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(Feminismen) Eine Transfrau schreibt über den Kreuzzug des Patriarchats gegen die Weiblichkeit…

In den zwei Jahren seitdem ich meine Erkundungsreise durch das feministische Sachbuchgenre begann, habe ich viele Stimmen zu den verschiedenen Aspekten des Themas gehört. Während die zu Papier gebrachten Meinungen teils weit auseinander gingen, waren ihre Autorinnen doch bisher überwältigend cis-gender Kaukasierinnen (eine Ausnahme ist Roxane Gay). Insofern stürzte ich mich auf diese Lektüre in der sich eine transsexuelle Frau zu Wort meldet und Dinge anspricht und ausspricht, die ich von ihren Kolleginnen in meinem Bücherregal so noch nicht gehört habe…

51-byitjfql-_sx331_bo1204203200_In Whipping Girl Julia Serano shares her powerful experiences and observations to reveal the ways in which fear, suspicion, and dismissiveness toward femininity shape our societal attitudes toward trans women, as well as gender and sexuality as a whole. In this provocative manifesto, she exposes how deep-rooted the cultural belief is that femininity is frivolous, weak, and passive, and how this “feminine” weakness exists only to attract and appease male desire. In addition to debunking popular misconceptions about transsexuality, Serano makes the case that today’s feminists and transgender activists must work to embrace and empower femininity—in all of its wondrous forms.

Wie ich in der Einleitung schon angedeutet habe liefert „Whipping Girl“ eine mir bisher unbekannte Perspektive auf die Unterdrückungssysteme des Patriarchats und eine Hypothese dazu, warum der gesellschaftliche Aufstieg von Frauen durch Talent und harte Arbeit alleine, auch nach den Anstrengungen und (Teil)Erfolgen des Feminismus diverser Generationen, um einiges steiniger ist, als der ihrer männlichen Pendants. Dabei führt Julia Serano nicht nur die am Arbeitsplatz lange etablierten Netzwerke der Männer, für die berufstätige Frauen noch kein adäquates Gegenstück haben, als Argument ins Feld, dafür dass Frauen hinter ihren männlichen Kollegen zurück bleiben, sondern holt in ihren Thesen und Erklärungsversuchen auch um einiges weiter aus. Für Julia Serano liegt die Ungleichheit des Systems nämlich in seiner binären Struktur an sich, in der wir Menschen in weiblich und männlich aufteilen und dementsprechend be-, bzw. abwerten.

Was das angeht weiß die Autorin wovon sie schreibt, wuchs sie doch als Mädchen in einem Jungenkörper auf, den sie erst im Erwachsenenalter mit Hormonbehandlungen zu dem machen konnte, was er für sie selbst immer war – einem weiblichen Wesen. Diese Angleichung von gefühltem und körperlichen Geschlecht beschreibt die Autorin ebenso wie die Art und Weise, wie sich die Sichtweise anderer Menschen auf sie veränderte, sobald die Hormontherapie ihre volle Wirkung entfaltete. Sie erzählt mir davon wie selbst politisch korrekte Menschen oft eine morbide Faszination für transsexuelle Körper haben und sich ohne Vorwarnung zum Beispiel danach erkundigen, ob sie sich schon die Genitalien hat angleichen lassen. Julia Serano prangert aber nicht nur die Art an, auf die (viele aber natürlich nicht alle) Cis-gender mit Transsexuellen umgehen, sondern auch wie transsexuelle Körper zum Beispiel in den Medien fetischisiert werden. Als, wie Julia Serano sich ausdrückt, „factory-issue woman“ und Medienkonsumentin gibt mir das reichlich zu denken.

Doch wer meint der einzige Sinn und Zweck von „Whipping Girl“ sei es mit Vorurteilen gegenüber Transsexualität aufzuräumen, der unterschätzt dieses Buch gewaltig. Denn indem Julia Serano sich darüber aufregt, dass oft völlig Fremde sich nach ihrem genitalen Status erkundigen und nichts dabei zu finden scheinen, entlarvt sie die Künstlichkeit des binären Geschlechtersystems. Denn die Frage nach Operationen und Hormontherapien wird nicht nur aus Neugierde gestellt, der Fragende versucht über die Antwort zu tangieren mit wem er es denn nun zu tun hat – Männlein oder Weiblein – und wie er sich darauf bezogen zu seinem Gegenüber verhalten soll. Das Individuum verschwindet im Klischee seiner Geschlechtsidentität, was weniger beunruhigend wäre, wenn unsere Gesellschaft nicht eine klare Hierarchie der Geschlechter etabliert hätte. An deren Spitze stehen seit dem Beginn der Agrikultur die Männer, danach kommen die Frauen und das Schlusslicht bilden non-binäre Menschen, zu denen Julia Serano sich selbst lange gezählt hat, mit deutlicher Tendenz zur Frau.

Doch es ist nicht nur das Patriarchat, und die damit verbundene Überhöhung von Männlichkeit, welches Julia Serano in „Whipping Girl“ aufs Korn nimmt, sondern die Verteufelung der Weiblichkeit, die damit einher geht. Diese Ablehnung alles fraulichen als künstlich und affektiert wird so, laut der Autorin, übrigens auch von führenden Feministinnen praktiziert und propagiert. Was das angeht bietet „Whipping Girl“ eine kritische Perspektive auf eine durchaus nicht perfekte Bewegung, mit einer langen Geschichte der Ausgrenzung von Transfrauen (aber nicht von Transmännern), die trotzdem nicht weniger feministisch ist als die ihrer cis-gender Kolleginnen. In dieser Streitschrift für die Weiblichkeit kämpft Julia Serano aber nicht etwa für das Recht auf klassische Rollenbilder, Make Up und Spitzenhöschen, sondern für die Freiheit der Gefühle unabhängig vom Geschlecht, für Männer die ungeniert weinen und ungebeten umsorgen und für Frauen die Stärke zeigen, nicht nur weil sie Angst vor ihrer eigenen Sanftheit haben.

Insgesamt öffnet „Whipping Girl“ seiner Leserin die Augen für die gravierenden Folgen der Hetzjagd auf alles weibliche, die bei Jungen schon im Grundschulalter kultiviert wird und bei Frauen dann beginnt, wenn sie sich zum Feminismus bekennen. Die traditionellen Feministinnen der zweiten Generation kommen dabei nicht immer so gut weg, aber diese Kritik muss eine Menschenrechtsbewegung von dieser Größe auch mal aushalten können. Darüber hinaus bietet dieses Buch eine ungewöhnlich erleuchtete Perspektive auf das binäre Geschlechtersystem von einer Autorin die sowohl Mann als auch Frau war und sich nicht nur mit der gesellschaftlichen Reaktion auf und den Erwartungen an ihr jeweiliges Geschlecht auskennt, sondern auch am eigenen Leib erfahren hat, was die dazugehörigen Geschlechtshormone mit dem Menschen der ihnen ausgesetzt ist machen. Somit ist „Whipping Girl“ nicht nur ein Plädoyer für die Weiblichkeit, sondern auch für die Freiheit des Einzelnen seine oder ihre persönliche Wahrheit zu leben, ohne Schikane von anderen.

Whipping Girl: A transsexual woman on sexism and the scapegoating of femininity – Julia Serano – ISBN 978.1.580.05622.9

Für Leserinnen, die…

  • …ihre Weiblichkeit nicht abwerten wollen.
  • …für neue Rollenbilder offen sind.
  • …sich einen inklusiveren Feminismus wünschen.

Literarische Nachbarn…

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(Neuerscheinung) Vom Untertauchen und Verschwinden, und dem, was übrig bleibt…

Auf diesen Roman bekam ich spontan Lust, als ich ihn im Twitterfeed einer Bloggerkollegin sah. Zunächst beneidete ich sie um ihre Lektüre, dann ging mir auf – das Buch hast du doch selbst im Regal; und schon hatte ich es mir geschnappt und bin für zwei Tage ganz und gar darin abgetaucht. Jetzt allerdings hole ich endlich Atem…

9783961010073_coverMilla und Jan kennen sich seit Kindertagen. In einem heißen Sommer fahren sie gemeinsam mit Jans Freundin Kristina ans Meer. Drei Tage lang schweben sie zwischen Angst, Liebe und Sehnsucht. Bis sich alles bei einem heftigen Gewitter katastrophal entlädt. Jan überlebt nicht. Vier Jahre später sind Milla und die kleine Emma an einem kalten Morgen durch die große Stadt unterwegs. Da findet Milla etwas, das sie an Jan erinnert und stellt sich endlich der Vergangenheit.

Während ich lese, läuft im Hintergrund die Spotify Playlist „Maximale Konzentration“ und die Melancholie der Klavierakkorde, verbunden mit der zeitweisen Schwermütigkeit des Textes führt fast dazu, dass mir während der Lektüre Tränen die Wangen hinunter laufen. Letztlich kann ich mich dann doch zusammen reißen und meine Anteilnahme an den Problemen der Hauptfigur auf ein für mich als Leserin angenehmeres Niveau herunter schrauben. Meine für mich persönlich ganz untypische emotionale Verbundenheit mit dem Text bleibt jedoch über die Dauer der Lektüre bestehen. Sie fügt meinem Leseerlebnis eine Dimension hinzu, die ich im Nachhinein nicht missen möchte und in meiner Folgelektüre „Das Rauschen in unseren Köpfen“ zu wiederholen versuche, was mir aber leider nicht in dieser Weise gelingt.

Die Geschichte von Milla, ihrem besten Freund Jan und dessen Freundin Kristina nimmt nur langsam Fahrt auf. Ich werde zunächst einmal Zeugin von Alltagsverrichtungen, die für den weiteren Verlauf der Handlung konsequenzlos scheinen, gleichzeitig aber auch schon am Anfang der Geschichte einige Fragen aufwerfen, mit deren Beantwortung sich die Autorin Zeit lässt. Kein Problem, Frau Pousset, ich habe Zeit mitgebracht und bin nicht ungeduldig – der Weg ist das Ziel, oder so ähnlich. Also übe ich mich in Achtsamkeit und schaue der Handlung dabei zu, wie sie sich Stück für Stück entfaltet, wie ein sich herbstlich entlaubender Baum; und denke mir dabei, dass „Schwimmen“ vom Ton her und trotz der im französischen Sommer verorteten Rückblenden, im Grunde das perfekte Buch für diese nass-kalte Übergangszeit ist. Denn während ich es lese fühle auch ich mich irgendwie nass-kalt und klamm, natürlich vor allem innerlich, sitze ich doch in der warmen Stube, mit meinem Buch auf dem Schoß und dem Dampf heißen Tees im Gesicht.

Die verkappte Dreiecksgeschichte zwischen Milla, Jan und Kristina wird in Rückblenden erzählt, die wie Blitzeinschläge in schwärzester Nacht die Handlung teilen, oft ganz abrupt. Shakespearsche Dramen spielen sich ab in Millas Kopf, während sie Jan und Kristina dabei zuhört, wie sie im Ferienhaus ankommen, das sich die drei über den Sommer teilen werden. Auch nach Monaten in denen die beiden eher sporadisch Kontakt hatten, lässt Milla alles stehen und liegen, lässt ihre Pariser Freunde und Kommilitonen zurück, sobald Jan anruft. Nur sind sie diesen Sommer eben nicht alleine und Milla stört dies letztlich doch um einiges mehr als sie anfangs von sich dachte. Als Leserin denke ich, da haben sich zwei verpasst, wie schade. Dann wiederum denke ich, warum müssen aus Jugendfreunden eigentlich immer Liebesbeziehungen werden, besonders in Debütromanen?!

Als die Drei nach einem Tag am Strand, anschließender rasanter Wetterflucht und Millas dramatischem Sturz vom Fahrrad, auf dem Weg zurück zum Ferienhaus, dann vollkommen unerwartet und uneingeleitet zusammen unter der Dusche landen, bekomme ich als Leserin den Eindruck meine Generation, zu der auch die Autorin Sina Pousset gehört, hat zu viele Pornos geschaut. Alles an dieser Szene schreit Männerfantasie, auch wenn sie zunächst lediglich die zwei jungen Frauen einschließt – doch der Männerblick kommt für die meisten von uns Frauen jenseits der Pubertät schließlich auch von innen. Gleichzeitig fühle ich mich an das französische arthouse Kino der frühen 00er Jahre erinnert; nur dass die Franzosen es irgendwie besser hinkriegen, wie beiläufig die Taboos brechen, die für meine Lesergeneration schon lange keine mehr sind.

Eine ganz andere Art Dreiecksgeschichte, weniger Drei-X Geschichte und mehr Patchwork-Familie wider Willen oder zumindest wider Erwarten, ist die Beziehung zwischen Milla, ihrem Ziehkind Emma und der am Leben und an sich selbst leidenden Kristina. Diese scheint nach allem, was in diesem alles verändernden und alles in Frage stellenden französischen Sommer passiert ist, ihre anfängliche Freigeistigkeit eingebüßt zu haben. Sichtlich verzweifelt klammern sich die beiden Frauen aneinander und versuchen der Willkür des Schicksals einen Sinn zu geben. Dass Sina Poussett all diese Trauerarbeit erst vier Jahre nach dem eigentlichen Trauerfall geschehen lässt, finde ich im Nachhinein etwas unglücklich komponiert. Während der Lektüre allerdings war ich zu beschäftigt mit dem hin und her zwischen Vergangenheit und Gegenwart, um inne zu halten, meinen Rezensentinnen-Hut aufzusetzen und kritisch zu reflektieren.

Während die Binnenerzählung um Jan eine Unmenge an erzählerischem und gedanklichem Raum einnimmt, kommt die, aus der Tragödie erwachsene, Frauenfreundschaft zwischen den ehemaligen Rivalinnen Milla und Kristina meiner Meinung nach etwas zu kurz; scheint wenig mehr als ein nachträglicher Gedanke. Auch Jahre nach seinem abrupten wie unerklärten Verschwinden aus dem Leben der beiden Frauen, ist Jan der Dreh- und Angelpunkt ihres Erlebens und Fühlens. Seine Erinnerung nimmt den Raum von zwei Figuren ein, nimmt Milla und Kristina den Raum zum Atmen. Sein Echo bestimmt ihren Alltag, der im Grunde nur aus Warten zu bestehen scheint. Milla wartet darauf, dass Kristina sich endlich berappelt und Verantwortung übernimmt. Kristina wartet darauf, dass die Erinnerung, dass das Wachsein, das sich bewusst werden, weniger schmerzt. Ich warte darauf, dass Sina Pousset mir endlich die ganze Geschichte erzählt, und dass die heimliche Hauptfigur Jan die beiden Frauen schließlich gehen lässt in eine Zukunft, in der er nicht mehr wie eine Wolke alle lichten Momente verdunkelt.

Sina Pousset spielt mit emotionalen Zuständen, sowohl denen der Figuren als auch denen dieser Leserin, wie der Mond mit den Gezeiten oder eine satte Katze mit einer Maus. Sie zieht mich in die Geschichte, lässt mich den Figuren ganz nahe kommen, nur um mich in dem Moment in dem ich glaube sie zu kennen, vor den Kopf zu stoßen. Sie stürzt ebendiese Figuren in einen Abgrund der Trauer, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Wie bloß soll es weitergehen mit den beiden jungen Frauen, frage ich mich voller Mitleid. Sina Poussett beschreibt in ihrem Debütroman „Schwimmen“ die Stille nach dem Schuss. Mir pfeifen die Ohren, während die Figuren noch damit beschäftigt sind sich gegenseitig nach Wunden abzusuchen. Diese Wundensuche fördert unangenehmes zu Tage; „Schwimmen“ ist kein Wohlfühlroman, aber am Ende (der Lektüre) geht das Leben trotzdem weiter, irgendwie.

Schwimmen – Sina Pousset – ISBN 978.3.961.01007.3

Für Leserinnen, die…

  • …an alten Lasten schwer zu tragen haben.
  • …Verantwortung übernehmen, für diejenigen, die sie lieben.
  • …neugierig sind auf die junge deutsche Gegenwartsliteratur.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Verloren im weiten Raum der Zeit, in dem alle Zeiten eins werden…

„Der weite Raum der Zeit“ war in meinem eigenen Zimmer lange ein Regalhüter, und das obwohl ich das Buch zur Zeit seiner Veröffentlichung unbedingt haben musste. Kaum trudelte es bei mir ein waren andere Dinge, andere Bücher vielleicht, wichtiger und wie im Flug ist über ein Jahr vergangen und ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau warum ich das Buch einmal hatte lesen wollen. Doch vertraute ich dieses Mal einfach der Erinnerung an meine einstige Euphorie und setzte endlich eine Lektüre in die Tat um, die ich vor langer Zeit kaum erwarten konnte…

41+Ai1+2JFL._SX311_BO1,204,203,200_Der Londoner Investmentbanker Leo verdächtigt seine schwangere Frau MiMi, ihn mit seinem Jugendfreund Xeno zu betrügen. In rasender Eifersucht und blind gegenüber allen gegenteiligen Beweisen verstößt er MiMi und seine neugeborene Tochter Perdita. Durch einen glücklichen Zufall findet der Barpianist Shep das Baby und nimmt es mit nach Hause. Jahre später verliebt sich das Mädchen in einen jungen Mann – Xenos einzigen Sohn. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und alte Wunden zu heilen, damit der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen wird.

Von Theaterschaffenden wird es oft als „Problemstück“ bezeichnet, Shakespeares „Wintermärchen“, das die Grundlage für „Der weite Raum der Zeit“ lieferte. Doch für Autorin Jeanette Winterson ist es Identifikationspunkt und Inspirationsquelle zugleich. Auch mich kann sie so von der Allgemeingültigkeit des Textes überzeugen, den ihre Übersetzung in die heutige Zeit noch zusätzlich sichtbar macht. Aus König Leontes wird Leo, der ehrgeizige Geschäftsmann, aus seinem Jugendfreund Polixenes wird Xeno, ein Computerspieleentwickler, und seine Frau Hermione wird zur Chansonsängerin MiMi; nur Perdita, die Verlorene, darf ihren Namen behalten, ist er doch so schön doppeldeutig. Auch die Schauplätze des Stücks erfahren bei Jeanette Winterson eine Modernisierung nach US-amerikanischem Vorbild. So wird aus Sizilien Little Sicily, ein Londoner Stadtteil, wo Leo und seine Firma Sicilia ansässig sind und Böhmen wird kurzerhand in New Bohemia umbenannt und in den Vereinigten Staaten verortet.

Das Buch selbst beginnt mit einem kurzen Abriss des Originals, was sich bei Berühmtheiten wie zum Beispiel „Romeo & Julia“ oder „Hamlet“ erübrigen mag, war für mich als Leserin eigentlich ganz hilfreich und daher äußerst willkommen; denn das Wintermärchen gehört schließlich nicht unbedingt zum Abiturwissen, auch nicht für Schüler mit Englisch Leistungskurs. Kurz überflogen vor der Lektüre des eigentlichen Romans, weckte die Zusammenfassung bei mir doch auch Lust auf das Original, und so nahm ich mir als Rezensentin die Freiheit und gönnte mir im Vorfeld meiner Besprechung eine Theaterproduktion via Youtube. Diese machte mich zusätzlich auf Parallelen und Unterschiede zwischen Original und Modernisierung aufmerksam; eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte und die stellenweise sicherlich in meine Rezension einfließen wird, ohne jedoch meine Sicht auf den vorliegenden Roman zu verfälschen. Denn dieser soll hier schließlich die erste Geige spielen.

Und so will ich an dieser Stelle auch keine weiteren Worte an die Einleitung verlieren, sondern gleich in die Lektüre einsteigen. Diese ist jedoch nicht ganz so willfährig, wie ich mir das als Leserin erhofft hatte, zunächst sperrt sie sich meinen Avancen gegenüber, ziert sich und lässt mich kämpfen. Dieses hin und her erinnert mich an MiMi und Leo deren Werben über ein Jahr dauert; und so ist auch diese Lektüre hier mein zweiter Anlauf, nach fast einem Jahr Pause, nur dass ich anders als Leo selbst den Weg zu meiner Geliebten auf mich genommen habe, so steinig er anfangs auch gewesen sein mag, und nicht etwa meinen besten Freund Xeno vorgeschickt habe, um das Buch an meiner Stelle zu lesen. Diese Schüchternheit Leos setzt den Grundstein einer Dreiecksgeschichte, die alle Figuren, allen voran seine geliebte MiMi ins Unglück stürzen wird – insofern bin ich ganz glücklich mit meiner Entscheidung die Herausforderung anzunehmen dieses zunächst etwas störrische Buch höchstselbst zu zähmen.

Ich beziehe mich im vorangegangenen darauf, dass „Der weite Raum der Zeit“ mit einem Prolog beginnt, der sobald ich mich eingelesen habe nichts mehr zur Handlung beiträgt. Ein harter Schnitt und Jeanette Winterson erzählt die Geschichte von Anfang an. Ich als Leserin bin etwas verwirrt und weiß kurz nicht wo ich mich befinde und wessen Geschichte ich da eigentlich lese – dies ist übrigens der Punkt über den ich in der ersten Lektüre des Buchs nie so wirklich hinaus gekommen bin, was ich im Nachhinein bereue. Denn mein Durchhaltevermögen im zweiten Anlauf zahlt sich aus, und schon bald fühle ich mich wie zu Hause in der bewegten Jugend von Leo und Xeno. Diese ausführliche Hintergrundgeschichte, welche die komplizierte Beziehung, vermint durch zahlreiche Altlasten und unausgesprochene Vorwürfe, zwischen den beiden Männern erklärt, bleibt Shakespeares Stück seiner Leserin schuldig. Die kreative Freiheit der Neuinterpretation jedoch gibt den Figuren eine Mehrdimensionalität, die zwar höchst spekulativ ist, die ich aber trotz allem nicht missen möchte.

Jeanette Winterson geht in diesem Teil der Geschichte sehr offen mit der jugendlichen Experimentierfreude und latenten Homosexualität ihrer Hauptfiguren um, verschweigt den Gewissenskonflikt mit dem das Anderssein in diesem Alter unweigerlich einhergeht jedoch nicht. Die rasende Eifersucht von König Leontes geschieht in „Der weite Raum der Zeit“ also nicht aus dem Blauen heraus, sondern begründet sich in seiner Verbundenheit den angeblich Liebenden gegenüber, wobei nicht nur seine Sekretärin Paulina sich offen fragt auf wen Leo eigentlich eifersüchtig ist, seinen Jugendfreund Xeno oder vielleicht doch die eigene Frau, die sich mit völliger Selbstverständlichkeit etwas zu nehmen scheint, das Leo schon seit Jugendjahren begehrt und sich doch zu leben, bzw. zu lieben verweigert. Diesen Aspekt findet man so nicht in Shakespeares Wintermärchen, allerdings hatte ich bei meiner Lektüre das Gefühl, die Beziehung zwischen Leo und Xeno erkläre das, was im folgenden Teil der Geschichte passieren wird, vor allem den überzogenen Grad von Leos Reaktion auf die scheinbare Affäre, zumindest ansatzweise.

So kreativ Jeanette Winterson auch mit dem Original umgeht, setzt ihr die Handlung des Shakespeare-Stücks doch Grenzen. Viele Szenen wirken willkürlich oder für die Entwicklung von Handlung und Figuren ein bisschen unnötig, und brechen völlig uneingeleitet auf diese Leserin ein; Figuren handeln scheinbar kopflos und in einer Weise, die für mich oft schwer, wenn nicht sogar gar nicht, nachvollziehbar ist. Das treffendste Beispiel ist hier wohl das oben erwähnte. Leos Raserei gegenüber einer Affäre, für die es trotz versteckter Kamera im ehelichen Schlafzimmer keinerlei Beweise gibt, sprengt jeden nachvollziehbaren Rahmen. Blind vor Wut beginnt er eine Gewaltorgie, die im herzlosen Wegschaffen – denn etwas anderes ist es nicht – der neugeborenen Perdita gipfelt. Eine Szene wie aus einer Boulevardzeitung – eifersüchtiger Ehemann kidnappt Sohn und Tochter. (Das kann ja nur in Tränen enden.)

Für Perdita geht die Geschichte dann aber doch ganz gut aus, scheint sie in Shep (dem Schäfer) und seinem erwachsenen Sohn Clo (Clown) doch eine Familie gefunden zu haben, der egal ist, welche Gene sie nun genau in sich trägt – so viel scheint schon im Prolog fest zu stehen. Als Leserin darf ich im zweiten Teil also aufatmen, darf mich nach all dem Drama, das so sicher auch Teil einer mexikanischen Seifenoper hätte sein können, etwas erholen. Gleichzeitig muss ich mich jedoch gedanklich an eine komplett neue Besetzung, samt Schauplatzwechsel und Zeitsprung, gewöhnen und das fühlt sich so an als zwinge mich die Autorin mich noch einmal einzulesen, und das nervt mich an diesem Punkt in der Lektüre gewaltig, hatte ich mich doch endlich in Little Sicily eingelebt. Lange dauert es jedoch nicht, bis ich mich in Sheps Bar wie zu Hause fühle und gespannt verfolge, wie sich die Geschichte entwickelt, Sheps Geburtstag gefeiert wird und Perdita quasi zufällig über ihre Geburtsfamilie stolpert.

Neben dem hochdramatischen Anfang der Geschichte verblasst die Wurzelsuche der Scheingeschwister Perdita und Zel fast ein bisschen. Als Leserin möchte ich zwar wissen, wie alles endet, ob ebenso tragisch wie es begonnen hat oder vielleicht doch versöhnlich. Shakespeare seinerseits hat mich zwar schon etwas gespoilert, jedoch weist der Roman genug Unterschiede zum Stück auf, dass ich mir als Leserin einreden kann, nicht genau zu wissen, was noch kommt. Den Anfang der Geschichte noch in unangenehmer Erinnerung traue ich Leo alles zu, selbst einen Doppelmord. Was im weiteren geschieht werde ich hier nicht erzählen; denn vielleicht möchtest du „Der weite Raum der Zeit“ ja ebenfalls lesen und es selbst herausfinden. Nur so viel sei an dieser Stelle gesagt, jede Figur bekommt ein Happy End, so weit hergeholt es auch sein mag – Shakespeare eben; wenn sich die (Königs)Familie am Ende nicht niedermetzeln, dann wird halt geheiratet.

Kann man Shakespeare modernisieren? Jeanette Winterson hat mich überzeugt – ja, man, bzw. frau kann! Ob frau dies auch tun sollte, diese Frage stelle ich mir im Anschluss an die Lektüre. Hin und her überlege ich, und meine spontane Reaktion, nachzulesen in den Anfangsparagrafen dieser Besprechung gibt mir die Antwort. Denn wenn „Der weite Raum der Zeit“ bei mir eine spontane Lust, bzw. eine Neugier auf das Shakespear’sche „Wintermärchen“ weckt, dann unterstelle ich dem Text einfach mal das Potenzial eine neue Lesergeneration für dieses eher weniger bekannte Stück des Barden zu begeistern. Ich tippe sogar darauf, dass dies der eigentliche Grund hinter der vom Hogarth Verlag angeleierten Modernisierungsreihe ist, bei der übrigens auch die diesjährige Trägerin des „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ Margaret Atwood mitgemacht hat; vielleicht bin ich da aber auch etwas zu idealistisch. Das letzte Wort, ein kleiner Stimmungsdämpfer, möchte ich daher der Autorin selbst überlassen…

„Das viele Nichts ist nichts. Und der Himmel ist nichts, die Erde ist nichts, ich bin nichts, Liebe ist nichts, Verlust ist nichts.“

Der weite Raum der Zeit – Jeanette Winterson – ISBN 978.3.813.50673.0

Für Leserinnen, die…

  • …sich zumindest ansatzweise mit dem Werk William Shakespeares auskennen.
  • …dramatische Wendungen über Figurenzeichnung stellen.
  • …ein dickes Fell haben; denn bei Shakespeare geht es wüst zu.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Vom Leben in der Traufe und anderswo…

Manchmal sind die Dinge, die mich und meine Lektüre zusammenbringen vollkommen alltäglicher Natur. So geschehen auch bei „und in diesem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“, dessen vorrangiger Pluspunkt für mich der Verlag war, bei dem dieses Buch erschienen ist. Der Luchterhand Literaturverlag ist mein absoluter Liebling aus dem RandomHouse, und daher dachte ich mir: Wenn diesem Verlag Doris Anselms Prosa gefällt, dann wird es mir bestimmt ebenso gehen. Alles weitere, siehe unten… 😉

51NgcJ6XbcL._SX311_BO1,204,203,200_Was ist der Auslöser für Veränderung in unserem Leben? Die Nachricht einer längst vergessenen Freundin, eine Kränkung zu viel, eine absurde Passion, der es plötzlich nachzugeben gilt. In Doris Anselms Erzählungen begegnen uns Karrieremenschen und Loser, Charismatiker und Verrannte, die diese Momente lostreten oder erleben. So wechselt ein Schmuckstück den Besitzer, unpersönlich und doch symbolträchtig. Am Ende ist ein Mädchen erwachsen geworden und ihr Lehrer ein Stück kindlicher. Dabei bleibt manches scheinbar Wichtige elegant in der Schwebe, um den Blick fürs Wesentliche zu öffnen. Ereignisse wirken aus der Vergangenheit in eine intensiv wahrgenommene Gegenwart hinein, ein bedrohlicher Unterton schwingt mit, ein böses Wuchern und Wachsen.

Wie jede Kurzgeschichtensammlung ist auch Doris Anselms „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gengenschlag aus“ ein Flickenteppich aus Narrativen, die mich als Leserin ansprechen und solchen, die mich kalt lassen, ebenso wie den diversen Schattierungen dazwischen. Doch etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet, denn Kurzgeschichtenbände sind wie eine Schachtel Pralinen, um eines der wohl bekanntesten cineastischen Klischees zu bemühen. Im Grunde mag diese Leserin Pralinen, und Kurzgeschichten, nur eben nicht jede; Und anders ging es mir mit der Lektüre von „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ auch nicht.

Wenn ich hier schreibe ich mag Kurzgeschichten so gerne, wie ich Pralinen mag, dann stimmt das nicht ganz. Mit Pralinen verbindet mich eine flammende Hassliebe, die aus einem Teufelskreis des Heißhungers und gleichzeitigen Gesundheitswissens (Stichwort: Zucker) erwächst, ebenso wie dem schamvollen Blick auf die Waage – denn um ganz ehrlich zu sein lese ich um einiges feministischer, als ich mich letztendlich verhalte. Kurzgeschichten allerdings will ich wollen, mit einer Intensität, die schon fast an Verzweiflung grenzt. Ich suche nun schon seit Jahren einen Zugang zu dieser Form und muss gestehen, dass ich ihn nur in Ausnahmefällen, wie zum Beispiel bei der Titelgeschichte von Benjamin Maacks Debüt „Monster“ oder „Marathonmann“ aus „Die Liebe unter Aliens“ von Terézia Mora, finde.

Natürlich bedeutet das nicht, dass ich einem Buch, wie „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ vollkommen ratlos gegenüber stehe. Ich kann schon einschätzen, bzw. identifizieren, was mich an welcher Geschichte besonders begeistert, berührt oder auch abschreckt und wie sich das auf meinen Gesamteindruck gegenüber dem Buch auswirkt. Nur bin ich eben nicht die Connaisseuse, die ich manchmal gerne wäre. Im Studium des Literarischen Schreibens habe ich schließlich mal gelernt, dass Kurzgeschichten die Feuerprobe eines jeden Schriftstellers darstellen. Wer eine gute Kurzgeschichte schreibt, dem liegt die literarische Welt zu Füßen, zumindest theoretisch. Doch habe ich weder als Schreibende, noch als Lesende, jemals so ganz begreifen können, warum – nicht mangels verbissener Versuche wohl gemerkt.

Insofern sind Kurzgeschichtensammlungen für mich ein bisschen so wie Opern. Im Grunde eine beeindruckende, hoch technische Kunstform, die jeden auflaufen lässt, der nicht weiß, was er tut. Eingängig sind sie aber nicht gerade, manchmal nicht einmal dann, wenn frau sich intensiver damit beschäfftigt. Doch bewege ich mich mit diesen Vergleichen immer weiter weg vom eigentlichen Thema dieses Beitrags, dem Debüt der „open mike“ Gewinnerin Doris Anselm. Und dieses hat das Potenzial selbst Kurzgeschichtenmuffel für diese Form zu begeistern, zumindest ab und zu – es hängt wie gesagt immer von der individuellen Geschichte ab. Doch bin ich zuversichtlich, was meine Behauptung angeht. Denn das Themenspektrum der 16 Geschichten ist so breit gefächert, dass man als Leserin schon zu einer unwahrscheinlichen Minderheit gehören muss, um sich nicht zumindest in einer von Doris Anselms Erzählungen wiederzufinden.

Was mir persönlich an „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ am besten gefällt ist, dass Doris Anselm in mehr als einer Geschichte schwul/lesbische Figuren auftreten lässt, deren Homosexualität nicht zum zentralen Thema der Geschichte gemacht, bzw. zu einen Spektakel für heterosexuelle Leserinnen aufgebauscht, wird. In „Juls Hände“ versucht der schwule Jul zwar der jungen Studentin Karli den Freund auszuspannen, doch wird dies nicht zum zentralen Punkt der Geschichte. Doris Anselm erreicht diese Verlagerung der Aufmerksamkeit ihrer Leserin dadurch, dass sie einer Außenstehenden das Erzählen überlässt. Ich, als Leserin, werde so Zeugin von deren unglücklicher Liebe zu Jul, während die Dreiecksgeschichte zwischen Jul, Karli und ihrem Freund zum Randgeschehen wird, das der Erzählung, ebenso wie den Figuren zusätzliche Tiefe, bzw. Mehrdimensionalität, verleiht.

In „Das Gartenjahr“ sind es zwei Frauen scheinbar fortgeschrittenen Alters, die sich eine Gartenlaube und auch das darin befindliche Bett teilen. In dieser Geschichte geht es jedoch nicht um ihre späte Liebe, sondern um ihre Armut, die sie dazu zwingt sich ganzjährig in einer Schrebergartenkolonie niederzulassen, auch wenn das eigentlich nicht erlaubt ist, und für die beiden zu Problemen führt. Es ist eine meiner Lieblingsgeschichten, denn vom Ton her erinnert sie mich an die schottische Schriftstellerin Ali Smith, deren Kurzgeschichten ich so gerne lese. Doris Anselm macht ihrer Leserin keine Geschenke, alles Wesentliche steht wie so oft zwischen den Zeilen. Ich werde zur Wahrsagerin und starre verzweifelt auf die Kristallkugel, welche die Autorin mir vor die Nase hält. Verdachtsmomente habe ich viele, doch mit Sicherheit weiß ich am Ende nicht einmal wer die Geschichte eigentlich erzählt.

In „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ betreibt Doris Anselm nicht nur die für ihre Schriftstellergeneration so typisch gewordene Nabelschau, sondern schreibt über Menschen aller Altersgruppen und sozialen Schichten. Mit wie viel Authentizität sie dies tut, kann ich als junge Frau der Mittelklasse, die zumindest in Deutschland keinerlei Berührungspunkte mit dem Präkariat hat, leider nicht beurteilen. Doch bin ich mir sicher, dass diese Offenheit gegenüber Erfahrungen abseits des Mainstreams „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ zu einem Buch macht, das auch denen Zugang, bzw. einen Identifikationspunkt, bieten kann, die nicht zum studentischen Berliner WGvolk gehören. Wenn es anders wäre, hätte ich ehrlich gesagt auch wenig Lust gehabt mich auf dieses Buch einzulassen. Die Universalität der Narrative, ob es nun um Themen wie Liebe, Lust & Obsession, so zum Beispiel gelesen in „Lametta“, oder Familie, Kindheit & Stadtflucht, so zum Beispiel gelesen in „einer kalten Natur“, geht; Doris Anselm scheint mich als Leserin und als Mensch zu kennen.

Kurzgeschichtenbände haben für mich als Rezensentin sowohl Vor- als auch Nachteile. Auf der einen Seite, weiß ich manchmal nicht, wo ich mit meiner Besprechung anfangen soll. Auf der anderen Seite fällt es mir schwer zum Ende zu finden, sobald ich den roten Faden in der Hand halte. Schließlich geht es hier nicht nur um eine Geschichte, sondern gleich um sechzehn Stück. Und ich könnte noch so viel erzählen, mich auf so viele Teilaspekte des Buchs beziehen – ja, vielleicht sogar jeder der 16 Geschichten eine eigene Rezension widmen. Doch das würde den Rahmen sprengen, den ich mir als Rezensentin für diese Besprechung gesetzt habe und daher begnüge ich mich an dieser Stelle damit dir, meiner geneigten Leserin, (hoffentlich) die Augen etwas wässrig gemacht zu haben, vor Neugier auf dieses Buch – diese Oper-esque Pralinenschachtel, deren Einzelteile nur darauf warten nun auch von Dir verköstigt zu werden.

und in diesem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus – Doris Anselm – ISBN 978.3.630.87526.2

Für Leserinnen, die…

  • …sich diese Form nicht nur zutrauen, sondern auch bereit sind sich, wenn nötig, einen Zugang dazu zu erkämpfen.
  • …bei Sprachgewandtheit und Schreibstil ihre Prioritäten setzen.
  • …sich manchmal im Leben, auf dem Land, in der Liebe gestrandet fühlen.

Literarische Nachbarinnen…

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Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora 42752463z

(Neuerscheinung) Über Männer, die die Welt erklären und Frauen, die es besser wissen…

Lange schon steht die englische Audioversion auf meinem Merkzettel bei audible.de. Da es sich bei diesem Buch um einen Essayband handelt, habe ich mich nie so ganz dazu durchringen können es zu kaufen. Denn Essays hören, dass bringt mich viel zu oft aus dem Lesefluss heraus. Daher freute ich mich als der btb Verlag die gedruckte Version für kleines Geld herausbrachte, und im Nu war die Entscheidung für das Buch getroffen…

Wenn Maenner mir die Welt erklaeren von Rebecca SolnitEin Mann, der mit seinem Wissen prahlt, in der Annahme, dass seine Gesprächspartnerin ohnehin keine Ahnung hat – jede Frau hat diese Situation schon einmal erlebt. Rebecca Solnit untersucht die Mechanismen von Sexismus. Sie deckt Missstände auf, die meist gar nicht als solche erkannt werden, weil Übergriffe auf Frauen akzeptiert sind, als normal gelten. Sie schreibt über die Kernfamilie als Institution genauso wie über Gewalt gegen Frauen, französische Sex-Skandale, Virginia Woolf oder postkoloniale Machtverhältnisse. Leidenschaftlich, präzise und mit einem radikal neuen Blick zeigt Rebecca Solnit auf, was längst noch nicht selbstverständlich ist: Für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern gilt es, die Stimme zu erheben.

Rebecca Solnits Buch besteht aus sieben Essays verschiedener Länge, der Kürzeste über den frischen Wind, den die gleichgeschlechtliche Ehe in eine zutiefst hierarchische Verbindung bringen wird, ist gerade mal zehn Seiten lang, ihr Essay über die Schriftstellerin Virginia Woolf ist wiederum ausführlich genug um sein eigenes schmales Büchlein zu verlangen. Wenn sie in Länge und Aufbau auch noch so verschieden sind, thematisch gleichen sich die Essays alle. Denn in „Wenn Männer mir die Welt erklären“ hat Rebecca Solnit ihre Gedanken zum Thema Feminismus, Patriarchat und Gewalt zusammengetragen, eine explosive ebenso wie introspektive Sammlung, die bei mir als Leserin und als Feministin einiges ausgelöst hat und mir dadurch wohl noch lange in guter und aufwühlender Erinnerung bleiben wird.

In Rebecca Solnits Essays geht es ebenso um aktuelle Themen, wie um persönliche und ab und zu auch mal um eine Herzensangelegenheit. Der titelgebende Essays zum Beispiel basiert auf den Erfahrungen der Autorin im Gespräch mit zumeist älteren Männern, die über Dinge schwadronieren, von denen sie keine Ahnung haben. Niemand wird gerne unterbrochen, schon gar nicht, wenn frau weiß wovon sie spricht, und doch ist dieser kleine Erfahrungsbericht, dem die Autorin natürlich noch ein paar kluge sozio-psychologische Eindrücke beigibt, noch verhältnismäßig erheiternd; vor allem dann wenn man sich dem nächsten Essay mit dem Titel „Der längste Krieg“ zuwendet, in dem es um Gewalt gegen Frauen geht und der selbst für Nicht-Betroffene schwer verdaulich sein dürfte. Und trotzdem ist gerade dieser Essay der meines Erachtens nach Lesenswerteste der Sammlung als Ganzes.

Darüber hinaus widmet sich Rebecca Solnit dem Internationalen Währungsfond und der Strauß-Kahn Affäre, der Auslöschung weiblicher Ahnen aus den Stammbäumen des Patriarchats und schließt letztlich mit einer Zuversicht, die den Sturm in meinem Inneren, der sich auf dem Weg zum Schlusswort aufgebaut hat, zu einem leisen Lüftchen werden lässt. Insofern ist „Wenn Männer mir die Welt erklären“ eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die mich mal zum Schmunzeln bringt und mir kurz darauf die Galle überkochen lässt, um mich dann wieder zu beruhigen, ja fast schon versöhnlich zu stimmen. Rebecca Solnit versteht es ihre Leserinnen mit Haut und Haar in ihr jeweiliges Thema zu ziehen, ihnen begreiflich zu machen, warum es wichtig ist hinter die Fassade von beispielsweise Nachrichtenmeldungen zu schauen und zu hinterfragen, welche Strukturen es sind, die das Elend der Welt, das disproportional von Frauen ertragen wird, überhaupt möglich machen.

Insgesamt ist dieses Buch ein kurzweiliges, dabei aber auch aufrüttelndes Lesevergnügen, nicht nur für feministische Leserinnen. Denn Rebecca Solnit predigt nicht, sondern erzählt einfach, präsentiert Fakten und kommentiert Aktuelles; und überlässt es ihrer Leserin deren Denkapparat anzuwerfen und politische Schlüsse aus ihren Essays zu ziehen. Ich persönlich bin mal mehr, mal weniger erschüttert über die behandelte Thematik, kann einiges nachvollziehen, habe mit anderem so wiederum nie zu tun gehabt. Trotzdem denke ich, dass „Wenn Männer mir die Welt erklären“ ein lesenswertes und ein wichtiges Buch ist, als Augenöffner, als Grundstein für eine feministische Lesekarriere oder auch durch seinen Wiedererkennungswert für alle Leserinnen, die gelangweilt weghören, wenn Männer wieder mal über Sachen dozieren, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben.

Wenn Männer mir die Welt erklären – Rebecca Solnit – ISBN 978.3.442.71439.1

Für Leserinnen, die…

  • …sich nicht so leicht unterkriegen lassen.
  • …sich welt- und frauenpolitisch interessieren.
  • …sich ihre Meinung selbst bilden.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Ein Fiebertraum von Freundschaft, Liebe und Besessenheit…

Mit diesem Roman verbindet mich im Grunde keine besondere Geschichte. Als ich das Cover zum ersten Mal im Vorschaukatalog des Ullstein Verlages sah, da hatte ich schon im Gefühl, dass dieses Buch mir gefallen könnte. Dann las ich den Klappentext und es war um mich geschehen – wie das eben manchmal so ist…

9783550081286_coverAls Catherine und James sich kennenlernen, ist es Seelenverwandtschaft von Anfang an. Beide sind sie aus der irischen Provinz in die aufregende und liberale Stadt Dublin gekommen, Catherine als Studentin der Literaturwissenschaft, James, um Fotograf zu werden, und beide stürzen sich mit derselben Neugier und Leidenschaft ins Leben. Doch während Catherine in ihrer neuen Umgebung aufblüht, ist es für James selbst im vermeintlich offenen Klima der Großstadt unmöglich, zu seiner Homosexualität zu stehen. Sein Geheimnis schweißt die beiden noch enger zusammen, aber dann verliebt sich Catherine in James, auch wenn sie ahnt, dass ihre Liebe aussichtslos. Beide verstricken sich immer haltloser in eine von widersprüchlichen Gefühlen geprägte obsessive Beziehung und steuern sehenden Auges auf eine emotionale Katastrophe zu.

„Zärtlich“ ist mein erster Roman aus der Feder der irischen Autorin Belinda McKeon und er erzählt die Geschichte eines Frontalzusammenstoßes zweier junger Leben. Als Leserin erlebe ich die Ereignisse aus der Sicht der 19-Jährigen Studentin Catherine, die am Trinity College in Dublin studiert und zusammen mit zwei anderen jungen Frauen in einer kleinen Wohnung in der Baggot Street lebt. Ihr Zimmer hat sie von einem gewissen James übernommen, den Catherine zunächst nur aus Erzählungen und von Fotos kennt; denn er befindet sich zu Anfang der Geschichte in Berlin, wo er einem berühmten Fotografen als Studio-Assistent zur Hand geht. Eines Tages jedoch findet Catherine ihn in ihrer Wohnung vor, ihre Mitbewohnerinnen sind ausgeflogen und so beginnt ein vorsichtiges Gespräch zwischen den jungen Fremden; und für die nächsten paar Tage sind die beiden unzertrennlich.

Das Buch beginnt chronologisch gesehen im Grunde etwas später, mit einem Besuch Catherines bei James Familie. In diesen sommerlichen Tage gesteht James seiner jungen Freundin, die er eigentlich kaum kennt, dass er schwul ist – im Irland der neunziger Jahre scheint das übrigens noch eine große Sache und ein offen homosexuelles Leben für viele LGBTs noch undenkbar zu sein, das zumindest entnehme ich dem Roman. Catherine ist mir als Figur ehrlich gesagt etwas unsympathisch und so wundere ich mich nicht über ihre bemüht diplomatische, aber im Grunde vollkommen überzogene und irgendwie auch überaus unreife Reaktion auf James Geständnis. Als Leserin sitze ich ihr über die Dauer der Erzählung hinweg quasi auf der Schulter, darf jeden ihrer Gedanken hören und diese sind oft unsicher und fahrig. Catherine weiß selten wie sie sich verhalten soll und ich kann für ihre kratzbürstige Verletzlichkeit wenig Einfühlungsvermögen aufbringen.

Über James, das Yin zu Catherines Yang, erfährt diese Leserin nur was gegenüber Catherine ausgesprochen wird. Ich bin also über die Dauer des Romans im Kopf eines Menschen gefangen, den ich im realen Leben niemals befreunden würde, dessen emotionale Verletzlichkeit als Figur mich jedoch nicht unbeeindruckt lässt. Wenn Belinda McKeon doch nur die gleiche erzählerische Finesse an den Tag gelegt hätte, als sie die übrigen Figuren zeichnete – bis auf Catherine und James sind sie nämlich alle etwas flach und farblos, aber vielleicht ist das ja auch so beabsichtigt, schließlich ist James mehr und mehr der einzige der für Catherine existiert und alle anderen sind nur Beiwerk. Während der Roman voran schreitet wird die Erzählstruktur übrigens etwas linearer und Belinda McKeon verzichtet über lange Strecken darauf in der Zeit hin und her zu springen, was es mir als Leserin möglich macht noch tiefer in ihre Erzählung einzutauchen.

Dann jedoch beginnt sich die Beziehung der beiden Hauptfiguren zu intensivieren und Belinda McKeon beschwört ihre innere Zadie Smith herauf und versucht sich in experimenteller Prosa. Auf mich als Leserin wirkt dieser plötzliche Wandel im Erzählstil, die Verknappung der erzählerischen Passagen, die Handlung und Schauplatz beschreiben, ein bisschen so als hätte die Autorin ab Seite 300+ keine Lust mehr gehabt ausführlich zu schreiben und hätte den Rest ihres Romans einfach im Entwurfstadium zum Lektor gegeben. Die Kritiker-Lobeeren, die dem Buch auf dem Umschlag zuerkannt werden, kann ich als Leserin daher so nicht unterschreiben. Denn auf mich wirkt dieser Versuch innere Zustände von Entrücktheit und Obsession über stilistische Kunstgriffe zu vermitteln auf ganzer Linie gescheitert, vor allem durch den stilistischen Bruch mit den übrigen Teilen des Romans. Ein bisschen trauere ich um diesen verschenkten Teil der Geschichte, der mich ebenfalls hätte fesseln können, wäre er nicht so darauf bedacht gewesen mich zu beeindrucken.

Insgesamt ist „Zärtlich“ trotz der stilistischen Bauchlandung gegen Ende ein lesenswerter Roman über die Verwirrung der Jugend auf der Suche nach einer erwachsenen Identität. Auch ich habe in dem Alter der Hauptfiguren viele Brücken eingerissen, habe neu anfangen müssen und es im Nachhinein zeitweise bereut. Insofern birgt „Zärtlich“ ein Identifikationspotenzial in sich, dass seine Leserin nicht unterschätzen sollte. Die Neurosen der Hauptfigur treffen mich dort wo es unangenehm zwickt und lassen mich schier verzweifeln, mit jedem weiteren Schritt den sie in Richtung Abgrund tut. Und auch wenn es bei weitem nicht perfekt ist, lässt dieses Buch seine Leserin doch so schnell nicht wieder los. Denn die Konflikte der Hauptfiguren und deren Reibungspunkte repräsentieren in ihrer Einzigartigkeit doch universelle Meilensteine eines jungen Erwachsenenlebens, das zunächst viel verspricht diese Versprechen dann aber nur selten auch hält.

Zärtlich – Belinda McKeon – ISBN 978.3.550.08128.6

Für Leserinnen, die…

  • …unglücklich verliebt sind oder waren.
  • …einen Freund zum Liebhaber werden ließen.
  • …mit ihrer (sexuellen) Identität hadern.

Literarische Nachbarinnen…

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(Neuerscheinung) Ich glaub, ich gehöre nur mir ganz alleine…

Welche Leserin kann schon einem so sonnengelben Cover widerstehen, besonders in der nass-kalten Jahreszeit; ich jedenfalls nicht. Und so griff ich umgehend zu, als ich es auf der Webseite des Ullstein, bzw. List Verlages sah. Den Klappentext habe ich vor lauter Leselust nur überflogen – das wird mir in Zukunft eine Lehre sein…

9783471351185_cover-1Hilly, Mitte vierzig, hervorragendes Bindegewebe, bestens verheiratet, zwei Kinder und gut im Job, ist genau da, wo sie nie hinwollte: in der Wohlstandsfalle. Umgeben von Menschen, die sie nie kennenlernen wollte, und Dingen, die sie nicht braucht. Die zufällige Begegnung mit einer Freundin und Kampfgefährtin aus vergangenen Hausbesetzertagen ist für Hilly das Zeichen zum Ausbruch. Zurück zu den alten Idealen. Dabei verliebt sie sich nicht nur in einen anderen Mann, sondern auch in eine aufregende Frau. Aber was, wenn alles ein Irrtum war und sie im neuen alten Leben auch eine Fehlbesetzung ist?

Soluna Bach, die ihren Debütroman „Hühner und Handtaschen“ vor vier Jahren noch im Alleingang veröffentlicht hat, schafft mit „Herzkammeranarchie“ den Sprung zu einem großen Publikumsverlag. Ihre Geschichte um eine Mittvierzigerin, die sich in der Lebenskrise befindet, ihren Job, ihre Ehe und letztlich sogar ihre sexuelle Orientierung in Frage stellt, lässt auf viele lustige, freche und verrückte Momente hoffen. Die Autorin schaut Hilly, eigentlich Brunhild, bei ihren diversen Eskapaden über die Schulter und lässt die Leserin auch immer wieder an den Gedanken der unumstrittenen Hauptfigur teilhaben. Doch nicht nur die dauergestresste Midliferin Hilly (und ihre diversen Verehrer) sondern auch der Schauplatz des Romans, die Hansestadt Hamburg, stellt eine feste Größe innerhalb der Geschichte dar.

Das klingt zunächst einmal sehr amüsant, dachte ich mir als ich diesen Roman zur Hand nahm. Nach ausgiebiger Lektüre bin ich jedoch der Meinung, dass man gut zwei Drittel des Textes hätte wegredigieren können. Frau Bach hatte eine großzügige Lektorin, scheint es mir, die ihr einiges an überflüssigen Passagen hat durchgehen lassen. Das Ergebnis geht leider zu Lasten dieser Leserin, die sich beispielsweise durch ein Kapitel quälen muss, in dem Hauptfigur Hilly eine neue Küche in Auftrag gibt. Amüsant ist dieser Abschnitt schon, besonders dann wenn man sich selbst schon mal mit einem Küchenfachverkäufer hat auseinandersetzen müssen, nur hat dieser Abschnitt für die Handlung im folgenden keinerlei Bedeutung. Ich persönlich frage mich an dieser, wie auch an (viel zu) vielen anderen Stellen des Buchs – warum lese ich das hier eigentlich gerade? Wer wie ich nur ungern Passagen überfliegt, den wird die Lektüre von „Herzkammeranarchie“ oft einfach nur frustrieren.

Die zweite Schwäche dieses Romans ist seine Figurenzeichnung, wobei dies gleichzeitig auch als Stärke ausgelegt werden könnte, denn die Frauenrunde mit der Hilly sich anfreundet hat ordentlich Biss und ihre diversen Eskapaden sind überaus lustig geschrieben. Trotzdem sind die meisten Figuren hoffnungslose Klischees, die scheinbar nur dazu dienen die Hauptfigur zu exponieren, um danach wieder in ihrer Schublade zu verschwinden. Da wäre zum Beispiel die burschikose Lesbe Dorothea, mit der Hilly eine wilde Nacht verbringt, ein Bauarbeiter im Frauenkörper, dessen einzige Dialoganteile scheinbar darin bestehen sexistische Anzüglichkeiten vom Stapel zu lassen und die Hauptfigur sexuell zu belästigen. Das ist nicht nur für mich als Leserin frustrierend, sondern auch eine sehr oberflächliche und durchaus herabwürdigende Darstellung lesbischer Frauen. Der Trend zur Oberflächlichkeit setzt sich fort, zum Beispiel mit Hillys (von Beruf) Sohn, ihrem indischen Ehemann, der ständig deutsche Metaphern verhunzt und dem Gelegenheitslover, der zwar eine schillernde Backstory hat, als Figur jedoch so interessant ist, wie eine weiße Wand.

Soluna Bach zeigt in „Herzkammeranarchie“ eine Neigung zur Objektifizierung ihrer Figuren, die selbst vor Hauptfigur Hilly nicht Halt macht. In der Szene, die den Roman einleitet steht diese nackt vor dem Spiegel und kaut ihre diversen Vorzüge durch, nur die Brüste sind ihr viel zu groß, und ihre Minderwertigkeitskomplexe werden im folgenden zu einem gewollt charmanten Tick umfunktioniert, und bei jeder Gelegenheit erwähnt, um die Hauptfigur zu vermenschlichen. Diese Leserin kann irgendwann nur noch mit den Augen rollen und sich möglichst schnell bis zum Ende vorkämpfen, vorbei an überflüssigen Szenen, klischeehaften Figuren, und einer nicht enden wollenden Flut bissiger Kommentare der Hauptfigur, die aber leider allesamt ungesagt bleiben und mich als Leserin nur mäßig unterhalten. Denn so sehr Soluna Bach sich auch bemüht, sich bemüht witzig und frech zu sein, ich stehe auch gegen Ende des Romans nicht auf der Seite der Hauptfigur. Vielleicht gehöre ich nicht zur Zielgruppe, vielleicht haben die stilistischen Fehler den Roman für mich entzaubert…

…eines ist klar, das Ende kann für mich nicht schnell genug kommen. Denn „Herzkammeranarchie“ ist nicht mein Buch, war es nie und werde es wohl nie sein. Ich kann mir die Leserin, die dieses Buch genießt gut vorstellen, denn es gibt sie. Dieser Roman wurde geschrieben für LeserINNEN, die es gerne eingängig und auch in ernsten Situationen humorvoll haben möchten. Leserinnen, die sich ein versöhnliches Ende wünschen, auch wenn das bei mir existentielle Fragen im Stil von – warum habe ich dieses Buch eigentlich gelesen; viel Zeit bleibt mir nicht mehr und ich verwende sie auf eine Lektüre, die mir keinen Spaß macht. Aber ich bin eben ein spezieller Fall, bin eine die keine Lust hat auf überflüssige Szenen, auch wenn diese witzig sind, eine die noch nie ihr Spiegelbild von unten bis oben kritisiert hat, eine für die eine Anmache á la Dorothea sexuelle Belästigung ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Buch seine perfekte Leserin finden wird – ich bin es nicht und kann es daher an dieser Stelle auch nicht empfehlen.

Herzkammeranarchie – Soluna Bach – ISBN 978.3.471.35118.5

Für Leserinnen, die…

  • …sich in den mittleren Jahren noch einmal neu erfinden.
  • …spaßeshalber ab und zu zum anderen Ufer hinüber schwimmen.
  • …kein Problem damit haben ab und zu Passagen zu überfliegen.

Literarische Nachbaren…

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