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(Feminismen) Weibliche Sexualität gefangen zwischen zwei Extremen…

Wer sich mit dem Feminismus des neuen Milleniums beschäftigt, der kommt an Jessica Valenti nicht vorbei. Als Gründerin der feministischen Webplattform „Feministing.com“ ist sie mir schon länger ein Begriff. Nun mache ich endlich Nägel mit Köpfen und widme mich ihrer Bibliographie, es wurde nämlich langsam Zeit, dass die Bücherphilosophin feministisch in die Tiefe geht…

31hwpjo-tfl-_sx331_bo1204203200_In The Purity Myth Jessica Valenti argues that the country’s intense focus on chastity is damaging to young women. Valenti reveals that powerful messaging on both extremes place a young woman’s worth entirely on her sexuality. Morals are therefore linked purely to sexual behavior, rather than values like honesty, kindness, and altruism. Valenti sheds light on the value — and hypocrisy — around the notion that girls remain virgin until they’re married by putting into context the historical question of purity, modern abstinence-only education, pornography, and public punishments for those who dare to have sex. The Purity Myth presents a revolutionary argument that girls and women are overly valued for their sexuality, as well as solutions for a future without a damaging emphasis on virginity.

Jessica Valentis viertes Buch habe ich mit gespannter Erwartung und großem Interesse gelesen; denn es gewährt einen raren Einblick hinter die Kulissen des amerikanischen Wertesystems, das auch im modernen Europa Auswirkungen hat, wird es doch jährlich hundert-, wenn nicht sogar tausendfach in Hollywood Produktionen für Film und Fernsehen reproduziert und anschließend in die ganze Welt exportiert. Jessica Valenti konzentriert sich in ihrer Funktion als feministische Autorin auf einen besonderen Aspekt der amerikanischen Wertekultur – der vor allem in West- und Nordeuropa heutzutage (zum Glück) dem Raum der Privatsphäre des Einzelnen angerechnet wird – der in dem durch christlich-konservative Bewegungen stark beeinflussten Land nach wie vor über das soziale und gesellschaftliche Leben beider Geschlechter bestimmt, dem Sexualverhalten von Frauen als Maßstab für deren moralische Integrität.

Die Autorin beschreibt ausführlich die Falle in der unverheiratete Frauen sitzen, wenn sie zur besten Sendezeit zum Beispiel von Medienformaten wie „Girl Gone Wild“ zur Promiskuität angeregt werden, ihnen aber gleichzeitig seit dem frühen Kindesalter eingebläut wurde, dass Sexualität, vor allem die Weibliche, nur in der Ehe gelebt werden sollte, und das übrigens bei einer Scheidungsrate von 50%. Es stehen sich also zwei gesellschaftliche Anforderungen gegenüber, in den Köpfen junger amerikanischer Frauen; tue alles, um begehrenswert und sexy zu erscheinen, sei dabei aber niemals sexuell oder zeige eigenes Begehren. Jessica Valenti entlarvt insofern das von unzähligen jungen Frauen auch hierzulande angestrebte „sexy“ als Objekteigenschaft ohne eigene Initiative. Der Trend geht also wie schon seit Hunderten von Jahren hin zur Frau als vom männlichen Betrachter definierter Entität, und definiert die weibliche Sexualität somit als das ewig Passive.

Dies wird im sozialen Umgang jedoch nicht nur für junge Frauen zum Stolperstein. Auch Männer sind von der in Ketten gelegten Sexualität der Frauen betroffen, insofern es für sie unmöglich wird zu tangieren, welche Aspekte gelebter Sexualität nun auf Gegenseitigkeit und Einverständnis beruhen, und wann sie im Umgang mit ihren weiblichen Mitmenschen zu weit gehen. Wenn Frauen nämlich kein eigenes Begehren zugestanden wird, wird die körperliche Beziehung der Geschlechter zum Tauziehen. Eigentlich will sie Sex haben, muss sich laut gesellschaftlichen Vorgaben aber entziehen und scheint daraufhin fast erleichtert, wenn sie „überredet“ wird, also keine Wahl hat als sich hinzugeben und die moralischen Auswirkungen – Stichwort: „Walk of Shame“, ein amerikanisches Phänomen dem Hollywood sogar einen eigenen Film gewidmet hat – einer sexuellen Begegnung so umgehen kann. Dies ist, so Valenti, der fruchtbare Boden, auf dem das Unkraut der Vergewaltigungskultur gedeiht wie nirgendwo sonst.

Auch Alkohol ist übrigens ein gerne genommener Ausweg aus dem so epidemischen Abwerten von sexuell aktiven Frauen, auch genannt „slut shaming“. Dies wiederum verknüpft psychische Zwickmühlen mit reellen gesundheitlichen Folgen für junge Frauen die meinen sich betrinken zu müssen, um sich frei genug zu fühlen ihren elementaren Instinkten, zur Intimität mit einem anderen Menschen, ohne schlechtes Gewissen nachgeben zu können. Diese kulturellen Praktiken, deren verheerende Folgen für vor allem junge Frauen und die repressiven, religiös-konservativen Kräfte, welche seit Jahrzehnten alles daran setzen in einer ansonsten so progressiven Gesellschaft ein Klima zu schaffen, das eine gleichberechtigte Sexualität unmöglich macht, prangert Jessica Valenti in „The purity myth“ aufs Schärfste an. Sie definiert Frauen als sexuelle Wesen mit eigenem Begehren und plädiert im gleichen Atemzug für eine freie, respektvolle Sexualität; es bleibt an dieser Leserin zu hoffen, dass sich diese, ihre Visionen irgendwann, hoffentlich bald, in Realität verwandeln.

Insgesamt haben Amerika und Europa zwar vieles gemeinsam – hochrangige Politiker berufen sich nicht zuletzt in dieser Zeit des Umbruchs auf ein gemeinsames Wertesystem – die repressive Art auf die in Amerika mit weiblicher Sexualität umgegangen wird, hat sich, zumindest soweit ich das in meiner skandinavisch geprägten Enklave persönlich erlebt habe, hierzulande zum Glück nie etablieren können. Trotzdem scheint mir „The purity myth“ nicht nur ein interessantes und aufrüttelndes Buch zu sein, sondern auch ein wichtiges Mittel der Inokulation gegen stereotype Darstellungen weiblicher Sexualität in aus Amerika importierten Medien. Jessica Valenti liefert zudem unzählige Argumente dafür, wie wichtig und erstrebenswert es für beide Geschlechter ist, männliche und weibliche Sexualität als gleichberechtigt zu begreifen und moralische Ansprüche an das Verhalten von Frauen von deren Sexualität abzukoppeln und sie als gesellschaftlich und körperlich vollständige und vollwertige Menschen zu begreifen.

The Purity Myth – Jessica Valenti – ISBN 978.1.580.05253.5

Für Leserinnen, die…

  • …ihre Sexualität frei leben und genießen.
  • …die sich nicht darüber definieren (wollen) was sie zwischen den Laken tun (oder nicht).
  • …einen Insider-Blick auf die amerikanische „Virgin vs. Whore“ Dynamik werfen wollen.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Das Alter ist nichts für Feiglinge…

Vor ein paar Jahren las ich „Die linke Hand der Dunkelheit“, fand jedoch leider keinen Zugang dazu und brach es schließlich ab. Diese verhaltene Enttäuschung, erfahren durch ein Buch von dem ich mir viel versprach, spukte lange danach in meinem Kopf herum. Als ich erfuhr, dass nun bald eine Essaysammlung der Autorin veröffentlicht wird, musste ich diese unbedingt vorab lesen. Meine Hoffnung ist dabei, dass ein nuanciertes Bild der Autorin als Person mir einen zweiten Anlauf auf ihren bekanntesten Roman ebnet – mal sehen…

cover120129-mediumUrsula K. Le Guin has taken readers to imaginary worlds for decades. Now she’s in the last great frontier of life, old age, and exploring new literary territory: the blog, a forum where her voice—sharp, witty, as compassionate as it is critical—shines. No Time to Spare collects the best of Ursula’s blog, presenting perfectly crystallized dispatches on what matters to her now, her concerns with this world, and her wonder at it. On the absurdity of denying your age, she says, “If I’m ninety and believe I’m forty-five, I’m headed for a very bad time trying to get out of the bathtub.” On cultural perceptions of fantasy: “The direction of escape is toward freedom. So what is ‘escapism’ an accusation of?” On her new cat: “He still won’t sit on a lap…I don’t know if he ever will. He just doesn’t accept the lap hypothesis.” On breakfast: “Eating an egg from the shell takes not only practice, but resolution, even courage, possibly willingness to commit crime.” And on all that is unknown, all that we discover as we muddle through life: “How rich we are in knowledge, and in all that lies around us yet to learn. Billionaires, all of us.”

Schon bevor ich überhaupt eine einzige Zeile gelesen habe, ist mein Kopf schon voller Fragen. Besonders eine tut sich dabei hervor; ob mir Ursula K. LeGuin wohl als Person sympathisch sein wird? Ich hoffe es jedenfalls sehr, und das löst vorab schon eine unterschwellige Anspannung in mir aus. Ich möchte sie so gerne mögen, möchte einen Zugang zu ihrem Werk finden. Darüber hinaus koche ich meine Erwartungen allerdings auf kleiner Flamme. Denn Essaysammlungen, wie diese hier, sind meiner bisherigen Erfahrung nach immer ein bisschen durchwachsen. Da ist „No Time to Spare“ übrigens keine Ausnahme, manche Essays hauen bei mir voll auf die Zwölf, andere interessieren mich weniger und ich überfliege sie nur.

Im ersten Teil des Buchs geht es um das Altern und das Alter, welches laut Ursula K. LeGuin, selbst schon über achtzig, nichts für Weicheier ist. Dann aber eigentlich doch, muss sie sich eingestehen, schließlich werden auch Weicheier irgendwann mal alt. Doch einfach ist es nicht, darauf kann sie sich mit sich selbst einigen. Die Leserin lernt Ursula K. LeGuin gleich zu Anfang als Person kennen, die sich all ihrer kleinen Macken und Eigenarten bewusst ist und sich nicht länger scheut, diese auch mit ihren Leserinnen zu teilen. Diese Leserin merkt der Schriftstellerin ihr fortgeschrittenes Alter dabei gar nicht unbedingt an. Denn Ursula K. LeGuin nimmt es mit Humor und scherzt auch schon mal, dass zum Beispiel alternde Bloggerinnen besser einmal die Woche laut geben, auch wenn’s nichts zu erzählen gibt. Denn jüngere Leserinnen könnten ja meinen, frau wäre zwischenzeitlich verstorben.

Im zweiten Teil erzählt die gestandene Schriftstellerin neugierigen Leserinnen vom Literaturbetrieb, schreibt über das Konzept des „großen amerikanischen Romans“ und die moralische Verpflichtung des Schriftstellers. Welche in diesen Essays also nach Klatsch und Tratsch sucht, die wird wohl leider enttäuscht werden. Ursula K. LeGuin geht nämlich vor allem auf die Feinheiten des Schriftstellerlebens ein. Dazu gehört zum Beispiel das Beantworten von Fanpost, und diese kommt bei einer Fantasy-Autorin auch schon mal von ganz jungen Leserinnen, die sich mal mehr und mal weniger Mühe machen, allesamt jedoch die Regeln der modernen Rechtschreibung neu definieren. Darüber hinaus schreibt Ursula K. LeGuin unter anderem davon, dass sie viel lieber den Sartre-Preis – jährlich verliehen an jemanden, der einen Preis abgelehnt hat – als den Nobelpreis haben würde, auch wenn beide für eine Genre-Schriftstellerin wohl außer Reichweite sein dürften.

Diesen Teil finde ich besonders interessant, habe ich doch selbst schriftstellerische Ambitionen. Viel gibt mir die Autorin jedoch nicht an die Hand, und als die erhofften Tipps für angehende Schriftstellerinnen ausblieben, war ich zunächst etwas enttäuscht. Im Nachhinein genieße ich diesen kleinen Ausflug in die Welt einer, die es geschafft hat ihre Berufung zum Beruf zu machen aber trotzdem. Denn Ursula K. LeGuin schreibt über Dinge, von denen sie etwas versteht, zumindest meistens, nämlich zum Beispiel den Unterschied zwischen Dystopie und Utopie, und warum es bisher keinem Schriftsteller gelungen ist, dabei die Natur des Menschen zu berücksichtigen, anstatt sie auszuklammern. Wenn es um Science Fiction geht ist die Autorin in ihrem Element, das merke ich sofort, und genieße diesen fast schon philosophischen Ausflug durch die Literaturgeschichte sehr, inklusive Lesetipps für Genreneulinge übrigens.

Danach wird Ursula K. LeGuin unerwartet politisch und ist für ihr Alter ungewöhnlich sozialdemokratisch eingestellt. Vor der Lektüre dieses Teils hatte ich befürchtet es auf einmal mit einer unangenehm konservativen, reaktionären Frau zu tun zu bekommen, die wenig übrig hat für solch triviale Dinge wie zum Beispiel die derzeitige Sexismusdebatte. Doch bestätigten sich meine Vorurteile dem fortgeschrittenen Alter gegenüber nicht. Ursula K. LeGuin wird fast schon feministisch, wenn es um Themen wie zum Beispiel Frauensolidarität geht und verortet sich und ihre Essaysammlung damit am Puls der Zeit. Darüber hinaus sind ihre Essays thematisch wieder breit gefächert und sie schreibt u.a. über die innere Welt von Pflanzen, wenn auch nicht ganz ernst gemeint, und den Sinn und Unsinn des Glaubens an Gott als Antithese zur modernen Wissenschaft.

Sie schließt mit einer Reihe von Anekdoten, die dem Buch im Nachhinein etwas verspieltes geben. Zum Beispiel schreibt sie über eine Reise nach Wien und darüber wie man ein europäisches Ei isst. Für mich als Europäerin war diese Passage etwas überflüssig, aber auch irgendwie meditativ; wie der Akt des Ei-essens selbst – Löffel für Löffel aus der Schale – der für eine Deutsche wohl das selbstverständlichste überhaupt ist. Sie erzählt von einer Begegnung mit einem zahmen Luchs und davon wie sie trotz ambivalenter Gefühle, von ihrer wachsenden Berühmtheit quasi genötigt, eine persönliche Sekretärin einstellte; und wie diese nach vielen gemeinsamen Jahren zu einer engen Freundin und Vertrauten wurde. Sie erzählt von der grenzenlosen Fantasie kleiner Kinder und einer Begegnung der anderen Art mit einer Klapperschlange.

Die unterschiedlichen Teile der Essaysammlung werden durch kürzere Passagen getrennt, in denen die Autorin von ihrem Leben mit Katze berichtet. Ursula K. LeGuin gesellt sich damit zu einem illustren Grüppchen bekannter Schriftstellerinnen, die, mal mehr und mal weniger amüsant, über ihre Katzen geschrieben haben. Dabei erzählt sie eigentlich nichts völlig neues. Ihr Kater Pard hat natürlich sie ausgewählt und nicht etwa umgekehrt – wo kämen wir denn da hin. Auch des nachts ein Wirbelwind muss er schon mal aus dem Schlafzimmer verbannt werden, sieht diesen letzten Ausweg seiner schlaftrunkenen Besitzerin jedoch absolut nicht ein. Die Treppen seines Zuhauses nimmt er generell im Flug und bringt so auch mal den einen oder anderen menschlichen Mitbewohner zu Fall. Und das Herumturnen auf kostbaren Möbelstücken ist natürlich nur dann verboten, wenn jemand zuschaut. Wer selbst Katzen hat, dürfte all das schon zu Genüge kennen, amüsant ist es aber trotzdem.

Ursula K. LeGuin ist die Mischung gelungen, in „No Time to Spare“ ist für jede Leserin, ob uralt, blutjung oder irgendwo dazwischen, etwas dabei. Nur neue Geschichten der Autorin sucht frau zwischen den Seiten dieses Buchs vergeblich; insofern bist du gewarnt, meine geneigte Leserin. Das alleine sollte dich jedoch nicht von der Lektüre abschrecken. Denn besonders für Fans der Autorin stellt dieses Buch einen literarischen Leckerbissen der besonderen Art dar. Endlich darf frau mal hinter die Kulissen schauen, der Schriftstellerin über die Schulter. Nicht alle Essays sind dabei gleich interessant, und manchmal war ich zugegebenermaßen etwas gelangweilt. Doch decken sie so viele verschiedene Themenbereiche ab, dass ich spätestens mit dem nächsten Essay wieder das Gefühl hatte zu wissen, warum ich dieses Buch so unbedingt lesen wollte. Meine anfängliche Angst, die Autorin könnte mir unsympathisch sein, war übrigens unbegründet; Ursula K. LeGuin und ihre Bücher werden mich also wohl noch lange begleiten.

No Time to Spare: Thinking About What Matters – Ursula K. LeGuin – ISBN 978.1.328.66159.3

Für Leserinnen, die…

  • …vielseitige Interessen haben.
  • …Katzen-affin sind.
  • …lieber Bücher als Blogs lesen.

Literarische Nachbarinnen…

Katzen von Marina Mander51BmAfV1l5L._SY346_51r1ey4qRaL._SX314_BO1,204,203,200_

(Lesen ist hardcore!) Halloween Extravaganza 2017: Lesen auf eigene Gefahr!

Mitte Oktober schaute ich auf den Kalender und hatte eine Idee, warum nicht einen besonderen Beitrag zu Halloween veröffentlichen?! Und mir war auch bald darauf klar, worum es darin gehen sollte. Vor ewigen Zeiten einmal hatte ich mich mit Horrorromanen aus Frauenhand eigedeckt und diese dann nie gelesen; wäre das nicht mal eine Chance meinen SuB etwas zu entschlacken und gleichzeitig ein paar Autorinnen und ihren Büchern zu mehr Bekanntheit und Leserinnen zu verhelfen?! Gedacht getan, nur welche Bücher nehme ich nun?! Nicht zu viele, das war von Anfang an klar; denn ich will Dich, meine geneigte Leserin, nicht unter eine Lawine von Leseempfehlungen begraben. Und trotzdem soll für jeden Geschmack, bzw. jede Nervenstärke, etwas dabei sein. Ich glaube das ist mir auch gelungen, also hab viel Spaß und Gänsehaut beim Stöbern und Entdecken…

51JRXPenLxLBegonnen habe ich meine Reise in die Unterwelten dieser drei femmes cauchemares mit der Novelle Into the Red“ von der amerikanischen Autorin und Künstlerin Sandy DeLuca. Ein vergleichsweise sanfter Einstieg, zumindest im Vergleich zu den anderen Büchern, die ich als Einstimmung auf den gruseligsten Tag des Jahres gelesen habe. „Into the Red“ erinnert mich ein wenig an die Vampirromanzen, die ich als junge Erwachsene zeitweise gelesen habe, nur dass Sandy DeLucas Zähne etwas schärfer sind und das Blut ihrer Hauptfigur um einiges freier fließt.

Der Titel der Novelle bezieht sich auf ein Gedicht von Sylvia Plath, deren Gedichtband „Ariel“ ein permanentes Accessoire der Hauptfigur und Erzählerin ist. Ähnlich wie in der Lyrik der jung verstorbenen Dichterin steht auch bei Sandy DeLuca vieles lediglich zwischen den Zeilen. Als Leserin, die sich auf eine zugegebenermaßen genrebedingt wohl eher grobschlächtige Horrornovelle gefreut hatte, war ich natürlich ein bisschen enttäuscht. Wo sind die Monster?! Wo sind die schwarzen Messen und rituellen Opfer?! Und was genau ist eigentlich mit dem Bruder der Hauptfigur passiert?! Sandy DeLuca deutet schon am Anfang der Geschichte an er wäre brutal ermordet worden. Im Laufe der Handlung bleibt sie mir eindeutige Antworten jedoch schuldig. Alles muss ich mir selbst zusammen reimen, ohne dass ich gegen Ende eine kleine Bestätigung durch die Autorin erfahren hätte.

In „Into the Red“ geht es um die erste Liebe und die Narben, welche diese auf dem Herzen und im Fleisch junger Mädchen hinterlässt – bei Sandy DeLuca darf frau diese Metapher übrigens wörtlich nehmen. Sie spielt mit dem meines Erachtens mittlerweile etwas ausgelutschten Thema Selbstverletzung und macht die Dunkelheit, den Schmerz und latenten Masochismus zwischen den Schnitten sichtbar. Erste sexuelle Erfahrungen und co-abhängige Jugendfreundschaften erfahren so eine düstere Intensität und werden zum Vorboten eines namenlosen Bösen, das die beteiligten Figuren, die Erzählerin im Besonderen, ihr Leben lang nicht loslassen wird.

10625204Charlee Jacob ist quasi die Meryl Streep der zeitgenössischen Horror-Literatur. Es fällt mir als Leserin schwer unter ihren zahlreichen Veröffentlichungen im Genre ein Buch zu finden, das keinen Preis gewonnen hat, oder zumindest nominiert war. Ihr Buch „Dread in the Beast“, das als Novelle seinen Anfang nahm und später auf Romanlänge ausgelassen wurde, ist da keine Ausnahme. Die Bestie im Titel bezieht sich übrigens auf eine der drei Hauptfiguren, angeblich der wiedergeborene Alastair Crowley, seines Zeichens Okkultist und von der britischen Presse berühmt-berüchtigt als „wickedest man in the world“ betitelt.

Charlee Jacob selbst liefert den Soundtrack zu ihrem Roman und der besteht aus Arthur Browns Erfolgssong „Fire“, gespielt ad nauseum. Ich persönlich würde aber auch die frühen Hits von Marilyn Manson oder die finnische Band The 69 Eyes als musische Untermalung des Textes vorschlagen. In der Kombination steht die Lektüre einem aus dem Ruder geratenen LSD-Trip dann in nichts mehr nach, und wie die eigentliche Droge sitzt mir das Gelesene nach wie vor im Rückgrat, bricht sich ab und zu Bahn in mein Bewusstsein und lässt mich erschaudern.

Wer sich zwischen die Seiten von „Dread in the Beast“ wagt, der braucht einen starken Magen. Fäkalien und sexuelle Perversionen/Folter sind die heimlichen Hauptfiguren des Romans. Da wird selbst ein junger Stephen King etwas blass um die koksaffine Nase. Wenn dir also schon bei der bloßen Erwähnung von Horror-Franchises wie „Saw“ oder „Hostel“ mulmig wird, dann ist dieser Roman wohl ein bisschen zu extrem für dich. Ich persönlich konnte anfangs lediglich ein Kapitel am Tag ertragen, bevor ich mental ausgebrannt das Handtuch warf. Das allerdings könnte auch daran liegen, dass der Roman aus drei parallel erzählten Geschichten besteht, die zunächst nicht das geringste miteinander zu tun haben und erst gegen Ende – als ich, aus schierer Panik eine zweite Woche in der Höllenwelt von „Dread in the Beast“ verbringen zu müssen, schon lange mit Speed Reading begonnen hatte – miteinander verknüpft werden.

Es geht um vergessene Gottheiten und antike Heiligenkulte, die sich im Untergrund bis in die Gegenwart fortsetzen, um Transformationen und Selbstverleugnung, alles in der dreckigsten Stadt der Welt verortet. Die Hölle ist bei Charlee Jacobs keine Hypothese mehr, nur dass ihre Figuren danach dürsten dort ihre Ewigkeit zu verbringen. „Dread in the Beast“ ist vom Ton her ultra-amerikanisch, Slutshaming und Frauenfeindlichkeit (Stichwort: menschlicher Bonsai) inklusive. Was das angeht, scheint es Charlee Jacobs leider an Kreativität zu fehlen, oder vielleicht ist es auch Mut, um sich dahingehend von ihren männlichen Kollegen zu unterscheiden.

51YBubPrIkL„The Cipher“ von Kathe Koja hieß zur Zeit seiner Erstveröffentlichung noch „The Funhole“, ebenso wie das unerklärte und unerklärliche schwarze Loch im Keller des Apartmentblocks des Erzählers. Vom Ton her ist es um einiges eingängiger als „Dread in the Beast“, was mich nach dem oben beschriebenen Höllenritt durchaus aufatmen ließ. Dabei ist es aber leider auch weniger hintersinnig als „Into the Red“. Als Leserin fühle ich mich zwischen den Seiten trotzdem sofort angekommen und bin erleichtert eine Autorin gefunden zu haben, die einen gesunden Mittelweg zwischen xx und xx geht. Die Anfangsszenen, in denen die beiden Hauptfiguren diverse Klein- und Kriechtiere dem zerstörerischen Sog des „Funhole“ aussetzen, versprechen Spannung und ein Ende mit Schrecken, das ich als Leserin an diesem Punkt in der Lektüre kaum erwarten kann. Dieses Versprechen löst die Autorin leider nur bedingt ein. Meiner Meinung nach, hat der Plot von „The Cipher“ reichlich ungenutztes Gruselpotenzial.

Wie schon in „Dread in the Beast“ geht es auch in „The Cipher“ um die graduelle Verwandlung einer der Hauptfiguren in ein mythologisches Monster. In letzterem heißt die Figur, deren Körper sich verändert, von etwas finsterem besessen sich von sich selbst entfremdet, jedoch nicht willkommen. Der Erzähler spielt mit den zerstörerischen Kräften des „Funhole“, steht aber auch Todesängste aus, als er merkt, was diese Kräfte mit, bzw. aus seinem Körper machen. Kathe Koja bleibt in ihrer Beschreibung dieser Veränderung und dessen, was sich in den dunklen Tiefen des „Funhole“ verbirgt enttäuschend abstrakt. Genau das ist es übrigens, was ich meine, wenn ich im vorangegangenen Absatz lamentiere, dass die Autorin das Potenzial der Geschichte verschenkt. Die Leserin erfährt bis zum Ende nicht, was eigentlich mit dem Erzähler geschieht, und was ihn erwartet, sollte er es nicht schaffen seine Verwandlung aufzuhalten.

Durch die erste Person Erzählperspektive bin ich als Leserin auf der einen Seite zwar nah dran am Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Auf der anderen Seite kriege ich aber nur einen kleinen Ausschnitt davon mit. Vor allem im letzten Teil der Geschichte, in dem sich der Erzähler im Keller einschließt, während draußen das Leben weiter geht und die Beziehungen zwischen seinen Künstlerfreunden und ihrem Gefolge kultähnliche Züge annehmen, fühle ich mich vom spannendsten Aspekt der ausgeschlossen. Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, komme ich noch einmal auf das verschenkte Potenzial der Geschichte zu sprechen; denn es starrt mich von jeder Seite aus vorwurfsvoll an, immer dann wenn Kathe Koja ihre Geschichte einen Gang höher, bzw. Horror, hätte schalten können und scheinbar die einzige ist, der das nicht auffällt. Letztlich versuche ich mich jedoch davon zu lösen; denn meine Ansprüche sollen mir nicht die Lektüre versauen.

Die Autorin kann leider nicht widerstehen mir als Leserin in den letzten Paragrafen ihres Romans den Sinn der Geschichte zu erklären. Eigentlich hätte ich mir den am liebsten selbst zusammen gereimt, aber gute Lektoren sind im Horrorgenre bekanntlich rar gesät – fast so rar wie Schriftsteller, die auf ihre Lektoren hören und den letzten Absatz, indem sie ihrer Leserin das Buch erklären, streichen 😉 Abgesehen davon bleibt jedoch alles offen und das ist ehrlich gesagt ganz schön frustrierend. Das „Funhole“ ist also eine Metapher, aber ich weiß nach wie vor nicht, was genau sich darin verbirgt und warum es diejenigen, die damit in Berührung kommen entweder vollkommen verrückt macht oder von innen heraus auffrisst. Auf der einen Seite will ich es gar nicht so genau wissen; auf der anderen Seite treibt mich die Neugier schier in den Wahnsinn. Kleinerer Unzulänglichkeiten und offener Fragen zum Trotz ist Kathe Koja eine Autorin, die ich definitiv auf dem Schirm behalten werde.

Von Sandy DeLuca habe ich ebenfalls schon zwei weitere Romane auf dem eReader, auch wenn ich mich nach diesem albtraumhaften Lesemonat erst einmal verschnaufen und meine Leseerlebnisse verarbeiten muss. Darüber hinaus aber bin ich angefixt, infiziert quasi von diesem Genre und seiner Damenrunde, die übrigens noch viele andere Namen zu bieten hat. Sie alle, inklusive Beispielbuch, hier aufzuführen würde den Rahmen dieses Beitrags jedoch sprengen. Also muss du an dieser Stelle mal selbst googeln. Denn das, was ich hier bezwecke, ist schließlich Dir liebe Leserin die Augen zu öffnen, bzw. wässrig zu machen, für eine Albtraumwelt jenseits von Stephen King, Dean Koontz, Jack Ketchum und Co.

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(Lesen ist hardcore!) Die atemlose Flucht der Jugend in den Berliner Sommer…

Die Empfehlung für diesen Roman habe ich mir von meinen Kolleginnen aus der Blogosphäre geholt; wer genau die alles entscheidende Rezension verfasst hat, weiß ich leider nicht mehr – es ist schon etwas her, dass ich mir in den Kopf setzte dieses Buch unbedingt lesen zu müssen. Wie dem auch sei, Hauptsache „Tigermilch“ hat es in mein Regal geschafft, alles Weitere erfährst Du etwas weiter unten…

51cBEaVcl8L._SX304_BO1,204,203,200_Nini und Jameelah leben in derselben Siedlung, sie sind unzertrennlich und mit ihren 14 Jahren eigentlich erwachsen, finden sie. Sie mischen Milch, Mariacron und Maracujasaft auf der Schultoilette. Sie nennen das Tigermilch und streifen durch den Sommer, der ihr letzter gemeinsamer sein könnte. Die beiden Freundinnen lassen sich durch die Hitze treiben, hängen mit Nico ab. Nico, der Nini ein Gefühl von Zuhause gibt. Sie machen Bahnpartys, rauchen Ott in Telefonzellen und gehen mit Amir ins Schwimmbad. Amir, dessen großer Bruder Tarik im Dauerstreit mit seiner Schwester liegt, weil diese sich in einen Serben verliebt hat. Nini und Jameelah erschaffen sich eine Welt mit eigenen Gesetzen, sie halten sich für unverwundbar, solange sie zusammen sind. Doch dann werden sie ungewollt Zeuge, wie der Konflikt in Amirs Familie eskaliert.

„Tigermilch“ ist eines der Bücher, die ich schon bald nach der Veröffentlichung gekauft und dann doch erst Jahre danach gelesen habe. In diesem Fall hat sich das Warten gelohnt, der Debütroman von Stefanie de Velasco ist nicht perfekt, dennoch fühlen ich und meine hohen Ansprüche sich zwischen den Seiten durchaus gut aufgehoben. Ein bisschen erinnert mich der Ton des Romans an das Debüt von Alina Bronsky „Scherbenpark“, ebenfalls ein Jugendbuch mit dem auch erwachsene Leserinnen etwas anfangen können. „Tigermilch“ ist vom Ton her sogar noch etwas rauer, etwas näher an der Jugend, deren Stimme es einzufangen versucht. Gleichzeitig ist das Buch aber auch ungewöhnlich verspielt und lässt seine Figuren zwar mehrmals gegen die Wand fahren, dann aber auch nahezu unbeschadet davon kommen.

Wir treffen die beiden Hauptfiguren in der Blütezeit ihrer Jugend, an diesem magischen Moment in dem sich junge Mädchen unsterblich und unverwundbar fühlen. Und so benehmen sich die beiden auch, trinken Tigermilch (Müllermilch + Weinbrand) als wäre es Wasser, gehen im Supermarkt klauen und am falschen Ende des Berliner Kurfürstendamm anschaffen. Als Leserin kann ich das dicke Ende schon kommen sehen, doch hätte ich nicht damit gerechnet, dass es jemanden das Leben kosten würde. Schon bald wird es ernst für die Freundinnen, doch platziert Stefanie de Velasco sie nicht im Auge des Sturms, sondern macht sie lediglich zu Mitwissern aus denen schon bald Komplizen werden. Denn hier treffen wie in den meisten sozialen Brennpunkten zwei Kulturen aufeinander und während die eine mit ihrem Gewissen ringt, kommt die Polizei zu rufen für die andere nicht in Frage.

Darüber hinaus hat jedes der Mädchen auch noch seine eigenen Probleme vor denen es in den Sommer und in die Straßen der Hauptstadt flieht, die beste Freundin immer mit dabei. Jameelahs Familie wird überraschend die Duldung gekündigt und ihr Leben in Deutschland scheint für immer vorüber zu sein. Doch die Heimat ihrer Eltern kennt sie nicht, will nicht dorthin zurück und ist doch machtlos angesichts der Bürokratie der Erwachsenen. Eine Bürokratie, die auch einen Freund der beiden Mädchen ins Jugendgefängnis wirft, obwohl er dort gar nicht hingehört. Als Leserin begleite ich die beiden Hauptfiguren auf Schritt und Tritt, suche mit ihnen Präsentkörbe aus und fahre in den Wald, um den unschuldig Verurteilten zu besuchen. Für die Mädchen eine wunderbare Ablenkung von den eigenen Schwierigkeiten.

„Tigermilch“ begegnet seinen Figuren auf Augenhöhe und gibt ihnen auch dann Rückendeckung, wenn sie sich vollkommen daneben benehmen, sei es dass sie für einen Adrenalinkick ihren Leib und ihr Leben aufs Spiel setzen oder einen Mörder decken. Als Leserin bin ich nicht immer so offen, bin nicht immer auf der Seite der beiden Mädchen, besonders Jameelah macht es mir manchmal sehr schwer. Insofern schafft Stefanie de Velasco es nicht so ganz eine wertfreie Atmosphäre entstehen zu lassen, in der ihre Figuren schalten und walten können, wie es ihnen gerade passt, ohne dass diese Leserin das Buch entnervt zur Seite legt – aber vielleicht hat sie das so auch gar nicht angestrebt. Was ihr stattdessen mit Bravour gelingt ist es diese Leserin zu fesseln, sie sich fragen zu lassen, wie das bloß alles ausgehen soll, sie hoffen zu lassen, dass sich doch noch alles zum Guten wendet oder zumindest der wahre Mörder am Ende für seine Taten büßen muss.

Insgesamt ist „Tigermilch“ also ein Roman, der zwar von Jugendlichen handelt, meines Erachtens nach aber nicht unbedingt auch für Jugendliche geschrieben wurde. Die Welt der Figuren ist mitunter so brutal, dass ich doch schwer hoffe die Autorin habe sich in der Beschreibung dieser kreative Freiheiten genommen. Mit unzähligen Grauschattierungen zeichnet sie das Bild einer Freundschaft, wie sie nur junge Mädchen miteinander verbindet. Eine Freundschaft, die für die Freundinnen auch schon mal zum Gefängnis werden kann, wenn die Loyalität der einen zur anderen nämlich das eigene Gewissen ausschaltet. Als Leserin fühlt man sich während der Lektüre ein bisschen so als säße man am Steuer eines Wagens der unaufhaltsam aus einer Kurve hinaus steuert. Dieses Gefühl kann dabei sowohl erschreckend als auch erhebend sein.

Tigermilch – Stefanie de Velasco – ISBN 978.3.462.04573.4

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Für Leserinnen, die…

  • …eine bewegte Jugend haben/hatten.
  • …sich auch in moralischen Grauzonen wohl fühlen.
  • …für ihre beste Freundin durch die Hölle gehen würden.

Literarische Nachbarinnen…

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(#03/2016) Aller guten Bücher sind 3…!

Beim heutigen Trio dreht sich alles um die Familie; eine Familie für die man quer durch Europa reist und sein Leben riskiert, eine Familie, über die man auf seinem Weg in die weiten Amerikas stolpert, eine Familie, die einen immer wieder zurück an die Orte der Kindheit zieht, mit Erinnerungen und Bitten, so sehr man auch versucht auszubrechen und sich in den Straßen Berlins zu behaupten. Nicht alle dieser Familiengeschichten habe ich als literarische Glücksgriffe empfunden, letztlich liegt ihr eigentlicher Wert aber im Auge einer jeden, individuellen Leserin.

Für Familienmenschen…

51d4Mivd2lL._SX313_BO1,204,203,200_Das Limonenhaus von Stefanie Gerstenberger… Nach dem Tod ihres Bruders und seiner Frau will Lella deren Tochter Matilde zu sich nach Köln holen. Doch der sizilianische Clan ihrer Schwägerin verweigert ihr das Mädchen, denn eine alte Fehde steht zwischen den beiden Familien. Verzweifelt versucht Lella, die Hintergründe dieses Streits aufzudecken, immer in der Hoffnung, ihren Anspruch auf Matilde doch noch durchsetzen zu können. Im Limonenhaus, dem Haus ihrer Mutter, findet sie in einer alten Familienbibel einige lose Tagebuchseiten. Sie ahnt zunächst nicht, dass diese der Schlüssel sind zu jenem Ereignis, das seine dunklen Schatten bis in die Gegenwart wirft.

Lange schon hockte dieser Roman in meinem Bücherregal und wartete auf den richtigen Moment, selten beachtet doch nie vollkommen vergessen. Nach meiner Lektüre stellt sich nun heraus, dass es diesen richtigen Moment mit mir als Leserin und dem Limonenhaus nie geben wird. Denn die Lektüre des Romans gefiel mir nicht halb so gut, wie die Idee ihn zu lesen, all die Jahre zuvor. Eigentlich ist die Geschichte ganz süß, ab und zu sogar ein bisschen spannend, und hat alle Zutaten für einen guten Schmöker – Familie, Liebe und ein exotischer Schauplatz – doch wenn so wie hier alles zusammen serviert wird, dann schmeckt es mir irgendwie nicht. Die Handlung wirkt an den Haaren herbei gezogen, die Figuren allesamt vollkommen blutleer und die Liebesgeschichte wirkt auf mich einfach nur kitschig und albern.

Insofern ist nicht alles, was Weile hat, auch gleich ein gutes Ding – zumindest nicht in Kombination mit mir als Leserin. Meiner Mutter hat das Buch gefallen, meiner Tante auch – vielleicht liegt es ja an mir und meine Ansprüchen, daran dass ich eine klischeehafte Figur mit halbgaren Motivationen von einer solchen unterscheiden kann, der echtes Blut durch die papiernen Adern fließt; oder ich mag es einfach nicht, wenn es allzu rosig endet. Doch möchte ich an dieser Stelle nichts vorweg nehmen. Im Nachhinein hielt die Lektüre von „Das Limonenhaus“ nichts besonderes für mich bereit, war ein Wohlfühlmoment im grauen, ruppigen Alltag einer chronisch Kranken, die von sich glaubte ein bisschen Kitsch mache alles besser. Doch reicht es eben nicht aus, dass sich auf dem Papier alles zum Guten wendet – ein bisschen literarischer Anspruch muss einfach sein.

Am besten kombiniert mit…

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Für Adoptivmütter…

51MYTC8674L._SX297_BO1,204,203,200_„Das Bohnenbaumglück“ von Barbara Kingsolver:The Bean Trees is the tale of rural Kentucky native Taylor Greer, who only wants to get away from her roots and avoid getting pregnant. She succeeds, but inherits a 3-year-old native-American little girl named Turtle along the way, and together, from Oklahoma to Tucson, Arizona, half-Cherokee Taylor and her charge search for a new life in the West. Taylor, out of money and seemingly out of options, settles in dusty Tucson and begins working at Jesus Is Lord Used Tires while trying to make a life for herself and Turtle.

Man merkt diesem Roman an, dass er Barbara Kingsolvers Debüt ist. Er hat im Grunde alles, was man auch in ihren weiteren Romanen findet – (romantisierte) Südstaatenatmosphäre, die Probleme der unteren Mittelklasse Amerikas, eine starke Frauenfigur, die kein Blatt vor den Mund nimmt – doch sind all diese Aspekte in „Das Bohnenbaumglück“ noch etwas unausgegoren. Die Autorin probiert sich aus, lernt ihr Handwerk vor Publikum – in diesem Fall ich. Das heißt natürlich nicht, dass dieses Buch nicht lesenswert ist, aber ein typischer Kingsolver ist es irgendwie (noch) nicht. Trotzdem wäre es ein Fehler anzunehmen „Das Bonenbaumglück“ eigne sich nicht zum Schmöker, nur weil es kürzer ist als Kingsolvers andere Romane.

Ich persönlich habe diesen Roman sehr genossen, mich mit den Figuren angefreundet und die kleine Adoptivtochter der Erzählerin ins Herz geschlossen. Und da stört es mich auch nicht so sehr, dass Kingsolvers Figuren, wie so oft, etwas klischeehaft sind und ihren Geschichten das Gewisse etwas fehlt, dass sie mit einem gewissen Tropfen Lebensblut füllt. Denn trotz einiger stilistischer Unzulänglichkeiten taucht man schon früh von Kopf bis Fuß in die Welt der Erzählerin ein und möchte diese am liebsten nie wieder verlassen; und dass obwohl es dort oft harscher zugeht als im Lesezimmer der geneigten Leserin. Was auch immer es ist – die Figuren, der Schauplatz – Barbara Kingsolvers Romane haben Charme, das gewisse Etwas, das ihr die Leserin von der ersten Seite an mit Haupt und Herz ausliefert, mich ebenso.

Am besten kombiniert mit…

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Für Heimatsuchende…

51xq4VAxw7L._SX305_BO1,204,203,200_Ich bin ein Rudel Wölfe von Julia Blesken… Sie macht sich auf in die Stadt, nach Berlin, aber sie ist nicht allein, sie hat ihre Kindheit bei sich, im Kopf, in den Erinnerungen, im flatternden Herzen. Es ist das Dorf, das sie nicht vergessen wird, niemals, die Straße, auf der sie mit der Mutter gehen musste, der Teich, an dem sie mit dem Vater saß, das Haus. Und es ist der Bruder, der engste Vertraute und Komplize ihrer frühen Jahre, mit dem sie den Sinn für Licht, Grün und Wolken teilte und mit dem sie einen Pakt geschlossen und den sie doch zurückgelassen hat.

Die Geschichte von Hauptfigur Re, ihrem Bruder Marc und ihrer Familie, der depressiven Mutter und des lustlosen, nach der Wende größtenteils arbeitslosen Vaters, erzählt Autorin Julia Blesken vor allem zwischen den Zeilen. Gleich zu Anfang bricht Re aus, warum sie das für nötig hält bleibt ebenso ungesagt wie der Rest ihres Namens. Etwas verstört lässt sie sich durch Berlin treiben und als Leserin frage ich mich, warum diese junge Frau einfach nichts gebacken kriegt, obwohl ihr seit dem Mauerfall doch die Welt offen steht. Dann jedoch wird sie von ihrem Bruder zurück ins Heimatdorf beordert und allmählich wird mir als Leserin klar, dass etwas faul ist, in dieser Familie. Zwischen Re und Marc stimmt etwas nicht, doch sind sie nur das Spiegelbild der kaputten Beziehung ihrer Eltern. Stück für Stück enthüllt die Autorin Res Geschichte, wird aber nie deutlich genug, um meine Fragen zu beantworten.

Stilistisch ist das Buch etwas gewöhnungsbedürftig, denn die Autorin springt zwischen zwei Perspektiven hin und her. Die Gegenwart beschreibt sie in der dritten Person und die Vergangenheit wird von Re selbst erzählt. Anfangs schwirrte mir ein bisschen der Kopf, denn der ständige Wechsel macht es einem schwer sich in der Geschichte zurecht zu finden. Sobald ich mich daran gewöhnt hatte wurde es mir jedoch zur zweiten Natur hin und her zu springen, auch wenn ein kleines Fitzelchen Restverwirrung zurück blieb. Insgesamt ist „Ich bin ein Rudel Wölfe“ also vor allem etwas für Leserinnen, die sich die Geschichte eines Romans erarbeiten wollen. Denn Julia Blesken schenkt ihrer Leserin nichts und lässt sie – in diesem Fall mich – mit einem Gefühl zurück nicht wirklich zu wissen, was man über die Figuren und die Handlung zu wissen glaubt.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Von Marathonmännern, bekifften Aliens und einer Ewigkeitsmaschine…

Terézia Moras „Ungeheuer“ hat mich Anfang des Jahres schwer beeindruckt. Daher zögerte ich nicht lange, als ich von ihrer neuen Veröffentlichung erfuhr und schon bald hatte ich das Buch im Briefkasten. Kurzgeschichtenbände sind ja bekanntlich die Stiefkinder der Literaturindustrie, aber im (virtuellen) Regal der Bücherphilosophin sind sie trotzdem immer willkommen…

Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora
Die Liebe unter Aliens von Terezia Mora

Ein Ausflug ans Meer soll ein junges Paar zusammenführen. Ein Nachtportier fühlt sich heimlich zu seiner Halbschwester hingezogen. Eine Unidozentin flieht vor einer gescheiterten Beziehung und vor der Auseinandersetzung mit sich selbst. Ein japanischer Professor verliebt sich in eine Göttin. Kunstvoll erzählt Terézia Mora in »Die Liebe unter Aliens« von Menschen, die sich verlieren, aber nicht aufgeben, die verloren sind, aber weiter hoffen. Wir begegnen Frauen und Männern, die sich merkwürdig fremd sind und zueinander finden wollen. Einzelgängern, die sich ihre wahren Gefühle nicht eingestehen. Träumern, die sich ihren Idealismus auf eigensinnige Weise bewahren. Mit präziser Nüchternheit spürt Mora in diesen zehn Erzählungen Empfindungen nach, für die es keinen Auslass zu geben scheint, und erforscht die bisweilen tragikomische Sehnsucht nach Freundschaft, Liebe und Glück.

In ihrer neusten Veröffentlichung „Die Liebe unter Aliens“ zeigt Terézia Mora gleich zehn Mal, was sie als Schriftstellerin so kann. Vom Ton her erinnern mich die Geschichten allesamt ein wenig an „Das Ungeheuer“; nicht direkt pessimistisch aber zumindest der tristeren Seite der menschlichen Existenz zugewandt. Laut Klappentext geht es hier um Einsamkeit und Sehnsucht, und das kann ich persönlich so unterschreiben. Terézia Moras Figuren fehlt irgendwas; manchmal ist dieses etwas klar zu benennen, dann wiederum geht es um schwer greifbare Dinge, um innere Zustände, denen sich die Figuren selbst oft nicht ganz bewusst sind. Über Zeit und Raum erhaben kämpfen sie sich durch ihren Alltag, durchqueren sie die Straßen einer namenlosen Stadt, diese Leserin immer an ihrer Seite, die Ohren gespitzt, während mir Autorin Terézia Mora über die Schulter schaut und die Geheimnisse der Figuren zuflüstert.

Mein persönliches Highlight leitet diese Sammlung gleich ein, und bleibt bis zum Ende unerreicht, auch wenn die Konkurrenz ihm hart auf den Fersen ist. Es ist „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“ eine Geschichte über einen Mann mittleren Alters, der auf offener Straße von einem jungen Migranten beklaut wird und diesen anschließend durch die Straßen der Stadt verfolgt. Während die Häuser und Viertel an den beiden vorbei ziehen enthüllt sich die Geschichte des „Marathonmannes“ und gibt die Sicht auf eine im Grunde einsame, oder zumindest sehr eigenbrötlerische, Existenz frei. Danach kommt gleich die Titelgeschichte in der diese Leserin einem verliebten Paar Teenager ans Meer begleitet. In „Perpetuum mobile“ erinnert sich die Hauptfigur an seinen besten Freund aus Kindertagen. „Ella Lamb in Mullingar“ thematisiert die innere Zerrissenheit einer arbeitenden Mutter.

Jede einzelne dieser Geschichten, und der weiteren sechs, die ihnen folgen, umkreist die Isolation ihrer Figuren, ob es sich nun um körperliche oder emotionale Isolation handelt, mit Worten, spricht diese aber nie direkt an. Terézia Moras Figuren sehnen sich nacheinander, so wie das Geschwisterpaar aus „Verliefen sich im Wald“ das sich um die übrige Familie nicht zu verprellen nur zweimal im Jahr und zudem heimlich treffen kann. Oder die schwarz arbeitende Putzfrau aus „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“ die fiebernd vor Sehnsucht auf ihren Lebensgefährten wartet, der fernab von zuhause seinen künstlerischen Ambitionen freien Lauf lässt. Ihre Figuren sind heimatlos, ziellos, auf der Suche nach alten und neuen Freunden, wie zum Beispiel die junge Studentin aus „á la recherche“ die zwanghaft durch die Straßen Londons wandert oder der pensionierte Japanologieprofessor, der im Ort seiner Kindheit zum Tempel der titelgebenden „Göttin der Barmherzigkeit“ pilgert.

Wie das bei Kurzgeschichten oft der Fall ist, spielt sich vieles zwischen den Zeilen ab. Hier enthüllen sich die Geheimnisse der Figuren, deren innere Welten, Kämpfe und Hoffnungen. (Die Melancholie dieser Erzählungen tropft quasi von den Seiten und macht mir als Leserin das Herz zumal sehr schwer.) Terézia Mora verzichtet dabei auf jegliche Effekthascherei und lässt ihren Geschichten Raum sich in ihrem eigenen Tempo zu entfalten, ohne sie handlungstechnisch in die eine oder andere Richtung, bzw. auf ein vorkonzipiertes Ende, zu zu treiben. Manchmal führt das dazu, dass nicht viel passiert und der jeweiligen Geschichte das gewisse Etwas fehlt. Selten sind die Geschichten in „Die Liebe unter Aliens“ so originell wie „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“. Doch war ich vor der Lektüre durchaus darauf gefasst; Kurzgeschichtenbände sind wie Pralinenschachteln, jeder Griff zum Buch birgt eine Überraschung und manchmal mag man als Leserin was man kriegt, beim nächsten Mal wiederum eher weniger und anschließend ist man wiederum positiv überrascht.

Insgesamt ist „Die Liebe unter Aliens“ ein überaus lesenswertes Buch, das, wie sollte es bei der Gewinnerin des deutschen Buchpreises 2013 Terézia Mora auch anders sein, beeindruckend aber dabei nie selbstüberhöhend geschrieben ist. Terézia Mora verzichtet darauf sich auf den Seiten ihres Buchs zu profilieren und wie viele ihrer Kollegen mit stilistischen Sperenzchen zu protzen. Sie liefert stattdessen zehn Geschichten ab, die fast ein bisschen zu „understated“ daher kommen. Sie setzt sich mit Gefühlen auseinander, die nur die wenigsten von uns sich offen eingestehen wollen, schreibt über Sehnsucht, Trennungsängste und Einsamkeit. Damit trifft sie diese Leserin dort, wo es am schmerzhaftesten ist, doch genau deshalb möchte ich Dir „Die Liebe unter Aliens“ an dieser Stelle auch wärmstens empfehlen.

Die Liebe unter Aliens – Terézia Mora – ISBN 978.3.630.87319.0

Für Leserinnen, die…

  • …von ihrer Lektüre gefordert werden wollen.
  • …die Geschichte zwischen den Zeilen erspähen.
  • …lieber ihren Zeh ins Wasser halten, bevor sie einen Kopfsprung wagen.

Literarische Nachbarn…

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(#03/2016) Aller guten Sachbücher sind 3…!

Die Sachbücher, aus denen dieses Trio besteht, könnten nicht unterschiedlicher sein. Eines ernst, ein anderes wiederum eher frivol, das mittlere ungeschönt autobiografisch – insofern ist dieses Mal für jeden Lesegeschmack etwas dabei, ob es nun um Religion und Politik, um Sex und Scham oder um die größtenteils rosarot eingefärbten Erinnerungen eines früheren Kinderstars geht.

Für Religionsskeptiker…

516++rnp1HL._SX330_BO1,204,203,200_„Kingdom Coming – The Rise of Christian Nationalism“ von Michelle Goldberg… In „Kingdom Coming“, Goldberg demonstrates how an increasingly bellicose fundamentalism is gaining traction throughout our national life, taking us on a tour of the parallel right-wing evangelical culture that is buoyed by Republican political patronage. Deep within the red zones of a divided America, we meet military retirees pledging to seize the nation in Christ’s name, perfidious congressmen courting the confidence of neo-confederates and proponents of theocracy, and leaders of federally funded programs offering Jesus as the solution to the country’s social problems.

Hätte ich dieses Buch kurz nach seinem Erscheinen gelesen, dann hätte ich ganz schön Angst gekriegt vor der christlichen Rechten und ihrem Einfluss in der amerikanischen Politik. Mit etwas Abstand lässt sich feststellen, dass es zum Glück nicht ganz so schlimm gekommen ist, wie Michelle Goldberg es in ihrem Buch vorzeichnet. Dieses ist kontrovers, besonders wenn man selbst religiös empfindet aber gleichzeitig brillant recherchiert. Denn es geht der Autorin nicht vorrangig um die Kritik an der Religion, auch wenn sie sich selbst als Atheistin bezeichnet. Vielmehr zeigt sie eine Entwicklung im US-amerikanischen System auf, die mir Sorgenfalten auf die Stirn zeichnet. Diese Entwicklung geht laut der Autorin gegen alles, was sich die Urväter des Landes einmal auf die Fahnen geschrieben haben.

Als Europäerin kann ich oft nur mit dem Kopf schütteln, wenn es beispielsweise darum geht, dass immer mehr amerikanische Schuldistrikte den Biologieunterricht zum Religionsunterricht machen und so eine Generation von Schülern heranziehen, die wissenschaftlich völlig ungebildet ist, alles im Namen der Religion. Die Autorin selbst macht keinen Hehl daraus, dass sie für Elternbeiräte, die Kreationismus als Schulfach durchsetzen wollen und Politikern, die sogar Fehlgeburten mit Gefängnisstrafen ahnden wollen, nicht viel übrig hat. Doch eines tut sie dabei nie und das ist diese Art von hyper-religiösen Menschen, mögen sie auch noch so fanatisch sein, zu unterschätzen. Alles in allem ein beeindruckendes Sachbuch, das auch wenn es nicht mehr brandaktuell ist, definitiv eine aufmerksame Lektüre wert ist.

Am besten kombiniert mit...

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Für Frühreife…

51g2bjA8g0L._SX354_BO1,204,203,200_„Mit 11 wurde mein Körper zur Ware“ von Kerry Cohen… Sie ist elf, als sie lernt, wie Männer auf sie reagieren. Wie Männer auf Mädchen reagieren. Und der Wunsch wahrgenommen zu werden, lässt sie einen Weg einschlagen, von dem sie selbst weiß, dass er sie in den Abgrund führen wird. Was Liebe ist, weiß sie nicht, sie ist noch viel zu jung. Und so denkt sie, Sex zu haben ist das Gleiche. Es wird die Sucht, die sie treibt. Nicht nur die Sucht nach Sex, es ist die Sucht nach Geborgenheit und nach Nähe.

Der deutsche Titel dieses Buchs ist sehr polemisch gewählt und klingt meiner Meinung nach eher nach Prostitution als nach einem frühreifen Mädchen, das sich nach Liebe und Geborgenheit sehnt und diese in flüchtigen Jungsbekanntschaften zu finden glaubt, oder zumindest versucht. Kerry Cohens Weg vom Mädchen zur Frau ist sicher etwas holperiger als ihre Eltern es für sie gehofft hatten. Doch ist sie die Triebfeder hinter ihrer eigenen Ausnutzung durch unzählige junge Männer. Wieder und wieder verwechselt sie Begehren mit Liebe und stürzt sich Hals über Kopf in erotische Abenteuer, die oft nur eine Nacht halten. Jedem das seine könnte man sagen, doch Amerika hat dem sexuellen Erwachen pubertierender Mädchen den Krieg erklärt.

So ist Kerry Cohens Scham über ihre Lust groß genug, um ein ganzes Buch darüber zu rechtfertigen. Viele Begegnungen verlaufen wenig emazipiert, und Kerry Cohen gibt dies ehrlich zu. Denn es sind nicht nur Hormone, die sie freizügig machen, sondern auch eine nicht zu stillende Gefallenssucht. Insofern schwankt sie mit ihrem Verhalten zwischen Normalität und Pathologie hin und her, wirkt dabei fast bipolar – manchmal frei und dann wieder vollkommen abhängig von den Jungs in ihrem Umfeld und deren Blicke, die sie auf sich spüren möchte, scheinbar um jeden Preis. Was dieses Buch lesenswert macht, ist die Ehrlichkeit seiner Autorin, wenn es darum geht sich selbst und die eigene Gefühlswelt zu betrachten. Manchmal allerdings geht sie zu hart mit sich um, jeder Mensch hat das Anrecht auf lustvolles Empfinden und Begehren, auch Frauen.

Am besten kombiniert mit…

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Für Cineasten…

41QzX2+kqyL._SX319_BO1,204,203,200_„Wildflower: Geschichten aus meinem Leben“ von Drew Barrymore… ist ein Porträt von Drews Leben in einzelnen Geschichten, in denen sie zurückblickt auf ein bewegtes Leben voller Abenteuer, Herausforderungen und unglaublicher Erfahrungen. Weshalb das Wäschewaschen ihr, als sie mit 14 Jahren alleine lebte, möglicherweise das Leben rettete, wie sie ganz persönlich Abschied von ihrem Vater nahm, der diese Rolle niemals erfüllte, weshalb sie mit Cameron Diaz auf der Suche nach dem ultimativen Adrenalinkick Fallschirmspringen ging.

Drew Barrymores Erinnerungen an ihr bewegtes Leben als Kinderstar in Hollywood, inklusive dem Bruch mit der Mutter als 14-Jährige, früher Alkohol- und Drogenmissbrauch, und der schwere Übergang vom „Mädchen aus E.T.“ zur angesehenen Hollywood-Schauspielerin, klingen nicht gerade nach gute Laune Buch. Doch genau das ist „Wildflower“; ein Buch für laue Sommerabende, ein Buch das man der Mitbewohnerin empfiehlt, auch wenn oder vielleicht gerade weil diese nicht so gerne liest, ein Buch, das man auch im Zug oder im Wartezimmer beim Arzt lesen kann. „Wildflower“ ist die Margarine unter den Hollywood-Autobiografien, leicht und gut verdaulich, aber genau dadurch auch ein bisschen fade. Ich persönlich hatte mir etwas geschmacksintensiveres gewünscht, wurde von Autorin Drew Barrymore allerdings enttäuscht.

Insgesamt ist „Wildflower“ also nichts besonderes und man ist nach der Lektüre ungefähr so klug wie davor. Denn Drew Barrymore hält sich in ihren autobiografischen Anekdoten bedeckt; schreibt lieber davon, wie sie als Teenager zum ersten Mal eine Waschmaschine benutzte, über die Vegetation im Garten ihres Kindheitshauses oder darüber wie sie ihrem frisch Angetrauten morgens Waffeln macht, als die Leserin ernsthaft an sich heran zu lassen. Manchmal sind diese Anekdoten ganz lustig, und wenn sie zum Beispiel davon berichtet wie es war diesen oder jenen Film zu drehen, den man vielleicht auch schon selbst gesehen hat, wird es sogar etwas interessant. Das alleine macht „Wildflower“ jedoch nicht lesenswert, nicht einmal für Fans dieser Schauspielerin. Denn so wie sich das Buch liest, hätte es auch jedes x-beliebige Hollywood-Sternchen, oder deren Ghostwriter, schreiben können.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Die Unglückseligen von Thea Dorn

Thea Dorn, geboren 1970, studierte Philosophie und Theaterwissenschaften in Frankfurt, Wien und Berlin und arbeitete als Dozentin und Dramaturgin. Sie schrieb eine Reihe preisgekrönter Romane und Bestseller, Theaterstücke, Drehbücher und Essays. Sie moderierte die Sendung „Literatur im Foyer“ im SWR-Fernsehen und kuratierte unter dem Motto „Hinaus ins Ungewisse!“ das „forum:autoren“ beim Literaturfest München 2012. Thea Dorn lebt in Berlin.

51+2HuZd7kL._SX312_BO1,204,203,200_Johanna Mawet ist Molekularbiologin und forscht an Zebrafischen zur Unsterblichkeit von Zellen. Während eines Forschungsaufenthalts in den USA gabelt sie einen merkwürdigen, alterslosen Herrn auf. Je näher sie ihn kennenlernt, desto abstrusere Erfahrungen macht sie mit ihm. Schließlich gibt er sein Geheimnis preis. Er sei der Physiker Johann Wilhelm Ritter, geboren 1776. Starker Tobak für eine Naturwissenschaftlerin von heute. Um seiner vermeintlichen Unsterblichkeit auf die Spur zu kommen, lässt sie seine DNA sequenzieren. Als Johannas Kollegen misstrauisch werden, bleibt dem sonderbaren Paar nur eines: die Flucht, dorthin, wo das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis und schwarze Romantik sich schon immer gerne ein Stelldichein geben – nach Deutschland.

Vor genau zehn Jahren lernte ich Thea Dorn kennen, natürlich nicht persönlich sondern durch ihre Romane, wobei es sicher keine persönlichere Art gibt einen Schriftsteller kennen zu lernen. Ich las damals den neu erschienenen „Mädchenmörder“ und war vom Inhalt des Buchs nicht halb so begeistert, wie vom Klappentext und der Marketingkampagne die für das Buch veranstaltet wurde. Ähnlich ging es mir nun mit dem neusten Werk der Autorin „Die Unglückseligen“. Erwartungsfroh ging ich in die Lektüre und war gespannt, wie Thea Dorn den Faust in die Gegenwart transportieren würde. Doch dann war es der leidgeprüfte Werther, welcher mich zwischen den Seiten begrüßte, nur dass ich mir gegen Ende der Lektüre am liebsten eine Kugel in den Kopf gejagt hätte.

Das klingt jetzt zugegebenermaßen etwas harsch, aber was soll ich hier auch das Märchen vom guten Buch erzählen, wenn ich „Die Unglückseligen“ doch persönlich ganz anders erlebt habe. Zugegebenermaßen ging ich mit hohen Erwartungen in die Lektüre und das ist bei mir leider allzu oft ein Vorbote der Enttäuschung. Doch liegt es nicht nur an meiner eigenen Vorstellungskraft, die sich basierend auf dem Klappentext etwas zu freizügig entfaltet hat. „Die Unglückseligen“ zu lesen macht einfach keinen Spaß. Der Roman wird aus drei Perspektiven erzählt, zum einen ist da eine Stimme aus dem Off, die wohl den Mephistopheles symbolisieren soll, mich beim Lesen aber nur immer wieder herausgebracht und mit der Zeit sogar richtig genervt hat.

Dann sind da noch Johann und Johanna, ein paar so ungleich es könnte einem Kuriositätenkabinett entsprungen sein. Von ihnen kriegt der Leser ebenfalls eine Geschichte erzählt, bzw. wird Johanna von Thea Dorn über die Schulter geguckt. Der eine Part ist dabei modern geschrieben und der andere in einer älteren Version des Deutschen, die in einem so frisch gedruckten Buch aufgesetzt und einfach nur fehl am Platze wirkt. Wer den Klappentext kennt, der darf an dieser Stelle drei mal raten, welche Erzählstimme zu welcher Figur gehören. Ich persönlich fing spätestens nach den ersten hundert Seiten an zu Seufzen, sobald Johann das antiquierte Wort ergriff. Diese Passagen, die schätzungsweise leider überwiegen, hätte ich ehrlich gesagt am liebsten überlesen.

Das ist es letztlich auch, was dieses Buch in meinem Meinungsspektrum von „ganz in Ordnung“ zu „warum hab ich das nur gelesen“ katapultiert hat. Thea Dorn hat sich ein spannendes Thema ausgesucht, leider ist sie selbst aber keine Spannungsschriftstellerin. Sie schafft es mit ihrer verkopften Art diese Geschichte zu erzählen leider nicht deren Unterhaltungspotenzial umzusetzen. So ist dieser Roman weder besonders anspruchsvoll noch besonders interessant – was es mir anfangs schwer machte meinen Eindruck davon in Worte zu fassen. Letztlich habe ich es dann doch geschafft meine Gedanken so weit zu ordnen, dass ich hier von der Lektüre dieses Romans abraten kann – oder zumindest eine Leseprobe anraten kann.

Insgesamt ist „Die Unglückseligen“ nämlich viel zu umfangreich und die Lektüre artet irgendwann in Schwerstarbeit aus. Zäh fließt die Handlung dahin und stockt jedes Mal, wenn sich diese Leserin durch Johanns anachronistische Schilderungen des Geschehens kämpfen muss. Indem sie deutsche Klassik mit moderner Wissenschaft kombiniert versucht Thea Dorn den Salto, der für mich allerdings in einer kläglichen, ja fast schon schmerzhaften, Bauchlandung endet. Besser wäre es gewesen, hätte sie sich auf die Geschichte konzentriert, denn diese hat Potenzial, und hätte all die literaturhistorischen Sperenzchen weg gelassen, besser für den Roman und im zweiten Schritt auch besser für dessen Leser, zu denen ich auch gehöre. Ein drittes Mal jedoch kommen ich und Frau Dorn nicht zusammen, nicht zwischen den Seiten jedenfalls.

Die Unglückseligen – Thea Dorn – ISBN 978.3.813.50598.6

Für Leserinnen, die…

  • …dem Tod von der Schippe springen wollen.
  • …vor antiquierter Sprache nicht zurück schrecken.
  • …davon überzeugt sind, dass auch die Wissenschaft ihre Grenzen hat.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Asphaltengel von Johanna Holmström

Johanna Holmström wurde 1981 in Sibbo geboren. Sie gehört der schwedischsprachigen Minderheit in Finnland an. Seit einigen Jahren lebt sie mit ihren zwei Töchtern in Helsinki. Sie ist Journalistin und studiert arabische Literaturwissenschaft. Für ihre Erzählungen erhielt sie unter anderem den Literaturpreis des Svenska Dagbladet. Asphaltengel wurde von der Presse hymnisch besprochen. (Quelle: ullstein.de)

51VByzAPIbL._SX314_BO1,204,203,200_Leilas finnische Mutter ist zum Islam konvertiert. Seitdem interessiert sie sich nur noch für die korrekte Auslegung des Korans. Sogar Familienfotos sind verboten. Leilas Vater kommt aus dem Maghreb und ist selbst Muslim – aber dieser Fanatismus ist ihm viel zu anstrengend. Und ihre große Schwester Samira ist längst vor dieser verrückten Familie geflohen. Alleine ist es schwer für Leila, zu Hause den Verstand nicht zu verlieren. Dann wird Samira eines Tages schwer verletzt am Fuß einer Treppe gefunden. Ist sie gefallen? Oder wurde sie gestoßen? Leila versucht herauszufinden, was mit ihrer Schwester passiert ist. Das Leben zwischen den Kulturen ist gefährlich, besonders für Mädchen. Aber Leila weigert sich, Opfer zu sein.

„Asphaltengel“, so nennt Leila muslimische Mädchen, die nach einem Familienzwist vom Balkon „fallen“. Im gleichen Atemzug stellt sie klar, dass sie ganz bestimmt kein solcher „Asphaltengel“ werden wird, da kann ihre Mutter sie noch so sehr gängeln, einsperren und mit Hilfe ihrer Gebetsfreundinnen in den Hijab zwingen. Leila ist zwar erst fünfzehn Jahre alt, aber sie hat schon jetzt ihre eigene Vorstellung vom Leben und diese kollidiert auf gnadenlose Weise mit der ihrer Mutter. Eine Mutter, die zwar finnischer Abstammung ist, nach ihrer Konvertierung zum Islam nun aber strenger und entbehrlicher zu leben versucht als Mohammed selbst. Kein Tag vergeht an dem sie Leila keine Vorwürfe macht, wie eine Furie durch die Wohnung jagt um Bilder und Kleidungsstücke weg zu werfen, die Leila anschließend wieder aus dem Müll klaubt. Den eher gemäßigten Vater hat sie so schon vergrault und die ältere Tochter Samira, die liegt im Koma, doch das ist eine andere Geschichte.

Diese andere Geschichte wird immer im Wechsel mit der von Leila erzählt, wobei Leila von Autorin Johanna Holmström weitaus mehr Raum gegeben wird. Mit ihr geht die Leserin zur Schule, und muss dort einiges über sich ergehen lassen, harter Tobak für alle, die vielleicht selbst mal gemobbt wurden, um an dieser Stelle eine kleine Triggerwarnung für dieses Buch auszusprechen. An der Seite von Leila streift die Leserin durch die Stadt, durch die Nacht, durch die Angelbar, wo Leila sich trotz überdurchschnittlicher Skinhead-dichte irgendwie geborgen fühlt. Zusammen saßen wir am Krankenbett der großen Schwester und hofften darauf, dass sie endlich wieder zu Bewusstsein kommt und ihre Geschichte erzählt, auch wenn Leila schon längst zu wissen glaubt, wer sie die Treppe herunter gestoßen hat, was einen weiteren Keil zwischen Leila und ihre Mutter treibt.

„Asphaltengel“ erzählt die Geschichte zweier Schwestern, die um ihr Leben kämpfen, die eine im Koma und die andere auf den Straßen einer ungenannten Stadt. Dabei greift sie Themen auf mit denen sich finnische Muslime zwangsläufig auseinandersetzen müssen, schreibt von gesellschaftlich toleriertem Rassismus und Islamfeindlichkeit, die in diesem Fall besonders gegen finnische Konvertitinnen gerichtet ist. Gleichzeitig beschreibt sie aber auch den ganz alltäglichen Kampf finnischer Jugendlicher aus sozial schwachen Familien, das Mobbing in der Gesamtschule, das jeden Treffen kann, selbst die vormals beliebteste Schülerin der Klasse, und was die Jugendlichen tun, um mit alldem fertig zu werden. Leila läuft Parcours durch die Stadt, zusammen mit anderen risikoaffinen Jugendlichen, angeführt von einem einsamen Sozialarbeiter.

Dieser Roman ist thematisch brisant und ich vermute einfach mal auch nah am Leben, zumindest was den Alltag finnischer Jugendlicher angeht. Das macht die Lektüre aber oft auch zu einem Spießrutenlauf. In der Schule leide ich mit Leila um die Wette, zerbreche fast an der Ungerechtigkeit, die ihr in den Pausen widerfährt – und dabei hat sie noch nicht einmal das schlechteste Los in der Klasse. Kommt sie anschließend nach Hause wartet dort schon der nächste Drachen und faucht sie an, weil sie sich nicht verschleiert, Fernsehen schauen möchte und nicht genug betet. Dabei rebelliert Leila gar nicht gegen die Religion ihrer Eltern, sie versucht nur ebenfalls Teil der finnischen Gesellschaft, ein Teil ihrer Peergroup in der Schule zu bleiben, doch für ihre Mutter scheinen diese beiden Bestrebungen unvereinbar zu sein und diese Ansicht führte nicht zuletzt zum Bruch zwischen ihr und ihrer ältesten Tochter Samira.

Insgesamt ist „Asphaltengel“ zumindest auf emotionaler Ebene kein besonders eingängiges Buch, die Geschichte ist so scharfkantig wie die Zungen der Figuren, die sie bevölkern, reißt Wunden mit ihren Worten, die so schnell wohl nicht mehr heilen werden. Dann wiederum hat diese unbequeme, ja fast stachlige Geschichte doch ein bisschen Suchtpotenzial und mir persönlich fiel es schwer sie aus der Hand zu legen. Dennoch bin ich der Meinung, dass „Asphaltengel“ nichts ist für eher zartbesaitete Leserinnen, denn mit diesem Buch muss man ringen, und zwar von der ersten bis zur letzten Seite. Dabei geht es jedoch um Themen, die auch für deutschsprachige Leserinnen interessant sein dürften, schließlich gibt es auch hierzulande Einwanderung und Integrationsprobleme, und diese sind, wie in „Asphaltengel“ beschrieben, nicht immer selbstverschuldet. Ein lesenswertes, aber kein einfaches Buch, für Leserinnen, die nicht länger wegschauen möchten.

Asphaltengel – Johanna Holmström – ISBN 978.3.548.28782.9

Für Leserinnen, die…

  • …sich noch gut an ihre Schulzeit erinnern können.
  • …sich eigene Wege bahnen.
  • …eine neue Stimme zu einem kontroversen Thema hören wollen.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Alles Amok von Anita Augustin

Anita Augustin, geboren 1970 in Klagenfurt, hat in Wien Philosophie und Theaterwissenschaft studiert und an der Ersten Österreichischen Barkeeperschule ihr Diplom gemacht. Nach Stationen in New York und London lebt sie heute als freie Dramaturgin in Berlin. (Quelle: Ullstein Verlag online)

51I+qlnHLZL._SX319_BO1,204,203,200_Jakob ist ein ganz normaler Typ mit einem ganz normalen Scheißleben. Wirklich ganz normal? Das Leben: Ja. Der Typ: Na ja, da weiß Jakobs Mutter mehr, aber die sitzt senil im Heim und kann es keinem erzählen. Jakobs Freunde kennen sein Geheimnis auch nicht, nur was ein Scheißleben ist, das wissen sie ganz genau. Und dann taucht eines Tages Jürgen auf. Jürgen mit seinen komischen Sprüchen von den Freuden der Finsternis und der Glorie der Gewalt. Er verspricht Jakob und seinen Freunden ein Leben voll wilder Freiheit, voll süßer Anarchie. Aber nichts auf dieser Welt ist gratis, und so hat auch die Freiheit ihren Preis: Alle müssen mitspielen in dem Mordsspektakel, das Jürgen plant. Ein höllischer Spaß, bei dem das Lachen so manchem vergeht.

Unter einem kurzen Text auf dem Buchrücken, der kein Klappentext sondern einfach nur ein Zitat aus dem Buch ist, wird „Alles Amok“ von der Berliner Zeitung als „richtig kranker Hardcore“ beschrieben, wer – wie ich persönlich – nicht nur dieses Buch sondern auch die skandinavische Misanthropie Trilogie von Matias Faldbakken gelesen hat, der kann an dieser Stelle nur müde lächeln. Denn Anita Augustins zweiter Roman reicht in seiner Schockwirkung nicht einmal annähernd an die üblichen Verdächtigen, sprich Chuck Palahniuk, Charlotte Roche, Virginie Despentes, u.ä. heran. Trotzdem spitzt sich die Handlung gegen Ende immer weiter zu und wer literarische Achterbahnfahrten nicht gewohnt ist, dem wird auf dieser Fahrt sicher ein bisschen Übel werden. Gegen Ende hin verliert die Geschichte jedoch wieder an Fahrt und findet zu einer Art status quo zurück, der finale Paukenschlag, der mich als Leserin zum Erzittern bringt, bleibt leider aus.

Anita Augustin beginnt ihren Roman geschätzte hundert Seiten zu früh, die Vorgeschichte des gemieteten Demonstranten Jakob, seines Zeichens auch Erzähler der Geschichte, dümpelt so vor sich hin, ohne dass viel passiert. Als Leserin lernt man die Hauptfigur kennen und wandert ein bisschen in deren Kopf herum, ihren Gedanken auf der Spur. Dabei dreht sie sich jedoch im Kreis und das so lange bis mir als Leserin schwindelig wird. Natürlich ist es eine lustige Idee, dass Hauptfigur Jakob sich für Demonstrationen anheuern lässt, für die sich scheinbar nicht genug Leute begeistern können, zum Beispiel Baumbesetzungen oder Arbeitslosendemos, die schon um neun Uhr anfangen, – ein kleiner Seitenhieb gegen Hartz IV Empfänger vielleicht, wahrscheinlich aber eher ein albernes Klischee aus dem privaten Fernsehen, das von der Autorin gedankenlos für einen Lacher aufgegriffen wurde – es reicht als Handlung über die ersten 30 Seiten hinweg aber nicht aus.

Krasser Schnitt und auf einmal wird es ernst für die Figuren, ohne dass dies in irgendeiner Weise für die Leserin nachvollziehbar wäre. Während der einleitende Teil viel zu lang war, ist dieser Teil um einiges zu kurz geraten. Als Leserin frage ich mich warum die Figuren dem ominösen Jahrmarktschef Jürgen derart ausgeliefert sind, warum aus ihnen auf einmal Monster geworden sind und erhalte leider keine Antwort. Die Figuren handeln an dieser Stelle auf eine Art und Weise, die ich nicht von ihnen kenne, und von der ich mich frage, wie sie zustande gekommen ist. Eine unnötige Frage eigentlich, denn bis auf Jakob sind alle von ihnen dünn wie Papier und auf diesem Papier steht das Wort Klischee, ob es sich bei der jeweiligen Figur nun um einen versoffenen Obdachlosen, einen soziopathischen Jahrmarktchef, einen verschüchterten Asiaten oder ein sexy Naivchen handelt.

Was mir im Folgenden unangenehm auffällt, ist Anita Augustins Umgang mit Intersexualität. Mit diesem Punkt nehme ich der Handlung zwar die Spannung, doch muss ich sagen, dass eine Spannung, die auf dem Rücken einer Gruppe Menschen aufgebaut ist, die besseres verdient haben, als zu einem billigen Schockeffekt in einem Unterhaltungsroman degradiert, ja quasi entmenschlicht zu werden, es meiner Meinung nach nicht wert ist aufrecht erhalten zu werden. Die Autorin nutzt Jakobs Intersexualität als schmutziges Geheimnis, als einen Grund warum die Hauptfigur als Freak von einem Vergnügungspark angeworben wird und im Laufe des Romans durchdreht. Dem Fühlen und Erleben von Geschlechtsidentität und der eventuellen Inkongruenz von Jakobs äußeren und inneren Welten wird nur wenig Raum gegeben. Stattdessen wird der Körper der Hauptfigur für eine geschmacklose Sexszene missbraucht. Als Feministin kann ich nicht anders, als mich darüber aufzuregen mit welcher Naivität, die man auch als Respektlosigkeit auslegen könnte, die Autorin hier das Thema Intersexualität ausschlachtet.

Insgesamt bin ich von „Alles Amok“ nicht unbedingt enttäuscht, da ich aufgrund des sparsamen Klappentextes nicht wirklich wusste, was mich zwischen den Seiten erwarten würde. Das Buch hat mich letztlich aber auch nicht positiv überraschen können. Denn das einzige was ich darin gefunden habe, waren eine windschiefe Erzählstruktur, eindimensionale Figuren und ein im besten Fall vollkommen unbedarfter, im schlimmsten Fall sogar respektloser Umgang mit gesellschaftlichen, feministischen und LGBTQI Themen. Selbst das Ende ließ mich als literarisch eher hartgesottene Leserin im Stich, Mord und Totschlag, eine orwellsche Alptraumvision und dann verläuft doch alles im Sand, die Figuren geben einfach auf – die, die noch am Leben sind zumindest – und kehren zum Alltag zurück, als hätte Anita Augustin ihr Ende nicht ausreichend durchdacht, um es bis zur letzten Seite durchziehen zu können.

Alles Amok – Anita Augustin – ISBN 978.3.548.28783.6

Für Leserinnen, die…

  • …sich nicht daran stören, wenn anderen Menschen auf die Zehen getreten wird.
  • …kuriose Ideen einer nachvollziehbaren Handlung und Figurenzeichnung vorziehen.
  • …zwar schockiert werden wollen, aber nicht allzu sehr.

Am besten kombiniert mit…

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