auf zweierlei Art gekommen. Zum einen hat mich der Film „The three deadliest words in the world: It’s a Girl!“ (inklusive TED Talk des Regisseurs) für das Thema angefixt, und dann habe ich dieses Buch auf dem amerikanischen Buchblog „Feminist Texican Reads“ besprochen gesehen. Bald darauf hielt ich meine eigene Ausgabe in Händen und möchte sie nun nicht mehr missen, auch wenn mir ihr Inhalt zeitweise schwer im Magen liegt…

41kouoinnul-_sx319_bo1204203200_

Auf der ganzen Welt gerät das ausgewogene Zahlenverhältnis zwischen den Geschlechtern aus der Balance. Es gibt zu viele Jungen und zu wenig Mädchen. Das gilt für China, wo die Differenz mit 163 Millionen fehlenden Frauen bereits der Gesamtanzahl der weiblichen Bevölkerung der USA entspricht, es gilt für Indien, aber inzwischen auch für weitere Länder in Osteuropa, Afrika und Lateinamerika. Anders als bisher angenommen verschwindet das Phänomen nicht mit steigendem Wohlstand und wachsender Bildung. Der Frauenmangel führt zu steigender Gewalt gegenüber Frauen, Zwangsverheiratungen und grenzüberschreitendem Frauenhandel.

Mara Hvistendahls Buch über den Genozid an weiblichen Föten zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft der Welt. Ob es nun um die potenzierte Gewaltbereitschaft unzähliger junger Männer geht und das erhöhte Risiko Opfer einer Gewalttat zu werden, für die versprengten Frauen und Mädchen oder um das harte Schicksal als abgekapselter Junggeselle seine alten Eltern pflegen zu müssen; Mara Hvistendahl widmet sich allen nur erdenklichen Szenarien, die aus einem Überschuss an Männern innerhalb der Gesellschaften verschiedener Schwellenländer und jungen Industrienationen von Indien, über China bis nach Albanien, erwachsen können. Schon heute zeichnet sich ab, dass es höchste Zeit ist für die politischen Eliten der erwähnten Länder gegenzusteuern, auch wenn der gefährliche Trend der Vermännlichung der Welt nur schwer aufzuhalten zu sein scheint.

Mara Hvistendahl geht in ihrer Schilderung der selektiven Geburtenkontrolle, wie sie besonders in Indien, China aber auch in Teilen Osteuropas praktiziert wird, an die Ursprünge dieser Entwicklung, die wie sollte es auch anders sein, von den westlichen Industrienationen losgetreten wurde. Um die Überbevölkerung der Welt zu verhindern machten die ehemaligen Kolonialmächte besonders in Indien Abtreibungen salonfähig – eine Entwicklung, die sich mit der Erfindung der Geschlechtsbestimmung durch Ultraschall verselbstständigen sollte. Ich will an dieser Stelle nicht zu sehr ins Detail gehen, denn das tut Mara Hvistendahl in „Das Verschwinden der Frauen“ viel besser als ich es je könnte; lass mich nur so viel sagen, die Liste der Ereignisse, die in ihrer Verkettung zu einem Ungleichgewicht der Geburten führten ist lang.

Von Indien geht es nach China, wo die historische Bevorzugung von Söhnen und die moderne Ein-Kind-Politik gnadenlos aufeinander trafen und eine Generation von überflüssigen Junggesellen produzierten. Mara Hvistendahl erzählt davon, wie Bräute aus Vietnam angeworben werden, manchmal auch ohne vorher deren explizite Einwilligung einzuholen – die Entscheidung treffen in der Regel die Familien der jungen Frauen. Sie erzählt von der oft aussichtslosen Situation der Frauen, deren Ehen mit chinesischen Männern selten gut gehen und von chinesischen Aktivisten, die sich auf die Befreiung und Rückführung der verschleppten Frauen spezialisiert haben. An dieser Stelle wird mir als Leserin die politische Brisanz dieses Buchs schlagartig bewusst. Hatte Mara Hvistendahl mich zuvor mit geschichtlichen Zusammenhängen eingelullt, schlägt sie mir nun ihre Konsequenzen um die Ohren.

Der letzte Stopp auf der Suche nach den verlorenen Mädchen ist für mich als deutsche Leserin quasi vor der Haustür. Denn auch in Albanien wird selektiv abgetrieben, um mehr Söhne zu zeugen in einer Zeit in der diese für das Überleben einer Familie gar nicht mehr unbedingt notwendig sind, die Gesellschaft aber weiterhin an ihrem historischen Prestige, das ihre Mütter und Gemeinden aufwertet, festhält. Doch was sollen all die ruhelosen Männer in einer strukturschwachen Region, in der es nicht einmal mehr genug Frauen gibt, um ihnen ein sesshaftes Lebens als Familienväter in Aussicht zu stellen? Diese und andere Fragen kann oder will Mara Hvistendahl mir leider nicht beantworten. Stattdessen beschränkt sie sich darauf die Entwicklungen der Vergangenheit nachzuvollziehen, politische und demographische Fehlentscheidungen aufzuzeigen und deren Auswirkungen zu illustrieren.

Insgesamt ist „Das Verschwinden der Frauen“ eine aufrüttelnde Lektüre zu einem weltweiten Problem, das so in den westlichen Industrienationen nur äußerst selten zur Sprache kommt. Vielleicht haben die Verantwortlichen ein schlechtes Gewissen oder die Auswirkungen einer Welt voller unverheirateter, kinder- und familienloser, Männer werden hier, weit weg von den Schauplätzen dieser Entwicklung, noch weitläufig unterschätzt. In den betroffenen Ländern werden langsam Maßnahmen in Gang gesetzt um dem Verschwinden der Frauen entgegen zu wirken, so viel verrät Mara Hvistendahl dieser Leserin dann doch. Ob diese Lösungsansätze allerdings noch rechtzeitig greifen, das bleibt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Das Verschwinden der Frauen“ leider fragwürdig.

Das Verschwinden der Frauen: Selektive Geburtenkontrolle und ihre Folgen – Mara Hvistendahl – ISBN 978.3.423.28009.9

Für Leserinnen, die…

  • …sich ihren Platz in der Welt erkämpfen mussten.
  • …bisher noch nie vom Genozid gegen das weibliche Geschlecht gehört haben.
  • …sich für weltpolitische Probleme interessieren.

Am besten kombiniert mit…

41wJssovkjL._SX302_BO1,204,203,200_41SoeB57SDL._SX306_BO1,204,203,200_51kmWoaqMGL._SX322_BO1,204,203,200_41rQUXYEoZL._SX324_BO1,204,203,200_

(Neuerscheinung) Im Haus unserer Mutter werden wir wieder zu den Kindern, die wir einst waren…

Seitdem die Originalversion mit dem Titel „The Green Road“ im letzten Jahr auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction stand, wollte ich dieses Buch unbedingt lesen. Der Lesewunsch alleine führt leider nicht dazu, dass sich Bücher wie von Geisterhand in meinem Regal materialisieren; letztlich haben wir (mit etwas Verspätung) dann aber doch zueinander gefunden…

Rosaleens Fest von Anne Enright

Rosaleen ist eine Frau, die nichts tut und von den anderen alles erwartet. Sie ist Mitte siebzig, die Kinder gehen schon lange ihre eigenen Wege. Da entscheidet sie sich, Ardeevin, das Haus, in dem die vier groß geworden sind, das voller Erinnerungen an Glücksmomente und Verletzungen steckt, zu verkaufen – und lädt zu einem letzten Weihnachtsfest ein. Die Geschwister reisen mit diffuser Hoffnung auf Versöhnung an – und doch endet auch dieses Weihnachten, wie noch jedes geendet hat.

„Rosaleens Fest“ spannt seine Leserin auf die Folter; denn das titelgebende Fest ist nicht etwa der Anfang der Geschichte, sondern deren Ende. Den Anfang machen fünf Novellen, die dieser Leserin je eines von Rosaleens vier Kindern vorstellen und schließlich dann Mutter Rosaleen selbst. Erst nachdem Anne Enright mir über 200 Seiten lang eine erzählerische Lupe vors Gesicht gehalten hat, vertraut sie mir endlich die Geschichte an, die mir der Klappentext versprochen hat; die des letzten Weihnachtsfestes der ganzen Familie im ehemaligen, mittlerweile etwas verwohnten Elternhaus. An diesem Punkt sind mir als Leserin das Leben und die Probleme der Figuren schon zu Genüge bekannt und ich weiß zudem, was sie voreinander geheim halten und kann so die Spannungen innerhalb der Familie ohne Weiteres deuten, wie es mir bei ähnlichen Romanen selten gelingt. Insofern hat dieser unerwartete, vielleicht sogar etwas ungewöhnliche, Aufbau auch seine guten Seiten; und ich stürze mich kopfüber ins Geschehen.

Der Roman beginnt mit einer Novelle über die kleine Hannah, das Baby der Familie, zu einer Zeit in der zwei der vier Kinder noch zu Hause wohnen. Während Hannah erst noch heranwächst, treffen ihre ältesten Geschwister schon lebensverändernde Entscheidungen. So zum Beispiel ihr ältester Bruder Dan, der bei einem Besuch daheim gesteht, dass er sich nach dem Studium in Galway am Priesterseminar einschreiben will. Dies stürzt die temperamentvolle Mutter Rosaleen in eine tiefe Depression, warum wird allerdings nicht klar. Was man als Leserin allerdings sofort merkt, ist dass es in dieser Familie viele ungesagte Dinge gibt, viele zerborstene Eier auf deren Schalen die Kinder durchs Haus tänzeln, immer in der Angst sie vollends zu zertreten. Im folgenden kommt jedoch ein harter Schnitt und ich befinde mich im New York der frühen 90er Jahre an der Seite des ältesten Bruders Dan und umgeben von Figuren, die ich so noch gar nicht kenne.

Fünfmal muss ich mich neu orientieren, fünfmal muss ich mich einlesen, bevor ich weiß, was genau in diesem oder jenem Teil der Geschichte vor sich geht. Das kann eine unkonzentrierte Leserin schon mal aus der Spur drängen, aber ich persönlich war nur milde verunsichert wegen der, vielleicht anfangs auch etwas pikiert über die massiven Zeit und Schauplatzsprünge, die mich in fünf bis zehn Jahresschritten von Irland nach New York nach Afrika und wieder zurück nach Irland transportieren, und die ich zusammen mit Autorin Anne Enright im ersten Teil des Buchs bewältigen muss. Gerade hatte ich „Zärtlich“ den neuen Roman von Anne Enrights irischer Schrifstellerkollegin Belinda McKeon aus der Hand gelegt und um ganz ehrlich zu sein, hatte ich von Landsfrau Enright stilistisch etwas mehr Geradlinigkeit erwartet, und so überraschte mich der anfängliche Kunstgriff der Autorin ihre Leserin zunächst einmal mit den einzelnen Mitgliedern der Familie bekannt zu machen, bevor sie diese in den Dampfkochtopf der Festtage wirft und miteinander interagieren lässt.

Seitdem Anne Enright den Booker Preis gewann hatte ich vorgehabt ihren Roman „Das Familientreffen“ zu lesen. Als ich „Rosaleens Fest“ in Händen hielt dachte ich mir, das ist sicher fast so gut wie. Doch dann merkte ich, dass es hier nicht etwa um die Dynamik einer dysfunktionalen Familie als Einheit geht, sondern um das Päckchen Sorgen und Nöte, welches jedes einzelne Mitglied bis ins späte Erwachsenenalter mit sich herum trägt und von dem es einfach nicht lassen kann. Beruf, Ehe und Kinder passieren, aber im Grunde sind Rosaleens Töchter und Söhne immer noch die Kinder, die sie einst waren; verzweifelt gierend nach der spärlichen, oft herunter putzenden Aufmerksamkeit der Mutter, die sie aber auch beschuldigen für alles, was im Hier und Jetzt gerade nicht so laufen mag, sprich Beruf, Ehe oder auch die eigenen Kinder. Diese unausgesprochenen Vorwürfe hängen schwerwiegend in der Luft, sobald alle unter einem Dach versammelt sind, bis es Mutter Rosaleen zu viel wird und sie in die dunkle Winternacht entflieht.

Insgesamt hat dieser Roman viele überaus lesenswerte, aber auch weniger eingängige Aspekte. Das erzählerische Wassertreten des Anfangs wird zwar gegen Ende des Romans belohnt, doch muss man sich als Leserin erst einmal durch die fünf scheinbar unzusammenhängenden Novellen kämpfen um dort anzukommen, wo sich alles ineinander fügt und schließlich einen Sinn ergibt. Stilistisch kann ich an der Booker-Preisträgerin Anne Enright, wie zu erwarten war, nichts aussetzen; „Rosaleens Fest“ ist weder zu blumig, noch zu zäh geschrieben und trifft meines Erachtens erzählerisch genau den richtigen Ton. Die Thematik des Romans, kann manchmal etwas schwer verdaulich, wenn nicht sogar deprimierend sein, was ich persönlich von irischen Schriftstellerinnen, die so meisterhaft über den Mikrokosmos Familie schreiben, aber schon gewohnt bin, und es sogar ein bisschen erwarte. Insofern liegt es an Dir, liebe Leserin, ob du die Einladung zu „Rosaleens Fest“ annehmen möchtest oder nicht…

Rosaleens Fest – Anne Enright – ISBN 978.3.328.10023.2

Für Leserinnen, die…

  • …einen unsentimentalen Weihnachtsroman suchen.
  • …erst einmal alle Figuren kennen lernen wollen, bevor sie in die Geschichte eintauchen.
  • …selbst schwer an einem Wehmutspäckchen aus der Kindheit zu tragen haben.

Literarische Nachbarinnen…

9783550081286_cover51f5rpnA3sL._SX320_BO1,204,203,200_41bzG63CKHL._SX313_BO1,204,203,200_42802103z

(Lesen ist hardcore!) Die atemlose Flucht der Jugend in den Berliner Sommer…

Die Empfehlung für diesen Roman habe ich mir von meinen Kolleginnen aus der Blogosphäre geholt; wer genau die alles entscheidende Rezension verfasst hat, weiß ich leider nicht mehr – es ist schon etwas her, dass ich mir in den Kopf setzte dieses Buch unbedingt lesen zu müssen. Wie dem auch sei, Hauptsache „Tigermilch“ hat es in mein Regal geschafft, alles Weitere erfährst Du etwas weiter unten…

51cBEaVcl8L._SX304_BO1,204,203,200_Nini und Jameelah leben in derselben Siedlung, sie sind unzertrennlich und mit ihren 14 Jahren eigentlich erwachsen, finden sie. Sie mischen Milch, Mariacron und Maracujasaft auf der Schultoilette. Sie nennen das Tigermilch und streifen durch den Sommer, der ihr letzter gemeinsamer sein könnte. Die beiden Freundinnen lassen sich durch die Hitze treiben, hängen mit Nico ab. Nico, der Nini ein Gefühl von Zuhause gibt. Sie machen Bahnpartys, rauchen Ott in Telefonzellen und gehen mit Amir ins Schwimmbad. Amir, dessen großer Bruder Tarik im Dauerstreit mit seiner Schwester liegt, weil diese sich in einen Serben verliebt hat. Nini und Jameelah erschaffen sich eine Welt mit eigenen Gesetzen, sie halten sich für unverwundbar, solange sie zusammen sind. Doch dann werden sie ungewollt Zeuge, wie der Konflikt in Amirs Familie eskaliert.

„Tigermilch“ ist eines der Bücher, die ich schon bald nach der Veröffentlichung gekauft und dann doch erst Jahre danach gelesen habe. In diesem Fall hat sich das Warten gelohnt, der Debütroman von Stefanie de Velasco ist nicht perfekt, dennoch fühlen ich und meine hohen Ansprüche sich zwischen den Seiten durchaus gut aufgehoben. Ein bisschen erinnert mich der Ton des Romans an das Debüt von Alina Bronsky „Scherbenpark“, ebenfalls ein Jugendbuch mit dem auch erwachsene Leserinnen etwas anfangen können. „Tigermilch“ ist vom Ton her sogar noch etwas rauer, etwas näher an der Jugend, deren Stimme es einzufangen versucht. Gleichzeitig ist das Buch aber auch ungewöhnlich verspielt und lässt seine Figuren zwar mehrmals gegen die Wand fahren, dann aber auch nahezu unbeschadet davon kommen.

Wir treffen die beiden Hauptfiguren in der Blütezeit ihrer Jugend, an diesem magischen Moment in dem sich junge Mädchen unsterblich und unverwundbar fühlen. Und so benehmen sich die beiden auch, trinken Tigermilch (Müllermilch + Weinbrand) als wäre es Wasser, gehen im Supermarkt klauen und am falschen Ende des Berliner Kurfürstendamm anschaffen. Als Leserin kann ich das dicke Ende schon kommen sehen, doch hätte ich nicht damit gerechnet, dass es jemanden das Leben kosten würde. Schon bald wird es ernst für die Freundinnen, doch platziert Stefanie de Velasco sie nicht im Auge des Sturms, sondern macht sie lediglich zu Mitwissern aus denen schon bald Komplizen werden. Denn hier treffen wie in den meisten sozialen Brennpunkten zwei Kulturen aufeinander und während die eine mit ihrem Gewissen ringt, kommt die Polizei zu rufen für die andere nicht in Frage.

Darüber hinaus hat jedes der Mädchen auch noch seine eigenen Probleme vor denen es in den Sommer und in die Straßen der Hauptstadt flieht, die beste Freundin immer mit dabei. Jameelahs Familie wird überraschend die Duldung gekündigt und ihr Leben in Deutschland scheint für immer vorüber zu sein. Doch die Heimat ihrer Eltern kennt sie nicht, will nicht dorthin zurück und ist doch machtlos angesichts der Bürokratie der Erwachsenen. Eine Bürokratie, die auch einen Freund der beiden Mädchen ins Jugendgefängnis wirft, obwohl er dort gar nicht hingehört. Als Leserin begleite ich die beiden Hauptfiguren auf Schritt und Tritt, suche mit ihnen Präsentkörbe aus und fahre in den Wald, um den unschuldig Verurteilten zu besuchen. Für die Mädchen eine wunderbare Ablenkung von den eigenen Schwierigkeiten.

„Tigermilch“ begegnet seinen Figuren auf Augenhöhe und gibt ihnen auch dann Rückendeckung, wenn sie sich vollkommen daneben benehmen, sei es dass sie für einen Adrenalinkick ihren Leib und ihr Leben aufs Spiel setzen oder einen Mörder decken. Als Leserin bin ich nicht immer so offen, bin nicht immer auf der Seite der beiden Mädchen, besonders Jameelah macht es mir manchmal sehr schwer. Insofern schafft Stefanie de Velasco es nicht so ganz eine wertfreie Atmosphäre entstehen zu lassen, in der ihre Figuren schalten und walten können, wie es ihnen gerade passt, ohne dass diese Leserin das Buch entnervt zur Seite legt – aber vielleicht hat sie das so auch gar nicht angestrebt. Was ihr stattdessen mit Bravour gelingt ist es diese Leserin zu fesseln, sie sich fragen zu lassen, wie das bloß alles ausgehen soll, sie hoffen zu lassen, dass sich doch noch alles zum Guten wendet oder zumindest der wahre Mörder am Ende für seine Taten büßen muss.

Insgesamt ist „Tigermilch“ also ein Roman, der zwar von Jugendlichen handelt, meines Erachtens nach aber nicht unbedingt auch für Jugendliche geschrieben wurde. Die Welt der Figuren ist mitunter so brutal, dass ich doch schwer hoffe die Autorin habe sich in der Beschreibung dieser kreative Freiheiten genommen. Mit unzähligen Grauschattierungen zeichnet sie das Bild einer Freundschaft, wie sie nur junge Mädchen miteinander verbindet. Eine Freundschaft, die für die Freundinnen auch schon mal zum Gefängnis werden kann, wenn die Loyalität der einen zur anderen nämlich das eigene Gewissen ausschaltet. Als Leserin fühlt man sich während der Lektüre ein bisschen so als säße man am Steuer eines Wagens der unaufhaltsam aus einer Kurve hinaus steuert. Dieses Gefühl kann dabei sowohl erschreckend als auch erhebend sein.

Tigermilch – Stefanie de Velasco – ISBN 978.3.462.04573.4

lesen-ist-hardcore-blog-projekt

Für Leserinnen, die…

  • …eine bewegte Jugend haben/hatten.
  • …sich auch in moralischen Grauzonen wohl fühlen.
  • …für ihre beste Freundin durch die Hölle gehen würden.

Literarische Nachbarinnen…

41jtFAdc4zL._SX316_BO1,204,203,200_42761313z51oU0GfTMRL._SX313_BO1,204,203,200_41gruF-BZbL._SX301_BO1,204,203,200_

(Neuerscheinung) In einer Liebe kann man nie nur einem die Schuld geben…

Die tragische Geschichte, welche diesen Roman inspiriert hat, ist mir seit meiner Lektüre von Sylvia Plaths im Grunde autobiografischem Werk „Die Glasglocke“ in Ansätzen bekannt. „Du sagst es“ versprach nun eine neue, noch nie gehörte Perspektive auf das Leben der Autorin. Und auch wenn diese reine Fiktion ist, war ich doch gespannt darauf mehr über das Ehepaar Hughes/Plath zu erfahren…

45013979zSylvia Plath und Ted Hughes sind das berühmteste Liebespaar der modernen Literatur – und das tragischste: Denn nach Sylvias Suizid im Jahr 1963 galt sie als Märtyrerin, hingegen ihr Mann als Verräter – eine Schuldzuweisung, zu der er sich zeitlebens nie äußerte. In dieser fiktiven Autobiographie bricht er sein Schweigen. Palmen lässt ihn auf seine leidenschaftliche Ehe zurückblicken und eine Liebe neu beschreiben.

Wer, wie ich, mit bestürzter Begeisterung „Die Glasglocke“ gelesen hat, der kennt die eine Seite dieser Geschichte sicher schon. In ihrem neuen Roman „Du sagst es“ beschreibt die niederländische Autorin Connie Palmen nun die andere Seite des Ehedramas Hughes/Plath, das mit dem Selbstmord der Letzteren und der Beschuldigung des Erstgenannten durch Medien, Kritik und frühere Freunde endete. Dies alles tat der literarischen Karriere und daraus resultierenden Unsterblichkeit des Dichters Ted Hughes keinen Abbruch, auch wenn oder vielleicht gerade weil er seine Seite der Geschichte nie erzählt hat, sich nie hat hinreißen lassen, mit dem Finger auf eine Frau zu zeigen, die sich nicht mehr wehren kann. Connie Palmen nimmt ihm das fast zwanzig Jahre nach seinem Tod nun ab und schildert die Ereignisse aus seiner Perspektive von den Anfängen der Ehe mit Sylvia Plath bis zu deren Tod.

Dabei scheint die Autorin Partei zu ergreifen für ihren Erzähler, seine Ehefrau dagegen kommt nicht gerade gut weg. Connie Palmen lässt Sylvia Plath neurotisch und selbstzerstörerisch wirken. In ihrem Roman ist sie es, die Ted Hughes in die Arme einer außerehelichen Affäre treibt mit ihrer Eifersucht und ihrem Kontrollzwang, mit ihrer Unfähigkeit ihn auch nur für ein paar Augenblicke loszulassen und mit ihrem unablässigen Bedürfnis nach Bestätigung. Zwischen den Seiten von „Du sagst es“ ist Sylvia Plath die psychisch labile Furie und ihr Ehemann Ted Hughes mehr Krankenpfleger als Liebhaber, zumindest in den späteren Jahren der Romanze, ständig darauf bedacht einen Zusammenbruch zu vermeiden, die Wogen zu glätten auf der dunklen See Plath und die eisige Beziehung zur Schwiegerfamilie etwas aufzutauen.

Und doch scheint Ted seine Sylvia zu lieben, will sie beschützen vor allem, was sie aus der Ruhe bringen könnte, verteidigt sie gegen jegliche Kritik und steht zu ihr, seiner ersten großen Liebe, mit einer Verbissenheit, die ihres gleichen sucht. Als Leserin begegnen mir zwischen den Seiten von „Du sagst es“ also zwei Geschichten. Zum einen ist da die Geschichte, welche die Autorin für mich zum Leben erweckt, die einer tobenden Ehefrau, die aus Eifersucht die Durchschläge der Gedichte ihres Ehemannes in Fetzen reißt. Zum anderen ist da die Geschichte, welche ich den Worten des Erzählers Ted Hughes entnehme, der bis zum bitteren Ende ein schwer nachvollziehbares Einfühlungsvermögen für seine neurotische Ehefrau aufbringt, ihre Launen verteidigt, ja oft sogar rationalisiert, und der es selbst nach ihrem Tod nicht zulässt, dass die beiden Kinder ihre Mutter vergessen.

Insofern fühle ich mich hin und her gerissen, gefangen zwischen zwei Extremen, und die Wahrheit liegt, so vermute ich, irgendwo dazwischen. War Ted Hughes nun ein treuherziger Ehemann, der von einer künstlerisch frustrierten Furie aus einer bis dahin vollkommen intakten Ehe getrieben wurde? Oder war er ein verkappter Romeo, der das unsichere Selbst seiner Frau derart auf die Probe gestellt hat mit seinen außerehelichen Abenteuern, dass diese in die Depressionen ihrer Jugendzeit zurück katapultiert wurde? Diese Frage lässt Connie Palmen offen, doch eines ist klar, was das Ehepaar Hughes/Plath anfangs in verzweifelter Liebe und wilder Leidenschaft zusammen schweißt, ist genau die Kraft, die in späteren Jahren die Kluft reißt, welche diese beiden Leben auf grausame Weise entzweien sollte.

Insgesamt bin ich mehr als beeindruckt davon, wie mühelos Connie Palmen es schafft die Erzählstimme und Perspektive von Ted Hughes einzufangen, auch wenn ihre Ausführungen etwas voreingenommen zu sein scheinen. Wer sich der Perspektive von Sylvia Plath verpflichtet sieht, den dürfte ihre Entzauberung zwischen den Seiten von „Du sagst es“ schwer treffen. Aus dem Nachwort jedoch entnehme ich, dass dieses Buch das Produkt einer ausführlichen Recherche ist; insofern scheint es zwar nicht die absolute, aber zumindest die nahe liegende Wahrheit über die turbulente Ehe von Ted Hughes und Sylvia Plath zu enthalten – ein weiteres Puzzlestück, aus dem jede Leserin für sich alleine ihre persönlichen Schlüsse über das Zusammenleben des tragischen Paares Hughes/Plath ziehen kann.

Du sagst es – Connie Palmen – ISBN 978.3.257.06974.7

Für Leserinnen, die…

  • …unter die Glasglocke schauen wollen.
  • …eine andere Perspektive auf die Tragödie der Sylvia Plath erlangen wollen.
  • …eine ähnlich turbulente Ehe führen.

Literarische Nachbarinnen…

Download (9)5403028951VP91GYF6L._SX294_BO1,204,203,200_51g8vd8lyel-_sx316_bo1204203200_

(Neuerscheinung) Zwischen Mensch und Wolf liegt die Dämmerung…

Im Sommer 2011 bin ich Sarah Hall verfallen, damals durch ihren dystopischen Roman „The Carhullan Army“. Der Klappentext ihres neusten Romans lässt zwar einen ganz anderen Roman erahnen, als den von mir so geliebten, aber ich konnte trotzdem nicht umhin zuzugreifen und mal zu schauen, was Sarah Hall seit 2011 so getrieben, bzw. geschrieben hat…

Bei den Woelfen von Sarah Hall

Eigentlich wollte Rachel Caine nie mehr nach England und zu ihrer schwierigen Familie zurück. Die Wolfsexpertin lebt seit zehn Jahren in Amerika und geht in ihrer Arbeit auf. Doch dann stürzt das Angebot eines einflussreichen Lords, auf seinen Ländereien ein Wölfspärchen anzusiedeln, sie in Konflikte. Aber zu ihrer eigenen Überraschung sind ihre Heimkehr, eine ungeplante Schwangerschaft und die intensive Arbeit in der wilden Landschaft des Lake District die beste Medizin für ihre Seele. Sie kann sich sogar vorsichtig auf eine neue Liebe einlassen und kommt zur Ruhe. Bis ein unvorhergesehenes Ereignis die eigentlichen Motive ihres Arbeitgebers entlarvt.

In Sarah Halls fünftem Roman „Bei den Wölfen“ erzählt sie dieser Leserin die Geschichte einer emanzipierten Einzelgängerin, einer einsamen Wölfin, die im Laufe des Buchs nach und nach ihr Rudel und ihre Heimat findet, auch wenn sie sich zunächst nach Kräften dagegen wehrt. Hauptfigur Rachel Caine braucht nichts und niemanden, ich treffe sie in den Weiten der amerikanischen Wildnis, wo sie mit einer handvoll Kollegen ein Rudel Wölfe studiert. Das jedoch ist nur der Anfang eines Romans, der mich als Leserin an der Seite der Hauptfigur von Amerika nach England bis in die schottischen Highlands transportieren wird, immer auf den Spuren der Wölfe natürlich. Eine atemberaubende Reise, die die anfangs emotional abgekapselte Rachel für immer verändern wird.

Bleiben wir gleich beim Thema, die Hauptfigur von „Bei den Wölfen“ macht eine beeindruckende Entwicklung durch, von einer Frau, die andere Menschen auf Armeslänge von sich fern hält, sexuelle Abenteuer mit Fremden hat und den Kontakt zu ihrer Familie scheut, hin zu einer liebenden Mutter, die ihren Bruder in schweren Zeiten bei sich aufnimmt und mit einem alleinerziehenden Vater anbändelt. Es ist diese Veränderung, die im Mittelpunkt der Geschichte steht, die Wölfe sind da lediglich eine Nebensache, ein Grund für die Hauptfigur aus ihrer Komfortzone zu treten und zu ihren Wurzeln zurück zu kehren. Nach und nach verliert die Hauptfigur so ihre anfängliche Härte und wird sanfter, fraulicher, mütterlicher, ohne jedoch ihren anfänglichen Kampfgeist einzubüßen.

Stilistisch kann man an „Bei den Wölfen“ bei weitem nichts aussetzen. Die Erzählstimme ist formvollendet, ordnet sich der Handlung jedoch auf ganzer Linie unter. Das macht es dieser Leserin leicht sich auf das jeweilige Geschehen zu konzentrieren und vollkommen darin abzutauchen. Sarah Hall beschwört Bilder herauf von amerikanischen Wäldern, die einfach kein Ende nehmen wollen und englischen Moorlandschaften, grün und im Mondlicht dampfend – Beschreibungen, die bei dieser Leserin Sehnsucht wecken. Diese Beschreibungen urwüchsiger Natur und des Wolfsrudels, das sich darin tummelt, machen diesen Roman, dessen Handlung eher unscheinbar ist – verglichen mit Sarah Halls früheren Romanen – zu einem Erlebnis der Sinne. Als Leserin glaubt man den erdigen Geruch von Moos wahrnehmen zu können, das raue Fell der Wölfe unter den Fingern zu spüren und ihr vielstimmiges Geheul zu hören, wenn man nur angestrengt lauscht.

Was ich bei der Lektüre von „Bei den Wölfen“ vermisst habe, war der organische Verlauf der Geschichte. Immer wieder fährt Sarah Hall Wendungen innerhalb der Handlung auf, die so nicht unbedingt glaubwürdig scheinen und wohl mehr dazu dienen diesen gut 500 Seiten langen Schmöker nicht zu verkopft, ja vielleicht sogar langweilig erscheinen zu lassen. Besonders der Subplot um den vom rechten Weg abgekommenen Bruder der Hauptfigur wirkt forciert und dient wohl nur dazu die Hauptfigur wieder beziehungsfähig zu machen, bevor es ernst wird zwischen ihr und dem Tierarzt, der sich um die Gesundheit der Wölfe im Reservat kümmert. Als Leserin fühle ich mich ab und zu ein bisschen wie ein argloses Schaf, das von der Hütehündin Hall durch das Wolfsgehege gelotst wird und dabei bloß nicht vom vorgefertigten Weg abkommen darf, denn das wäre das Ende dieser Geschichte.

Insgesamt ist „Bei den Wölfen“ ein intelligenter und stilistisch ansprechender Schmöker, den ich persönlich jedoch nicht als das beste Buch der Autorin bezeichnen würde. Sarah Halls große Stärke ist ihre Fähigkeit eine glaubhafte, alle Sinne ansprechende Naturatmosphäre aufzubauen, in der diese Leserin mit Haut und Haar versinkt. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass sie der Geschichte und ihren Figuren dabei etwas mehr Spielraum für eine glaubwürdige, emotionale Entwicklung gelassen hätte, anstatt ihren Alltag mit Handlung zuzupflastern. Ansonsten habe ich jedoch nichts an diesem Buch auszusetzen; im Gegenteil „Bei den Wölfen“ ist für mich persönlich, trotz kleiner Macken und wegen der beeindruckenden Naturbeschreibungen, bei weitem der empfehlenswerteste literarische Schmöker des Lesejahres 2016.

Bei den Wölfen – Sarah Hall – ISBN 978.3.813.50679.2

Für Leserinnen, die…

  • …starke, unabhängige Frauenfiguren schätzen.
  • …selbst sehr naturverbunden sind.
  • …auf Sinnsuche, in der englischen „Wildnis“, gehen wollen.

Literarische Nachbarinnen…

thinking-in-pictures51NnQCZFLTL._SX319_BO1,204,203,200_51pQ5DdG92L._SX309_BO1,204,203,200_9783570102152_Cover