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(Feminismen) Eine Amerikanerin erklärt warum Feminismus wichtig ist…

Wer, wie ich, ein Faible für feministische Sachbücher hat, der kommt an der amerikanischen Bloggerin Jessica Valenti nicht vorbei. Die Gründerin der Internetplattform feministing.com hat es im letzten Jahr mit gleich drei Büchern in mein Regal geschafft, ein viertes steht zur Zeit auf meiner Wunschliste. Dieses hier ist übrigens das allererste, weitere werden sicher schon bald folgen…

61g4da32myl-_sx329_bo1204203200_Full Frontal Feminism is a book that embodies the forward-looking messages that author Jessica Valenti propagated as founder of the popular website, Feministing.com. Full Frontal Feminism is a smart and relatable guide to the issues that matter to today’s young women. The book covers a range of topics, including pop culture, health, reproductive rights, violence, education, relationships, and more.

Was „The Equality Illusion“ für die unbedarfte britische Leserin ist, das ist „Full Frontal Feminism“ für deren amerikanisches Pendant – ein Weckruf nämlich. Typisch amerikanisch darf der Feminismus diesmal sogar aufs Titelblatt und findet hoffentlich viel Zulauf; mir persönlich hat es jedenfalls gefallen. Denn auch wenn sich die Autorin auf die amerikanische Gesellschaft bezieht, hat mein Heimatland doch genug gemeinsam mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten – und wenn man Jessica Valenti Glauben schenken darf ebenfalls unbegrenzten Sexismus – um einen feministischen Kommentar dazu auch für deutsche Leserinnen interessant zu machen. Und interessant war es, wenn auch etwas oberflächlich, was ich allerdings darauf zurück führe, dass „Full Frontal Feminism“ als Einstiegsdroge konzipiert wurde; ich persönlich es aber ungefähr zwei Jahre nach meiner feministischen Erweckung gelesen habe.

Anders als das oben erwähnte „The Equality Illusion“, ist „Full Frontal Feminism“ ganz klassisch nach Themen aufgebaut, dazu gehören sowohl die ganz alltäglichen Herausforderungen an die moderne Frau, wenn es zum Beispiel darum geht sich innerlich gegen das destruktive Frauenbild, welches die amerikanischen Medien vermitteln, zu wappnen oder auch für frauengesundheitliche Grundversorgung, wie zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen und bezahlbare Verhütungsmittel, zu kämpfen. Es geht um die Entfremdung junger Frauen von ihren Körpern, um die „Raunch Culture“ (wer hierzu mehr erfahren möchte, dem empfehle ich Ariel Levys „Female Chauvinist Pigs“) und in der Konsequenz um die Rückeroberung des so heiß umkämpften weiblichen Körpers durch jede einzelne Frau, bzw. Leserin. In diesem Zusammenhang spricht Jessica Valenti natürlich auch über den dringend notwendigen Kampf gegen die epidemische sexuelle Gewalt, in Amerika und anderswo.

Feminismus ist trendy, besonders in der amerikanischen Populärkultur. Ob nun Beyoncé, Lena Dunham oder gar Taylor Swift, alle bekennen sich zum Feminismus, leben und agieren gleichzeitig aber weiter innerhalb der engen Grenzen der vom Patriarchat als akzeptabel definierten Weiblichkeit. In ihrem Buch „Full Frontal Feminism“ regt Jessica Valenti junge Leserinnen dazu an sich offen und selbstbewusst zum Feminismus zu bekennen, es aber gleichzeitig nicht dabei zu belassen. Denn auch heute noch braucht die Welt Frauen, die bereit sind aus ihren Zimmern, Hörsälen und den virtuellen Sphären des Internets zu treten und auf Worte Taten folgen zu lassen. Frauen, die mutig genug und bereit sind gesellschaftliche Regeln und Definitionen von Weiblichkeit zu brechen und so deren Überflüssigkeit innerhalb einer modernen, gleichberechtigten Gesellschaft zu verdeutlichen.

Dabei ist die feministische Erweckung junger Frauen die eine Sache, und Jessica Valenti macht diese Sache wirklich gut. Die Frau will ich sehen, die nach der Lektüre von „Full Frontal Feminism“ nach wie vor den in Amerika so beliebten Satz äußert: „Ich bin keine Feministin, aber…“ Was aber darüber hinaus unbedingt notwendig ist, ist ebenfalls die jungen Männer mit ins Boot zu holen und ihnen zu verdeutlichen, wie viel angenehmer das Leben auch für sie wird, wenn es ihren Müttern, Schwestern, Freundinnen und Töchtern besser geht; wenn diese selbstbewusst mit ihren Körpern umgehen können und wieder Vertrauen in das andere Geschlecht schöpfen können, erwachsen aus gegenseitigem Respekt. Denn solange die Mädels stolz rufen: „Wir sind Feministinnen!“ und die Jungs dagegen skandieren „Nein heißt Ja! Ja heißt anal!“ kommen wir als Gesellschaft leider keinen Schritt weiter. Diese Überbrückung der ansozialisierten Geschlechterdifferenzen jedoch gelingt Jessica Valenti nicht – vielleicht wird’s ja im nächsten Buch was werden.

Insgesamt ist „Full Frontal Feminism“ jedoch ein guter Einstieg ins Thema für junge Frauen, die im Grunde für die Gleichberechtigung der Geschlechter sind, sich aber noch nie so wirklich vor Augen geführt haben, wie man das denn nun am besten erreichen kann. Sie bezieht sich dabei wie gesagt auf Nordamerika, das meines Wissens nach einen anderen Sexismus praktiziert als Deutschland, der jedoch Überlappungen beider Unterdrückungssysteme durchaus zulässt. Insofern kann man aus den Beschreibungen Jessica Valentis trotzdem seine Lehren für das heimische System ziehen; besonders natürlich die, dass keine Frau sich scheuen sollte sich selbst als Feministin zu bezeichnen – ein Begriff der im Deutschland jenseits der EMMA über die Jahrzehnte leider sehr eingestaubt ist. Auf die deutsche Jessica Valenti müssen wir Leserinnen also wohl noch etwas warten, bis dahin ist die Lektüre von „Full Frontal Feminism“ meiner Meinung nach jedoch ein wunderbarer Kompromiss.

Full Frontal Feminism: A young woman’s guide to why feminism matters – Jessica Valenti – ISBN 978.1.580.05561.1

Für Leserinnen, die…

  • …von der Wichtigkeit des Feminismus erst noch überzeugt werden müssen.
  • …sich feministischen Themen auf Augenhöhe nähern wollen.
  • …gesellschaftliche Parallelen zwischen Amerika und Deutschland ziehen können.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Ja, ich habe meine Tage! So what?

Zum ersten Mal bin ich diesem Buch in der EMMA begegnet; diese hatte ein kleines Dossier zum Thema Menstruation und der nicht ganz neuen aber trotzdem topaktuellen freebleeding-Bewegung zusammengestellt. Teil dessen war auch ein Auszug aus dem Vorwort von „Ja, ich habe meine Tage! So what?“ – ein Buch, das ich daraufhin unbedingt lesen musste…

9783407864307Willkommen im Klub. Die Mitgliederzahl ist gigantisch hoch. Viele junge Gebärmutterträgerinnen müssen da durch, ohne genau zu wissen, was hier eigentlich vor sich geht. Und vor allem: was gegen dumme Sprüche hilft! Frech und unverkrampft verknüpft Skandinaviens bekannteste YouTuberin eigene Erlebnisse mit medizinischen Informationen und Tipps zu Tampons, Menstruationstassen & Co. Sie macht Mut, selbstbewusst mit dem eigenen Körper umzugehen, und verrät ihre besten Lifehacks, damit auch du aus deinen Tagen das Beste machen kannst.

So selbstbewusst, wie der Titel es proklamiert, konnte ich diesen Satz selbst leider nie aussprechen. Denn auch wenn ich verhältnismäßig offen mit meiner Menstruation umgehe, bin ich noch lange nicht so emanzipiert, wie ich es gerne wäre. Das Buch und sein Inhalt rennen bei mir also offene Türen ein, hinter denen sich seelische Zustände verstecken, die gerne mehr Rückgrat hätten. In ihrem Buch versucht die schwedische Video-Bloggerin Clara Henry also innere Menstruationshütten, in die sich auch westliche Frauen gerne mal verkriechen, wenn sie Monat für Monat wieder „unpässlich“ sind, einzureißen; damit die nächste Generation heranreifender Frauen sich gar nicht erst über unsichtbare Hürden kämpfen muss, sondern jeden Monat offen und selbstbewusst erklären kann: „Ja, ich habe meine Tage! So what?“

Dabei wendet sie sich vor allem an Jugendliche, vor und in der Pubertät, ebenso wie junge Erwachsene, die im Aufklärungsunterricht ähnliche Augenwischerei erlebt haben wie die Autorin selbst und denen daher wichtiges Grundwissen über den eigenen Körper fehlt, das es an dieser Stelle nachzuholen gilt. Ich las das Buch sowohl als interessierte Feministin, die eventuelle Wissenslücken füllen wollte und als potenzielle Mentorin einer neuen Generation von Frauen, die in einer Gesellschaft aufwachsen die alles daran setzt Frauenkörper von sich selbst zu entfremden. Mit jugendlich frechem Stil schreibt die 21-Jährige über ihre eigenen Erfahrungen während der allmonatlichen „Erdbeerwoche“, darüber wie sehr sie der schulische Aufklärungsunterricht enttäuscht hat, wann sie zum ersten Mal ihre Tage bekam und warum sie anfing darüber zu bloggen. In Schweden ist die Autorin übrigens trotz ihrer jungen Jahre eine Sensation und moderierte sogar im Rahmen der Vorauswahl für den Eurovision Song Contest.

Doch es geht in „Ja, ich habe meine Tage! So what?“ nicht nur um Clara Henry und ihre Menstruation, vielmehr leitet sie mit ihren persönlichen Erfahrungen Kapitel ein die alles abdecken von der ersten Menstruation, über Binden vs. Tampons, bis hin zu den Schattenseiten der Menstruation wie zum Beispiel PMS, Menstruationskrämpfe und der Autoimmunkrankheit Endometriose, die etwa jede 10. Frau betrifft und in schlimmen Fällen nur durch eine Hysterektomie in den Griff zu kriegen ist. Zu diesen und vielen weiteren Themen gibt Clara Henry mal mehr mal weniger ernst gemeinte Tipps, auch für etwas ältere Menstruierende, so zum Beispiel zum Sex während der Tage. Auch der feministische Ansatz kommt übrigens nicht zu kurz und Clara Henry hat trotz junger Jahre intelligente Einsichten über die sozialen Rollen von Männern und Frauen…

„Es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Ein Unterschied ist, dass ein Mann ein Mann ist und eine Frau aus mehreren Körperteilen besteht (…) Und für jedes Körperteil existiert ein eigenes Ideal.“

Darüber hinaus ist das Buch an sich auch noch sehr ansprechend gestaltet, sprich liebevoll bebildert und rotzfrech illustriert 🙂

Was mir persönlich an diesem Buch nicht so gefallen hat, ist dass die Autorin sich samt und sonders nur auf ihr eigenes aus Erfahrungen stammendes Wissen bezieht. Nirgendwo wird erwähnt wie lang zum Beispiel eine durchschnittliche Periode ist, ein gewisses Grundwissen der Leserin wird also vorausgesetzt – hier sind Erwachsene im Umfeld des jungen Mädchens in der Pflicht Aufklärung zu leisten, so peinlich es ihnen auch sein mag. Lediglich der Abschnitt über Endometriose scheint recherchiert, darüber hinaus bin ich ein bisschen schockiert, dass ich als Leserin hier und da mehr weiß als die Autorin eines Buchs, das für sich selbst den Anspruch erhebt aufzuklären. Clara Henry hätte gut daran getan ab und zu über den Rand der eigenen Binde hinaus zu schauen, vielleicht sogar Verwandte, Freundinnen und Bekannte zu ihren Tagen zu befragen. Das jedoch hat sie bei all ihrem Enthusiasmus für das Thema leider auf ganzer Linie versäumt.

Insgesamt ist „Ja, ich habe meine Tage! So what?“ jedoch ein guter Anfang für diejenigen, die gerade erst in das Abenteuer Frau starten. Clara Henry begegnet ihren Leserinnen auf Augenhöhe und mit viel Humor, der das für viele Mädchen und Frauen schamhaft besetzte Thema angenehm auflockert. Sie animiert ihre Leserinnen dazu sich mit dem eigenen Körper und dem monatlichen Ereignis der Menstruation zu befreunden oder zumindest damit Frieden zu schließen, PMS und Menstruationskrämpfe als notwendige Übel zu begreifen und nicht länger zu schweigen, auch wenn andere manchmal etwas peinlich berührt sind. Für mentruationserfahrene Leserinnen hält „Ja, ich habe meine Tage! So what?“ allerdings wenig Neues bereit. Insofern empfehle ich es als Geschenk für Töchter, Nichten und kleine Schwestern, die lernen möchten, wie frau selbstbewusst mit ihrem Körper und seinem Zyklus umgeht.

Ja, ich habe meine Tage! So what? – Clara Henry – ISBN 978.3.407.86430.7

Für Leserinnen, die…

  • …dem pubertierenden Mädchen in sich etwas Gutes tun wollen.
  • …eine Schwester/Tochter/Nichte, an der Schwelle zum Frauwerden, haben.
  • …sich nicht länger für ihre Menstruation schämen wollen.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Die Menschen unterscheiden sich voneinander in der Qualität ihrer Träume…

Auf Viktorija Tokarjewa bin ich bei meiner Durchsicht der Diogenes Herbst/Winter Vorschau gestoßen. Der Name war mir bisher zwar kein Begriff, doch bin ich immer neugierig auf Autorinnen aus von mir nur selten belesenen Ländern, in diesem Fall ist das Russland. Darüber hinaus sind Kurzgeschichtenbände meiner Meinung nach eine wunderbare Einstiegslektüre, um eine neue Autorin näher kennen zu lernen…

41uh3womrhl-_sx314_bo1204203200_Viktorija Tokarjewa erzählt vom Leben auf der Datscha und dem Überlebenskampf in der Großstadt, von der Bohème und der ländlichen Armut, von unerwarteter Güte und der Bosheit der Menschen, von Schicksalsschlägen und glücklichen Wendungen, von der Gelassenheit des Alters und vom Ungestüm der Jugend. Und immer wieder von den Seltsamkeiten der Liebe.

„Auch Miststücke können einem leidtun“ besteht, inklusive der Titelgeschichte, aus neun Erzählungen, von denen eine handvoll aufgrund ihrer Ausführlichkeit durchaus als Novellen bezeichnet werden könnten. Abgesehen von ihrer Länge gleichen sich diese Geschichten (fast) bis aufs Haar, was es mir wiederum einfacher macht über den Ton des Buchs als Ganzes zu schreiben. Dieser erinnert mich als Leserin an die großen Erzähler Russlands, an deren Weitschweifigkeit, aber auch an deren Vermögen ein ganzes Menschenleben auf ein paar wohl formulierte Paragrafen zusammen zu dampfen. Manchmal genügt mir das nicht, andermal scheint der Text vor lauter Bäumen den Wald aus den Augen zu verlieren. „Auch Miststücke können einem leidtun“ ist wie viele andere Erzählbände in seiner Gesamtheit etwas durchwachsen.

Am liebsten war mir die verkappte Liebesgeschichte „Der Schuss“ in der ein alter Mann seine an Alzheimer erkrankte Frau pflegt und sich auf seine alten Tage noch einmal Hals über Kopf in eine ehemalige Zirkuskünstlerin verliebt. Die Liebe der beiden ist nicht besonders romantisch oder moralisch, schließlich ist der Herr im Bunde noch verheiratet, aber irgendwie sind die beiden süß zusammen, auch wenn das Happy End leider ausbleibt – was für Viktorija Tokarjewa übrigens nicht ungewöhnlich ist, zumindest in „Auch Miststücke können einem leidtun“. Abgesehen von dieser Erzählung wartet das Buch noch mit einer Reihe tragischer Liebesgeschichten auf, erzählt beispielsweise von einem erfolgreichen Dramaturgen, der ohne Unterlass seine Frau betrügt oder einem Witwer, der erst nach dem Tod seiner Frau begreift, wie sehr er sie doch geliebt hat.

Gar nicht mochte ich jedoch die letzte Geschichte des Buchs „Warum nicht?“, die das Licht der Welt zunächst als Drehbuch erblickte und anschließend von der Autorin in eine kleine Novelle umgearbeitet wurde. Ein ehrgeiziges Vorhaben, dass Viktorija Tokarjewa meiner Meinung nach nicht so wirklich geglückt ist. Die Geschichte selbst ist übervoll von Figuren und Handlungspunkten und bricht so völlig aus dem Rest des Erzählbandes aus. Ich persönlich hätte auf dieses letzte Hurra gut verzichten können, da es meinen Gesamteindruck von „Auch Miststücke können einem leidtun“ ein bisschen angeknackst hat. Aber bevor ich mich an dieser Stelle im Kreis drehe, konzentriere ich mich lieber wieder auf die Teile des Buchs, die mir gut gefielen, zum Glück überwiegen diese nämlich.

Mit ihrem Buch „Auch Miststücke können einem leidtun“ hat Viktorija Tokarjewa eine Ode an die Perestroika-Verlierer geschrieben, ob sie nun in der Stadt ums Überleben kämpfen oder auf der Datscha. Ihre Helden sind samt und sonders tragische, gebrochene Kreaturen, die sich durch den Alltag schleppen und selbst das kleinste bisschen Glück auf das sie stoßen nicht lange behalten dürfen. Manchmal habe ich das Gefühl bringt die Autorin sich selbst mit ins Spiel, beschreibt beispielsweise eine Frau, deren frecher Hund ihr den Garten zumüllt oder die selbst in einer teuren Siedlung wohnt und von verarmten Dorfbewohnern Gemüse kauft. Diese Geschichten könnten Anekdoten sein, die hier und dort im Laufe des Buchs auftauchen und so Autorin und Leserin einander näher bringen – aber vielleicht ist das auch nur Wunschdenken meinerseits.

Insgesamt ist „Auch Miststücke können einem leidtun“ ein Buch für Leserinnen, die einen klassischen Erzählstil bevorzugen. Spannung sucht man als Leserin in diesem Buch vergebens. Was man stattdessen findet ist ein verwässerter Alpdruck der russischen Seele. Die tristen Momente, die zahlreichen Schicksalsschläge, verlangen dieser Leserin einiges ab, passen dabei aber in die grau-regnerische Winterzeit wie die Lichterkette um den Weihnachtsbaum. Insofern ist dieses Buch wie geschrieben für eine ursprüngliche Art von Leserin, die Geschichten dann besonders schätzt, wenn sie das Auf und Nieder des Lebens porträtieren. Manchmal zähle ich mich dazu, dann wiederum wird mir bei der Lektüre das Herz schwer. Wie schon erwähnt war mein persönliches Erlebnis mit „Auch Miststücke können einem leitun“ ein eher durchwachsenes.

Auch Miststücke können einem leitun – Viktorija Tokarjewa – ISBN 978.3.257.06976.1

Für Leserinnen, die…

  • …einen klassischen Erzählstil zu schätzen wissen.
  • …auch ohne Happy End zufrieden sind.
  • …auf der (literarischen) Suche nach der russischen Seele sind.

Literarische Nachbarinnen…

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(#04/2016) Aller guten Sachbücher sind 3…!

Drei Frauen mittleren Alters blicken zurück, drei Frauen erzählen ihre Geschichte. Die eine tut dies mit viel Humor, die nächste mit viel Ehrlichkeit sich selbst und ihren Leserinnen gegenüber, und die dritte mit einem unguten Gefühl im Licht neuer Erkenntnisse über die Schauplätze ihrer Kindheitserinnerungen. Ein literarisches Stimmungsbarometer also, dessen Nadel von Heiterkeit über Nostalgie bis zu ehrlicher Besorgnis schwingt.

Für Tollpatschige…

51uUwTCUrVL._SX324_BO1,204,203,200_„Is It Just Me?“ von Miranda Hart: Well hello to you dear browser. Now I have your attention it would be rude if I didn’t tell you a little about my literary feast. I am proud to say I have a wealth of awkward experiences – from school days to life as an office temp – and here I offer my 18-year-old self (and I hope you too dear reader) some much needed caution and guidance on how to navigate life’s rocky path. Because frankly where is the manual? The much needed manual to life. Well, fret not, for this is my attempt at one and let’s call it, because it’s fun, a Miran-ual. I thank you.

Manch einer mag Miranda Hart aus dem Fernsehen kennen, ihre in Großbritannien überaus erfolgreiche Comedyserie wird soweit ich weiß auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Ich persönlich kenne sie allerdings nur als etwas verkniffenes Gesicht auf dem Buchcover ihres Bestsellers „Is it just Me?“ im Buchladen Waterstones auf der Edinburgher Princes Street direkt am Eingang platziert und unmöglich zu übersehen. Lange widerstand ich ihm, verband ich doch nichts mit seiner Autorin, las es dann aber doch, nachdem mir die humorvollen Memoiren von amerikanischen Comedy-Größen wie Tina Fey und Amy Poehler so gut gefallen hatten. Leider hielt „Is It Just Me?“ eine Enttäuschung für mich bereit, und dabei waren meine Erwartungen ohnehin schon uncharakteristisch niedrig.

Das Buch ist als Dialog geschrieben, als unaufhörliche Auseinandersetzung der gegenwärtigen Miranda Hart mit ihrem 18-Jährigen Selbst. Beide Damen gingen mir schon früh mit ihrer albernen Tollpatschigkeit gehörig auf die Nerven. Die Autorin fragt in einem fort: „Is it just me?“ und ich antworte: „Yes, Miranda. It’s just you.“ Denn ich kann mich mit dieser Art durchs Leben zu stolpern einfach nicht identifizieren, noch bin ich besonders begeistert vom berühmten britischen Humor, den die Autorin zwischen den Seiten derart auf die Spitze treibt, dass man als deutsche Leserin den Witz mit der Lupe suchen muss. Insgesamt legt das Buch also eine Bruchlandung hin, die nicht besser zu seiner Autorin passen könnte, nur dass in meinem Lesezimmer am Ende leider nicht gelacht, sondern sich geärgert wird, schließlich hätte ich auch was anderes lesen können.

Am besten kombiniert mit…

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Für Aussteiger…

51zXP6Lo6zL._SX335_BO1,204,203,200_„You Look Like That Girl…“ von Lisa Jakub: At the age of twenty-two, Lisa Jakub had what she was supposed to want: she was a working actor in Los Angeles. She had more than forty movies and TV shows to her name, she had been in blockbusters like „Mrs. Doubtfire“ and „Independence Day“, she walked the red carpet and lived in the house she bought when she was fifteen. But something was missing. Passion. Purpose. Happiness. In „You Look Like That Girl…“ Lisa Jakub explores the universal question we all ask ourselves: what do I want to be when I grow up?“

Die Autorin dieser Autobiografie kennt wahrscheinlich vom Namen her kein Mensch (mehr). Doch die Filme in denen der ehemalige Kinderstar mitwirkte sind auch über zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch gerne gesehen – zumindest von mir 😉 In ihrem überaus kontemplativen Buch schaut die (etwas) gealterte Autorin, die mittlerweile ein vollkommen durchschnittliches Leben führt, auf ihre mehr oder weniger bewegte Jugend als Hollywood-Liebling zurück. Dabei hat sie gemessen an Hollywood-Maßstäben gar nicht so viel zu erzählen; Drogen nahm sie keine, Affären hatte sie dafür viele, aber immer nur mit technischen Mitarbeitern. Im Vergleich zu Barrymore, Culkin & Co. wirkt ihre Schilderung zahm, fast schon etwas fade. Wer ein Enthüllungsbuch sucht, ist mit „You look like that girl..“ also schlecht beraten.

Insgesamt finde ich es ganz interessant mal hinter die Kulissen bekannter Filme zu schauen und von einem Hollywood-Insider zu erfahren, wie es an Filmsets so zugeht, mag die Perspektive der Autorin auch noch so behütet sein. Wer weiß, wo Lisa Jakub heute wäre, hätte sie mit Anfang zwanzig nach einer langen Frustphase nicht das Handtuch geworfen. Vielleicht würde sie sich mit Amy Adams erbitterte Kämpfe um die Oscar-Nomminierung liefern, vielleicht wäre sie auch wie so viele Kinderstars vor ihr langsam in der Versenkung verschwunden. Die Entscheidung sich freiwillig zurück zu ziehen und ein ganz normales (von Hollywood aus gesehen wahrscheinlich wenig erstrebenswertes) Leben zu führen, verleiht ihr eine Integrität, die in mir den Wunsch weckt, ihre Geschichte näher kennen zu lernen – und so schließt sich der Kreis.

Am besten kombiniert mit…

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Für Atomgegner…

51pkpqm9ial-_sx321_bo1204203200_„Full Body Burden“ von Kristen Iversen: It is the early 1950s. Kristen Iversen is enjoying a carefree childhood surrounded by desert and mountains. But just a few miles down the road, the US government decides to build a secret nuclear weapons facility at Rocky Flats. Kirsten and her siblings jump streams, ride horses, live a happy outdoors life. But beneath this veneer her family is quietly falling apart. And in a series of fires, accidents and other catastrophic leaks, Rocky Flats nuclear plant is spewing an invisible cocktail of the most dangerous substances on earth into this pristine landscape. The ground, the air and the water are all alive with radiation.

Kristen Iversens Autobiografie sprengt die Grenzen des Genres, dementsprechend fällt es mir schwer ihr Buch an dieser Stelle in Worte zu fassen. Auf der einen Seite ist es eine Autobiografie, wie es in ihrer Generation unzählige gibt; eine kinderreiche und daher etwas chaotische Familie zieht in eine Vorstadtsiedlung, hält dort diverse Tiere an denen die Kinder ihre helle Freude haben, der Vater trinkt und die Mutter verzweifelt daran, verlässt ihn aber nicht. Auf der anderen Seite ist es hervorragend recherchierter investigativer Journalismus zum Thema Atomwaffen, Umweltverschmutzung und Vertuschung auf staatlicher Ebene. Beide Teile sind über den Verlauf der Geschichte durchgängig miteinander verknüpft, ebenso wie die Kindheit und Jugend in der vermeintlichen Vorstadtidylle untrennbar mit den Umweltverbrechen der amerikanischen Atomindustrie vor Ort verwoben ist.

Ab und zu liest sich das Buch daher wie ein Thriller, dann wiederum wie ein Familienroman und schlussendlich erinnert es, wenn die (zum großen Teil krebskranken) Anwohner gegen den Konzern, der die Fabrik betreibt, vor Gericht ziehen, an ein amerikanisches Zivilrechtsdrama á la „Erin Brochovich“. Doch die Lektüre von „Full Body Burden“ ist nicht nur spannend, sondern beunruhigt diese Leserin auch. Denn wer weiß schon, was sich in Land, Luft und Wasser alles tummelt an Teilchen, die zwar unsichtbar, aber trotzdem allzu schnell sich einverleibt sind, um über die nächsten Jahre und Dekaden Schaden anzurichten, der einen letztlich ins Grab bringt. Insofern ist dieses Buch trotz der autobiografischen Anteile eine harsche Abrechnung mit gängiger industrieller Praxis, die sich wenig um die Sicherheit des Individuums schert, solange am Ende der Gewinn stimmt. Pflichtlektüre also für Verbraucherinnen, die mitdenken, statt nur zu konsumieren!

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Von Marathonmännern, bekifften Aliens und einer Ewigkeitsmaschine…

Terézia Moras „Ungeheuer“ hat mich Anfang des Jahres schwer beeindruckt. Daher zögerte ich nicht lange, als ich von ihrer neuen Veröffentlichung erfuhr und schon bald hatte ich das Buch im Briefkasten. Kurzgeschichtenbände sind ja bekanntlich die Stiefkinder der Literaturindustrie, aber im (virtuellen) Regal der Bücherphilosophin sind sie trotzdem immer willkommen…

Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora
Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora

Ein Ausflug ans Meer soll ein junges Paar zusammenführen. Ein Nachtportier fühlt sich heimlich zu seiner Halbschwester hingezogen. Eine Unidozentin flieht vor einer gescheiterten Beziehung und vor der Auseinandersetzung mit sich selbst. Ein japanischer Professor verliebt sich in eine Göttin. Kunstvoll erzählt Terézia Mora in »Die Liebe unter Aliens« von Menschen, die sich verlieren, aber nicht aufgeben, die verloren sind, aber weiter hoffen. Wir begegnen Frauen und Männern, die sich merkwürdig fremd sind und zueinander finden wollen. Einzelgängern, die sich ihre wahren Gefühle nicht eingestehen. Träumern, die sich ihren Idealismus auf eigensinnige Weise bewahren. Mit präziser Nüchternheit spürt Mora in diesen zehn Erzählungen Empfindungen nach, für die es keinen Auslass zu geben scheint, und erforscht die bisweilen tragikomische Sehnsucht nach Freundschaft, Liebe und Glück.

In ihrer neusten Veröffentlichung „Die Liebe unter Aliens“ zeigt Terézia Mora gleich zehn Mal, was sie als Schriftstellerin so kann. Vom Ton her erinnern mich die Geschichten allesamt ein wenig an „Das Ungeheuer“; nicht direkt pessimistisch aber zumindest der tristeren Seite der menschlichen Existenz zugewandt. Laut Klappentext geht es hier um Einsamkeit und Sehnsucht, und das kann ich persönlich so unterschreiben. Terézia Moras Figuren fehlt irgendwas; manchmal ist dieses etwas klar zu benennen, dann wiederum geht es um schwer greifbare Dinge, um innere Zustände, denen sich die Figuren selbst oft nicht ganz bewusst sind. Über Zeit und Raum erhaben kämpfen sie sich durch ihren Alltag, durchqueren sie die Straßen einer namenlosen Stadt, diese Leserin immer an ihrer Seite, die Ohren gespitzt, während mir Autorin Terézia Mora über die Schulter schaut und die Geheimnisse der Figuren zuflüstert.

Mein persönliches Highlight leitet diese Sammlung gleich ein, und bleibt bis zum Ende unerreicht, auch wenn die Konkurrenz ihm hart auf den Fersen ist. Es ist „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“ eine Geschichte über einen Mann mittleren Alters, der auf offener Straße von einem jungen Migranten beklaut wird und diesen anschließend durch die Straßen der Stadt verfolgt. Während die Häuser und Viertel an den beiden vorbei ziehen enthüllt sich die Geschichte des „Marathonmannes“ und gibt die Sicht auf eine im Grunde einsame, oder zumindest sehr eigenbrötlerische, Existenz frei. Danach kommt gleich die Titelgeschichte in der diese Leserin einem verliebten Paar Teenager ans Meer begleitet. In „Perpetuum mobile“ erinnert sich die Hauptfigur an seinen besten Freund aus Kindertagen. „Ella Lamb in Mullingar“ thematisiert die innere Zerrissenheit einer arbeitenden Mutter.

Jede einzelne dieser Geschichten, und der weiteren sechs, die ihnen folgen, umkreist die Isolation ihrer Figuren, ob es sich nun um körperliche oder emotionale Isolation handelt, mit Worten, spricht diese aber nie direkt an. Terézia Moras Figuren sehnen sich nacheinander, so wie das Geschwisterpaar aus „Verliefen sich im Wald“ das sich um die übrige Familie nicht zu verprellen nur zweimal im Jahr und zudem heimlich treffen kann. Oder die schwarz arbeitende Putzfrau aus „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“ die fiebernd vor Sehnsucht auf ihren Lebensgefährten wartet, der fernab von zuhause seinen künstlerischen Ambitionen freien Lauf lässt. Ihre Figuren sind heimatlos, ziellos, auf der Suche nach alten und neuen Freunden, wie zum Beispiel die junge Studentin aus „á la recherche“ die zwanghaft durch die Straßen Londons wandert oder der pensionierte Japanologieprofessor, der im Ort seiner Kindheit zum Tempel der titelgebenden „Göttin der Barmherzigkeit“ pilgert.

Wie das bei Kurzgeschichten oft der Fall ist, spielt sich vieles zwischen den Zeilen ab. Hier enthüllen sich die Geheimnisse der Figuren, deren innere Welten, Kämpfe und Hoffnungen. (Die Melancholie dieser Erzählungen tropft quasi von den Seiten und macht mir als Leserin das Herz zumal sehr schwer.) Terézia Mora verzichtet dabei auf jegliche Effekthascherei und lässt ihren Geschichten Raum sich in ihrem eigenen Tempo zu entfalten, ohne sie handlungstechnisch in die eine oder andere Richtung, bzw. auf ein vorkonzipiertes Ende, zu zu treiben. Manchmal führt das dazu, dass nicht viel passiert und der jeweiligen Geschichte das gewisse Etwas fehlt. Selten sind die Geschichten in „Die Liebe unter Aliens“ so originell wie „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“. Doch war ich vor der Lektüre durchaus darauf gefasst; Kurzgeschichtenbände sind wie Pralinenschachteln, jeder Griff zum Buch birgt eine Überraschung und manchmal mag man als Leserin was man kriegt, beim nächsten Mal wiederum eher weniger und anschließend ist man wiederum positiv überrascht.

Insgesamt ist „Die Liebe unter Aliens“ ein überaus lesenswertes Buch, das, wie sollte es bei der Gewinnerin des deutschen Buchpreises 2013 Terézia Mora auch anders sein, beeindruckend aber dabei nie selbstüberhöhend geschrieben ist. Terézia Mora verzichtet darauf sich auf den Seiten ihres Buchs zu profilieren und wie viele ihrer Kollegen mit stilistischen Sperenzchen zu protzen. Sie liefert stattdessen zehn Geschichten ab, die fast ein bisschen zu „understated“ daher kommen. Sie setzt sich mit Gefühlen auseinander, die nur die wenigsten von uns sich offen eingestehen wollen, schreibt über Sehnsucht, Trennungsängste und Einsamkeit. Damit trifft sie diese Leserin dort, wo es am schmerzhaftesten ist, doch genau deshalb möchte ich Dir „Die Liebe unter Aliens“ an dieser Stelle auch wärmstens empfehlen.

Die Liebe unter Aliens – Terézia Mora – ISBN 978.3.630.87319.0

Für Leserinnen, die…

  • …von ihrer Lektüre gefordert werden wollen.
  • …die Geschichte zwischen den Zeilen erspähen.
  • …lieber ihren Zeh ins Wasser halten, bevor sie einen Kopfsprung wagen.

Literarische Nachbarn…

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(#02/2016) Aller guten Sachbücher sind 3…!

Nach einer fehlgeschlagenen Behandlung hatte sich mein Zustand für einige Woche so verschlimmert, dass ich Schwierigkeiten hatte Sprache zu verstehen, ob nun gesprochen oder geschrieben. Meine zwischenzeitliche Lektüre lag also erst einmal auf Eis, das eigene Zimmer staubte etwas ein. Nach und nach ging es mir besser, dann kam der Brexit und ich las nur noch Zeitung. Jetzt, da sich sowohl die gesundheitlichen als auch die politischen Wogen etwas geglättet haben, möchte ich endlich wieder durchstarten. Und wie könnte ich dies besser tun, als mit einem Kleeblatt aus Sachbuchempfehlungen.

Für (Lebens)hungrige…

41jxSN6F9CL._SX331_BO1,204,203,200_„Kid Rex“ von Laura Moisin… After knowing other friends with anorexia and being baffled by their behavior Moisin suddenly found herself prone to the same disease. She learns how to deceive the therapists her worried family sends her to, so they’ll misdiagnose her and let her continue to be anorexic. When she recognizes that she has a serious problem, though, she finally owns up to a therapist working at her university. Shortly after this devastating therapy visit, the Twin Towers fall in the September 11th attacks, and Moisin watches it happen from her apartment window. Her ensuing depression quickens her already dangerous downward spiral.

In „Kid Rex“ wiederholt sich eine Geschichte der Selbstkasteiung, die ich so oder so ähnlich schon oft gelesen habe. Was Laura Moisin in der Beschreibung ihres Kampfes gegen die Hungersucht anders macht, ist dass sie nicht abblendet, wenn es um ihren steinigen Weg zu einem gesunden Gewicht geht – so wie es viele andere Autobiografien des Genres tun. Wundern tut es mich nicht, schließlich will sich nicht jede junge Frau an jede Einzelheit ihres Krieges gegen sich selbst, bzw. der zähen Friedensverhandlungen erinnern, die öfter zu nichts führen als dass sie von Erfolg gekrönt wären. Ich allerdings werde nicht müde mich in die verfeindeten Parteien einzufühlen, auch wenn es nicht leicht ist zum Mitwisser von so viel selbstverursachtem Leid zu werden.

„Kid Rex“ ist ein interessantes Buch, doch im Vergleich zu anderen Anorexie-Memoiren schwächelt es ein bisschen. Als Leserin hatte ich meine liebe Mühe mit der Autorin, die zumindest anfangs eine mir persönlich sehr unangenehme arrogante Art an den Tag legt. Dennoch zeichnet ihre Erzählung ein realistisches Bild von den Erfolgen und Rückschlägen im Kampf gegen die Magersucht, das ich so noch nirgendwo gelesen habe. Laura Moisin zeigt ihrer Leserin, dass Therapien nicht zwangsläufig zur Genesung führen und dass selbst eine als geheilt geltende Frau wieder in die Krankheit abrutschen kann, bzw. dass es dafür nicht einmal viel braucht. Leider neigt Laura Moisin dazu über Ereignisse, die sie als unwichtig einstuft schnell hinweg zu gehen und das macht ihre Autobiografie etwas unstet, schwankend zwischen Detailreichtum und erzählerischer Oberflächlichkeit.

Am besten kombiniert mit…

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Für Körperbewusste…

61gk6Z7YcEL._SX312_BO1,204,203,200_„Die stille Macht der Mikroben“ von Alanna Collen… Unser Körper besteht nur zu zehn Prozent aus menschlichen Zellen. Die eigentlichen Chefs unserer inneren Steuerungssysteme sind Billionen von Mikroben – Bakterien und Pilze, die einen enormen Einfluss auf unsere Gesundheit haben und sogar unser Denken beeinflussen. Übertriebene Hygienemaßnahmen, ungünstige Ernährungsgewohnheiten und Antibiotika bringen den Mikrobenhaushalt empfindlich aus der Balance. Eine maßgeschneiderte »mikrobenfreundliche« Ernährung könnte chronisch Kranken neue Hoffnung bringen und unser aller Wohlbefinden verbessern.

Darüber wie sehr die verschiedenen Mikroben, die sich auf dem und im menschlichen Körper befinden, meine Gesundheit beeinflussen habe ich mir vor der Lektüre von „Die stille Macht der Mikroben“ nie wirklich Gedanken gemacht. Ehrlich gesagt versuchte ich den Gedanken daran aktiv auszublenden, schließlich ist es keine angenehme Vorstellung, dass es zum Beispiel auf jedem Zentimeter meiner Haut kreucht und fleucht, das ich mehr Habitat als Mensch zu sein scheine. Doch Alanna Collen versichert mir in ihrem Buch, dass diese Kolonisierung meines Körpers durch Mikroben schon so seine Richtigkeit hat, ja sogar dass zu wenige mikroskopische Mitbewohner den Körper ohne adäquaten Schutz gegen Krankheiten, oft autoimmun, und Allergien lassen. Insofern bin ich nach der Lektüre von „Die stille Macht der Mikroben“ nicht nur um einiges klüger und körperbewusster, sondern auch fest entschlossen von nun an für meine eigenen Mikroben ein freundliches Klima herzustellen.

Wer den Gedanken ertragen kann nicht vollkommen im Besitz des eigenen Körpers, ja sogar des eigenen Gehirnes, zu sein, für den hält dieses Buch ein wahres Festmahl aus Informationen bereit. Die Autorin trägt hier allerhand Forschung zusammen, die teils nachdenklich und teils hoffnungsvoll macht – so stellt sie u.a. in Aussicht irgendwann einmal Autoimmunkrankheiten wie z.B. Multiple Sklerose heilen und Behinderungen wie z.B. Autismus lindern zu können. Abgesehen davon ist das Buch auch randvoll mit ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen, die für seine Leserin im Alltag schon jetzt umsetzbar sind, um eine gesunde Verdauung zu fördern, indem sie erwünschte Mikroben im Darm ansiedelt und unerwünschte Populationen klein hält. Dahingehend hat sich Alanna Collen vor allem auf den inflationären Gebrauch von Antibiotika eingeschossen, der die Vielfalt im menschlichen Darm wie nichts sonst zerstört. Insgesamt ist „Die stille Macht der Mikroben“ Pflichtlektüre für jede, die den eigenen Körper kennen und pflegen lernen möchte; es ist dabei sowohl informativ als auch eingängig.

Am besten kombiniert mit…

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Für Nimmersatte…

41Fc2R7hWhL._SX328_BO1,204,203,200_„Swallow This – Serving Up the Food Industry’s Secrets“ von Joanna Blythman… Even with 25 years experience as a journalist and investigator of the food chain, Joanna Blythman still felt she had unanswered questions about the food we consume every day. How ’natural‘ is the process for making a ’natural‘ flavouring? What, exactly, is modified starch, and why is it an ingredient in so many foods? What is done to pitta bread to make it stay ‚fresh‘ for six months?  Determined to get to the bottom of the impact the industry has on our food, Joanna Blythman has gained unprecedented access to factories, suppliers and industry insiders, to give an utterly eye-opening account of what we’re really swallowing.

Zwar bezieht sich Journalistin Joanna Blythman in „Swallow This“ vor allem auf die britische Lebensmittelindustrie, doch in Zeiten der Globalisierung kann man als Leserin getrost davon ausgehen, dass die hochprofitablen, gleichsam aber äußerst unappetitlichen Herstellungsmethoden längst nach Deutschland exportiert sind. Insofern geht „Swallow This“ auch deutsche Leserinnen etwas an, vor allem wenn diese daran interessiert sind, was heutzutage alles so in Fertiggerichten steckt, warum Obst und Gemüse nicht mehr schimmlig, sondern nur noch schrumpelig werden und was das alles im schlimmsten Fall mit des Endverbrauchers Gesundheit anstellt. Ich persönlich war mehr als schockiert, dachte ich doch ich würde mich bewusst und somit auch gesund ernähren – weit gefehlt, denn Joanna Blythmans Buch hat mich über mein Essen aufgeklärt.

Joanna Blythman schleicht sich in Lebensmittelfrabriken und auf die Messen der Chemiebranche, die längst schon mit der Lebensmittelbranche fusioniert zu haben scheint. Ich lese derweil ihren Bericht und mich packt das kalte Grausen, wenn ich von Schutzatmosphäre in der Fleischtheke höre, von bedampftem Obst und chemischen Zusätzen selbst im, von mir früher so verehrten, griechischen Joghurt. Das und mehr gelangt dann in meinen Körper, macht mich schleichend krank, wird mir aber als Verbesserung verkauft. Joanna Blythman wischt mir die Schuppen von den Augen, berichtet von angeblichen Industriegeheimnissen, die als Deckmantel für Giftstoffe in der Nahrung fungieren, davon wie Hersteller fragwürdige Zusatzstoffe vom Etikett mogeln. Die Enthüllungen in „Swallow This“ werden interessierten Leserinnen im Halse stecken bleiben, sind es aber wert gehört zu werden.

Am besten kombiniert mit…

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