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(Feminismen) Eine Transfrau schreibt über den Kreuzzug des Patriarchats gegen die Weiblichkeit…

In den zwei Jahren seitdem ich meine Erkundungsreise durch das feministische Sachbuchgenre begann, habe ich viele Stimmen zu den verschiedenen Aspekten des Themas gehört. Während die zu Papier gebrachten Meinungen teils weit auseinander gingen, waren ihre Autorinnen doch bisher überwältigend cis-gender Kaukasierinnen (eine Ausnahme ist Roxane Gay). Insofern stürzte ich mich auf diese Lektüre in der sich eine transsexuelle Frau zu Wort meldet und Dinge anspricht und ausspricht, die ich von ihren Kolleginnen in meinem Bücherregal so noch nicht gehört habe…

51-byitjfql-_sx331_bo1204203200_In Whipping Girl Julia Serano shares her powerful experiences and observations to reveal the ways in which fear, suspicion, and dismissiveness toward femininity shape our societal attitudes toward trans women, as well as gender and sexuality as a whole. In this provocative manifesto, she exposes how deep-rooted the cultural belief is that femininity is frivolous, weak, and passive, and how this “feminine” weakness exists only to attract and appease male desire. In addition to debunking popular misconceptions about transsexuality, Serano makes the case that today’s feminists and transgender activists must work to embrace and empower femininity—in all of its wondrous forms.

Wie ich in der Einleitung schon angedeutet habe liefert „Whipping Girl“ eine mir bisher unbekannte Perspektive auf die Unterdrückungssysteme des Patriarchats und eine Hypothese dazu, warum der gesellschaftliche Aufstieg von Frauen durch Talent und harte Arbeit alleine, auch nach den Anstrengungen und (Teil)Erfolgen des Feminismus diverser Generationen, um einiges steiniger ist, als der ihrer männlichen Pendants. Dabei führt Julia Serano nicht nur die am Arbeitsplatz lange etablierten Netzwerke der Männer, für die berufstätige Frauen noch kein adäquates Gegenstück haben, als Argument ins Feld, dafür dass Frauen hinter ihren männlichen Kollegen zurück bleiben, sondern holt in ihren Thesen und Erklärungsversuchen auch um einiges weiter aus. Für Julia Serano liegt die Ungleichheit des Systems nämlich in seiner binären Struktur an sich, in der wir Menschen in weiblich und männlich aufteilen und dementsprechend be-, bzw. abwerten.

Was das angeht weiß die Autorin wovon sie schreibt, wuchs sie doch als Mädchen in einem Jungenkörper auf, den sie erst im Erwachsenenalter mit Hormonbehandlungen zu dem machen konnte, was er für sie selbst immer war – einem weiblichen Wesen. Diese Angleichung von gefühltem und körperlichen Geschlecht beschreibt die Autorin ebenso wie die Art und Weise, wie sich die Sichtweise anderer Menschen auf sie veränderte, sobald die Hormontherapie ihre volle Wirkung entfaltete. Sie erzählt mir davon wie selbst politisch korrekte Menschen oft eine morbide Faszination für transsexuelle Körper haben und sich ohne Vorwarnung zum Beispiel danach erkundigen, ob sie sich schon die Genitalien hat angleichen lassen. Julia Serano prangert aber nicht nur die Art an, auf die (viele aber natürlich nicht alle) Cis-gender mit Transsexuellen umgehen, sondern auch wie transsexuelle Körper zum Beispiel in den Medien fetischisiert werden. Als, wie Julia Serano sich ausdrückt, „factory-issue woman“ und Medienkonsumentin gibt mir das reichlich zu denken.

Doch wer meint der einzige Sinn und Zweck von „Whipping Girl“ sei es mit Vorurteilen gegenüber Transsexualität aufzuräumen, der unterschätzt dieses Buch gewaltig. Denn indem Julia Serano sich darüber aufregt, dass oft völlig Fremde sich nach ihrem genitalen Status erkundigen und nichts dabei zu finden scheinen, entlarvt sie die Künstlichkeit des binären Geschlechtersystems. Denn die Frage nach Operationen und Hormontherapien wird nicht nur aus Neugierde gestellt, der Fragende versucht über die Antwort zu tangieren mit wem er es denn nun zu tun hat – Männlein oder Weiblein – und wie er sich darauf bezogen zu seinem Gegenüber verhalten soll. Das Individuum verschwindet im Klischee seiner Geschlechtsidentität, was weniger beunruhigend wäre, wenn unsere Gesellschaft nicht eine klare Hierarchie der Geschlechter etabliert hätte. An deren Spitze stehen seit dem Beginn der Agrikultur die Männer, danach kommen die Frauen und das Schlusslicht bilden non-binäre Menschen, zu denen Julia Serano sich selbst lange gezählt hat, mit deutlicher Tendenz zur Frau.

Doch es ist nicht nur das Patriarchat, und die damit verbundene Überhöhung von Männlichkeit, welches Julia Serano in „Whipping Girl“ aufs Korn nimmt, sondern die Verteufelung der Weiblichkeit, die damit einher geht. Diese Ablehnung alles fraulichen als künstlich und affektiert wird so, laut der Autorin, übrigens auch von führenden Feministinnen praktiziert und propagiert. Was das angeht bietet „Whipping Girl“ eine kritische Perspektive auf eine durchaus nicht perfekte Bewegung, mit einer langen Geschichte der Ausgrenzung von Transfrauen (aber nicht von Transmännern), die trotzdem nicht weniger feministisch ist als die ihrer cis-gender Kolleginnen. In dieser Streitschrift für die Weiblichkeit kämpft Julia Serano aber nicht etwa für das Recht auf klassische Rollenbilder, Make Up und Spitzenhöschen, sondern für die Freiheit der Gefühle unabhängig vom Geschlecht, für Männer die ungeniert weinen und ungebeten umsorgen und für Frauen die Stärke zeigen, nicht nur weil sie Angst vor ihrer eigenen Sanftheit haben.

Insgesamt öffnet „Whipping Girl“ seiner Leserin die Augen für die gravierenden Folgen der Hetzjagd auf alles weibliche, die bei Jungen schon im Grundschulalter kultiviert wird und bei Frauen dann beginnt, wenn sie sich zum Feminismus bekennen. Die traditionellen Feministinnen der zweiten Generation kommen dabei nicht immer so gut weg, aber diese Kritik muss eine Menschenrechtsbewegung von dieser Größe auch mal aushalten können. Darüber hinaus bietet dieses Buch eine ungewöhnlich erleuchtete Perspektive auf das binäre Geschlechtersystem von einer Autorin die sowohl Mann als auch Frau war und sich nicht nur mit der gesellschaftlichen Reaktion auf und den Erwartungen an ihr jeweiliges Geschlecht auskennt, sondern auch am eigenen Leib erfahren hat, was die dazugehörigen Geschlechtshormone mit dem Menschen der ihnen ausgesetzt ist machen. Somit ist „Whipping Girl“ nicht nur ein Plädoyer für die Weiblichkeit, sondern auch für die Freiheit des Einzelnen seine oder ihre persönliche Wahrheit zu leben, ohne Schikane von anderen.

Whipping Girl: A transsexual woman on sexism and the scapegoating of femininity – Julia Serano – ISBN 978.1.580.05622.9

Für Leserinnen, die…

  • …ihre Weiblichkeit nicht abwerten wollen.
  • …für neue Rollenbilder offen sind.
  • …sich einen inklusiveren Feminismus wünschen.

Literarische Nachbarn…

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(#04/2016) Aller guten Sachbücher sind 3…!

Drei Frauen mittleren Alters blicken zurück, drei Frauen erzählen ihre Geschichte. Die eine tut dies mit viel Humor, die nächste mit viel Ehrlichkeit sich selbst und ihren Leserinnen gegenüber, und die dritte mit einem unguten Gefühl im Licht neuer Erkenntnisse über die Schauplätze ihrer Kindheitserinnerungen. Ein literarisches Stimmungsbarometer also, dessen Nadel von Heiterkeit über Nostalgie bis zu ehrlicher Besorgnis schwingt.

Für Tollpatschige…

51uUwTCUrVL._SX324_BO1,204,203,200_„Is It Just Me?“ von Miranda Hart: Well hello to you dear browser. Now I have your attention it would be rude if I didn’t tell you a little about my literary feast. I am proud to say I have a wealth of awkward experiences – from school days to life as an office temp – and here I offer my 18-year-old self (and I hope you too dear reader) some much needed caution and guidance on how to navigate life’s rocky path. Because frankly where is the manual? The much needed manual to life. Well, fret not, for this is my attempt at one and let’s call it, because it’s fun, a Miran-ual. I thank you.

Manch einer mag Miranda Hart aus dem Fernsehen kennen, ihre in Großbritannien überaus erfolgreiche Comedyserie wird soweit ich weiß auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Ich persönlich kenne sie allerdings nur als etwas verkniffenes Gesicht auf dem Buchcover ihres Bestsellers „Is it just Me?“ im Buchladen Waterstones auf der Edinburgher Princes Street direkt am Eingang platziert und unmöglich zu übersehen. Lange widerstand ich ihm, verband ich doch nichts mit seiner Autorin, las es dann aber doch, nachdem mir die humorvollen Memoiren von amerikanischen Comedy-Größen wie Tina Fey und Amy Poehler so gut gefallen hatten. Leider hielt „Is It Just Me?“ eine Enttäuschung für mich bereit, und dabei waren meine Erwartungen ohnehin schon uncharakteristisch niedrig.

Das Buch ist als Dialog geschrieben, als unaufhörliche Auseinandersetzung der gegenwärtigen Miranda Hart mit ihrem 18-Jährigen Selbst. Beide Damen gingen mir schon früh mit ihrer albernen Tollpatschigkeit gehörig auf die Nerven. Die Autorin fragt in einem fort: „Is it just me?“ und ich antworte: „Yes, Miranda. It’s just you.“ Denn ich kann mich mit dieser Art durchs Leben zu stolpern einfach nicht identifizieren, noch bin ich besonders begeistert vom berühmten britischen Humor, den die Autorin zwischen den Seiten derart auf die Spitze treibt, dass man als deutsche Leserin den Witz mit der Lupe suchen muss. Insgesamt legt das Buch also eine Bruchlandung hin, die nicht besser zu seiner Autorin passen könnte, nur dass in meinem Lesezimmer am Ende leider nicht gelacht, sondern sich geärgert wird, schließlich hätte ich auch was anderes lesen können.

Am besten kombiniert mit…

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Für Aussteiger…

51zXP6Lo6zL._SX335_BO1,204,203,200_„You Look Like That Girl…“ von Lisa Jakub: At the age of twenty-two, Lisa Jakub had what she was supposed to want: she was a working actor in Los Angeles. She had more than forty movies and TV shows to her name, she had been in blockbusters like „Mrs. Doubtfire“ and „Independence Day“, she walked the red carpet and lived in the house she bought when she was fifteen. But something was missing. Passion. Purpose. Happiness. In „You Look Like That Girl…“ Lisa Jakub explores the universal question we all ask ourselves: what do I want to be when I grow up?“

Die Autorin dieser Autobiografie kennt wahrscheinlich vom Namen her kein Mensch (mehr). Doch die Filme in denen der ehemalige Kinderstar mitwirkte sind auch über zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch gerne gesehen – zumindest von mir 😉 In ihrem überaus kontemplativen Buch schaut die (etwas) gealterte Autorin, die mittlerweile ein vollkommen durchschnittliches Leben führt, auf ihre mehr oder weniger bewegte Jugend als Hollywood-Liebling zurück. Dabei hat sie gemessen an Hollywood-Maßstäben gar nicht so viel zu erzählen; Drogen nahm sie keine, Affären hatte sie dafür viele, aber immer nur mit technischen Mitarbeitern. Im Vergleich zu Barrymore, Culkin & Co. wirkt ihre Schilderung zahm, fast schon etwas fade. Wer ein Enthüllungsbuch sucht, ist mit „You look like that girl..“ also schlecht beraten.

Insgesamt finde ich es ganz interessant mal hinter die Kulissen bekannter Filme zu schauen und von einem Hollywood-Insider zu erfahren, wie es an Filmsets so zugeht, mag die Perspektive der Autorin auch noch so behütet sein. Wer weiß, wo Lisa Jakub heute wäre, hätte sie mit Anfang zwanzig nach einer langen Frustphase nicht das Handtuch geworfen. Vielleicht würde sie sich mit Amy Adams erbitterte Kämpfe um die Oscar-Nomminierung liefern, vielleicht wäre sie auch wie so viele Kinderstars vor ihr langsam in der Versenkung verschwunden. Die Entscheidung sich freiwillig zurück zu ziehen und ein ganz normales (von Hollywood aus gesehen wahrscheinlich wenig erstrebenswertes) Leben zu führen, verleiht ihr eine Integrität, die in mir den Wunsch weckt, ihre Geschichte näher kennen zu lernen – und so schließt sich der Kreis.

Am besten kombiniert mit…

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Für Atomgegner…

51pkpqm9ial-_sx321_bo1204203200_„Full Body Burden“ von Kristen Iversen: It is the early 1950s. Kristen Iversen is enjoying a carefree childhood surrounded by desert and mountains. But just a few miles down the road, the US government decides to build a secret nuclear weapons facility at Rocky Flats. Kirsten and her siblings jump streams, ride horses, live a happy outdoors life. But beneath this veneer her family is quietly falling apart. And in a series of fires, accidents and other catastrophic leaks, Rocky Flats nuclear plant is spewing an invisible cocktail of the most dangerous substances on earth into this pristine landscape. The ground, the air and the water are all alive with radiation.

Kristen Iversens Autobiografie sprengt die Grenzen des Genres, dementsprechend fällt es mir schwer ihr Buch an dieser Stelle in Worte zu fassen. Auf der einen Seite ist es eine Autobiografie, wie es in ihrer Generation unzählige gibt; eine kinderreiche und daher etwas chaotische Familie zieht in eine Vorstadtsiedlung, hält dort diverse Tiere an denen die Kinder ihre helle Freude haben, der Vater trinkt und die Mutter verzweifelt daran, verlässt ihn aber nicht. Auf der anderen Seite ist es hervorragend recherchierter investigativer Journalismus zum Thema Atomwaffen, Umweltverschmutzung und Vertuschung auf staatlicher Ebene. Beide Teile sind über den Verlauf der Geschichte durchgängig miteinander verknüpft, ebenso wie die Kindheit und Jugend in der vermeintlichen Vorstadtidylle untrennbar mit den Umweltverbrechen der amerikanischen Atomindustrie vor Ort verwoben ist.

Ab und zu liest sich das Buch daher wie ein Thriller, dann wiederum wie ein Familienroman und schlussendlich erinnert es, wenn die (zum großen Teil krebskranken) Anwohner gegen den Konzern, der die Fabrik betreibt, vor Gericht ziehen, an ein amerikanisches Zivilrechtsdrama á la „Erin Brochovich“. Doch die Lektüre von „Full Body Burden“ ist nicht nur spannend, sondern beunruhigt diese Leserin auch. Denn wer weiß schon, was sich in Land, Luft und Wasser alles tummelt an Teilchen, die zwar unsichtbar, aber trotzdem allzu schnell sich einverleibt sind, um über die nächsten Jahre und Dekaden Schaden anzurichten, der einen letztlich ins Grab bringt. Insofern ist dieses Buch trotz der autobiografischen Anteile eine harsche Abrechnung mit gängiger industrieller Praxis, die sich wenig um die Sicherheit des Individuums schert, solange am Ende der Gewinn stimmt. Pflichtlektüre also für Verbraucherinnen, die mitdenken, statt nur zu konsumieren!

Am besten kombiniert mit…

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(Feminismen) Eine humorvolle Betrachtung des weiblichen Körpers…

Auf Sara Pascoes Autobiografie bin ich eher zufällig gestoßen, auf meiner Suche nach einem weiteren (hoffentlich) humorvollen Buch einer Comedyfrau nach dem Muster „Bossypants“, bzw. „Yes Please“, das es zu verschlingen gilt. Mit Sara Pascoe habe ich, was das angeht, (anders als mit ihrer Kollegin Miranda Hart) einen Volltreffer gelandet. Warum, wieso und weshalb (?) werde ich im Folgenden ausführlich erläutern… 😉

51JVoL3ZHNL._SX313_BO1,204,203,200_Take a funny and illuminating tour of the female body with award-winning comedian Sara Pascoe. Women have so much going on, what with boobs and jealousy and menstruating and broodiness and sex and infidelity and pubes and wombs and jobs and memories and emotions and the past and the future and themselves and each other. Here’s a book that deals with all of it. Sara Pascoe has joked about feminity and sexuality on stage and screen but now she has a book to talk about it all for a bit longer. Animal combines autobiography and evolutionary history to create a funny, fascinating insight into the forces that mould and affect modern women. Animal is entertaining and informative, personal and universal – silly about lots of things and serious about some. It’s a laugh-out-loud investigation to help us understand and forgive our animal urges and insecurities.

In ihrem Buch „Animal“ verbindet Sara Pascoe ihre Lebensgeschichte mit der humorvollen Betrachtung des weiblichen Körpers und allgemeinen Ansichten zu dessen Rolle in der Gesellschaft. Wie könnte sie es auch anders schreiben, schließlich ist sie eine Comedienne, ein Beruf in dem sie unaufhörlich daran erinnert wird, dass sie eine Frau ist, von ungehobelten Zuschauern, taktlosen Journalisten und Showproduzenten, die weiblichen Witzbolden nichts zutrauen und schon aus Prinzip weniger Gage zahlen. Trotz all dieser Widrigkeiten hat Sara Pascoe es geschafft, hat sich durchgeboxt und kann nun auf die erste Hälfte einer erfolgreichen Karriere zurückblicken. Diesen Rückblick teilt sie mit dieser Leserin, und ich habe ihren Monolog sehr genossen, oft gelacht, auch wenn wir ab und zu (besonders in feministischen Standpunkten) nicht ganz einer Meinung sind.

Sara Pascoes Art sich auf humorvolle Weise mit den Hürden des (weiblichen) Lebens auseinander zu setzen gefällt mir sehr. Ihr Humor ist typisch Britisch, trocken und pointiert, dabei aber nie albern oder klischeehaft. Insofern erinnert mich ihre Erzählstimme an die von Comedykollegin Tina Fey, die in ihrem Buch „Bossypants“ ebenfalls die Arbeit einer Frau in einer Männerdomäne thematisiert, wenn auch nicht ausschließlich. Sara Pascoe erzählt von ihren Anfängen, von Auftritten beim Fringe Festival in Edinburgh zum Beispiel, von herablassenden Kollegen und von einem Publikum, das sie nach und nach davon überzeugen konnte, dass Frauen doch Humor haben und zwar nicht zu knapp. Ich meinerseits habe sie noch nie witzeln gehört, ihre Autobiografie jedoch lässt mich mit der Überzeugung zurück ein echtes Comedytalent entdeckt zu haben.

„Animal“ liefert Feminismus light, gut verdaulich auch für thematisch bisher vollkommen unbeleckte Leserinnen. Insofern ähnelt es der Autobiografie von Caitlin Moran „How to Be a Woman“. Das allerdings ist die einzige Parallele, denn Sara Pascoes Kindheit und Werdegang unterscheiden sich von dem ihrer Medienkollegin, auch wenn sie die zwei Frauen zumindest literarisch ans gleich Ziel führten. Sara Pascoe schreibt über Themen, die von anderen popfeministischen Autorinnen oft gemieden werden und widmet zum Beispiel gleich ein ganzes Kapitel der wohl nervigsten Sache des weiblichen Lebens, Perioden. Wem das zu vulgär ist, für den ist „Animal“ nicht das richtige Buch. Doch ich persönlich hatte einen Heidenspass und viele Aha-Momente, besonders in den Passagen in denen Sara Pascoe die Theorien von Macho-Anthropologen zur Evolution des weiblichen Körpers auseinander nimmt.

„Animal“ ist ein Genre übergreifendes Buch, das in vielen Bücherregalen seinen perfekten Platz finden könnte. Wer Sara Pascoe von der Bühne kennt, den werden die autobiografischen Anteile ein besseres Bild über sie, ihre Themen und ihren Bühnenauftritt verschaffen. Wer sich, wie ich, gerne feministisch weiterbilden möchte und dafür eine weitere Stimme sucht, dem liefert Sara Pascoe eine eingängige Einleitung in den alltäglichen Kampf der Frauen um Anerkennung im Beruf, die sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Wer gerne lacht – da kann ich mich eigentlich auch dazu zählen – für den hält „Animal“ reichlich Pointen bereit, vor allem geht es dabei um die Strapazen des Frauseins, insofern lege ich diesen Aspekt des Buchs besonders potenziellen LeserINNEN ans Herz; man braucht einfach die Erfahrung einen Uterus zu haben, um über Menstruationswitze lachen zu können… Sorry Jungs!

Insgesamt macht die Lektüre von Sara Pascoes „Animal“ einfach nur richtig Spaß. Manchmal wird es natürlich auch ernst und wenn die Autorin so über Karrierehürden für Frauen und vom alltäglichen Sexismus (in Großbritannien, denn da kommt die Dame her) erzählt, kocht mir als Leserin und als Frau auch schon mal die Galle über. Doch zum größten Teil bleibt der Ton des Buchs lustig und humorvoll. Insofern baut sie mit ihrem Buch eine Brücke, die den traditionellen Feminismus á la Jessica Valenti mit seiner populären, bzw. mainstreamfreundlichen Version á la Caitlin Moran verbindet. Sie ist damit nicht die erste aber dafür ist sie in guter Gesellschaft und es gibt reichlich Lektüre mit der man sich weiter in das Thema einarbeiten kann. Ich für meinen Teil werde mich nun erst einmal in Richtung YouTube verabschieden um mich dort in Sara Pascoes Comedy-Inkarnation zu vertiefen.

Animal: The Autobiography of a Female Body – Sara Pascoe – ISBN 978.0.571.32522.1

Für Leserinnen, die…

  • …Humor und Feminismus nicht für unvereinbar halten.
  • …sich selbst nicht allzu ernst nehmen.
  • …die Mysterien des weiblichen Körpers mit Humor ergründen wollen.

Am besten kombiniert mit… 

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(#03/2016) Aller guten Sachbücher sind 3…!

Die Sachbücher, aus denen dieses Trio besteht, könnten nicht unterschiedlicher sein. Eines ernst, ein anderes wiederum eher frivol, das mittlere ungeschönt autobiografisch – insofern ist dieses Mal für jeden Lesegeschmack etwas dabei, ob es nun um Religion und Politik, um Sex und Scham oder um die größtenteils rosarot eingefärbten Erinnerungen eines früheren Kinderstars geht.

Für Religionsskeptiker…

516++rnp1HL._SX330_BO1,204,203,200_„Kingdom Coming – The Rise of Christian Nationalism“ von Michelle Goldberg… In „Kingdom Coming“, Goldberg demonstrates how an increasingly bellicose fundamentalism is gaining traction throughout our national life, taking us on a tour of the parallel right-wing evangelical culture that is buoyed by Republican political patronage. Deep within the red zones of a divided America, we meet military retirees pledging to seize the nation in Christ’s name, perfidious congressmen courting the confidence of neo-confederates and proponents of theocracy, and leaders of federally funded programs offering Jesus as the solution to the country’s social problems.

Hätte ich dieses Buch kurz nach seinem Erscheinen gelesen, dann hätte ich ganz schön Angst gekriegt vor der christlichen Rechten und ihrem Einfluss in der amerikanischen Politik. Mit etwas Abstand lässt sich feststellen, dass es zum Glück nicht ganz so schlimm gekommen ist, wie Michelle Goldberg es in ihrem Buch vorzeichnet. Dieses ist kontrovers, besonders wenn man selbst religiös empfindet aber gleichzeitig brillant recherchiert. Denn es geht der Autorin nicht vorrangig um die Kritik an der Religion, auch wenn sie sich selbst als Atheistin bezeichnet. Vielmehr zeigt sie eine Entwicklung im US-amerikanischen System auf, die mir Sorgenfalten auf die Stirn zeichnet. Diese Entwicklung geht laut der Autorin gegen alles, was sich die Urväter des Landes einmal auf die Fahnen geschrieben haben.

Als Europäerin kann ich oft nur mit dem Kopf schütteln, wenn es beispielsweise darum geht, dass immer mehr amerikanische Schuldistrikte den Biologieunterricht zum Religionsunterricht machen und so eine Generation von Schülern heranziehen, die wissenschaftlich völlig ungebildet ist, alles im Namen der Religion. Die Autorin selbst macht keinen Hehl daraus, dass sie für Elternbeiräte, die Kreationismus als Schulfach durchsetzen wollen und Politikern, die sogar Fehlgeburten mit Gefängnisstrafen ahnden wollen, nicht viel übrig hat. Doch eines tut sie dabei nie und das ist diese Art von hyper-religiösen Menschen, mögen sie auch noch so fanatisch sein, zu unterschätzen. Alles in allem ein beeindruckendes Sachbuch, das auch wenn es nicht mehr brandaktuell ist, definitiv eine aufmerksame Lektüre wert ist.

Am besten kombiniert mit...

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Für Frühreife…

51g2bjA8g0L._SX354_BO1,204,203,200_„Mit 11 wurde mein Körper zur Ware“ von Kerry Cohen… Sie ist elf, als sie lernt, wie Männer auf sie reagieren. Wie Männer auf Mädchen reagieren. Und der Wunsch wahrgenommen zu werden, lässt sie einen Weg einschlagen, von dem sie selbst weiß, dass er sie in den Abgrund führen wird. Was Liebe ist, weiß sie nicht, sie ist noch viel zu jung. Und so denkt sie, Sex zu haben ist das Gleiche. Es wird die Sucht, die sie treibt. Nicht nur die Sucht nach Sex, es ist die Sucht nach Geborgenheit und nach Nähe.

Der deutsche Titel dieses Buchs ist sehr polemisch gewählt und klingt meiner Meinung nach eher nach Prostitution als nach einem frühreifen Mädchen, das sich nach Liebe und Geborgenheit sehnt und diese in flüchtigen Jungsbekanntschaften zu finden glaubt, oder zumindest versucht. Kerry Cohens Weg vom Mädchen zur Frau ist sicher etwas holperiger als ihre Eltern es für sie gehofft hatten. Doch ist sie die Triebfeder hinter ihrer eigenen Ausnutzung durch unzählige junge Männer. Wieder und wieder verwechselt sie Begehren mit Liebe und stürzt sich Hals über Kopf in erotische Abenteuer, die oft nur eine Nacht halten. Jedem das seine könnte man sagen, doch Amerika hat dem sexuellen Erwachen pubertierender Mädchen den Krieg erklärt.

So ist Kerry Cohens Scham über ihre Lust groß genug, um ein ganzes Buch darüber zu rechtfertigen. Viele Begegnungen verlaufen wenig emazipiert, und Kerry Cohen gibt dies ehrlich zu. Denn es sind nicht nur Hormone, die sie freizügig machen, sondern auch eine nicht zu stillende Gefallenssucht. Insofern schwankt sie mit ihrem Verhalten zwischen Normalität und Pathologie hin und her, wirkt dabei fast bipolar – manchmal frei und dann wieder vollkommen abhängig von den Jungs in ihrem Umfeld und deren Blicke, die sie auf sich spüren möchte, scheinbar um jeden Preis. Was dieses Buch lesenswert macht, ist die Ehrlichkeit seiner Autorin, wenn es darum geht sich selbst und die eigene Gefühlswelt zu betrachten. Manchmal allerdings geht sie zu hart mit sich um, jeder Mensch hat das Anrecht auf lustvolles Empfinden und Begehren, auch Frauen.

Am besten kombiniert mit…

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Für Cineasten…

41QzX2+kqyL._SX319_BO1,204,203,200_„Wildflower: Geschichten aus meinem Leben“ von Drew Barrymore… ist ein Porträt von Drews Leben in einzelnen Geschichten, in denen sie zurückblickt auf ein bewegtes Leben voller Abenteuer, Herausforderungen und unglaublicher Erfahrungen. Weshalb das Wäschewaschen ihr, als sie mit 14 Jahren alleine lebte, möglicherweise das Leben rettete, wie sie ganz persönlich Abschied von ihrem Vater nahm, der diese Rolle niemals erfüllte, weshalb sie mit Cameron Diaz auf der Suche nach dem ultimativen Adrenalinkick Fallschirmspringen ging.

Drew Barrymores Erinnerungen an ihr bewegtes Leben als Kinderstar in Hollywood, inklusive dem Bruch mit der Mutter als 14-Jährige, früher Alkohol- und Drogenmissbrauch, und der schwere Übergang vom „Mädchen aus E.T.“ zur angesehenen Hollywood-Schauspielerin, klingen nicht gerade nach gute Laune Buch. Doch genau das ist „Wildflower“; ein Buch für laue Sommerabende, ein Buch das man der Mitbewohnerin empfiehlt, auch wenn oder vielleicht gerade weil diese nicht so gerne liest, ein Buch, das man auch im Zug oder im Wartezimmer beim Arzt lesen kann. „Wildflower“ ist die Margarine unter den Hollywood-Autobiografien, leicht und gut verdaulich, aber genau dadurch auch ein bisschen fade. Ich persönlich hatte mir etwas geschmacksintensiveres gewünscht, wurde von Autorin Drew Barrymore allerdings enttäuscht.

Insgesamt ist „Wildflower“ also nichts besonderes und man ist nach der Lektüre ungefähr so klug wie davor. Denn Drew Barrymore hält sich in ihren autobiografischen Anekdoten bedeckt; schreibt lieber davon, wie sie als Teenager zum ersten Mal eine Waschmaschine benutzte, über die Vegetation im Garten ihres Kindheitshauses oder darüber wie sie ihrem frisch Angetrauten morgens Waffeln macht, als die Leserin ernsthaft an sich heran zu lassen. Manchmal sind diese Anekdoten ganz lustig, und wenn sie zum Beispiel davon berichtet wie es war diesen oder jenen Film zu drehen, den man vielleicht auch schon selbst gesehen hat, wird es sogar etwas interessant. Das alleine macht „Wildflower“ jedoch nicht lesenswert, nicht einmal für Fans dieser Schauspielerin. Denn so wie sich das Buch liest, hätte es auch jedes x-beliebige Hollywood-Sternchen, oder deren Ghostwriter, schreiben können.

Am besten kombiniert mit…

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(#02/2016) Aller guten Sachbücher sind 3…!

Nach einer fehlgeschlagenen Behandlung hatte sich mein Zustand für einige Woche so verschlimmert, dass ich Schwierigkeiten hatte Sprache zu verstehen, ob nun gesprochen oder geschrieben. Meine zwischenzeitliche Lektüre lag also erst einmal auf Eis, das eigene Zimmer staubte etwas ein. Nach und nach ging es mir besser, dann kam der Brexit und ich las nur noch Zeitung. Jetzt, da sich sowohl die gesundheitlichen als auch die politischen Wogen etwas geglättet haben, möchte ich endlich wieder durchstarten. Und wie könnte ich dies besser tun, als mit einem Kleeblatt aus Sachbuchempfehlungen.

Für (Lebens)hungrige…

41jxSN6F9CL._SX331_BO1,204,203,200_„Kid Rex“ von Laura Moisin… After knowing other friends with anorexia and being baffled by their behavior Moisin suddenly found herself prone to the same disease. She learns how to deceive the therapists her worried family sends her to, so they’ll misdiagnose her and let her continue to be anorexic. When she recognizes that she has a serious problem, though, she finally owns up to a therapist working at her university. Shortly after this devastating therapy visit, the Twin Towers fall in the September 11th attacks, and Moisin watches it happen from her apartment window. Her ensuing depression quickens her already dangerous downward spiral.

In „Kid Rex“ wiederholt sich eine Geschichte der Selbstkasteiung, die ich so oder so ähnlich schon oft gelesen habe. Was Laura Moisin in der Beschreibung ihres Kampfes gegen die Hungersucht anders macht, ist dass sie nicht abblendet, wenn es um ihren steinigen Weg zu einem gesunden Gewicht geht – so wie es viele andere Autobiografien des Genres tun. Wundern tut es mich nicht, schließlich will sich nicht jede junge Frau an jede Einzelheit ihres Krieges gegen sich selbst, bzw. der zähen Friedensverhandlungen erinnern, die öfter zu nichts führen als dass sie von Erfolg gekrönt wären. Ich allerdings werde nicht müde mich in die verfeindeten Parteien einzufühlen, auch wenn es nicht leicht ist zum Mitwisser von so viel selbstverursachtem Leid zu werden.

„Kid Rex“ ist ein interessantes Buch, doch im Vergleich zu anderen Anorexie-Memoiren schwächelt es ein bisschen. Als Leserin hatte ich meine liebe Mühe mit der Autorin, die zumindest anfangs eine mir persönlich sehr unangenehme arrogante Art an den Tag legt. Dennoch zeichnet ihre Erzählung ein realistisches Bild von den Erfolgen und Rückschlägen im Kampf gegen die Magersucht, das ich so noch nirgendwo gelesen habe. Laura Moisin zeigt ihrer Leserin, dass Therapien nicht zwangsläufig zur Genesung führen und dass selbst eine als geheilt geltende Frau wieder in die Krankheit abrutschen kann, bzw. dass es dafür nicht einmal viel braucht. Leider neigt Laura Moisin dazu über Ereignisse, die sie als unwichtig einstuft schnell hinweg zu gehen und das macht ihre Autobiografie etwas unstet, schwankend zwischen Detailreichtum und erzählerischer Oberflächlichkeit.

Am besten kombiniert mit…

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Für Körperbewusste…

61gk6Z7YcEL._SX312_BO1,204,203,200_„Die stille Macht der Mikroben“ von Alanna Collen… Unser Körper besteht nur zu zehn Prozent aus menschlichen Zellen. Die eigentlichen Chefs unserer inneren Steuerungssysteme sind Billionen von Mikroben – Bakterien und Pilze, die einen enormen Einfluss auf unsere Gesundheit haben und sogar unser Denken beeinflussen. Übertriebene Hygienemaßnahmen, ungünstige Ernährungsgewohnheiten und Antibiotika bringen den Mikrobenhaushalt empfindlich aus der Balance. Eine maßgeschneiderte »mikrobenfreundliche« Ernährung könnte chronisch Kranken neue Hoffnung bringen und unser aller Wohlbefinden verbessern.

Darüber wie sehr die verschiedenen Mikroben, die sich auf dem und im menschlichen Körper befinden, meine Gesundheit beeinflussen habe ich mir vor der Lektüre von „Die stille Macht der Mikroben“ nie wirklich Gedanken gemacht. Ehrlich gesagt versuchte ich den Gedanken daran aktiv auszublenden, schließlich ist es keine angenehme Vorstellung, dass es zum Beispiel auf jedem Zentimeter meiner Haut kreucht und fleucht, das ich mehr Habitat als Mensch zu sein scheine. Doch Alanna Collen versichert mir in ihrem Buch, dass diese Kolonisierung meines Körpers durch Mikroben schon so seine Richtigkeit hat, ja sogar dass zu wenige mikroskopische Mitbewohner den Körper ohne adäquaten Schutz gegen Krankheiten, oft autoimmun, und Allergien lassen. Insofern bin ich nach der Lektüre von „Die stille Macht der Mikroben“ nicht nur um einiges klüger und körperbewusster, sondern auch fest entschlossen von nun an für meine eigenen Mikroben ein freundliches Klima herzustellen.

Wer den Gedanken ertragen kann nicht vollkommen im Besitz des eigenen Körpers, ja sogar des eigenen Gehirnes, zu sein, für den hält dieses Buch ein wahres Festmahl aus Informationen bereit. Die Autorin trägt hier allerhand Forschung zusammen, die teils nachdenklich und teils hoffnungsvoll macht – so stellt sie u.a. in Aussicht irgendwann einmal Autoimmunkrankheiten wie z.B. Multiple Sklerose heilen und Behinderungen wie z.B. Autismus lindern zu können. Abgesehen davon ist das Buch auch randvoll mit ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen, die für seine Leserin im Alltag schon jetzt umsetzbar sind, um eine gesunde Verdauung zu fördern, indem sie erwünschte Mikroben im Darm ansiedelt und unerwünschte Populationen klein hält. Dahingehend hat sich Alanna Collen vor allem auf den inflationären Gebrauch von Antibiotika eingeschossen, der die Vielfalt im menschlichen Darm wie nichts sonst zerstört. Insgesamt ist „Die stille Macht der Mikroben“ Pflichtlektüre für jede, die den eigenen Körper kennen und pflegen lernen möchte; es ist dabei sowohl informativ als auch eingängig.

Am besten kombiniert mit…

51TDRQKzBAL._SX321_BO1,204,203,200_41HMtoel0-L._SX339_BO1,204,203,200_51lPDzuhrOL._SX303_BO1,204,203,200_ (1)41pwmyzL4QL._SX303_BO1,204,203,200_

Für Nimmersatte…

41Fc2R7hWhL._SX328_BO1,204,203,200_„Swallow This – Serving Up the Food Industry’s Secrets“ von Joanna Blythman… Even with 25 years experience as a journalist and investigator of the food chain, Joanna Blythman still felt she had unanswered questions about the food we consume every day. How ’natural‘ is the process for making a ’natural‘ flavouring? What, exactly, is modified starch, and why is it an ingredient in so many foods? What is done to pitta bread to make it stay ‚fresh‘ for six months?  Determined to get to the bottom of the impact the industry has on our food, Joanna Blythman has gained unprecedented access to factories, suppliers and industry insiders, to give an utterly eye-opening account of what we’re really swallowing.

Zwar bezieht sich Journalistin Joanna Blythman in „Swallow This“ vor allem auf die britische Lebensmittelindustrie, doch in Zeiten der Globalisierung kann man als Leserin getrost davon ausgehen, dass die hochprofitablen, gleichsam aber äußerst unappetitlichen Herstellungsmethoden längst nach Deutschland exportiert sind. Insofern geht „Swallow This“ auch deutsche Leserinnen etwas an, vor allem wenn diese daran interessiert sind, was heutzutage alles so in Fertiggerichten steckt, warum Obst und Gemüse nicht mehr schimmlig, sondern nur noch schrumpelig werden und was das alles im schlimmsten Fall mit des Endverbrauchers Gesundheit anstellt. Ich persönlich war mehr als schockiert, dachte ich doch ich würde mich bewusst und somit auch gesund ernähren – weit gefehlt, denn Joanna Blythmans Buch hat mich über mein Essen aufgeklärt.

Joanna Blythman schleicht sich in Lebensmittelfrabriken und auf die Messen der Chemiebranche, die längst schon mit der Lebensmittelbranche fusioniert zu haben scheint. Ich lese derweil ihren Bericht und mich packt das kalte Grausen, wenn ich von Schutzatmosphäre in der Fleischtheke höre, von bedampftem Obst und chemischen Zusätzen selbst im, von mir früher so verehrten, griechischen Joghurt. Das und mehr gelangt dann in meinen Körper, macht mich schleichend krank, wird mir aber als Verbesserung verkauft. Joanna Blythman wischt mir die Schuppen von den Augen, berichtet von angeblichen Industriegeheimnissen, die als Deckmantel für Giftstoffe in der Nahrung fungieren, davon wie Hersteller fragwürdige Zusatzstoffe vom Etikett mogeln. Die Enthüllungen in „Swallow This“ werden interessierten Leserinnen im Halse stecken bleiben, sind es aber wert gehört zu werden.

Am besten kombiniert mit…

41kMtKXxsVL._SX329_BO1,204,203,200_51gj2ApXYCL._SX319_BO1,204,203,200_51wsTOxm9HL._SX331_BO1,204,203,200_51uenEaT+5L._SX311_BO1,204,203,200_

(Neuerscheinung) Besserland von Alexandra Friedmann

Alexandra Friedmann, geboren 1984 in Gomel, Weißrussland, kam 1989 über Umwege mit ihrer Familie nach Krefeld. Nach ihrem Abitur 2004 verbrachte sie acht Jahre in Paris, wo sie Literatur und Journalismus studierte. 2010 Praktikum bei der taz, zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Alexandra Friedmann lebt mit Mann und Tochter in Berlin. Besserland ist ihr erster Roman. (Quelle: ullstein.de)

51RpVAT7YPL._SX314_BO1,204,203,200_Gomel, Weißrussland 1987: Papa Edik ist ein herzensguter Hausmann, der unter dem Pantoffel seiner Frau Lena steht, einer arbeitsamen Bauzeichnerin. Als Cousin Mischa Goldstein eines Tages eine Möglichkeit findet, zu seiner Tante Raja nach Brooklyn auszureisen, setzt sich eine Lawine in Gang. Denn seit Perestroika herrscht und damit die gemütlichen staatsfinanzierten Jobs wacklig sind, zugleich der Antisemitismus weiter Blüten treibt, lassen sich die Friedmanns von der allgemeinen Auswanderbegeisterung anstecken. Als sie endlich das Visum in Händen halten und der Familien-Tross schließlich zusammen mit den befreundeten Grosmanns gen Westen aufbricht, lernen wir noch einen ganzen Reigen von skurrilen Typen kennen. Denn während ihrer Tour durch Europa stellen Edik und Lena fest, dass sie eigentlich gar nicht bis nach Amerika müssen, um das zu haben, wonach sie sich sehnen.

Auch wenn auf dem Cover „Roman“ steht, scheint mir das Debut von Alexandra Friedman doch stark autobiografisch zu sein, nicht nur kommt sie wie ihre Hauptfigur und Erzählerin aus Gomel und emigrierte als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland, sondern die beiden teilen sich auch einen Namen. Insofern weiß ich nun nicht so ganz ob ich das Buch als Fiktion oder als Lebensgeschichte einordnen soll. Was ich dennoch ganz bestimmt weiß, ist dass seine Lektüre zu den angenehmeren Dinge zählt, die mir in den letzten Tagen widerfahren sind. Wen kümmert es also, ob das Geschriebene sich nun auch haargenau so zugetragen hat, Hauptsache das Leseerlebnis ist ein lohnenswertes und „Besserland“ hält in dieser Hinsicht auf ganzer Linie, was es verspricht.

Die Geschichte selbst nimmt nur allmählich Fahrt auf, während die Autorin von der Zeit nach Perestroika erzählt in der ihr Vater sich einen Betrieb aufbaut, der zunächst reichlich einbringt, vor allem wegen kreativer Buchführung, und dann schließlich pleite geht, vor allem durch die trotz der neuen Gesetzgebung nach wie vor bestehenden sowjetischen Machtstrukturen. Wäre diese unternehmerische Bauchlandung nicht gewesen, wer weiß, vielleicht lebte die Familie Friedman nach wie vor in Gomel oder zumindest irgendwo in der Nähe. Nun sollte es aber anders kommen und bald schon schmiedet Vater Edik Reisepläne. Diese Pläne alleine arten im folgenden in eine wahre Odyssee durch die sowjetsiche Bürokratie aus und diese Leserin schwankt oft zwischen Frustration und Heiterkeit, wenn sie an der Seite von Vater Edik durch den bürokratischen Hindernisparcours läuft.

So vergeht ein gutes Stück des Romans und es ist nach wie vor nicht klar, ob und wie die Familie Friedman es schaffen wird ins Besserland, das zunächst einmal Brooklyn, New York ist und  dann schließlich (West)Deutschland. Das bringt Spannung in die Lektüre, die die Autorin sicher noch hätte erhöhen können, hätte sie der Familie in der Geschichte einen anderen Namen gegeben. Doch auch wenn ich als Leserin schon ahne, dass die Friedmans es in das sagenumwobene Besserland schaffen werden, wo ihre Tochter aufwachsen und eines Tages ein Buch über ihre wilde Reise in den Westen schreiben wird, habe ich der Lektüre einiges abgewinnen können. Die Geschichte der Familie Friedman und ihrer Reisegefährten ist nämlich nicht nur humorvoll und spannend, sondern auch richtiggehend herzerwärmend.

Endlich im Besserland angekommen werden der Familie Friedman dann noch mehr Steine in den Weg gelegt; Angefangen mit dem Asylheim, gefolgt von einer provisorischen Containerunterkunft und schließlich einem ländlich gelegenen Einfamilienhaus, dass sie sich ganz sozialistisch mit einer befreundeten Familie teilen müssen. Das Versprechen, welches das Besserland aus der ferne gibt, lässt sich reichlich Zeit mit seiner Erfüllung und Vater Edik verliert fast die Geduld und obendrein noch seine Frau, die aus lauter Frustration über die beengten Wohnverhältnisse mit Scheidung droht. Schließlich wendet sich doch alles zum Guten, so viel kann ich schon einmal verraten, ohne hier potenziellen Leserinnen die Freude an der Lektüre zu nehmen – die steckt nämlich in der Geschichte selbst, in der abenteuerlichen Reise der Familie Friedman, den vielen Hürden die es zu überwinden gilt auf dem Weg nach Besserland, und nicht nur in ihrem versöhnlichen Ende.

Insgesamt ist „Besserland“ ein sehr ansprechend geschriebener Roman, der mich schon auf den ersten Seiten für sich gewinnen konnte. Die Geschichte der Familie Friedman und deren Odyssee ins Besserland laden mich dazu ein regelrecht mitzufiebern, ob sie nun am Brester Zoll stehen und rätseln, was und ob die Beamten sie etwas schmuggeln lassen oder ob es darum geht welche Verwandten nachgeholt werden können und wie. Es ist eine charmante Geschichte über eine gelungene Integration, über deutsch-russische Freundschaft, die mit reichlich Vodka begossen wird und sich so auch über etwaige Verständigungsprobleme hinweg setzt. Eine Autobiografie, die vorgibt keine zu sein und sich somit kreative Freiheiten nimmt, mit der Darstellung der Ereignisse. Letztlich ist es mir auch einerlei, was hier Wahrheit ist und was von der Autorin dazu erfunden wurde, denn „Besserland“ ist auf jeden Fall eine Lektüre wert, für mich sogar eine erneute 😉

Besserland – Alexandra Friedmann – ISBN 978.3.548.28781.2

Für Leserinnen, die…

  • …von einer besseren Zukunft träumen.
  • …die sich zu neuen Ufern aufmachen.
  • …sich kreative Freiheiten nehmen.

Am besten kombiniert mit…

41bzG63CKHL._SX313_BO1,204,203,200_418wXPsvUQL._SX304_BO1,204,203,200_Download (10)41f2jjS1mCL._SX255_BO1,204,203,200_

(#01/2016) Aller guten Sachbücher sind 3…!

Vor einem Jahr habe ich Sachbücher im Hörformat für mich entdeckt und bin seitdem ein wahrer Wissensjunkie geworden, meine Lieblingsthemen sind Feminismus, Ernährung und (außergewöhnliche) persönliche Erfahrungen. Einen Themenbereich kann ich mit diesem Rezensionstrio schon mal abdecken, und zwar durch „My year of living danishly“.  Abgesehen davon könnte die Auswahl nicht vielfältiger sein, es geht um die skandinavische Lebensart, um das sechste große Artensterben und um Kindererziehung in Theorie und Praxis.

Für Skandinavienfans…

51SCCk7fxAL._SX319_BO1,204,203,200_My year of living danishly von Helen Russell… Denmark is officially the happiest nation on Earth. When Helen Russell is forced to move to rural Jutland, can she discover the secrets of their happiness? Or will the long, dark winters and pickled herring take their toll? A Year of Living Danishly looks at where the Danes get it right, where they get it wrong, and how we might just benefit from living a little more Danishly ourselves.

Als Norddeutsche habe ich schon alleine durch die geografische Nähe zur Grenze einen guten Eindruck von der dänischen Kultur bekommen. In Städten wie Flensburg, Schleswig oder auch Eckernförde und Umkreis gibt es dänische Schulen, eine dänische Bibliothek und da ein Großteil der Einwohner zweisprachig aufgewachsen ist kann man auch im Alltag immer wieder Dänisch hören. Ich bin insofern also kein völlig unbeschriebenes Blatt, wie es die Autorin von „My year of living danishly“ ist. Diese kommt aus Großbritannien und lebt am Anfang des Buchs mit ihrem Mann in London, wo sie beide sowohl psychisch als auch körperlich unter dem enormen Karrieredruck leiden. Dann jedoch ergattert Helen Russels Mann eine Stelle beim dänischen Konzern Lego und kurzerhand zieht das paar ins ländliche Jytland – die Landzunge gleich hinter der deutschen Grenze.

Was ich an diesem Buch so schätze ist nicht nur der britische Humor, mit dem die Autorin ihre Erfahrungen spikt, sondern auch die Unbedarftheit mit der sie sich in die dänische Lebensart hinein fallen lässt. Ob es nun um Inneneinrichtung, Freizeitgestaltung oder Kindererziehung geht, bei den Dänen ist alles sehr homogen und straff durchorganisiert. Mir persönlich wäre das zwar ein Graus, aber Helen Dunmore betont in ihrem Buch vor allem die angenehmen Seiten einer Gesellschaft in der sich die einzelnen Mitglieder zwar nicht sonderlich voneinander unterscheiden, sich aber auch gegenseitig vertrauen können – so sehr dass dänische Mütter ihre Kinderwagen samt Baby vor dem Restaurant oder Café stehen lassen, wenn sie essen gehen. Insgesamt ist „My year of living danishly“ also ist ein ganz besonderer Leckerbissen für jeden Skandinavienfan, randvoll mit Infos zur dänischen Kultur, Bevölkerung und Gesellschaftsstruktur.

Am besten kombiniert mit…

41zIGQAwvzL._SX312_BO1,204,203,200_51fc0+DDh9L._SX323_BO1,204,203,200_51rMTGY1KXL._SX323_BO1,204,203,200_510umSR-87L._SX311_BO1,204,203,200_

Für Umweltbewusste…

416bF6-uEkL._SX313_BO1,204,203,200_Das sechste Sterben: Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt von Elizabeth Kolbert… Wir erleben derzeit das sechste sogenannte Massenaussterbeereignis: In einem relativ kurzen Zeitraum verschwinden ungewöhnlich viele Arten. Experten gehen davon aus, dass es das verheerendste sein wird, seit vor etwa 65 Millionen Jahren ein Asteroid auf der Erde einschlug, mit den bekannten Folgen für die Dinosaurier. Doch dieses Mal kommt die Bedrohung nicht aus dem All, sondern wir tragen die Verantwortung. Wie keine andere Gattung zuvor haben wir Menschen das Leben auf der Erde verändert. Elizabeth Kolbert spricht mit Geologen, die verschwundene Ozeane erforschen, begleitet Botaniker, die der Waldgrenze in den Anden folgen, und begibt sich gemeinsam mit Tierschützern auf die Suche nach den letzten Exemplaren gefährdeter Arten. Sie zeigt, wie ernst die Lage ist, und macht uns zu unmittelbaren Zeugen der dramatischen Ereignisse auf unserem Planeten.

„Das 6. Sterben“ fängt damit an, dass die Autorin ihrer Leserin gehörig Honig um den (Damen)bart schmiert. Der Prolog erzählt nämlich eine kurze Geschichte von der evolutionär erfolgreichsten Säugetierart, dem Menschen. Mit unserem Erfindungsreichtum, unserer Neugier, unserer Bereitschaft zu Kooperation, aber auch mit einer Aggressivität die ihresgleichen sucht, haben wir uns durchgesetzt und jede Spezies mit der wir in unserer Migrationsgeschichte von Afrika nach Europa und weiter nach Asien, von Europa nach Amerika und Australien, in Kontakt gekommen sind, ja wie wir sogar die Natur unterjocht haben. Dieses Joch verwandelte sich mit der Zeit jedoch in ein Damokles Schwert, welches die Herrschaft der Spezies Mensch über diese Erde zunehmend bedroht. In den folgenden Kapiteln vermittelt Elizabeth Kolbert der Leserin über diverse Beispiele einen Eindruck davon, wie es um uns, unseren Lebensraum und die Arten mit den wir ihn (noch) teilen, steht. Ohne hier die Erkenntnisse aus dem Buch vorweg zu nehmen; es sieht alles andere als rosig aus.

Eines muss man der Autorin dabei lassen, sie nimmt ihre Nachforschungen ernst, reist in ferne Länder und an entlegene Orte, spricht mit Wissenschaftlern, Naturforschern und ihren teils ehrenamtlichen Helfern. Insofern kann man die düstere Zukunftsvision, welche in „Das 6. Sterben“ herauf beschworen wird, durchaus ernst nehmen, oft ist Elizabeth Kolbert in ihren Vorhersagen sogar eher konservativ. Trotzdem überfällt mich als Leserin das kalte Grausen, wenn ich hier lese, was noch so alles auf uns Menschen zu kommt, wenn wir es nicht schaffen in Einklang mit unserer Umwelt zu leben. Das alleine schon, macht dieses Buch spannend wie ein Krimi, auch wenn es sich hierbei eigentlich um Wissenschaftsjournalismus handelt. Wer sich, wie ich, nicht gerade brennend für tropische Froscharten oder nordamerikanische Fledermäuse interessiert, dürfte das Buch ab und zu etwas trocken finden. Insgesamt ist „Das 6. Sterben“ thematisch trotzdem ein lesenswertes, und vor allem auch ein überaus wichtiges Buch.

Am besten kombiniert mit…

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Für Familienplaner…

41ixZEKkxsL._SX311_BO1,204,203,200_Himmel und Hölle: Das Dilemma moderner Elternschaft von Jennifer Senior… Die Journalistin und Anthropologin Jennifer Senior beschäftigt sich seit Jahren damit, wie Kinder das Leben ihrer Eltern auf den Kopf stellen. Für den New- York-Times-Bestseller Himmel und Hölle hat sie Familien besucht, Experten interviewt und zahlreiche Studien aus den unterschiedlichsten Bereichen zurate gezogen. Sie geht fundiert der Frage nach, wie sich das Verständnis von Familie im Laufe der Geschichte verändert hat und mit welchen neuen Herausforderungen heutige Eltern konfrontiert sind. Entstanden ist ein aufwühlendes Buch, das das Elternsein schonungslos analysiert und alle Aspekte dieser lebensverändernden Erfahrung ungeschminkt beleuchtet.

Ich habe zwar selbst keine Kinder, weiß aber spätestens seit Pamela Druckermans französischem Erziehungsratgeber, dass ein Buch über Kindererziehung auch für kinderlose Leserinnen überaus unterhaltsam sein kann. Während sich das Buch von Pamela Druckerman (siehe unten) auf das Wie des Erziehungsvorgangs konzentriert, geht Jennifer Senior dem Warum auf den Grund – warum erziehen wir unsere Kinder anders als frühere Generationen, woher kommen all die neuen Erkenntnisse zum Thema Kindererziehung und was taugen Erziehungstrends wie z.B. „Schlaftraining“ oder das „Familienbett“ wirklich?!

Sie tut dies anhand von Fallbeispielen, zum Beispiel einer jungen Mutter, die Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen versucht indem sie von zu Hause arbeitet, was allerdings nicht immer so klappen will, wie sie es sich erhofft hatte. Oder eine asiatisch stämmige Mutter, die jeden Tag zwei Stunden Fahrt auf sich nimmt, damit ihr Spross zum Sport kann. Die Helikopter-Eltern und die Tiger-Mom werden von Jennifer Senior besonders aufs Korn genommen und als Erfindung der heutigen Elterngeneration entlarvt, die hofft alles im Leben ihrer Kinder kontrollieren zu können, und sie so vor jeglichem Übel, Persönlichkeitsstörungen und dem akademischen Hintertreffen beschützen zu können. Hier in Deutschland sind wir noch nicht so weit, doch der Trend geht dahin allzeit für den Nachwuchs zur Verfügung zu stehen – laut Jennifer Senior eine besorgniserregende Entwicklung.

Am besten kombiniert mit…

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(Feminismen) Appetites: Why Women Want von Caroline Knapp

Ich habe im letzten Jahr viele Bücher zum Thema Magersucht gelesen, doch bisher noch keines, das sich mit den soziologischen Konstrukten auseinandersetzt, die so viele junge Mädchen in die Arme dieser Krankheit treiben…

41cruuuibdL._SX320_BO1,204,203,200_In Appetites, Caroline Knapp confronts Freud’s famous question, “What do women want?” and boldly reframes it, asking instead: How does a woman know, and then honor, what it is she wants in a culture bent on shaping, defining, and controlling her desires? Knapp, bestselling author of Drinking: A Love Story and Pack of Two: The Intricate Bond Between People and Dogs, has turned her brilliant eye towards how a woman’s appetite—for food, love, work, and pleasure—has become a battlefield. She uses her own experiences with anorexia as a powerful exploration of what can happen when we are divorced from our most basic hungers—and offers her own success as testament to the joy of saying “I want.”

Caroline Knapp schreibt in „Appetites – Why women want“ über ihren jahrelangen Kampf mit der Magersucht, schildert Beginn, Verlauf und letztlich ihre Genesung und das danach. Sie betreibt Ursachenforschung und konzentriert sich, anders als die meisten Autorinnen ihres Genres, dabei nicht nur auf sich selbst, auf die eigene Lebensgeschichte, sondern versucht die sozio-kulturellen Einflüsse zu identifizieren, die Frauen und Mädchen das Gefühl vermitteln sich klein, ja fast schon unsichtbar machen zu müssen, was bei vielen in eine lebenslange JoJo-Diätspirale mündet, die bei einer kleinen Gruppe der weiblichen Bevölkerung außer Kontrolle gerät. Insofern verbindet Caroline Knapp die klassische Magersucht-Geschichte mit den gesellschaftskritischen Aspekten eines feministischen Sachbuchs – ich persönlich bin begeistert!

Denn ehrlich gesagt wurden mir die Magersucht Geschichten in ihrer ewigen Gleichförmigkeit mit der Zeit etwas langweilig. Während „Zu leicht für diese Welt“ von Emma Woolf mich noch so begeisterte, dass ich im letzten Jahr wieder und wieder zum Genre zurück kehrte, konnte ich diese Erfahrung mit den anschließend gelesenen Büchern leider nicht wiederholen. Caroline Knapp bringt für mich als Leserin mit ihrer nahezu akademischen Herangehensweise an die Thematik Essstörungen frischen Wind in mein, mit der Zeit etwas stickig gewordenes, Lesezimmer. Ihre Ausführungen erinnern vom Ton her u.a. an „The Ministry of Thin“ von Emma Woolf und „Die Geschlechterlüge“ von Cordelia Fine – beides Bücher, die mich mit ihren Erkenntnissen und Betrachtungen über den Alltagssexismus sehr aufgewühlt aber auch thematisch sensibilisiert haben.

Caroline Knapp beginnt ihre Geschichte mit ebendieser. Die Leserin begleitet sie zum Einkaufen und der Stein des Anstoßes wird in den Einkaufskorb gelegt. Es ist ein Becher Hüttenkäse, laut Caroline Knapp das deprimierendste Lebensmittel überhaupt und ein Symbol dafür, was Frauen sich alles antun, damit ihre Körperlichkeit auf akzeptable Maße reduziert wird. Ich persönlich war vor meinem Veganismus ein großer Fan von Hüttenkäse, ebenso Magerquark – ein meiner Meinung nach viel freudloseres Milchprodukt – aber ich kann ihre Argumentation trotzdem nachvollziehen. Denn die junge Caroline Knapp kauft diesen berüchtigten Becher Hüttenkäse nicht etwa, weil sie Lust darauf, eventuell Calcium oder Proteinmangel hat, sondern weil sie nicht glaubt an diesem Tag Pasta, eine Pizza oder Tacos (sprich Lebensmittel, die den Magen und die Seele zu gleichen Teilen beglücken) zu verdienen.

Der erste Schritt an den Rand des Abgrunds „Essstörung“ ist getan und es dauert nicht lange bis Caroline Knapp hinein fällt in die Schwärze und erst einmal nicht wieder hinaus findet. Interessanter als ihre Geschichte ist nur noch die Parallele, die die Autorin zum Stand unserer Gesellschaft zieht. Sie betrachtet das weibliche Körperideal vergangener Zeiten, vergleicht es mit den heutigen Hungerkünstlern, die uns von jeder Werbefläche aus anschmollen, und tut etwas, das vor ihr noch keine andere von Magersucht betroffene Autorin getan hat, sie erstellt Hypothesen darüber, wie sich eine lange nur als Einzelfall bekannte Krankheit zu einer modernen Epidemie auswachsen konnte. Schnell merke ich, dass es nicht nur an der individuellen Betroffenen und ihrer genetischen/familiären Vorbelastung liegt, sondern daran welche Rolle die mittlerweile relativ emanzipierte Frau innerhalb der Strukturen des Patriarchats erfüllt.

Insgesamt ist „Appetites: Why women want“ eine überaus interessante Analyse der sozio-kulturellen Strömungen, die Frauen dazu verleiten sich von ihrem Körper zu entfremden, ob sich dies nun in einem selbstempfundenen „Bad Hair Day“, in einer Diät nach der anderen oder einer (lebensgefährlichen) Essstörung äußerst. Wer wie ich gerne (oder zumindest oft) Memoiren von Essgestörten liest, der kommt um dieses Buch nicht herum. Denn Caroline Knapp macht dort weiter, wo anderen Autorinnen scheinbar das Know-How fehlt. Sie füllt die Lücken auf der Suche nach dem Warum und führt die Ursachenforschung von der individuellen auf die gesellschaftliche Ebene. Gleichzeitig lässt sie die Leserin an ihrem eigenen Kampf gegen die Magersucht teilhaben, was mich persönlich emotional an die Autorin bindet und offener macht für die gesellschaftskritischen Inhalte dieses unvergleichlich informativen und lesenswerten Buchs.

Appetites: Why Women Want – Caroline Knapp – ISBN 978.1.582.43808.5

Für Leserinnen, die…

  • …meinen sich diätisch selbst kasteien zu müssen.
  • …sich von der weiblichen Lebensrealität überfordert fühlen.
  • …sich der Verbindung zwischen sozialem Druck und somatischer Erkrankung bewusst werden wollen.

Am besten kombiniert mit…

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(Sachbuch) Primates of Park Avenue von Wednesday Martin

Zunächst hielt ich dieses Buch für eine „real-life“ Version von „Der Teufel trägt Prada“. Doch dann stellten sich die Ausführungen der Autorin zum teils kuriosen Verhalten der Upper East Side Mütter als überaus amüsant heraus…

51ICZEpR0oL._SX332_BO1,204,203,200_After marrying a man from the Upper East Side and moving to the neighborhood, Wednesday Martin struggled to fit in. Drawing on her background in anthropology and primatology, she tried looking at her new world through that lens, and suddenly things fell into place. She understood the other mothers’ snobbiness at school drop-off when she compared them to olive baboons. Her obsessional quest for a Hermes Birkin handbag made sense when she realized other females wielded them to establish dominance in their troop. And so she analyzed tribal migration patterns; display rituals; physical adornment, mutilation, and mating practices; extra-pair copulation; and more. Her conclusions are smart, thought-provoking, and hilariously unexpected.

Wednesday Martin und ihr Mann wollen mit ihrer kleinen Familie innerhalb New Yorks umziehen. Mit Rücksicht auf die Schulsituation soll es die Upper East Side sein, doch muss Wednesday Martin bald feststellen, dass es sich hierbei nicht nur um einen anderen Teil New Yorks, sondern um eine ganz andere Welt handelt. Die altbekannten Konventionen des höflichen Umgangs miteinander scheinen unter den ansässigen Erwachsenen außer Kraft gesetzt zu sein. An ihrer statt bestimmen strikte Hierarchien das soziale Miteinander, doch zeichnet sich das Alphaweibchen hier nicht durch körperliche Kraft und vermehrte Aggressivität aus, sondern durch eine exklusive Handtasche. Dies ist die Welt der Primaten der Park Avenue und Autorin Wednesday Martin ist seit ihrem Umzug ein Teil davon, ob sie nun will oder nicht.

Zunächst einmal ist da aber die Suche nach einer Wohnung und dafür gibt es auf der Upper East Side ganz eigene Regeln. Es ist die Ehefrau, die eine Wohnung findet und es ist der Ehemann, der sie schließlich abnickt. Alles sehr traditionell, doch Wednesday Martin nimmt es mit Humor. In ihrer Beschreibung der Wohnungssuche, des Umzugs und der Eingewöhnungszeit in der neuen Umgebung tritt sie einen Schritt zurück, wird zur Beobachterin und doch steckt sie schon zu Anfang viel tiefer in den etwas verkrusteten Hierarchien der Upper East Side drin als sie es in ihrem Buch zuzugeben bereit scheint. Sie selbst ist finanziell von ihrem Mann abhängig und abgesehen von ihrem Buchprojekt Vollzeitmutter und „Play Date“ Organisatorin. In den Augen der aufmerksamen Leserin schmälert das zwar Wednesday Martins Glaubwürdigkeit, tut dem Unterhaltungsfaktor ihrer Ausführungen jedoch keinen Abbruch.

Irgendwann gesteht die Hobbyanthropologin ihren Leserinnen dann, sie wäre „native gegangen“ wie es im Englischen so schon heißt, sie hätte sich also aus der Rolle der Beobachterin gelöst um sich dem Verband der Studienobjekte anzuschließen. Anschließend führt sie ein paar Beispiele auf von historischen Anthropologen, die zum Beispiel den Reizen der eingeborenen Frauen irgendwann nicht mehr widerstehen konnten. Was Wenesday Martin jedoch dazu bewegt sich nicht mehr als Außenstehende zu begreifen, sondern als Teil der von ihr zuvor oft etwas herablassend betrachteten Gruppe zu sein oder zumindest werden zu wollen, ist eine Handtasche. Doch handelt es sich hier nicht um irgendeine Handtasche es ist die „Birkin Bag“ des Designers Hermès, benannt nach Jane Birkin und so teuer wie eine Zweizimmerwohnung in einem schönen Stadtteil.

Dies ist der Punkt an dem Wednesday Martins Beschreibung der Frauen der Upper East Side weitaus nachgiebiger wird als sie es anfangs noch war. Die Autorin scheint sich in den Personenkreis der sie umgibt einzufühlen und ernsthaft daran interessiert zu sein, einen Platz darin zu finden. Als Leserin bin ich darüber geteilter Meinung. Einerseits freue ich mich für die bis dahin sozial isolierte Wednesday Martin, freue mich darüber dass sie sich endlich dort auch Zuhause fühlt, wo sie nun schon seit geraumer Zeit wohnt. Auf der anderen Seite scheint mir dies jedoch eine 180° Drehung in der Erzählstimme der Autorin, wie auch ihrer Einschätzung des sozialen Gefüges auf der Upper East Side, zu sein. In meinen Augen verliert sie dadurch, durch ihre allmähliche nahezu kritiklose Assimilierung an die unangenehm hierarchischen Verhältnisse in ihrem neuen Viertel nämlich, etwas an Glaubwürdigkeit.

Letztlich ist „Primates of Park Avenue“ jedoch trotz allem, bzw. trotz der schleichenden Assimilierung seiner Autorin, ein humorvolles, unterhaltsames und überaus informatives Buch – besonders für Leserinnen, die schon einmal in New York gelebt haben oder, so wie ich, diese berühmt-berüchtigte Stadt immer schon mal sehen wollten. Besonders die ungewöhnliche Herangehensweise Wednesday Martins an ihr Thema hat mir persönlich sehr gut gefallen. Die Mütter der hiesigen Schulkinder mit wilden Tieren oder einem Stamm aus vorzivilisatorischen Kannibalen, den man so nur aus klassischen Abenteuerromanen kennt, gleich zu setzen brachte mich ein ums andere Mal dazu laut aufzulachen. Da schmerzt es mich letztlich auch nicht, dass Wednesday Martin am Ende all ihre Prinzipien für eine Handtasche geopfert hat – am Ende möchte eben jeder Neuankömmling von den Alteingesessenen akzeptiert werden und es bringt an dieser Stelle nichts sich künstlich aufzuregen und die Autorin dafür zu verurteilen.

Primates of Park Avenue – Wednesday Martin – ISBN 978.1.476.76262.3

Für Leserinnen, die…

  • …anthropologisch interessiert sind.
  • …sich schon einmal außerhalb ihres Elements etablieren mussten.
  • …am liebsten den Underdog anfeuern.

Am besten kombiniert…

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(Sachbuch) Why not me? von Mindy Kaling

Kaling wurde als Vera Mindy Chokalingam geboren, sie besuchte das Dartmouth College. Im Jahr 2005 gab Kaling ihr Schauspieldebüt in dem Film „Jungfrau (40), männlich, sucht…“. Es folgten Auftritte in verschieden Film- und Fernsehproduktionen. Bekannt wurde sie durch ihre Mitwirkung als Drehbuchautorin und Darstellerin der Kelly Kapoor in der Fernsehserie „Das Büro“ und für die mit ihrer Hilfe geschaffene Serie „The Mindy Project“, in der sie seit 2012 die Titelrolle spielt. (Quelle: Wikipedia)

41sDffmOkXL._SX309_BO1,204,203,200_In Why Not Me?, Kaling shares her ongoing journey to find contentment and excitement in her adult life, whether it’s falling in love at work, seeking new friendships in lonely places, attempting to be the first person in history to lose weight without any behavior modification whatsoever, or most important, believing that you have a place in Hollywood when you’re constantly reminded that no one looks like you. Mindy turns the anxieties, the glamour, and the celebrations of her second coming-of-age into a laugh-out-loud funny collection of essays that anyone who’s ever been at a turning point in their life or career can relate to. And those who’ve never been at a turning point can skip to the parts where she talks about meeting Bradley Cooper.

Meine erste Begegnung mit Mindy Kaling fand in Form ihres ersten Buchs „Is everyone hanging out without me?“ statt, noch bevor ich auch nur eine einzige Folge ihrer TV-Serie „The Mindy Project“ geschaut hatte. Mittlerweile bin ich süchtig und konnte mich daher nicht zurück halten, als ich sah, dass Mindy Kaling ein neues Buch veröffentlicht hat – und das obwohl ich ihr erstes Buch eher durchschnittlich und nicht halb so humorvoll fand wie zum Beispiel vergleichbare Bücher von Tina Fey oder Amy Poehler. Trotzdem wollte ich Mindy Kaling noch eine Chance geben, bzw. war ich viel zu neugierig auf „Why not me?“ als dass ich es hätte links liegen lassen können. Leider ist sein Unterhaltungsfaktor, ähnlich wie „Is everyone hanging out without me?“, eher im Mittelfeld angesiedelt.

Das Buch selbst besteht aus einer Reihe mal mehr und mal weniger humorvollen Essays aus dem Leben von Autorin Mindy Kaling. Wie schon Kalings erstes Buch, ist auch „Why not me?“ nur in Ansätzen chronologisch. Das Buch beginnt mit einer Reihe von Kapiteln über die Schönheitsgeheimnisse der Stars, welche das im einzelnen sind habe ich mir ehrlich gesagt nicht gemerkt – mir ist das alles etwas zu aufwendig. Es geht unter anderem um Ernährungstrends, Kalings Versuche ihre persönliche Fitnesstrainerin vom Training abzuhalten, Hausbesuche zwecks Selbstbräunung und Haar Extensions, die angeblich ganz Hollywood mit dem indischen Subkontinent verbinden. Diese halbernste Schilderung des hollywoodschen Schönheitswahns ist äußerst unterhaltsam und lässt mich beschwingt in das Buch einsteigen.

Anschließend schreibt Mindy Kaling über ihren Job bei der amerikanischen Version der Erfolgsserie „The Office“, davon wie sie die Chance bekam eine eigene TV-Serie zu konzipieren und davon wie diese TV-Serie zu einem Erfolg wurde. Diese Passagen sind vor allem dann interessant, wenn man als Leserin das Endprodukt, namentlich „The Mindy Project“ kennt. Wer die Serie (noch) nicht gesehen hat, der dürfte sich an dieser Stelle wohl etwas langweilen – so ging es mir zumindest während der Kapitel über „The Office“, das ich zwar vom Hörensagen kenne, aber nie selbst geschaut habe. In diesem Abschnitt des Buchs kommen auch Kollegen, bzw. Mentoren von Mindy Kaling zu Wort, wenn auch nur kurz – in der Hörbuchversion lesen sie ihre Texte übrigens selbst.

Als Mindy Kaling mir allerdings von einer beinahe Affäre mit einem Pressesprecher der amerikanischen Regierung erzählt und diese Geschichte, die im Grunde gar keine ist, schließlich kam es nie zu einem Verhältnis, Ausmaße annimmt, die vorherige Schilderung ihres Werdegangs bei weitem in den Schatten stellen, driftet meine Aufmerksamkeit ab. Wie schon während der Lektüre ihres Debüts, das teilweise aus albernen Listen besteht, habe ich nun das Gefühl, dass Mindy Kaling schon wieder nicht genug Material für ein ganzes Buch hatte. Schließlich ist sie keine vierzig ihre Biografie ist also verhältnismäßig schnell erzählt, da reicht vielleicht schon ein Wikipedia Artikel. Doch Kaling schreibt ein Buch und das obwohl sie gar nicht so viel zu erzählen hat, bzw. den Leser darin nie ganz an sich heran lässt.

Im Grunde ist „Why not me?“ als humorvolles Intermezzo im ansonsten manchmal etwas zu ernsten Lesealltag zu verstehen. Es ist keine ernst zu nehmende Autobiografie, dafür hält sich die Autorin viel zu bedeckt, plaudert zwar aus dem Nähkästchen, gibt aber gleichzeitig nichts von Substanz über sich preis. Wer dem „Mindy Project“ verfallen ist, den wird dessen Entstehungsgeschichte sich gut unterhalten, die weniger interessanten Passagen kann frau zur Not auch überfliegen. Für mich war die Lektüre zwar keine Offenbarung weder im persönlichen noch im literarischen Sinne, dennoch war sie für einen lustigen Abend gut und mehr habe ich letztlich auch nicht erwartet.

Why not me? – Mindy Kaling – ISBN 978.0.804.13814.7

Für Leserinnen, die…

  • …hinter die Kulissen der TV-Serie „The Mindy Project“ schauen wollen.
  • …nach Hollywood-erprobten Beauty Tipps suchen.
  • …über sich selbst lachen können.

Am besten kombiniert mit…

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